Nach einem Jahr des Wartens und der verpassten Chance, das Konzert live erleben zu können, bot das Kino-Event ‘Stray Kids: DominATE‘ eine überraschende Alternative. Obwohl ich bereits Ausschnitte der Show aus den sozialen Medien kannte, überzeugte die Inszenierung durch ihre Dynamik und die ungebrochene, hohe Energie, sowohl der Band als auch des Publikums. Besonders beeindruckend war, wie die Atmosphäre im Kino trotz der räumlichen und zeitlichen Distanz zum eigentlichen Konzertgeschehen eine fast greifbare Nähe erzeugte. Die mitgebrachten Lightsticks, die farblich abgestimmte Kleidung der Fans und sogar das gemeinsame Mitsingen und Tanzen gegen Ende des Films machten deutlich, dass das ganze nicht nur typischer Konzert-Dokumentarfilm war, sondern eher an eine wirkliche Konzerterfahrung herankam. Und bis auf ein paar Kleinigkeiten in der Inszenierung hat der Film mir sehr gut gefallen.

Fangen wir an mit der Setlist, die nicht nur eine Zusammenstellung der größten Hits ihrer jüngsten Alben war, sondern auch die künstlerische Entwicklung der Gruppe widerspiegelt. Der Einstieg mit Mountains aus dem Album ATE passend zur Tour war auf jeden Fall eine sehr gute Möglichkeit, Stray-Kids, die für genau jene Energie, treibende Beats und eingängige Refrains stehen, die auch in Mountains zu finden sind, einzuführen.
Besonders gelungen fand ich aber auch die Abwechslung zwischen den High-Energy-Tracks und den fast schon ruhigen und emotionalen Stücken wie die beiden Duette ‘Escape’ und ‘Cinema’. Letzteres, performt von Lee Know und Seungmin, war für mich einer der besten Songs des Abends, nicht nur wegen der emotionalen Leistung, sondern auch wegen der unglaublich schönen Inszenierung.
Aber auch die restlichen Duo-Performances boten faszinierende Einblicke in die individuellen künstlerischen Richtungen der Members. Während ‘Burnin Tires’ von Changbin und I.N. mit einem sehr rockigen Sound überzeugte, setzten Bangchan und Hyunjin mit ‘Escape’ einen eher düsteren und melancholischen Kontrast dazu. Genau diese Vielfalt zeigt aber erst, was Stray Kids ausmacht. Sie sind nicht nur eine Boygroup, sondern eine Gruppe von individuell sehr vielfältig talentierten Members.
Alle drei bis vier Performances gab es auch exklusive Interviews mit den einzelnen Members, was für mich einer der unerwartetsten Aspekte des Films war, da ich einfach nicht damit gerechnet habe. Dabei war besonders auffällig, dass sie überraschend viel preisgeben konnten, trotz der eigentlich strengen Regeln in der Branche, in der normalerweise ein perfekt inszeniertes Image Standard ist. Dadurch wirkten die Mitglieder der Band viel authentischer und reflektierter, besonders da sie auch über Herausforderungen in ihrer Karriere sprachen und offen zugaben, auch an Punkten gestanden zu haben, an denen sie ihren eingeschlagenen Weg in Frage stellten. Gerade diese Offenheit, kombiniert mit ihrer einzigartigen Bühnenpräsenz bei dieser Tour zeigt, wie sehr die Gruppe in den letzten acht Jahren gewachsen ist.
Nach den individuellen Performances der Sub-Units kehrte die Gruppe zur Hauptbühne zurück und präsentierte eine Auswahl ihrer jüngsten Erfolge. Mit Titeln wie ROCK-STAR, GIANT und HOP unterstrichen Stray Kids erneut ihren markanten, von Rap und Rock geprägten Sound. Der Hauptteil des Konzerts gipfelte in MANIAC, ein absoluter Klassiker, der das Publikum im Kino wie im Stadion gleichermaßen zum Mitsingen und Tanzen animierte.
Besonders bemerkenswert waren meiner Meinung nach auch die beiden Encores, die das Konzert noch einmal auf ein neues Level gebracht haben. Der erste Encore überraschte mit einer ungewöhnlichen, aber gelungenen Idee: Statt auf der Hauptbühne zu bleiben, performten die Mitglieder vier Songs auf zwei Wägen, die sie durch die untersten Ränge der Arena führten. Diese Nähe zum Publikum war im Kino fast greifbar und schuf eine Intimität, die sich deutlich von den vorherigen, eher spektakulären und performativen Bühnenauftritten abhob. Eine innovative Lösung, um die Distanz zwischen Künstlern und Fans zu überwinden, ohne die Members jedoch in Gefahr zu bringen.

