Wenn ein Tagebuch ein Ort wäre, dann wäre es ein Raum mit einer schweren Metalltür. An der Tür hinge ein “Nicht stören”-Schild. Was in dem Raum passiere, wisse niemand. Vielleicht dränge ab und zu mal ein gedämpfter Schrei, ein Stöhnen oder ein Wimmern unter der Tür durch. Es wäre ein intimer Raum voller Geständnisse und Ehrlichkeiten. Ein Raum, in dem man sich ausprobieren, sich selbst suchen und finden könne. Ein Raum des Verlangens und der Lust. Was geschähe, wenn man die schwere Metalltür für alle Menschen öffnen würde? Was geschähe, wenn man die Tagebücher größtenteils unzensiert veröffentlichen würde? Was wäre, wenn statt dem “Nicht stören”-Schild ein Preisschild dort hinge?
Genau dies hat Anaïs Nin in den sechziger Jahren gemacht. Dabei ist so ein Meisterwerk publiziert worden, dass es mein bisheriges Jahr komplett verändert hat. In diesem Artikel möchte ich untersuchen, was genau diese Tagebücher so einzigartig gemacht hat.
Anaïs Nin (1903-1977) ist eine Schriftstellerin, die hauptsächlich für ihre Romane bekannt ist. Darüber hinaus hat sie allerdings auch viele Tagebücher geschrieben: Als diese abgetippt wurden, waren es insgesamt über 15.000 Seiten.1 Sie entschied sich dazu, ihre Tagebücher zu veröffentlichen. Dabei blieb das meiste unzensiert, nur einzelne Personen (unter anderem ihr Ehemann) wollten vor der Veröffentlichung herausgenommen werden.
Der Herausgeber Gunther Stuhlmann schrieb über die Auswirkungen der Veröffentlichung ihrer Tagebücher auf die Gesellschaft folgendes: “For more than three decades, Anaïs Nin’s monumental diary, or journal, has been the object of much rumour, gossip, and conjecture. Since the early 1930s, when she showed sections of the journal for the first time to some of her close friends and associates in Paris, the word has spread that here was one of the unique literary documents of our century.”2 In diesem Artikel fokussiere ich mich vor allem auf den ersten Band, der die Jahre 1931-1934 umfasst. Anaïs ist zu diesem Zeitpunkt Ende zwanzig bis Anfang dreißig. Sie lebt als Schriftstellerin in Paris und nutzt die Literatur und Psychoanalyse, um sich selbst besser kennenzulernen. Sie lebt inmitten von bekannten avantgardistischen Künstler*innen und großen Namen der Psychoanalyse und schreibt unter anderem über ihre engen Beziehungen zu bekannten Persönlichkeiten der Theater- und Psychologieforschung.
Neben diesen Bekanntschaften stehen in dem ersten Band vor allem Themen wie das Verlangen, das Pariser Leben in den Dreißigern, die Erforschung des Selbst, die Literatur, die Liebe, die Menschlichkeit, Illusionen und Wahrheiten sowie ihre holprige Beziehung mit ihrem Vater im Mittelpunkt. Dabei wird ihre Weiblichkeit und ihre Rolle als Frau in der Gesellschaft auch immer wieder thematisiert: “What I have to say, […] is really distinct from the artist and the art. It is the woman who has to speak. And it is not only the woman Anaïs who has to speak, but I who have to speak for many women. As I discover myself, I feel I am merely one of many, a symbol. I begin to understand women of yesterday and today.”3 Wie wichtig die Tagebuch-Gewohnheiten für Anaïs waren, ist aus einem Eintrag besonders gut herauszulesen: “This diary is my kief, hashish, and opium pipe. This is my drug and my vice. Instead of writing a novel, I lie back with this book and a pen, and dream, and indulge in refractions and defractions…I must relive my life in the dream. The dream is my only life. I see in the echoes and reverberations, the transfigurations which alone keep wonder pure. Otherwise all magic is lost.”4 In diesen Sätzen deutet sich schon ihre außergewöhnlich metaphorische Schreibweise an. Anaïs schreibt sehr detailreich und teilweise mit surrealistischen Einflüssen. Sie beschreibt die Welt und ihre Gedanken in so einer besonderen Art und Weise, wie ich es noch nie gelesen habe. Es ist eine Schreibweise, bei der man gezwungen wird, langsam zu lesen, die Sätze auszukosten, zu markieren, zu annotieren, und mit Post-Its zu versehen, damit es einem immer möglich ist, zu bestimmten Stellen zurückzukehren. Es ist eine Schreibweise, die noch lange im Kopf bleibt, und mit der man alle folgenden Romane vergleicht. Allein diese Schreibweise hat es für mich schon zu einem Meisterwerk gemacht.
Auch ihr Charakter macht das Tagebuch zu einer spannenden Leseerfahrung, die sich von ordinären Erzählperspektiven abgrenzt. Folgendes Zitat beschreibt ihren Charakter besonders gut: “I want to live only for ecstasy. Small doses, moderate loves, all half-shades, leave me cold. I like extravagance. Letters which give the postman a stiff back to carry, books which overflow from their covers, sexuality which bursts the thermometers.”5 Es wird deutlich, dass sie das Maximum jeder Erfahrung erleben möchte. Dieses Maximum wird durch den Schreibstil auch an ihre Leser*innen vermittelt: Man bekommt das Gefühl, dass das Tagebuch von Intensitäten trieft, in der besten Art und Weise. Sie erlebt viel, sie sucht nach besonderen Erlebnissen, und selbst ruhige Tage in ihrem Haus abseits von Paris werden durch philosophische Überlegungen zu einem Erlebnis. Sie schreibt: “Ordinary life does not interest me. I seek only the high moments. I am in accord with the surrealists, searching for the marvelous. I want to be a writer who reminds others that these moments exist; I want to prove that there is infinite space, infinite meaning, infinite dimension.”6 Anaïs ist nicht nur ein Mensch, sondern eine Persönlichkeit, von der man gerne liest. Nicht alle ihre Handlungen sind sinnvoll, aber alle ihre Handlungen machen sehr viel Spaß zu lesen. Es ist eine Persönlichkeit, die sich abhebt und im Kopf bleibt.
