Die Feiertage stehen vor der Tür und das Dispositiv-Team schaut auf ein aufregendes Jahr zurück, das nicht nur den Neustart unseres Blogs mit sich brachte, sondern auch einige erinnerungswürdige Medienmomente bot. Wir wünschen euch ein paar (hoffentlich) entspannte Tage und eine freudige Lektüre!

Yung Buttpiss – Jenny

Mein Spotify Release Radar überrascht mich des Öfteren. Aber als ich im Juni 2022 durch die Songs durchskippte, wusste ich noch nicht, dass ich einen meiner 2022 favorite artists entdecken würde. Zwischen dem Üblichen entdeckte ich das Außergewöhnliche. Der Titel Pizza Slut stach heraus und weckte mein Interesse. Darauf folgte ein Deepdive in Yung Buttpiss’ Diskographie, welche sich bei Spotify ausschließlich auf 2022 beschränkt. Man muss jedoch dazu sagen, dass Buttpiss allein in diesem Jahr weit über 170 Singles und dazu noch 17 Alben veröffentlicht hat. Yung Buttpiss produziert sämtliche Titel und die Musikvideos allein und kündigte auf Twitter sogar an, eine Serie mit einstündigen Folgen zu produzieren. Zu meinen Lieblingstiteln gehören unter anderem Roe V Wade, They Them Pussy, Ben Shapiro Got Fingered und Emotional Tampon. Die Songs sind sehr autotune-lastig, aber dennoch unterhaltsam und regen teilweise auch zum Nachdenken an. Auch wenn Buttpiss gern mit Songtiteln provoziert und auch mal in absurde Satire abdriftet, spricht YBP Themen mit sozialer oder popkultureller Relevanz an, wie Ikonen Toxischer Männlichkeit, Terfs, Abortion-Bans und viel mehr. 

I’m Glad My Mom Died – Jenny

I’m Glad My Mom Died von Jennette McCurdy war das Buch, das mich 2022 am meisten beschäftigt und gepackt hat. Es ist derzeit zwar nur auf Englisch verfügbar, kommt aber Anfang 2023 auf deutscher Sprache mit dem Titel I’m Glad My Mom Died: Meine Befreiung aus einer toxischen Mutter-Tochter-Beziehung in die Regale. Da die Masse an Lektüre für die letzte Hausarbeit genug für meine Augen war, habe ich mich für die 6,5 stündige Hörbuchversion entschieden, auf welcher McCurdy selbst spricht. Beim Hören habe ich einen neuen persönlichen Rekord aufgestellt, denn ich habe es innerhalb von 3 Tagen durchgehört. Diesen Rekord hat unser Chefredakteur Florian überboten und das Hörbuch an einem Tag verschlungen. 

In ihrer Autobiographie erzählt McCurdy über ihre Kindheitserlebnisse, Gedanken und insbesondere über die Beziehung zu ihrer Mutter, ihrer Schauspielkarriere, die sie bereits als Kind begann und ihrer Essstörung. Sie schreibt teils humorvoll, teils herzzerreißend ehrlich und zeigt sich von einer Seite, die viele von uns wahrscheinlich nur ihrem engsten Kreis offenbaren würden. Auch bietet ihr Buch einen wertvollen Einblick in die (Arbeits-)Welt der Kinderschauspieler*innen, die sich wohl auch auf die Kinder-Influencer sämtlicher Familienblogs und -channels übertragen lässt, und deren innerer Gefühlswelt und Zukunft. In vieler ihrer Ausführungen fühlt man sich ihr sehr nah, auch wenn man selbst nie in einer Serie oder Ähnlichem mitgespielt hat.

Auch wenn ich eigentlich kein Fan von (Auto-)Biografien und Ähnlichem bin, empfehle ich das Buch gerne. 

