© Amelie Kreutzer

Auf der Suche nach der Antwort: Was macht einen guten Film aus?

Fünf Studierende aus Bayreuth machten sich auf eine Mission: herauszufinden, was einen Film wirklich gut und vielleicht sogar ausstellungswürdig macht. Dafür ging es von Bayreuth nach Berlin, sieben Tage lang, 32 Kurz- und Langfilme, von 7:30 Uhr Ticketkampf über Sprinttouren zwischen den Kinos bis zur nächtlichen Fast-Food-Reflexion im Hotelzimmer nach dem letzten Screening.

Aber was ist am Ende hängen geblieben?

Der Eröffnungsfilm: No Good Men

Meine Erwartungen waren zunächst niedrig. Die Beschreibung klang nach einem klassischen “Not-all-men”-Film, einem Film, der zeigen will, dass es auch „gute Männer“ gibt. Ein Ansatz, der oft vorhersehbar und etwas platt wirkt. Doch ich wurde positiv überrascht.

Der Film schafft es, eine erstaunlich feine Balance zwischen Humor und Ernsthaftigkeit zu halten. Die Lachmomente sind nicht aufgesetzt, sondern ergeben sich organisch aus den Situationen, in denen die Figuren sich bewegen. Gleichzeitig bleibt der Film klar in seiner Haltung: Er zeigt das Leben afghanischer Frauen im Jahr 2021, ihre Hoffnungen, Ängste und ihren Alltag im Machtvakuum nach dem erneuten Erstarken der Taliban

Die Liebesgeschichte zwischen Naru, der einzigen Kamerafrau, und Qodrat, dem wichtigsten Journalisten von Kabul TV, ist stellenweise etwas nervig, weil man schnell spürt, wohin die Reise geht. Doch obwohl er im Film als „guter Mann“ dargestellt wird und das in Teilen auch ist, vernachlässigt er gleichzeitig seine Ehefrau und sein Kind, was dieses Bild bricht und die Geschichte komplexer macht. Wenn man von der bisschen nervenden Lovestory absieht, ist es aber trotzdem ein emotional mitreißender, überraschend guter Film. Er hält eine gute Balance zwischen politischer Realität und persönlicher Erzählung

Damit haben wir das erste Merkmal eines wirklich guten Films gefunden: Aktualität und politische Relevanz. Ein Film soll nicht nur unterhalten, er soll etwas zeigen, das jetzt wichtig ist.

Ein Erlebnis: Die Premiere von The Moment

Die Erfahrung selbst war am Ende prägender als der Film. Das soll The Moment keineswegs schmälern. Er war leicht, unterhaltsam und angenehm anzusehen. Aber manchmal ist es nicht der Inhalt auf der Leinwand, der einen Abend außergewöhnlich macht, sondern alles, was drum herum passiert. Die Atmosphäre, das Publikum, die Menschen, die zufällig denselben Raum betreten wie man selbst. Dieser Abend war genau so einer.

Charli XCX lief direkt an mir vorbei, geradewegs nach vorn zur Bühne. Nicht irgendwo weit entfernt, nicht auf einer Leinwand, sondern eine Armlänge von mir entfernt. Und später, in der Toilettenschlange, schenkte mir Kayla Shyx ein Lächeln. Ein leiser, unkontrollierbarer Fangirl-Moment.
Absurd, aber wahr:  Solche flüchtigen Begegnungen brennen sich tiefer ein als jede filmische Pointe. In all den Erlebnissen rückte der Film unweigerlich in den Hintergrund. Man sah ihn, klar. Man fand ihn gut. Aber emotional blieb vor allem dieses Gefühl hängen, Teil eines besonderen Moments zu sein, den man nicht planen oder reproduzieren kann.
Manchmal macht nicht nur die Handlung einen Film besonders, sondern die Energie im Raum, das Live-Erlebnis, die Menschen um einen herum. Das Festivalgefühl kann zu einem Verstärker werden. Oder, wie in diesem Fall, selbst zum eigentlichen Ereignis.

Die Blutgräfin

In der Pressevorstellung wirkte dieser Film wie der heimliche Verlierer der Berlinale. Anfangs war der Saal voll, doch spätestens zur Hälfte waren wir fast allein in unserer Reihe. Warum?

