Dispositiv @ Berlinale: Filme als Erfahrung

10 Tage, 40 Filme, 9 Kinos, etliche Bahnfahrten und viel zu wenig Schlaf. Das war meine Berlinale 2018 in einigen kurzen Worten zusammengefasst. Inzwischen sind einige Tage vergangen und von den 40 Filmen kann ich mir schon jetzt definitiv nicht mehr jeden einzelnen in Erinnerung rufen. Dazu waren unter ihnen zu viele Filme, die keinen bleibenden Eindruck hinterließen. Vielleicht ist das aber auch ein Symptom der filmischen Dauerbeschallung. Glücklicherweise gab es aber natürlich auch Filme, die aus der Masse hervorgestochen sind. Filme, die mich zum Nachdenken angeregt haben, oder mir Konzepte zeigten, die ich so noch nicht gesehen habe (was nicht heißt, dass es sie nicht schon vorher gab). Um diese Filme soll es in diesem Artikel gehen.

Profile

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“Dieser Film wurde für die große Leinwand gemacht” ist ein Satz, den man schon oft gehört hat. “Bei dem Film kann man auch getrost auf dem home release warten” ebenfalls. Aber gibt es auch Filme, die davon profitieren, wenn man sie auf einem kleinen Bildschirm anschaut? Vielleicht nicht mal auf einem Fernseher, sondern auf einem Laptop? Profile bewegt mich dazu, diese Frage zumindest vorsichtig zu bejahen. Timur Bekmambetovs Thriller handelt von einer jungen Journalistin, die Kontakt zu einem Mittelsmann des Islamischen Staats aufnimmt, um undercover über das Rekrutierungsverfahren berichten zu können. Die Besonderheit: Der gesamte Film spielt sich ausschließlich auf ihrem Desktop ab. Zwar wirkt die Handlung, trotz des angepriesenen Bezugs auf wahre Begebenheiten, an manchen Stellen stark konstruiert, jedoch lässt mich die Form des Films großzügig darüber hinwegsehen. Natürlich kann ich nicht beurteilen, ob man den Film auf einem kleinen Bildschirm besser genießen kann, da ich ihn bisher nur im Kino gesehen habe, aber das Interface eines Macs und Skype in einer solchen Dimension zu sehen wirkte auf mich stets ein wenig befremdlich.

I Had Nowhere To Go

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Dieser Film zeigt dem Betrachter zu geschätzt mindestens 90% seiner Laufzeit ein Schwarzbild, während ein Sprecher aus dem Off von seinen Erfahrungen im Krieg erzählt. In einer Kurzkritik schrieb ich “Ein Film, der auch ein Hörbuch hätte sein können.“ Diese Meinung vertrete ich nach einiger Gedenkzeit nicht mehr. So zeigte er mir unter anderem eine mir neue Form des Jumpscares. Während der gewöhnliche Jumpscare durch einen unerwarteten Ton hervorgerufen wird, hat mich dieser Film unter anderem einfach nur mit der Farbe Rot erschreckt. Durch die häufige Abwesenheit eines Bildes hat man als Zuschauer keinerlei Hinweise darauf, was als nächstes passieren könnte. Da während des Films vermehrt Bombeneinschläge zu hören sind und der Film des Öfteren mit längeren Pausen spielt stellt sich schnell eine gewisse Paranoia ein. Man sitzt in nahezu völliger dunkelheit und wartet angespannt auf den nächsten Angriff auf die eigenen Ohren. Dies wirkte auf mich deutlich immersiver als jeder Kriegsfilm, den ich bisher gesehen habe. Leider ist der Film abseits dieser interessanten und neuartigen Erfahrungen nicht wirklich empfehlenswert. Der Regisseur Douglas Gordon gab während des anschließenden Q&A’s selbst zu, dass er während der Erzählungen von Jonas Mekas oft eingeschlafen ist. Vielen Menschen im Kino ging es definitiv ähnlich.

Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot

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Ist ein Film, der versucht seine Betrachter zu langweilen, gut, oder schlecht, wenn ihm dies gelingt? Wäre der Film konstant langweilig, so würde ich ihn auch als genau das bezeichnen. Doch hier liegt das Problem: Mein Bruder Robert… baut über zwei scheinbar nie enden wollende Stunden durch mehr, oder weniger tiefgründige Gespräche zwischen einem Geschwisterpaar und einigen Interaktionen mit einem Tankwart nichts, außer gähnende Langeweile, auf, nur um dann in einer weiteren Stunde komplett zu eskalieren. Dieser Bruch wäre ohne die vorherige Öde so nicht möglich. Aber gefällt mir nun effektiv ⅓ des Films, oder gefällt mir der Film als Gesamtwerk? Ich bin mir bis heute nicht sicher.

Hojoom

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Hojoom ist ein iranischer Film von 102 Minuten Länge, der in einem Take gedreht wurde. Das ist zwar bewundernswert, jedoch schon lange kein Alleinstellungsmerkmal mehr. Was ihn jedoch von allen anderen Filmen dieser Art unterscheidet ist, dass er innerhalb dieses einen Takes auf der Zeitachse hin und herspringt, da es um die Rekonstruierung eines Mordfalls geht. Somit wird die durch die Machart scheinbar vorgegebene Struktur aufgebrochen. Wie man sich sicherlich vorstellen kann wird dies mit der Zeit ein wenig unübersichtlich. Die komplette Handlung habe ich bestimmt nicht verstanden, aber ich würde mir den Film sehr gerne erneut anschauen, um dies zu ändern.

Diese Auswahl an Filmen zeigt vor allen Dingen eins: Nicht jeder Film mit einem interessanten Konzept muss gut sein. Umgekehrt lässt sich aber auch sagen, dass nicht jeder Film ohne interessantes Konzept schlecht sein muss. Black 47 ist beispielsweise wohl einer der generischten Rachefilme, die ich bisher gesehen habe und trotzdem würde ich ihn jederzeit einer weiteren Sichtung von I Had Nowhere To Go vorziehen. Die Erfahrung I Had Nowhere To go gesehen zu haben, würde ich aber trotzdem nicht missen wollen. Falls ihr euch auch mal auf ein Filmfestival verirren solltet, so kann ich euch somit nur raten auf jeden Fall neugierig und offen für neues zu sein.

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