Bleach: Thousand Year Blood War Arc – Raul

Auch wenn Bleach eigentlich keine weitere Werbung braucht, muss ich hier einfach den für mich wahrgewordenen Traum dieses Jahres noch einmal anpreisen. Bleach war lange Zeit einer der “Big Three” der Anime Szene. Damit sind die Top Drei verkaufsstärksten Mangas beim japanischen Verlag Shonen Jump gemeint. Diese waren One Piece, Naruto und Bleach. Auch im Anime-Segment sind es große Serien mit hunderten Folgen. Doch Bleach wurde oft als das schwächste Glied der drei wahrgenommen. Völlig unverdient meiner Meinung nach. Und so fielen in Japan irgendwann auch die TV Einschaltquoten. Und nach 366 Folgen wurde die Serie eingestellt. Eigentlich war das bei Weitem genug für eine Animeserie, aber der Manga lief noch weiter und so blieb die allerletzte Arc nur in Papierform bestehen. Jahr für Jahr hofften Fans auf eine Ankündigung zur Fortsetzung und nun nach über einer Dekade(!) später, geht Bleach in Animeform endlich weiter. Ich war höchstens bei der ersten Dragon Ball Super Folge ähnlich aufgeregt wie beim Anfang der neuen Bleach Staffel. Und das Animationsstudio Pierrot hat abgeliefert! Die Thousand Year Blood War Arc sieht wunderschön aus und auch der in der Anime-Community weit respektierte und grandiose Soundtrack ist zurück und wurde erweitert. Es ist einfach so schön, diese ganzen lieb gewonnenen Charaktere wieder zu sehen und ihre neuen Abenteuer auf so einem hohen Niveau mitzubekommen. Es gibt keine Filler und das Pacing ist genauso wie die Ernsthaftigkeit hochgedreht zum geht nicht mehr. Es herrscht Krieg zwischen Shinigami und Quincy, die sich für ihre Niederlage vor 1000 Jahren revanchieren wollen. So brutal und schnell hat man einen Shonen Anime selten oder vielleicht noch gar nicht gesehen. Charaktere sind im Kampf auf Leben und Tod und es werden keine Gefangenen gemacht. Endlich erhält Bleach seinen würdigen Abschluss, der wahrscheinlich auch noch etwas andauern wird, da die letzte Manga Arc doch schon etwas dauert. Zudem werden neue Szenen in Absprache zum Autoren der Vorlage hinzugefügt, die auch Manga-LeserInnen noch etwas bieten können. Da zum Beispiel das Ende des Manga sehr gerushed war, hoffen hier viele auf große Änderungen und Extras. Es bleibt also für alle spannend und ist einfach ein Spektakel für Augen und Ohren. Nicht ohne Grund treibt sich Bleach: Thousand Year Blood War Arc in der Topliste von My Anime List bei den vorderen Plätzen rum und schafft es ab und zu sogar den König Fullmetal Alchemist: Brotherhood vom Thron zu stürzen. Ob es dabei bleibt, wird die Zeit zeigen. Als Bleach Fan hat diese Adaption jedenfalls jetzt schon das Potential für mich, als eine der besten Anime Serien aller Zeiten einzugehen.

Heartstopper – Tim

Ich habe lange überlegt, wie und ob ich diesen Beitrag überhaupt schreibe, aber letzten Endes wäre es falsch und gelogen, wenn ich es nicht in MEINEM Medienjahr 2022 erwähne. Noch nie hat mich eine Sendung (oder zumindest in letzter Zeit nicht) so aus dem Leben gekegelt wie Heartstopper. Die Netflix-Produktion basierend auf dem gleichnamigen Webcomic behandelt eine simple Coming-of-Age Story, bei welcher einem einfach nur warm ums Herz werden kann. Die Prämisse des Ganzen: Eine aufblühende Liebesbeziehung zwischen den beiden Teenagern Nick und Charlie.

Es wird dadurch auch nur deutlich, wie unglaublich wichtig positive Repräsentationen von queeren Beziehungen sind und wie sehr sie auch gerade im Kinder- und Jugendfernsehen gefehlt haben. Insgesamt 53.4 Millionen Stunden wurde die Sendung weltweit gestreamt, da werde ich wohl nicht der einzige sein, der sie innerhalb der ersten zwei Monate neun Mal geschaut habe (zu meiner Verteidigung, es sind auch nur 4,5 Stunden pures Serotonin). Heartstopper lässt viele Menschen auf ihre Geräte mit einem Gefühl der Hoffnung und Bestätigung schauen. Eine Bestätigung, die sie vielleicht nicht in ihrem privaten Umfeld bekommen. Heartstopper bietet queeren Menschen das Gefühl der Normalität, das Gefühl von “Ja, ich bin nicht alleine” und das Gefühl (egal welchen Alters) von Schmetterlingen im Bauch von der ersten Liebe.

