Stories from Warcraft – 24 Stunden in Azeroth

29. August 2016, nur noch wenige Stunden bis zum Startschuss von Legion, dem neuen Warcraft Addon. Patrick und ich haben uns für eine LAN-Party bei Lucas eingebunkert und dort alles aufgebaut. Es wurde viel eingekauft. Energy Drinks, Sandwiches, Tiefkühlpizzen, Ramen, Süßkram, Wein (don’t judge): alles, was man halt so braucht, um mehrere Tage zu überleben. In der letzten Stunde, bis die Server der Erweiterung online gingen, standen wir also in Sturmwind rum, der Hauptstadt der Allianz, kauften noch wichtige Items ein und unterhielten uns im Chat mit den anderen Verrückten, die genauso sehnsüchtig wie wir darauf warteten, dass die Uhr endlich Mitternacht schlägt. Lucas, als Schamane, Patrick als Magier und ich als Druide haben alle Schadensklassen gespielt. Im Endgame wollte ich allerdings zum Heiler wechseln, aber zum Leveln war dieser ungeeignet. Unser gemeinsames Ziel: Innerhalb der ersten 24 Stunden auf das maximale Level von 110 zu kommen.


(Quelle)

Die Sichel aus Karazhan

Und dann fing es an, 0:01 Uhr, eine neue Quest erschien weltweit auf den Bildschirmen mit den Worten “Helden der Allianz”. Ein Klick und ein kurzes Tutorial später war die brennendste Frage: “Jungs, wo fangen wir an zu Questen?”.
Doch davor fehlte uns noch unsere Artefaktwaffe, eins der Kern-Features der Erweiterung. Eine Waffe, die für jede Klasse, für jede Spezialisierung einzigartig war. Den Weg dorthin musste allerdings jeder für sich selbst beschreiten. Und so machte ich mich auf zur Todesschlucht, nach Karazhan, in der eine Gruppe Artefaktjäger meine Waffe, die Sichel von Elune, an sich gebracht hatte. Nach einem erbitterten Kampf gegen die Schergen der Artefaktjäger, die deutlich stärker waren als ich befürchtet hatte, führte mein Weg tiefer in die Katakomben von Karazhan. In der letzten Kammer fand ich dann den Anführer der Gruppe, der eine Sichel in der Hand hielt. Meine Sichel. Nach einem erbitterten Kampf und dem Tode nahe, gelang es mir schließlich, die legendäre Waffe mein Eigen zu nennen. Die Cutscene danach, in der mein Charakter triumphierend die Sichel hochhielt, hinterließ ein fettes Grinsen in meinem Gesicht und ungebändigte Vorfreude in meinem Herzen. Ich wusste, dass ich jetzt endlich bereit war, mich den Gefahren der Verheerten Inseln zu stellen.


(Quelle: Autor)

Auf, auf nach Sturmheim!

Nachdem auch Patrick und Lucas ihre Waffe hatten, ging es direkt los nach Sturmheim, das mich mit seinem Flair aus nordischer Mythologie, Bergen und weitläufigen Wiesen total in der Welt versinken ließ. Also hangelten wir uns von einer Quest zur nächsten, immer hoch fokussiert und mit dem Ziel, die Aufgaben schnellstmöglich abzuschließen. Da ich in meiner Rolle als Schadensklasse noch nicht so geübt war und deswegen regelmäßig ins virtuelle Gras biss, durfte ich mir beim Spielen regelmäßig aufmunternde Motivationssprüche meiner Freunde anhören, wie “Wo ist Ozan eigentlich schon wieder? Der ist bestimmt wieder tot der Noob”. Was wäre WoW nur ohne Freunde.


(Quelle: Autor)

Wie eingangs erwähnt hatte jede Klasse verschiedene Spezialisierungen, und da ich im Endgame einen Heiler spielen wollte, brauchte ich noch die dazugehörige Waffe. Patrick wollte sich ebenfalls die Waffen für seine anderen Spezialisierungen holen. So kam es, dass wir alle aufgrund dessen den restlichen Weg zum maximalen Level alleine bestreiten mussten. “Hey, ich mach dann schon mal ohne euch weiter, wir treffen uns dann auf 110”, forderte Lucas mit einem leicht arroganten Lächeln und einem verhönendem Zwinkern, als er sich zu mir umdrehte.

Ca. 15 Uhr. Damit ich im Endgame schon Übung in meiner neuen Rolle habe und nicht auf die “Motivationssprüche” meiner Freunde angewiesen war, nahm ich mir lieber jetzt die Zeit, um mit meiner neuen Waffen in meine Heilerrolle einzutauchen. Also habe ich erstmal zwei, drei Dungeons mit einer Gruppe von Personen bewältigt die ich nicht einmal kannte.  Das war für mich aus drei Gründen komisch. Erstens musste ich mich noch an die neue Spielweise gewöhnen. Zweitens hatte ich noch mehr Druck als ohnehin schon, weil die fremden Leute das nicht wussten. Drittens sprachen mir diese Menschen (im Gegensatz zu meinen zwei Freunden) auch tatsächlichen Dank dafür aus, dass ich die Gesundheit der Gruppe oben hielt: „Guter Job, Dudu”.