Unsere eigene Enttäuschung begann schon beim falschen Erwartungsmanagement.
Wir gingen von einem lesbischen Vampirfilm aus, schließlich war der Film als queer getaggt. Letztlich gab es aber nicht mehr als ein bisschen Augenkontakt, weniger als im Film Daughters of Darkness von 1971, der auf derselben Vorlage beruht.

Doch daran lag die Reaktion des Publikums vermutlich nicht.

Der Film war absurd überzeichnet: Wiener Dialekt, schlechte Wortspiele, stilisierte Übertreibung. Er war klar für ein bestimmtes Nischenpublikum gemacht. Meins war es nicht, spätestens bei der schlecht animierten CGI-Fledermaus war ich raus. Gleichzeitig nahm sich der Film ernst und nicht ernst zugleich, was zu einer irritierenden Ambivalenz führte, in der plötzlich Conchita Wurst auftauchte und sang. Und ehrlich: Für mich hat das den Film besser gemacht.

Ein wichtiges Merkmal eines guten Films, das wir hier gefunden haben, ist, dass er die Erwartungen erfüllt, die er selbst im Publikum aufbaut. Wenn der Film bereits der Einstieg gewisse Versprechen macht, bestimmte Stimmungen, Themen oder Genres andeutet und der Film diese im weiteren Verlauf nicht einlöst, entsteht eine Enttäuschung, die nichts mit inhaltlicher Kritik zu tun hat, sondern mit einem unausgesprochenen Vertrag zwischen Film und Zuschauer*innen. Und genau dieser Vertrag wurde hier nicht eingehalten.

Persönliches Lowlight: Crocodile

Eventuell hatten wir nur den Infotext falsch gelesen. Wir gingen mit der Erwartung in den Saal, ein liebevoll handgemachtes Sci‑Fi-Spektakel zu sehen. Schräge Effekte, DIY‑Charme, ein bisschen Trash, aber eben mit Herz. Stattdessen saßen wir in einer 1 Stunde und 40 Minuten langen Dokumentation über Menschen, die solche Filme machen. Ein Thema, das spannend hätte sein können, das sich aber über die gesamte Laufzeit hinweg erstaunlich zäh anfühlte. Viele Szenen wirkten wiederholend, manche Passagen beinahe endlos, und der Film schaffte es kaum, eine echte Dramaturgie zu entwickeln. Es fühlte sich an, als schaue man einer Begeisterung zu, die nicht überspringen will.

Dispositiv-Autor Christopher Dörr, den wir zufällig auf der Berlinale getroffen haben, fasste diesen Eindruck in seiner Letterboxd-Review treffend zusammen. Er beschreibt das zentrale Problem des Films so:

„Ein bisschen merkwürdig fühlt es sich schon an, einen Film über eine nigerianische Filmcrew zu sehen, deren eigene Werke vermutlich nicht ins Festivalprogramm aufgenommen worden wären. Stattdessen schreibt man sich als Institution durch das Zeigen der Dokumentation in die Erfolgsgeschichte der Gruppe ein — ohne ihren tatsächlichen Filmen Raum zu geben. Spannend war einzig der Moment, in dem das Kollektiv darüber diskutierte, was einen afrikanischen Film ausmacht. Und ein kleines Mädchen, das auf ein pinkes Laserschwert bestand und Cinderella mit schwarzer Protagonistin verfilmen wollte — darin lag das eigentliche Potenzial.“

Und genau hier liegt das Problem: Der Film erzählt ausgerechnet an den spannendsten Themen vorbei. Statt die nigerianischen Fanfilme selbst in den Mittelpunkt zu stellen, konzentriert er sich auf eine dokumentarische Metaebene, die nicht so richtig zündet. Er zeigt die Menschen, aber nicht ihr Werk. Er deutet Themen an, die er dann doch nicht vertieft. Und er verliert sich in Beobachtungen, die zwar nett, aber selten wirklich aufschlussreich sind.

