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“The feeling of being alive for the first time in a long time” singt Noah Kahan in dem ersten Song von seinem neuem Album “The Great Divide”. Ich finde, dass diese Worte das Hören von dem Album perfekt beschreiben. Da ich ein großer Fan von seiner Musik und seinen Lyrics bin, nehme ich in diesem Artikel das Album und die einzelnen Songs etwas genauer unter die Lupe. “The Great Divide” von Noah Kahan wurde am 24. April veröffentlicht und ist sein viertes Studioalbum. Der Sänger aus Vermont hatte seinen Durchbruch in den Mainstream spätestens 2022 mit seinem Album und dem gleichnamigen Song “Stick Season” und ist seitdem für seine poetischen Texte und den Folk-Sound bekannt. Kann er diese Merkmale auch im neuen Album vorweisen? Wie entwickelt er sich weiter, und worum geht es in den Texten des neuen Albums genau?

In “The Great Divide” werden verschiedene Perspektiven von Freund*innen und Familie auf sein Leben nach dem “Durchbruch” thematisiert. Besonders häufige Themen sind seine Heimat, Schuldgefühle, innere Konflikte, Familie, Freundschaften und Schwierigkeiten mit der mentalen Gesundheit. 

Der erste Song “End of August” startet mit Grillenzirpen. Ein leises Klavier kommt dazu, bevor sich der Instrumentalsoundtrack im Hintergrund aufbaut. Ich bin persönlich ein sehr großer Fan von Songs, die leise anfangen und sich dann nach und nach aufbauen, da dies eine große Entwicklung innerhalb eines Songs beinhaltet und sich der laute Teil dann wie eine Erlösung anfühlt. Instrumentaltechnisch ist es also einer meiner Favoriten von dem Album. Thematisch geht es darum, dass man am Ende vom Sommer immer das Gefühl hat, dass bald alles vorbei ist. Die Orte, wie man sie gerade erlebt, sind vergänglich. Noah bezieht sich wie in vorherigen Alben wieder viel auf seine Heimatstadt Strafford, und wie er es in- und auswendig kennt. Es ist ein Lied, das einem ein Gefühl von Heimat, Vergänglichkeit und Nostalgie gibt und ist aufgrund seines Instrumentalbackgrounds definitiv in meinen Top 3 des Albums. 

In dem zweiten Song “Doors” geht es um eigene Unsicherheiten in einer Beziehung. Textlich ist es für mich der stärkste Song aus dem Album. Es erinnert vom Thema sehr an Northern Attitude, und der Erzähler ist sich seiner fehlerhaften Art durchaus bewusst: ”I was born into a one-hundred-year-storm/ Foot of ice across Vermont/And in that dark, and in that frost, a heart was formed”. Aus dieser kalten Vergangenheit entstehen viele Unsicherheiten über sich selbst in einer eigentlich stabilen Beziehung. So hat er ständig Angst, verlassen zu werden, obwohl der Partner bleibt: ”So forgive me if I jump at the rattle of your keys/ “oh are you leaving?” “no babe i’m just waking up””. Potentielle Gründe für diese Unsicherheiten könnten vergangene gescheiterte Beziehungen sein, in denen sein Vertrauen missbraucht wurde: “Have you ever shared some closeness, so exposed to have it spit back by someone?” Trotz dieser traurigen Lyrics sind die Instrumente im Hintergrund stark und laut, sodass ich immer wieder das Verlangen habe, die Lyrics mitzuschreien (ich freue mich schon auf das Konzert im Dezember).

In “American Cars” geht es um ein Geschwisterkind in einer kaputten Familiendynamik, was froh ist, wenn sein großer Bruder wieder da ist. Sein Zuhause fühlt sich nicht mehr wie ein Zuhause an, und der Bruder macht die Situation etwas leichter: “Make the house a home, you know how to talk”. 

Der vierte Song “Downfall” beschreibt aus der Sicht einer zurückgelassenen Person den Moment, kurz bevor eine geliebte Person wegzieht. Insgeheim hofft der Zurückgelassene, dass alles schief läuft, sodass die Person wieder zurückkommt: “So call me when it goes to shit, I’ll be keeping the house the way it was.” 

In “Paid time off” ist der Erzähler in einem mental schlechten Zustand, kann aber keine Worte mehr formulieren, wenn er anderen davon erzählt. Auch seine Beziehung tut ihm nicht mehr gut: “And your love is like an open flame, I’m a running car, and you’re a closed garage.” Trotz der ganzen Unzufriedenheiten scheint er sich nicht von diesem Zustand wegbewegen zu wollen: “Someone once said there’s a world out there, but I don’t care enough to drive that far.”