Ich bin unbeschreiblich dankbar für diese Sendung, es ist krass wie sehr sie als ein positives Licht in diese doch teils dunkle Welt scheint. Ich kann Staffel 2 und 3 wirklich kaum noch abwarten, bis dahin muss ich aber wohl noch Staffel 1 rewatchen (Aktuell bin ich beim 16. Mal…).

RRR – Jonas

Ich gebe zu, dass es mir selbst als Student der Geisteswissenschaften bis zu diesem Jahr nicht gelungen ist, mit der kulturhegemoniellen Dominanz der westlichen Hemisphäre(™) in meinem Filmkonsum zu brechen. Im Sommer ist es einem Film endlich gelungen: RRR ist ein “three hour long action-musical-historical epic” (Patrick (H) Willems), ein Superprojekt des indischen Kinos. Genauer gesagt aus dem telegusprachigen Tollywood (nicht alle indischen Filme sind Bollywood, daneben existieren noch acht weitere “-woods”, die alle sprachlich und geografisch anders verortet sind). Der Titel war ursprünglich nur ein Arbeitstitel, der die Zusammenarbeit von Regisseur S. S. Rajamouli mit den Schauspielern Rama Rao und Ram Charan signalisiert – drei Megastars des Tollywood-Films, die bislang aufgrund Budget- und Planungsproblemen nicht miteinander arbeiten konnten. Deswegen wundert es auch nicht, dass RRR der bis dato teuerste indische Film aller Zeiten ist. In seiner Form als Filmtitel steht RRR nun für “Rise, Revolt, Roar” – und ist genau das alles und sogar noch viel mehr! Ich will hier gar nicht den Fehler machen, die Handlung in einem Jahresrückblickartikel zusammenzufassen. Deswegen nur einige Stichworte: Anti-Kolonialismus, krass choreografierte Actionszenen, Dance-Battle, Bromance, Hypermaskulinität. Mehr sollte man auch gar nicht darüber sagen. Es lohnt sich definitiv, den Film mit so wenig Informationen wie möglich zu schauen und seine Wirkung auf brachem Boden entfalten zu lassen. Und das ist durchaus wörtlich zu nehmen, am besten ihr lasst eure bisherigen Sehgewohnheiten vor der Tür (wenn ihr hauptsächlich westliche Filme schaut), da RRR mit Sicherheit damit brechen wird. Ansonsten genießt es einfach und wenn ihr danach noch mehr Informationen über RRR und den indischen Film für westliche Zuschauer*innen wollt, könnt ihr euch das oben verlinkte Video-Essay “RRR – The Biggest Blockbuster You’ve Never Heard Of” von Patrick (H) Willems anschauen. Viel Spaß!

Andor – Tamara

Die neueste Star Wars-Serie Andor ist nicht, was ich erwartet hatte, als Favorit des gesamten Jahres zu küren, aber es gibt für mich eigentlich keine andere Wahl.
Andor ist zwar, wie so viele Medien derzeit und besonders auch solche des Disney/Star Wars/Marvel-Kosmos, Teil einer Franchise und füllt eine Lücke, die noch nicht erzählt wurde und ganz nebenbei viel Geld machen kann. Darüber hinaus gibt es jedoch einige Elemente, die Andor von vielen der momentan so veröffentlichten Serien auf Disney+ unterscheidet. Meine Frustration mit vielen neueren Star Wars-Medien ist, dass sie sich irgendwie unnötig, half-assed und unoriginell anfühlen. Andor ist das alles nicht.

Die Serie dreht sich zwar um den Titelhelden Cassian Andor, einer der Hauptfiguren aus Rogue One, aber er ist kein Obi Wan, kein Boba Fett – Andor ist Anfangs noch nichtmal ein Held, kein jahrzehntelang herbeigesehnter Charakter und er wird nicht nur genutzt um fan service Narrative und Figuren einzubauen, sondern vor allem um zu zeigen, wie eine Figur ein Rebell wird und wie eine Rebellion von Grund auf entsteht. Wir lernen erst hier wirklich, wie Menschen dazu radikalisiert werden und was ihnen passieren muss, damit sie die Konsequenzen ihres Verrats am Imperium auf sich nehmen. Andor tut das, indem die Serie das faschistische System des Imperiums aus allen grauenvollen Blickwinkeln zeigt (inklusive einer ganzen Reihe unsympathischer und doch auf eine unangenehme Art menschliche Antagonist:innen) und nicht davor zurückscheut, den Protagonist:innen schlimme Dinge anzutun, nur weil sie Protagonist:innen sind. Es gibt stundenlange Videoessays darüber, welche Merkmale autoritärer Systeme hier verwendet werden, um die Galaxie zu unterdrücken (und auf welchen realen Begebenheiten sie beruhen). 