Zurück auf der Hauptbühne folgte mit ‘Stray Kids’ ein besonders emotionaler Song, der die Geschichte der Gruppe von ihren Anfängen bis heute erzählt. Die Referenz zu ihrem Pre-Debüt-Track ‘Hellevator’ („Stray Kids still gonna rock on the Hellevator“) spannt einen gelungenen Bogen und erinnert daran, wie die Band trotz aller Hindernisse ihren eigenen Weg gegangen ist, auch wenn das Ziel nicht immer in Sicht war („We’re gonna go our way // To places still unknown“).

Vor allem zu Beginn der Gruppe war ihr heutiger Erfolg noch nicht abzuschätzen, was in der K-Pop-Branche durchaus ein Grund für ein verfrühtes Disbandment sein kann, wenn eine Gruppe kein entsprechendes Publikum anspricht. Gerade dieser Aufstieg von einer eher unbekannten Gruppe, die in einer Survival-Show gegründet wurde, zu einer der bekanntesten und beliebtesten K-Pop-Gruppen wird auch in den Lyrics von ‘Stray Kids’ angesprochen, etwa in der Phrase „We made it on our own“.

Sie sind eben nicht, wie viele andere Gruppen, bereits bekannt debütiert, sondern waren in den ersten zwei Jahren ihrer Karriere nur dem interessierten K-Pop-Publikum ein Begriff. Der große internationale Durchbruch kam 2020 mit ihrem Song ‘God’s Menu’, der ihnen vor allem auch internationale Zuhörer verschaffte. Doch trotz ihrer neuen Größe wollen sie sich selbst treu bleiben („We do what we wanna do“), ihre eigene Musik produzieren und sich dabei vor allem auch selbst in ihrer Musik verwirklichen („The message through our music“).

Auch die dunklen Seiten ihrer Karriere werden in diesem Song thematisiert, wobei anzumerken ist, dass dies im Koreanischen, im Gegensatz zu Verse 1, der eher Positives wie ihren Aufstieg und ihre Hoffnungen anspricht, geschieht. Das Ganze wird jedoch nicht nur durch die Sprachbarriere, die vor allem internationale Fans betrifft, verdeckt, sondern auch durch den Einsatz von Metaphern und Symbolen. Es wird also eher indirekt thematisiert, was zur allgemeinen Haltung gegenüber Unannehmlichkeiten in der K-Pop-Branche passt.

So beschreibt der Pre-Chorus die Problematiken in der Anfangszeit, ihre Müdigkeit und das Gefühl, es nicht durch die dunklen Zeiten zu schaffen und aufgeben zu wollen. Dennoch kämpften sie sich letztlich durch die harten Phasen und gingen nicht nur in persönlicher Hinsicht stärker und erfolgreicher daraus hervor, sondern auch als weltbekannte Band. (vgl. „어린 나의 분화구에 터져 나왔던 갈등 // 눈이 감길 때쯤 무너져 내렸던 노력들 // Every part of me, 해내야만 했던 그날들의 힘듦 // 속에서 버텼네 이젠 자랑스러운 그 이름“).

Im anschließenden Refrain zeigen sie sich nicht nur stolz auf ihre bisherigen Erfolge, sondern blicken auch in eine erfolgreiche Zukunft („Stray Kids, run ‘til we’re done“, „There ain’t no last step out, oh, we’ll never stop“, „we head to the top“).

Ihr Fokus liegt jedoch nicht nur auf der Zukunft, denn die Phrase „Stray Kids still gonna rock // On the Hellevator“ referenziert klar auf ihren vorherigen Song ‘Hellevator’, der, passend zum Pre-Chorus, ähnliche Themen wie Selbstfindung, persönliche Probleme und das Gefühl, aufgeben zu müssen, behandelt.

Hier zeigen sie sich jedoch nicht so melancholisch wie damals in „Hellevator“, sondern machen klar, dass sie selbst auf diesem „Aufzug in die Hölle“ immer noch „rocken“ würden. Die Entwicklung ist also deutlich: Aus ihren früheren Unsicherheiten haben sie es geschafft, Stärke zu gewinnen und diese zu überwinden.

