Meine erste bewusste Weltmeisterschaft riecht nach Sommer, Grillanzünder und Plastiktröten.

2010, Südafrika. Schon das Wort klang damals wie ein Versprechen. Südafrika. Nicht Kaiserslautern, nicht Gelsenkirchen, nicht der immergleiche Biergarten mit Deutschlandfähnchen in Blumenkübeln, sondern ein Turnier, das weiter weg war als alles, was man als Kind oder Jugendlicher bis dahin mit Fußball verbunden hatte. Und über allem lag dieses Geräusch: das ununterbrochene Grölen der Vuvuzelas. Ein Ton wie ein wütender Bienenschwarm, der beschlossen hatte, 90 Minuten lang keine Rücksicht auf menschliche Nerven zu nehmen.

Heute würde man sich vermutlich drei Minuten darüber aufregen, ob diese Dauerbeschallung dem Produkt Fußball schadet. Damals war es einfach die WM. Man nahm es hin. Mehr noch: Man liebte es irgendwann, weil es zur Erinnerung wurde. Es war der Soundtrack eines Sommers, in dem Mesut Özil noch wie die Zukunft aussah, Müller wie ein Zufall, der sich als Weltklasse verkleidet hatte, und Schweinsteiger irgendwie schon immer Schweinsteiger war.

Die WM war damals noch etwas, das einen überfiel. Sie kam nicht als Content-Strategie, nicht als Vermarktungsfläche, nicht als durchdeklinierte Markenaktivierung. Sie kam als Zustand. Plötzlich waren alle da. Menschen, die sonst nie Fußball schauten, wussten auf einmal, wann Anstoß war. Nachbarn, deren Namen man nicht kannte, schrien gleichzeitig aus offenen Fenstern. Man erkannte am kollektiven Stöhnen einer Straße, ob gerade eine Chance vergeben wurde. Fußball war kein Stream, den man startete. Fußball war ein Wetterumschwung.

Vier Jahre später war alles größer, heller. Brasilien 2014. Und dann dieses Lied.

„Auf uns“ von Andreas Bourani war irgendwann weniger Song als Nationalhymnen-Ersatz mit besserer Hook. Jedes Kind konnte es trällern wie ein Fontane-Gedicht, nur mit mehr Pathos und weniger Birnbaum. Es lief in Supermärkten, auf Fanmeilen, aus Bluetooth-Boxen, in Jahresrückblicken, in Werbeblöcken, in Köpfen, aus denen es bis heute nicht vollständig ausgezogen ist. „Ein Hoch auf uns“. Das war keine Zeile mehr, das war eine gesellschaftliche Funktion.

Man kann darüber lachen, und man sollte es vielleicht auch. Aber es traf etwas. Diese Mannschaft war die letzte, bei der sich das Land noch darauf einigen konnte, dass es einfach schön war, dabei zu sein. Nicht unpolitisch, nicht unschuldig, aber doch gemeinsam. Der 7:1-Abend gegen Brasilien war ein kollektiver Fiebertraum, so unwahrscheinlich, dass selbst Schadenfreude irgendwann peinlich wurde. Und das Finale gegen Argentinien hatte noch diese alte Dramaturgie: Verlängerung, Götze, Brust, Fuß, Tor. Ein Moment, der nicht erst erklärt, eingeordnet, geclippt und monetarisiert werden musste, um einer zu sein.

Dann kam 2018, und irgendetwas endete.

Natürlich kann man sagen: Deutschland ist einfach in der Vorrunde ausgeschieden. Passiert. Andere große Fußballnationen kennen das auch. Aber es fühlte sich nicht an wie ein sportlicher Unfall. Es fühlte sich an wie eine Kündigung. Die deutsche Turniermannschaft, diese merkwürdige Maschine aus spätem Ausgleich, Elfmeterglaube, Bitburgerwerbung und „am Ende gewinnen immer die Deutschen“, stand plötzlich ratlos am Bahnsteig, während der Zug ohne sie abfuhr.