Andor ist nicht nur eine Heldengeschichte, sondern zeigt auch, wie und wann Menschen scheitern oder an den Konsequenzen ihrer Handlungen brechen. Die Serie ist außerdem visuell und musikalisch großartig, erzählerisch fesselnd und komplex und dadurch für mich eine einfache Empfehlung an alle, die zumindest die Star Wars-Filme gesehen haben.

Ants From Up There – Black Country, New Road – Miriam

Draußen ist es kalt. Auf den Straßen Bayreuths liegt Schnee. Ich laufe langsam heim, während die Straßenlaternen angehen. So spät ist es noch nicht. Ich packe meine Kopfhörer raus; auf dem nicht allzu langen, jedoch kalten und dunklen Weg brauche ich Gesellschaft. Tyler Hydes tiefer Sprechgesang ist übersättigt mit Emotionen. Die Instrumentals der anderen 5 Band Mitglieder sind nicht bloße Hintergrundgeräusche für catchy vocals, sondern sie komplementieren zum einen Hydes’ Emotionalität und zum anderen die Gefühlseligkeit der Songtexte. Jeder Song auf diesem Album ist, so kitschig es auch klingen mag, eine Erinnerung an die reine Ausdruckskraft von Musik – das kann Musik also. Komponiert so, dass alle Potentiale erfüllt werden; mächtig, grandios und gewaltig. Geigen, Gitarren, Schlagzeug, Bass, Keys, ein Saxofon – opernartig, cinematisch.
Die Schneeflocken fallen mir in die Haare, Hyde singt mit aller Wucht: „every time I try to make lunch/for anyone else, in my head/I end up dreaming of you”, Ellerys Geige und Waynes Schlagzeug erklingen in Intensität, meine Hände frieren. Sehnsüchte, Liebe und Hass, die ich mir noch nicht vorstellen kann, fließen von den Kopfhörern in meinen gesamten Körper rein. Gänsehaut, das Licht von den Straßenlaternen verschwimmt, die Einsamkeit überwältigt und die roten Wangen werden nass.

No Bears – Florian

Der iranische Filmemacher Jafar Panahi muss schon seit einigen Jahrzehnten die Unterdrückung der iranischen Regierung über sich ergehen lassen. Viele seiner Filme sind im Iran verboten. Mehrmals brach er Verordnungen, die ihn vom Filmemachen abhalten sollten. 2011 ließ er beispielsweise einen Film unter spektakulären Bedingungen aus dem Land zu den Filmfestspielen in Cannes schmuggeln. Seit diesem Jahr befindet sich Panahi im Gefängnis. Bevor ihn das Regime festnahm, war es Panahi jedoch möglich, seinen neuen Film No Bears fertigzustellen.

No Bears (Original: Khers Nist) operiert auf mehreren Handlungsebenen und wechselt die Perspektive, aus der wir die Bilder beobachten so häufig, dass es schwerfällt, die Handlung des Films kurz zusammenzufassen. Grundsätzlich folgen wir Jafar Panahi (gespielt von Panahi selbst), der versteckt im ländlichen Grenzgebiet über Videochats seiner Arbeit als Regisseur nachgeht. Die schlechte Internetverbindung erschwert dabei die Vermittlung von Regieanweisungen, ist aber der Preis für seine temporäre Sicherheit und die Möglichkeit auf die Flucht aus dem Land. Die Aufnahmen von Panahis Exil im Dorf haben dabei zwar einen dokumentarischen Charakter, jedoch wird auch deutlich, dass die Szenen inszeniert wurden. Dieses Spannungsfeld zwischen der Erzählwelt und der realen Welt wird von Panahi erkannt und im Film für uns zugänglich gemacht. Das wird auch deutlich, wenn uns die Ergebnisse seiner Remote-Filmarbeiten gezeigt werden, in denen die Schauspieler*innen sowohl in ihren Rollen als auch außerhalb über ihre Fluchtpläne sprechen. Die Konstruktion eines Films im Film bringt so eine andauernde Unsicherheit über die Umstände der Entstehung der Bilder mit sich. Trotzdem ist man den Figuren stets nahe und von ihren Schicksalen (wie konkret real von Fall zu Fall auch immer) berührt. Panahi schafft es, nicht nur einen Film über seine Person zu machen, sondern zeigt uns auch die Potenz, die in den Bildern steckt, indem er seine Figur in den Mittelpunkt einer dörflichen Sittenkrise stellt. Die bloße Möglichkeit der Existenz eines Beweisbildes bringt das Dorf hier in Aufruhr und zeigt uns, dass die Wirkung der Bilder sich häufig entkoppelt von den tatsächlichen Umständen ausprägen können.

