Theaterfestival Theaterformen 2014

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 Festivalzentrum Gartenhaus Haeckel, Foto: Andreas Etter

Was begeistert einen Theaterfreund mehr als neuartige Darstellungsformen und interessante sowie aufwühlende Geschichten? Richtig: neuartige Darstellungsformen, interessante sowie aufwühlende Geschichten und ein internationales Umfeld! Als eines der größten Festivals für internationales Theater lässt sich all das bei den Theaterformen finden. Finanziert vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur, finden die Theaterformen jedes Jahr abwechselnd in Hannover und Braunschweig statt. Im Folgenden möchte ich einige Eindrücke von den 15. Theaterformen präsentieren, welche vom 11. bis 22. Juni 2014 internationale Bühnenkunst aus fünf Kontinenten nach Braunschweig brachten.

 Macbeth von Brett Bailey, Foto: Nicky Newman

Den Auftakt machte MACBETH des Südafrikaners Brett Bailey. Schon der Untertitel des Stückes „Postkoloniales Musiktheater frei nach Verdi“ lässt erahnen um was es geht: Bailey verlegt das alte Adelsdrama in den Osten der heutigen Demokratischen Republik Kongo. Untermalt von Klängen einer zugeschnittenen Version von Giuseppe Verdis gleichnamigen Oper, zeigen die südafrikanischen Sänger und Darsteller einen nicht endenden Konflikt um Gold, Rohstoffe und Machtbesessenheit. Bereits 2010 begeisterte Bailey mit Exhibit A und stellte eindrucksvoll die Folgen des Kolonialismus für das heutige Namibia dar. MACBETH war dagegen in den theatralischen Ausdrucksformen noch härter: Bilder von Verstümmelten und Väter, die schweigend die Kleidung ihrer getöteten Kinder zusammenlegen, ließen die Musik von Fabrizio Cassol fast verstummen. Aufgelöst durch eine kluge Rahmenhandlung konnte man dann aber doch den Künstlern für eine grandiose Eröffnung applaudieren.

 Kiste im Koffer, Foto: Aki Tanaka

Einen ganz anderen Einschlag hatte Kiste im Koffer, eine japanische Produktion von Kuro Tanino, der längere Zeit als Psychoanalytiker tätig war. Der 28-jährige Gymnasiast Kenji sitzt in seinem Zimmer und versucht eine Aufgabe seines Vaters zu lösen. Als dieser nach Hause kommt, maßregelt er seinen Sohn, der immer noch keine Lösung gefunden hat. Kenji flüchtet sich in den Wandschrank und gelangt in seine eigene Traumwelt. Bereits das erste Szenenbild der Traumwelt zeigt die Konstante in Kenjis wirren Gedanken: zwei Phallussymbole, hier in Form von zwei Baumstämmen. Unterstützt wird Kenjis Reise durch eine außergewöhnliche würfelförmige Bühnenkonstruktion, die sich beim Voranschreiten immer wieder mitdreht. In seinem Traum, der durch ein üppiges und detailreiches Bühnenbild unterlegt wird, trifft der Protagonist auf der Suche nach sich selbst unter anderem auf eine klavierspielende Kuh, ein Schaf und ein Schwein, welche sich von dem Saft aus den Baumstämmen ernähren (der Interpretation sind an dieser Stelle keine Grenzen gesetzt…) sowie schlussendlich auf seinen Vater. Dabei löst Tanino beim Zuschauer stets ein leichtes Unbehagen durch ein Übermaß an Phallussymbolik aus. Am Ende bleibt offen, ob sich Kenji „bloß“ zu seinem Vater sexuell hingezogen fühlt oder ob er in seiner Kindheit von ihm missbraucht worden ist. So oder so ein künstlerisch schönes und nachdenkliches Stück, welches auf den ersten Blick wie ein Albtraum erscheint.

Neben den großen „Bühnenproduktionen“ gab es auch zwei kleine Projekte, die als Installation geplant wurden. Mein angstfreier Raum von Caroline Fries und Alexander Maximilian Giesche (Deutschland) führte durch die hinteren Räume des Staatstheaters Braunschweig; die Räume, die man als Zuschauer kaum zu Gesicht bekommt. Immer begleitet von einer ruhigen Stimme aus den Kopfhörern, öffnet man wieder und wieder neue Türen ohne zu wissen, was sich dahinter verbirgt. Dabei entsteht eine unglaublich packende Spannung mit einem noch schöneren Ende – ein Blick auf ein Meer von an der Decke hängenden Plastikhaien, begleitet von entspannender Musik, zeigt einem, dass man nicht immer vor allem Angst haben braucht.

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B von Trickster-p, Foto: Studio CCRZ

B von Trickster-p (Schweiz) gibt einem zu Beginn erneut Kopfhörer an die Hand. Auch dieses Mal wieder eine angenehme Stimme, welche einem Auszüge aus dem Märchen Schneewittchen erzählt. Währenddessen wechselt man zwischen kleinen Pappquadraten, die allesamt einfach aber ausdrucksstark – passend zur Erzählung – gestaltet sind. Ein märchenhaftes Erlebnis, das man so schnell kein zweites Mal sieht.