2018 war nicht nur das Ende einer Mannschaft. Es war das Ende eines Versprechens. Dass der Sommer schon irgendwie liefert. Dass Deutschland bei Turnieren automatisch größer wird als im Alltag. Dass aus einem Kader eine Erzählung entsteht, aus einer Erzählung ein Gefühl und aus einem Gefühl eine Erinnerung. Stattdessen gab es Querpassmüdigkeit, Südkorea, lange Gesichter und diese unangenehme Erkenntnis, dass auch Fußballnostalgie ein Verfallsdatum hat.

Und 2022?

Keine Ahnung.

Also doch, natürlich: Katar. Winter-WM. Menschenrechte. One-Love-Binde. Boykottdebatten. Spiele zwischen Plätzchen und Heizungsluft. Messi wurde Weltmeister, was historisch war, aber sich in Deutschland seltsam weit weg anfühlte. Vielleicht, weil diese WM nie richtig in den Körper kam. Keine lauen Abende. Keine Autokorsos. Kein verschwitztes Trikot über Sonnenbrand. Stattdessen Novemberlicht, moralische Erschöpfung und das Gefühl, dass man beim Einschalten schon etwas falsch machte.

Vielleicht ist „Keine Ahnung“ deshalb gar keine Gedächtnislücke, sondern die ehrlichste Beschreibung. 2022 war die WM, die viele sahen, aber wenige erinnerten. Sie hatte Bilder, Tore, Dramen, aber kaum Heimat im eigenen Jahreslauf. Sie war ein Turnier im falschen Aggregatzustand.

Und jetzt also 2026.

Die größte WM aller Zeiten, sagen sie. USA, Kanada, Mexiko. 48 Mannschaften. 104 Spiele. Ein Sechzehntelfinale, weil selbst die K.o.-Phase jetzt noch eine Vorrunde vor der Brust braucht. Anstoßzeiten, die in Deutschland irgendwo zwischen Abendbrot und Schlafstörung liegen. Spiele um Mitternacht, Spiele tief in der Nacht, Spiele für Menschen mit Jetlag, Babys oder sehr flexiblen Arbeitszeiten.

Es ist eine WM, die schon in ihrer Struktur sagt: Ich bin nicht mehr für deinen Sommer gebaut. Du musst dich nach mir richten.

Und während wir noch überlegen, ob wir uns für ein Gruppenspiel gegen irgendeinen tapferen Außenseiter den Wecker stellen, ist die Vermarktungsmaschine längst wach. Mehr Spiele bedeuten mehr Flächen. Mehr Flächen bedeuten mehr Slots. Mehr Slots bedeuten mehr Möglichkeiten, uns daran zu erinnern, dass Emotionen im modernen Fußball selten allein kommen. Sie haben Sponsoren, Presenting Partner, Gewinnspiele, Sonderplatzierungen und im Zweifel einen QR-Code. Besonders schön, fast poetisch in seiner Dreistigkeit: die Trinkpause als Werbefenster. Früher war eine Unterbrechung im Spiel eine Unterbrechung im Spiel. Heute ist sie Inventar. In der 22. und 67. Minute wird nicht nur hydriert, sondern aktiviert. Die Spieler trinken, die Sender verkaufen, die Marken erscheinen. Der Körper braucht Wasser, der Markt braucht Aufmerksamkeit.

Das klingt zynisch, aber vielleicht ist es nur konsequent. Die WM war ja nie frei von Werbung. Schon unsere Erinnerungen sind voller Marken, auch wenn wir sie weichzeichnen. Die Sammelalben. Die Cola-Flaschen. Die Chips-Tüten. Die Spots mit Nationalspielern, die so taten, als würden sie privat genau diese Versicherung empfehlen. Der Unterschied ist nicht, dass die Werbung neu wäre. Der Unterschied ist, dass sie inzwischen keine Pause mehr respektiert, weil es kaum noch Pausen gibt, die nicht verwertbar wären.