Mit No Bears hat Panahi dieses Jahr einen Film geschaffen, der unsere Beziehung zum Dokumentarischen und dem Fiktionalen ebenso aufregend wie erhellend verkompliziert und das darin steckende politische Potenzial erkennt und politisiert. Zudem ist Panahis Film angesichts der massenhaften Gefangennahme und Ermordung der iranischen Bevölkerung durch den Staat als aktivistischer Beitrag zur Offenlegung der politischen Verfolgung Kunstschaffender anzuerkennen.

NOT TiGHT – Florian

Es ist 2019 und ich scrolle durch mein Instagram Feed. Es erscheint ein Video nach dem anderen von jeweils anderen Musiker*innen, die mit wechselnden Instrumenten vor der Kamera sitzen und versuchen, ihre persönliche Marke mithilfe ihrer fünftausend Follower starken Instagramseite weiter auszubauen. Während ich den Finger über den Bildschirm wische bricht der Sound, der aus meinen shitty Mono-Handyspeakern kommt, immer wieder ruckartig ab, wenn der eine quadratische Bildausschnitt aus meinem Bildschirm gewischt wird und fängt wieder an, sobald der nächste am unteren Bildschirmrand erscheint.

Einige Posts dürfen aber die vollen 59 Sekunden auf meinem Bildschirm verweilen, vor allem die der Seite @pickupjazz. Hier erscheinen kurze Auftritte von diversen hippen Millenial-Jazzmusiker*innen, vor allem aus LA und New York. Außerdem findet eine Blase, die sich rund um das Berklee College of Music gebildet hat, ihren Weg auf die Seite. Zwei aus diesen Kreisen kommenden Musiker*innen sind Domi und JD Beck, damals circa 19 und 16 Jahre alt. Das Duo präsentierte einen kurzen Sturm aus schnellem, aufgeladenen Schlagzeugspiel und wilden Keyboard-Phrasen, deren genaue Bezeichnung und theoretische Herleitung ich gerne verstehen würde, es aber beim besten Willen nicht konnte.

Heute weiß ich zwar noch weniger über Skalen und Akkorde als vor 3 Jahren, die Freude über das endlich erschienene Debutalbum Not TiGHT ist aber deshalb nicht weniger riesig. Lange wurde es angekündigt und während den Lockdowns immer wieder aufgeschoben. Beim Warten hat sich zwar die Musik, die meinen Alltag begleitet, erheblich verändert, die Liebe zu dichten Dissonanzen und unnötig komplizierten Taktarten wurde durch diesen Release aber wieder neu entflammt.

Die Beiden haben die lange Zeit zur Veröffentlichung dabei scheinbar produktiv genutzt und einige namhafte Kontakte in der Industrie hergestellt. Anderson .Paak, Snoop Dogg und Mac DeMarco leihen beispielsweise ihre Stimmen. Am Bass konnte Thundercat gewonnen werden und die alte Schule wird durch Herbie Hancock vertreten.

Trotz der bekannten Rap- und Gesangseinlagen überzeugen die Tracks vor allem dann, wenn die Stimmen kurz innehalten und sich stattdessen ein Solo an das nächste reiht. Neben Nostalgie für ein Hörerlebnis aus einem anderen Lebensabschnitt, bereitet das hektische gedankliche Verfolgen von Melodien und Akkordumkehrungen auch für sich genommen großen Spaß. Die Gesangseinlagen sind dabei zwar nett anzuhören, stören aber letztlich meistens, wenn man eigentlich nur den hervorragenden Instrumental-Arrangements lauschen möchte. Überwiegend wird den Instrumentals aber genügend Raum gegeben. Wer also Lust nach einem aktuellen Album hat, das sich irgendwo zwischen Post Bop und Hiphop befindet, wird an NOT TiGHT sicher Gefallen finden.