Der Film verfehlt ein Merkmal eines guten Films: Er sollte das zeigen, worum es wirklich geht und nicht an seinem eigenen Kern vorbeierzählen. Es entsteht ein Gefühl des Verfehlten. Man schaut zu und merkt: Das, worum es eigentlich gehen müsste, liegt nur am Rand, wird angerissen, aber nie wirklich entfaltet. Ein guter Film hingegen erkennt sein eigenes Thema, nimmt es ernst und schenkt ihm den Raum, den es verdient.

Persönliches Highlight: Chicas tristes

Humorvoll und ernst zugleich, genau in dieser Mischung entfaltet der Film seine Wirkung. Immer wieder hatte ich das Gefühl, mein 16‑jähriges Ich direkt auf der Leinwand zu sehen und das in einer wunderschönen Bildsprache.

Besonders berührt hat mich die außergewöhnlich authentische Darstellung von Mädchenfreundschaften. Keine künstlichen Konflikte, keine dramatischen Überspitzungen, sondern echte Nähe, echte Verletzlichkeit, echtes Chaos. Die Figuren waren so relatable, wie ich es im Kino nur selten erlebe. Sie waren nicht idealisiert, nicht stylisiert, sondern lebendige Abbildungen einer Generation, in der Humor oft die Schutzschicht ist, unter der sich Angst und Zärtlichkeit verstecken.

Auch der Einsatz moderner Technik, insbesondere von KI, war erfrischend realistisch. Kein futuristisches Überdramatisieren, kein technischer Hokuspokus, sondern so, wie junge Menschen KI tatsächlich in ihren Alltag integrieren: beiläufig, selbstverständlich, fast nebenbei. Etwas, das vielen Filmen nicht gelingt.

All diese Leichtigkeit wird schließlich eingerahmt von einem ernsten Kern: dem Thema eines sexuellen Übergriffs. Die Art, wie der Film dieses Thema behandelt zeigt eine Sensibilität, die man nicht oft findet. Der Humor fällt nicht gegen das Schwere ab, sondern steht bewusst daneben, als Teil einer Realität, die komplexer ist als eine einzelne Tonlage.

Und genau hier wird klar, worum es in diesem Film, und für uns in unserer Berlinale‑Mission, letztlich geht: Das wichtigste Merkmal eines wirklich guten Films ist der persönliche Bezug. Wenn ein Film dich nicht nur unterhält, sondern dir etwas von dir selbst zurückgibt.

© Amelie Kreutzer

Mit all diesen Filmen und noch mehr im Kopf sind wir nach sieben Tagen Berlinale, unzähligen Kinosesseln, noch mehr Kaffee und sehr wenig Schlaf nach Hause gefahren. Die Antwort auf die Frage, was einen guten Film ausmacht, haben wir nicht in einem einzelnen Meisterwerk gefunden, sondern in der Summe unserer Erlebnisse.

Ein guter Film ist selten nur gut, weil er perfekt gemacht ist. Er ist gut, weil er etwas mit uns macht. Manchmal berührt er uns politisch, wie No Good Men, indem er eine Realität zeigt, die nicht ignoriert werden kann. Manchmal entsteht seine Wirkung aus der Atmosphäre, wie bei The Moment, wo Charli XCX, Kayla Shyx und das Festivalgefühl selbst stärker nachhallen als die Handlung. Manchmal scheitert ein Film einfach daran, dass er die Erwartungen nicht erfüllt, die er selbst gesetzt hat, wie bei Die Blutgräfin. Und manchmal verfehlt er sein eigenes Thema so sehr, dass man eher darüber nachdenkt, was hätte sein können, statt über das, was ist, wie Crocodile.
Aber manchmal gelingt einem Film alles auf einmal: Humor und Ernst, Realität und Bildsprache, Nähe und Schmerz. Chicas tristes war für mich genau so ein Film.

Wir haben gelernt: Ein guter Film ist ein Zusammenspiel aus Kontext, Emotion, Erwartungen und Begegnungen. Und manchmal entscheidet nicht nur das, was auf der Leinwand passiert, sondern auch das, was davor und danach geschieht.

Unsere Mission ist damit vielleicht nicht abgeschlossen, aber um eine Erkenntnis reicher: Gute Filme erkennt man daran, dass sie bleiben, als Bild, als Gedanke, als Gefühl.

Und die Berlinale 2026 hat uns einige davon geschenkt.