Vielleicht ist die WM 2026 deshalb der perfekte Spiegel unserer Fußballgegenwart. Alles ist größer, aber nicht unbedingt näher. Alles ist verfügbar, aber nicht unbedingt verbindend. Alles ist professioneller, aber nicht unbedingt magischer. Man kann jedes Spiel sehen, wenn man das richtige Abo hat, die richtige App, die richtige Müdigkeit. Aber die Frage ist: Wer sieht noch mit?

Denn eine Weltmeisterschaft lebt nicht nur von Spielen. Sie lebt von Gleichzeitigkeit. Von dem Wissen, dass Millionen Menschen gerade denselben Unsinn tun: nervös aufstehen, obwohl sie auf dem Sofa sitzen könnten. Einem Schiedsrichter aus 8.000 Kilometern Entfernung fehlende Kompetenz bescheinigen.

Wenn Spiele nachts laufen, zerfasert diese Gleichzeitigkeit. Dann wird die WM zum persönlichen Medienprojekt. Highlights am Morgen. Clips in der Bahn. Zusammenfassungen zwischen zwei Terminen. Man weiß, was passiert ist, aber man war nicht dabei. Und „dabei sein“ war doch einmal der ganze Punkt.

Vielleicht beginnt mein WM-Gedächtnis deshalb bei den Vuvuzelas. Nicht weil 2010 die beste WM war, sondern weil sie sich nicht filtern ließ. Sie war laut, nervig, präsent. Man konnte ihr nicht ausweichen. 2014 wurde daraus ein Hochgefühl mit Bourani-Refrain. 2018 dann der Riss. 2022 die Distanz. Und 2026? Vielleicht wird es die WM der Müdigkeit. Die WM der Push-Mitteilungen. Die WM, bei der man morgens fragt: „Hast du das Spiel gesehen?“ und die häufigste Antwort lautet: „Nur die Highlights.“

Aber vielleicht unterschätze ich den Fußball auch. Das tut man ja gern, kurz bevor er einen wieder erwischt.

Vielleicht braucht es nur ein absurdes Spiel, einen neuen Müller, einen späten Ausgleich, einen Manuel Neuer, der im Elfmeterschießen plötzlich zur Vertrauensperson wird. Vielleicht steht man dann doch nachts um halb drei im Wohnzimmer, leise jubelnd, weil die Nachbarn schlafen und die Welt für einen Moment wieder so einfach ist wie früher: Ball im Tor, Herz im Hals, alles andere egal.

Und vielleicht ist genau das die letzte Macht der WM: dass sie trotz allem noch Erinnerungen produziert, die stärker sind als ihre Vermarktung.

Trotz FIFA. Trotz Magenta. Trotz Nachtspielen. Trotz Trinkpausenwerbung. Trotz allem, was aus Fußball ein Paket macht, das man buchen, messen und ausspielen kann.

Irgendwo unter all dem liegt noch dieses alte Geräusch. Nicht die Vuvuzela selbst. Aber dieses Brummen einer Weltmeisterschaft, die näherkommt. Dieses kollektive Grundrauschen. Diese kindische Hoffnung, dass aus einem Turnier mehr werden könnte als ein Turnier.

Ein Hoch auf uns war gestern. Heute wäre man vielleicht schon froh über: ein Hoch auf irgendwas, das sich noch echt anfühlt.

Hinweis: Beim Summer Feeling am Unistrand in Bayreuth werden die drei Vorrundenspiele der deutschen Nationalmannschaft live gezeigt. Das Event findet vom 13. bis 26. Juni 2026 im Campus Rondell der Universität Bayreuth statt; geplant sind Public Viewings am 14., 20. und 25. Juni.

Die Spiele:

DatumUhrzeitSpiel
Sonntag, 14. Juni 202619:00 UhrDeutschland – Curaçao
Samstag, 20. Juni 202622:00 UhrDeutschland – Elfenbeinküste
Donnerstag, 25. Juni 202622:00 UhrEcuador – Deutschland