Ein besonderes Talent hat sie für die Beschreibung von Personen. Ein Beispiel dafür ist die Frau eines Freundes von ihr. Sie heißt June und wird im Laufe des ersten Bandes zu einer wichtigen Bezugsperson. Anaïs beschreibt sie auf eine enorm intime Art und Weise. June wird nicht einfach beschrieben und charakterisiert, sie wird erlebbar. Manchmal schreibt sie surrealistisch, manchmal faktisch, manchmal subtil, manchmal intim, manchmal widersprüchlich, manchmal schockierend offen. Dabei hat man immer das Gefühl, in deren intensiver Beziehung dabei zu sein: “We were walking above the world, above reality, into pure, pure ecstasy.”7 All die Widersprüche, die eine Person normalerweise in sich trägt, werden offengelegt: “let incoherence be, then.”8 Anaïs ist sich bewusst, dass manche Personen nicht als ein Ganzes gesehen werden können, sondern in Fragmenten und einzelnen Erlebnissen gesehen werden müssen.9 Auch die Beziehung zwischen den beiden Frauen wird sehr anschaulich beschrieben: “What a secret language we talk. Undertones, overtones, nuances, abstractions, symbols. Then we return to Henry with an incandescence which frightens him. Henry is uneasy. What is this powerful magic we create together and indulge in?”10 Dass die Freundschaft sich zu einer Faszination, vielleicht schon Liebe, entwickelt, wird von allen immer offen kommuniziert. Es ist ein Umfeld, in dem mit Gefühlen offen umgegangen wird, was all die Konfrontationen nur noch spannender und ehrlicher macht. Man ist regelrecht gefangen im Netz von ihren Beziehungen, und jede einzelne wird erfahrbar.
Was ihr Tagebuch ebenfalls spannend macht, sind ihre Freundschaften zu bekannten Personen. Ein Mann, den ich als Theaterstudentin besonders spannend finde, ist Antonin Artaud. Seine mir bekannten Theorien und Konzepte werden nun mit einer echten Persönlichkeit ergänzt. Psychologiestudent*innen würden sich wahrscheinlich auch über die Bekanntschaften zu Réné Allendy und Otto Rank freuen, Literaturbegeisterte würden sich wahrscheinlich über Henry Miller freuen. Der Punkt ist, dass man die echten Charaktere zu bekannten Namen kennenlernt. Statt den theatertheoretischen Texten von Artaud liest man eine Beschreibung, wie Artaud sein Konzept einem Publikum vorstellt, und es verstört den Raum verlässt. Man liest, wie sich Artaud missverstanden fühlt und warum er diese Konzepte erst entwickelt. Durch Anaïs erfährt man, wie Leute wirklich über ihn gedacht haben: “Artaud was living in such a fantasy world that it was for himself that he wanted a violent shock, to feel the reality of it.”11 Dabei findet sie immer eine gute Mischung aus seinen Ansichten und ihrer Meinung zu ihm. Obwohl kein Anspruch auf eine vollständige Darstellung eines Menschen erhoben wird, wird durch die vielfältige Fragmenthaftigkeit ein umfassendes Bild von Artaud erstellt. Ihr Schreibstil bringt dabei viele Details zum Vorschein, und man bekommt eine interessante Sichtweise auf bekannte Personen.
All diese Punkte, die das Tagebuch zu einem literarischen Meisterwerk machen, motivieren einen auch selbst mehr, das eigene Leben zu reflektieren. Ich selber schreibe schon seit über vier Jahren Tagebuch, doch habe durch Anaïs ein Gefühl dafür bekommen, wie tiefgründig diese Einträge sein können. Ich glaube, dass ich mich und meinen eigenen Schreibstil mithilfe ihrer Werke erst so richtig entwickeln kann. Das regelmäßige Lesen von so einer kunstvollen und besonderen Ausdrucksweise zahlt sich aus: Seitdem ich Anaïs Nin kenne, sind meine Tagebucheinträge auf einem ganz anderen Level als zuvor. Das Finden des eigenen Schreibstils macht das Erlebte noch individueller, und es fällt einem noch leichter, Geschehenes zu reflektieren und einzuordnen.
Bis zu einer eventuellen Veröffentlichung meiner Tagebücher werde ich aber erstmal weiter über ihr Leben lesen und andere Menschen auch zu Anaïs Nin und dem Tagebuchschreiben bringen. Denn diese Veröffentlichung von ihrem privaten Leben brachte nicht nur eine kunstvolle Schreibweise und Zusatzinformationen zu bekannten Personen in die Welt, sondern vor allem Menschlichkeit. Die Veröffentlichung dieser verletzlichen und vollkommen ehrlichen Art von Menschlichkeit wäre in der heutigen Welt ein Protestschrei gegen KI. Ich bin der Meinung: Wir brauchen mehr davon. Um mit ihren Worten abzuschließen: „Don’t wait for it, […] create a world, your world. Alone. Stand alone. Create. And then the love will come for you.”12