Auch in Verse 2 zieht sich ihre Selbstfindung weiter. Nun erinnern sie sich daran, dass all die Berühmtheit und das Geld, das damit einhergeht, gar nicht so wichtig sind, solange sie als Gruppe zusammenbleiben und sich gegenseitig haben. Ihre Gemeinschaft ist für sie das Wichtigste, was man auch am wiederholten Vorkommen des Personalpronomens wir sowie an den Einwürfen „my team“ und „another me“ erkennt. Sie haben also nicht nur sich selbst gefunden, sondern auch zueinander. (“돈과 명예 중 뭘 더 원해 // 솔직히 더 많은 걸 바라고 달렸지 욕심 끝에 남은 건 my team // 그 무엇과도 바꿀 수 없는 가치 another me”).
Auch versprechen sie sich gegenseitig, dass sie ihren eigenen Weg, mag er noch so abseits des Mainstreams sein, gemeinsam beschreiten werden und ihre gemeinsame Zeit, sollte sie irgendwann zu einem Ende kommen, nie vergessen werden („We still astray, we always stay on the Lonely Street // 걸어온 이 길을 we don’t leave, 영원은 없대도 I believe // The time we spent will be remembered forever, ever“). Hier wird auch ein weiterer Song, ‘Lonely St.’, erwähnt. Dieser behandelt, genauso wie die letzten beiden, wieder das Gefühl, verloren zu sein und aufgeben zu wollen aufgrund von Erschöpfung, es aber trotzdem durch diese Zeit zu schaffen und weiterzugehen. Anders als bei ‘Hellevator’ betont dieser Song, wie auch ‘Stray Kids’, dass die Gruppe ihren eigenen Weg finden und diesen auch beschreiten wird, selbst wenn alle ihn als seltsam oder „astray“ ansehen.

Der letzte Pre-Chorus des Songs bringt es noch einmal klar und deutlich auf den Punkt. Stray Kids können stolz darauf sein, was sie erreicht haben, und zweifeln von nun an nicht mehr an ihrem persönlichen Weg, der sie bereits so weit gebracht hat. Sie überwinden alle Hindernisse und kehren auch aus schweren Zeiten stärker zurück („Oh, I won’t let me fall down // So proud of myself, never doubt // Who we are“).
Diese starke Message wird aber nicht nur in den Lyrics vermittelt, auch die musikalische Untermalung unterstützt die zu vermittelnde Stimmung perfekt. ‘Stray Kids’ verbindet nämlich hoffnungsvolle Stimmung und sanfte Vibes mit einem poppigen, leichten Beat, der sowohl die Emotionen transportieren kann als auch, trotz des balladenartigen Stils, die Energie und Dynamik, den Signature-Style der Gruppe, beibehält.

Des Weiteren schaffen neben dem Namen die Phrase „Woah, woah, oh, oh, woah // Woah, woah, oh, oh, woah“ aus dem Pre-Chorus eine fast schon hymnenartige Atmosphäre, was auch allein vom Songtitel her gut passt. Außerdem spiegelt sie perfekt die Stimmung des Songs wieder: hoffnungsvoll, emotional, inspirierend und zielstrebig.