(Quelle: Autor)

Der Kampf gegen die Müdigkeit

17:14 Uhr. Diese Uhrzeit blieb mir im Gedächtnis, da ich dort das erste mal merkte, wie die Müdigkeit sich anbahnte und Patrick, der mir gegenüber saß, mich leicht besorgt fragte: “Alles okay bei dir? Du siehst bisschen fertig aus”. Nach 17 Stunden ununterbrochenen Spielens war das zwar keine Überraschung, aber langsam wurde es schwierig. Mit der Müdigkeit kam die Demotivation. Wie viel einfacher wäre es gewesen, ins Bett zu fallen und die restlichen drei Level am nächsten Tag nachzuholen. Aber es ging schlicht nicht. Wenn Lucas und Patrick weiter machen konnten, dann konnte ich das auch. Patrick war schon auf Level 108 und Lucas schien sich besonders wichtig zu fühlen: “Grad 109 erreicht. Macht mal hin ihr Schnecken, will nicht auf euch warten”. Die Provokation traf voll ins Schwarze. Obwohl ich immer müder wurde, musste ich – nein – wollte ich weiter machen!

Es war zwischen 19 und 20 Uhr, als Lucas “Jawoll, endlich auf Max Level” brüllte. In diesem Moment loderte das Feuer in mir erneut auf. Die Hände wurden gedehnt, die Finger durchgeknackst, während ich mit der linken Hand die Maus fester griff und der Blick fokussierter wurde.

Dann geschah es. Als Patrick kurz vor 21 Uhr auch sein Maximal Level erreichte, eskalierte mein Feuer zu einem Waldbrand. Ich konnte doch nicht der Einzige sein, der es in den ersten 24 Stunden nicht auf das Maximal Level schafft.


(Quelle)

23 Uhr. Nur noch ein einziges Level, aber auch nur noch eine einzige Stunde bis zum Ende der selbst gesetzten Deadline entfernt. Mein Herz schlug schneller, die Nervosität stieg und das Trollen meiner Mitspieler gab mir den letzten Kick. “Du Plepp schaffst das doch eh nicht.” “Ist Ozan immer noch tot?” “Was heißt immer noch, schon wieder”. Dabei stand ich vor einem letzten, großen Problem: es gab keine Quests mehr, alle Hauptaufgaben der Gebiete hatte ich schon abgegrast. Nebenaufgaben gab es zwar auch, doch die hätte ich erstmal finden müssen – absolut aussichtslos vor Mitternacht. Und nun? In meinem Delirium erkannte ich nicht die offensichtliche Lösung, bis einer meiner Jungs beiläufig anmerkte “Mach doch einfach die Bonusziele, solltest doch noch welche haben”. Es traf mich wie ein Blitz. Ich war so in der Spielwelt gefangen, dass ich gar nicht darauf gekommen war, Zusatzquests ohne Story anzugehen. Sofort machte ich mich auf, ohne weiter Zeit zu vergeuden.

Endspurt auf der Zielgeraden

Eine halbe Stunde noch, und nur noch ein Viertel der Erfahrungsleiste, bis ich am Ziel war. Level 110 war zum Greifen nahe, ich wusste, ich würde es schaffen! Oder anders formuliert: Wäre ich ein egoistischer Druide geblieben, hätte ich es bestimmt schaffen können. Zum Verhängnis wurde mir dann aber meine eigene Empathie. Lucas und Patrick, meine Leidens- und Weggenossen, brauchten einen Heiler, ohne den sie es nicht weiter geschafft hätten. “Komm schon, das geht schnell”, haben sie gesagt. “Du kriegst davon doch auch Erfahrungspunkte”, haben sie gesagt. Und Recht hatten Sie. Durch unseren gemeinsamen Kampf erreichte ich endlich das Maximal Level…nach 0 Uhr.

Und wie haben sie es mir gedankt? Ein eigens für mich geschnitzter Thron, eine Kranz aus Blattgold, wenigstens ein verschwitzter Klopfer auf die Schulter? Fehlanzeige, stattdessen darf ich mich von den zwei Fischen bis heute dafür knechten lassen, dass ich es als Einziger nicht rechtzeitig geschafft hatte.

Und die Moral der Geschichte? 
 Als Druid kurz vor dem Tod
 Fast am Ziel und selbst in Not
 Wenn andre wollen dein Geschick
 Sei ein Arsch, helf Ihnen nicht.