The Northman – Lorenz

Ein Film, der dieses Jahr (vermutlich aufgrund einer gleichzeitig erschienenen Comicverfilmung mit Robert Pattinson) viel zu wenig Aufmerksamkeit bekommen hat und leider auch an den Kinokassen gefloppt ist, ist das Wikingerepos The Northman. Und gleich vorweg – der finanzielle Misserfolg des Films ist hauptsächlich auf die schwere Vermarktbarkeit des Stoffes zurückzuführen. Denn The Northman erzählt eine Geschichte, die tief in der nordischen Mythologie verankert ist und gleichzeitig den schwierigen Spagat zwischen Arthouse-Kino und Blockbuster wagt. Ein weiterer Grund für die eher mäßige Rezeption des Filmes im Mainstream-Publikum war vermutlich der Stil des Regisseurs. Dieser ist – und hierbei muss ich vorsichtig sein, um nicht allzu emotional zu werden – der US-Amerikaner Robert Eggers, der sich zuvor durch seine Filme The VVitch und The Lighthouse einen Namen gemacht hatte und ganz nebenbei mein absoluter Lieblings-Filmemacher ist. Was aber macht The Northman zu meiner persönlichen Nummer eins des Jahres 2022? Neben der beeindruckenden Visualität des Films, dem brachialen, hämmernden Soundtrack, fantastischen Darsteller*innen wie Alexander Skarsgard, Anya Taylor-Joy, Nicole Kidman und Willem Dafoe, der historischen Akkuratheit der Kostüme und Sets und der rohen, brutalen und mystischen Welt der Wikinger ist vor allem meine persönliche Verbindung zu The Northman der Grund, warum ich ihn so liebe. Nie habe ich so lange sehnsüchtig auf einen Film gewartet, nie habe ich mir einen Trailer so oft angesehen. Im April war es endlich soweit: Pünktlich zum Deutschland-Release des Films saß ich wie gebannt im Kinosaal und ließ mich in die brutale Welt der Wikinger zurückversetzen. Und während der Bass der Berserkertrommeln mich in die Rückenlehne presste und auf der Leinwand neben minutenlangen One-Take-Kampfsequenzen auch ruhige, hypnotische Landschaftsaufnahmen vorbeigezogen, wurde mir früh klar, dass ich gerade einen der besten Kinofilme des Jahres erlebe. Wenig später erreichte mich die vorbestellte Blu-Ray und seitdem habe ich 2022 keinen Film häufiger gesehen als The Northman. Dieser Film mag sicherlich nicht jedermanns Sache sein, doch wer etwas für historisch akkurates, mystisches, brutales, visuell beeindruckendes und leicht größenwahnsinniges Kino übrig hat, dem sei der Film wärmstens empfohlen. Ich kann der Pressestimme aus dem Trailer (den ich eindeutig zu oft gesehen habe, da ich mich an den genauen Wortlaut erschreckend gut erinnere) nur beipflichten: A straight chest kick!