Jeder echte Herzschlag von NO99, Foto: Ene-Liis Semper

Jeder echte Herzschlag von der Künstlergruppe NO99 aus Estland ist von den Gedichten des estländischen Dichters Juhan Liiv inspiriert. Dabei geht es aber nicht um die Gedichte oder den Autor selbst, sondern um die Emotionen, die von ihnen ausgelöst werden. Die Künstler stellen sich dabei selbst die Frage: „Was können wir heute noch empfinden?“ Um dies auf der Bühne zu beantworten reiste jeden von ihnen alleine in eine ihm oder ihr unbekannte Region der Welt, um neugewonnene Erfahrungen mit einfließen zu lassen. Herausgekommen ist eine Produktion, die von ihren ungeheuer spielfreudigen Darstellern lebt; die Sprache wird dabei überflüssig, denn Gestik und Mimik sagen über Emotionen mehr als Tausend Worte. Die Rückkehr eines geliebten Menschen, der Abschied von einer langjährigen Bekanntschaft, ein Streit zwischen Paaren, deren Versöhnung, die eigene Heimat oder neue Herausforderungen, die man sich selbst stellt: das sind einige der Antworten auf die gestellte Frage. Ein Theaterstück, das während der Vorstellung Emotionen jeder Art auslöst und danach eindrucksvoll in Erinnerung bleibt.

Please, continue (Hamlet) in Braunschweig, Foto: Andreas Etter

Eine Auffälligkeit in diesem Jahr war wohl ein „juristisch-künstlerischer“ Einschlag. So gab es gleich zwei Stücke, die mich als Rechtswissenschaftler sofort angesprochen haben. Zum einen entwirft Some Use for your broken Clay Pots ein alternatives Verfassungsmodell, welches auf dem alt-griechischen Scherbengericht aufbaut. Zum anderen wird bei Please, Continue (Hamlet) ein fiktiver Mordfall vor ausgebildeten Richtern und Anwälten geführt, die in dem jeweiligen Aufführungsort tätig sind. Dabei versuchen die Darsteller Parallelen zwischen künstlerischen Darstellungsformen und den Ereignissen in einem Gerichtsprozess aufzuzeigen. Am Ende steht jedes Mal ein anderes Urteil. Leider konnte ich diese beiden Stücke sowie eine Hand voll anderer Stücke nicht sehen. Die Presse und die Theaterbesucher waren jedoch begeistert.

Swamp Club von Philippe Quesne, Foto: Martin Argyroglo

Den Abschluss des Festivals machte die französische Produktion Swamp Club des Vivarium Studios unter der Führung von Philippe Quesne. Der Bühnenbildner und Regisseur Quesne leitet seit Januar 2014 das Théâtre de Nanterre bei Paris, eines der größten und renommiertesten französischen Theaterhäuser und ist in der internationalen Theaterszene kaum mehr hinweg zu denken. In Swamp Club entwirft er eine idyllische Künstlerutopie außerhalb der Stadt, fernab von jeglicher Hektik und Störung. So treffen sich die verschiedenen Künstler im Sumpf, um ihrer eignen Arbeit nachzugehen. Es wird der normale Tagesablauf dargestellt, der auch immer wieder in verschiedenen Sprachen auf der Bühne abgebildet wird. Unter anderem werden neue Künstler begrüßt und es wird ihnen das Gelände gezeigt. Das ganze gleicht dem Paradies: so hat der Swamp Club seine eigene Goldmine und die Neuankömmlinge dürfen gleich ihren ersten riesigen Klumpen Gold behalten. Der Frieden wird allerdings durch das Auftauchen des Maulwurfs gestört, der kommende Gefahren für den Club signalisiert. Deshalb wird der Maulwurf erst einmal aufgepäppelt und danach Abwehrmaßnahmen ergriffen. Es folgen irrwitzige Szenen, eine verrückter als die andere: Pflanzen werden in das Clubhaus getragen, Robin Hood taucht zur Hilfe auf, Sprengladungen werden ausgetestet. Danach warten alle Künstler die Gefahr in ihrer Höhle ab. Ein Stück, das zeigt, dass kein Paradies von Dauer ist, man aber auch in kritischen Situationen die Ruhe behalten kann; tobender Applaus lässt das letzte Stück der Theaterformen damit ausklingen.

Abgerundet wurde das gesamte Theaterfestival von einem stimmigen Rahmenprogramm. Von verschiedenen Austellungen, über Konzerte am Abend hin zu Fußballübertragungen der Weltmeisterschaft 2014, blieben keine Wünsche offen. Die Theaterformen 2014 bleiben mir insgesamt durch ein abwechslungsreichen Aufgebot an Inzenierungen, darstellungsfreudige Schauspieler sowie ein internationales Umfeld in sehr guter Erinnerung. Ich hoffe, dass ich Neugier und Interesse bei allen Theaterfreunden geweckt habe, denn vom 3. bis 15. Juli finden die Theaterformen 2015 in Hannover statt.

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