Der zweite Encore forderte die Fans schließlich aktiv zur Teilnahme auf. Und nicht nur im Stadium, sondern selbst im Kino wurde diese Aufforderung mit Begeisterung umgesetzt. Gemeinsam sangen, klatschten und hüpften die Zuschauer zur Festival Version von ‘Chk Chk Boom’, dem Titelsong ihres Albums ATE –  ein sehr gelungener Abschluss ihres Konzerts, da sie es schaffen, ihre Zuschauer nicht nur zu unterhalten, sondern sie auch zu einem Teil des Erlebnisses zu machen.
Stray Kids haben sich mit ihrem unverwechselbaren, von Rap, Rock und Hip-Hop geprägten Sound einen festen Platz in der K-Pop-Szene erarbeitet. Besonders prägend ist dabei das Songwriting-Trio 3-RACHA, Bangchan, Changbin und Han, das nicht nur für die energiegeladenen Beats und eingängigen Texte verantwortlich ist, sondern auch traditionell koreanische Klänge in ihre Produktionen einbaut. Genau diese Mischung verleiht ihrer Musik eine einzigartige Note, die nicht nur Fans aus aller Welt begeistert, sondern auch einen unverkennbaren Wiedererkennungswert liefert. Doch ihre Tracklist beschränkt sich nicht nur auf aggressive Beats und energiegeladene, Hip-Hop-artige Sounds. Denn gerade die ruhigen B-Sides und Soloprojekte zeigen, wie vielschichtig die Gruppe ist und dass sie nicht nur durch ihre energischen Tänze, hippe Beats und schnelle Rap Parts überzeugen können, sondern dass sie sich auch von einer emotionaleren und verletzlicheren Seite  zeigen und ihre Fans damit überzeugen können.
Diese Vielseitigkeit spiegelt sich auch in der Setlist des Konzerts wider. Zwar dominierten hochenergetische Tracks mit treibenden Rhythmen und prägnanten Rap-Parts, für die die Gruppe bekannt ist, doch die bewusste Einbindung ruhiger Stücke sorgte für eine sehr ausgewogene Performance.
Im Laufe des Abends beziehungsweise des Films steigerte sich die Intensität der Performances kontinuierlich. Und mit ihr auch die Begeisterung des Publikums. Gegen Ende des Films war die Stimmung im Kino so mitreißend, dass viele Zuschauer nicht mehr still sitzen konnten, sondern spontan aufsprangen, mitsangen und im Takt der Musik hüpften.
Letztlich lässt sich nur festhalten, dass das Konzert sich mit jeder Performance gesteigert hat und die Fans immer mehr involviert wurden, bis sie am Ende sogar im Kino zum Beat hüpften und mitsangen.
Aber authentisch und mitreißend waren nicht nur ihre Setlist und die Performances, sondern auch die überraschen ehrlichen und sehr offenen Einblicke in ihr privates Leben durch die Interviews. Derartige Aussagen sind in der KPop-Branche normalerweise nämlich nicht üblich, da üblicherweise alles Negative oder zu Persönliche verschwiegen wird, um Skandale und Eingriffe in ihr Privatleben zu vermeiden.
Nun noch ein paar Worte zur technischen Gestaltung des Films. Diese war größtenteils überzeugend umgesetzt und betonte die anspruchsvollen Choreografien und die Bühnenpräsenz der Mitglieder sehr effektiv und gab insgesamt ein rundes Bild ab. Allerdings sind mir Momente aufgefallen, in denen die Schnittführung irritierte. So etwa, wenn während der zentralen Tanzsequenzen plötzlich auf das Publikum umgesprungen ist oder völlig unpassende Drohnenaufnahmen, die einfach nur kurz einen der Eingänge der Arena zeigen, eingeblendet wurden. Allgemein sind Zuschaueraufnahmen natürlich absolut passend und tragen auch zur Wirkung des Films bei, jedoch sollten diese nicht das Bühnengeschehen unterbrechen. Denn gerade bei einem Konzertfilm, der die Magie der Performance einfangen soll, sind solche Unterbrechungen störend, da sie den Zuschauer förmlich aus dem Geschehen reißen. Vor allem bei KPop-Performances ist dies sehr problematisch, da diese von energiegeladenen und anspruchsvollen Tänzen und guter Kameraarbeit leben.
Insgesamt muss man dennoch sagen, dass die meisten Einstellungen professionell waren und dazu beitrugen, die Intensität und Energie der Live-Performance auch ins Kino zu bringen.
Abschließend lässt sich noch sagen, dass die acht sich mal wieder selbst übertroffen haben und dem Motto der Tour “Stray Kids World Domination” definitiv gerecht geworden sind. Der Film war auch wieder eine Bestätigung dafür, warum diese Gruppe eine derart große Fanbase hat. Die Mischung aus musikalischer Vielfalt, authentischen Einblicken durch Interviews und der Fähigkeit, selbst im Kino eine fast ‘live-hafte’ Atmosphäre zu erzeugen, macht das Ganze zu einem besonderen Erlebnis. Trotz kleiner technischer Unstimmigkeiten konnte der Gesamteindruck nicht getrübt werden. Am Ende bleibt nur die Gewissheit, Stray Kids wissen, wie sie ihre Zuschauer nicht nur unterhalten , sondern emotional mitnehmen können. Und genau das ist es, was mich immer wieder begeistert.