Skinty Fia – Luisa

Ich bin berechenbar. Seit ich ein Spotify-Abo besitze, ist mein meistgehörter Artist Radiohead – und das seit 3 Jahren in Folge. Dass sich daran 2022 etwas ändern würde, hätte ich vor einem Jahr wahrscheinlich nicht gedacht, aber jetzt sitzen wir hier und an der ersten Stelle des Spotify Wrapped steht anstatt Radiohead eine irische Post-Punk Band. Wie ist es also dazu gekommen? Nichtsahnend bin ich auf Youtube unterwegs, als mir das Musikvideo zu “I love you“ von Fontaines D.C. vorgeschlagen wird. Da das Video am gleichen Tag hochgeladen wurde, hat es noch nicht viele Aufrufe und der Songtitel sagt mir eigentlich auch nicht sonderlich zu. Trotzdem klicke ich drauf, denn ich kenne die Band. Fontaines D.C. sind mir vor einigen Jahren schon einmal begegnet, damals auf einer Auflistung von Newcomer Bands, die man im Auge behalten sollte. Zu diesem Zeitpunkt hatten Fontaines gerade mal zwei Singles veröffentlicht. Die B-Side ihrer ersten Veröffentlichung „Boys in the Better Land“ habe ich damals totgehört, dem Rest ihrer Diskographie und ihrem ein Jahr später erschienenen Debütalbum “Dogrel“ jedoch keine große Beachtung geschenkt. Jetzt war ich aber neugierig, wie sich Fontaines D.C. seit ihren Anfängen weiterentwickelt haben und hatte die Hoffnung, einen neuen Song für meine Playlist zu finden. Womit ich nicht gerechnet hatte, war, dass die nächsten fünf Minuten, in denen mich ein wütender irischer Mann in einer Kirche anschreit, meinen Musikkonsum für das nächste Jahr so beeinflussen würden, wie es selten etwas anderes geschafft hat. “I love you“, in dessen Text es um die komplizierte Beziehung eines Irischen Soldaten zu seinem Heimatland geht, hat einen Nerv getroffen und in den nächsten Tagen und Wochen habe ich kaum etwas anderes als den Song und die anderen Singles, die das bald erscheinende dritte Album der Band “Skinty Fia“ ankündigten, gehört. Ich habe mich lange nicht mehr so sehr auf ein Album gefreut, dass ich wenig später nachts todmüde und Corona-positiv im Release Stream auf Youtube saß und ein paar Monate später in München eines der besten Konzerte, auf dem ich je war, besuchen konnte. “Skinty Fia” hat mich mit seiner Melancholie, Wärme und Energie durch den Großteil des Jahres 2022 begleitet und obwohl ich es schon unglaublich oft gehört habe werd ich der Songs nicht müde, weswegen es mich auch in 2023, wenn auch nicht in gleicher Quantität, weiter begleiten wird.

Osteuropäischer Post-Punk – Eric

Als ich Mitte des Jahres der Song Минотавр (Minotaur) der belarussischen Band Петля Пристрастия (Petlya Pristrastriya) hörte und meine Mutter den Song „langweilige Musik“ nannte, dachte ich noch nicht, dass ich mal einen Artikel im Jahresrückblick darüber schreiben würde. Zu dem Zeitpunkt stand ich noch am Anfang meiner Post-Punk-Reise, hatte gerade erst Bands wie Fontaines D.C. und Just Mustard für mich entdeckt und fühlte mich in der Melancholie zwischen tanzbaren Rhythmen unglaublich wohl. Dementsprechend beleidigt war ich als Elitist mit objektiv überlegenem Musikgeschmack vom scherzhaften Kommentar meiner Mutter. Aber das bin ich oft. Zurück zum Post-Punk. Петля Пристрастия hatten einen Nerv getroffen, bei dem ich vorher nicht wusste, dass er existiert. Ich war sowieso schon immer fasziniert von kyrillischen Zeichen, den brutalistischen „Prunk“bauten aus Sowjetzeiten und dem so einschüchternd und bedrohlich wirkenden System „Ostblock“. Wenn man das jetzt noch mit guter Musik kombiniert, bin ich komplett sold. Schon problematisch, wenn man bedenkt, dass der Post-Punkt in Osteuropa erst boomte, als Gorbatschow Anfang der 90er Jahre Glasnost und Perestroika verkündete und damit die Jugend in noch größere Zukunftsängste stürzte, als sie eh schon hatte. Pionierbands wie Кино (Kino) wandelten diese Angst um in versteckt systemkritische Texte, gesungen mit gehemmten Emotionen und unterlegt von hypnotisierenden Synths, und gaben damit den Teenagern der Sowjetunion wenigstens ein bisschen Hoffnung. Im Grunde genommen hat sich bis heute auch nicht viel geändert an der Musik, nur wurde das Prinzip über die Jahre immer weiter verfeinert. Spätestens seit Молчат Дома (Molchat Doma) und ihrem Song Судно (Sudno) kennt man osteuropäischen Post-Punk auch in der westlichen Welt und andere Bands stehen schon hinten an. Ich persönlich kann nur meine wärmsten Empfehlungen für diese musikalische Sphäre aussprechen, deswegen hier noch ein paar Bands, die man sich schon mal gut geben kann (und nicht in diesem Artikel vorkamen):

– Буерак (Buerak, vor allem die neue Single Пульс Стучит!!!)
– Nürnberg
– Ploho
– Shortparis
– Увула (Uwula)
– Аутоспорт (Autosport)
– Спасибо (Spasibo)