Der Titelsong “The Great Divide” ist ein weiterer Song, der wirklich unter die Haut geht. Thematisch behandelt er eine Freundschaft, die nur noch oberflächlich war, weil nicht über schwierige Themen gesprochen wurde, obwohl die andere Person gerade eine schwere Zeit durchgemacht hat. Besonders schön finde ich den Text ”I heard nothing but the bass in every ballad that you’d play while you swore to god the singer read your mind”. Der Erzähler denkt in dem Song aus einer heutigen Sicht an die Person zurück und hofft, dass es ihr besser geht: “I hope you’re scared of only ordinary shit, like murderers and ghosts and cancer on your skin, and not your soul and what he might do with it”. Weiterhin reflektiert er das eigene Verhalten, wenn es darum ging, bei der anderen Person nachzufragen. Heute wünscht er der Person: “I hope you’re with someone who isn’t scared to ask.” Ich finde, das ist eines der schönsten Dinge, die man einer Person wünschen kann, und ich liebe diese Zeile. 

In “Haircut” beschreibt er seine inneren Konflikte, mit denen er kämpft, seitdem er bekannt wurde. Er versucht weiterhin eine gute Version von sich zu sein, weiß aber auch, dass seine Motive teilweise performativ sind. Trotz seiner Bekanntheit kämpft er immer noch weiter mit seiner mentalen Gesundheit: “But at least I got a soul still, even if I’m in a bad place.”

“Willing and Able” beschreibt die Lage von zwei Personen, die sich oft streiten. Beide erzählen sich selbst die Lüge, dass sie den Mut hatten, die Heimatstadt zu verlassen. Beide sind ebenfalls bereit, für den üblichen Streit die Nacht durchzustreiten. Ganz am Ende singt Noah aber “Oh, I wish you could know me, and I wish I could know you much more sometimes. Wish I could do nothin‘ with you, sit in the yard while the day dies, leave it all on the table, and I’ll say, „I love you,“ and mean it this time” und schließt somit mit einem Friedenswunsch tief unter dem Streitwillen. 

Der neunte Song “Dashboard” ist ebenfalls einer meiner Favoriten. Es geht um eine Person, die aus ihrer Heimatstadt weggezogen ist, aber in der neuen Umgebung ähnliche Fehlentscheidungen trifft und immer noch die gleiche schlechte Person bleibt. Nur weil man vor Problemen wegrennt, heißt es nicht, dass sie verschwinden: “Look at you go, crossin‘ state lines with your shadow, tryna run away, change your zip code, turns out that you’re still an asshole. It ain’t our fault that you aren’t suddenly somebody else”.

“23” thematisiert eine Beziehung, die durch Sucht und Abhängigkeiten instabil wird. Distanzen entstehen, “’Cause if I never see you again, you could be anything I want”, und Alkohol wird trotzdem weiter als Coping-Mechanismus genutzt.

“Porch Light” beleuchtet die Perspektive seiner Mutter, die Noah schweren Herzens gehen lassen musste, sich dadurch einsam fühlt und sich Sorgen um ihren Sohn macht. Sie ist immer noch voller fürsorglicher Liebe und wartet geduldig auf ihren Sohn, der aber nicht zurückkommt: “I’ll leave the porch light on, heartbroken, each morning when it’s me that turns it off”.

“Deny, Deny, Deny” beschreibt wieder eine Freundschaft, in der nicht über schwierige Sachen gesprochen werden kann. Beide kennen mental schwierige Phasen, doch vor allem die angesprochene Person leugnet die Vergangenheit. Der Erzähler akzeptiert dies, weil er die Lügen der anderen Person nicht mehr hören will: “Oh, tell me when you were broken, do you still have a heart or has somebody stole it? But I’m far too tired to watch you lie, so let’s just watch TV”.

“Headed North” ist wieder ein Song mit vielen atmosphärischen Sommergeräuschen im Hintergrund, wie beispielsweise Grillenzirpen. Thematisch nimmt der Song wieder stark Bezug auf seine Heimatstadt und der Erzähler hofft, dass es für die Person bergauf geht: “I hope you’re headed north.” Was den Song für mich aber besonders herausstechend macht, ist die Hintergrundatmosphäre, die einen stark an ein Lagerfeuer am Sommerabend erinnert.

In “We go way back” geht es um die Zuhause-Gefühle in der Heimat, dass er dann letztendlich doch dem Tour-Leben vorzieht: Während er auf Tour mit “late flights and missed birthdays” kämpft, schätzt er die echten Beziehungen, die Naturgeräusche, die Routine oder das Wetter in seiner Heimat.

“Spoiled” beschreibt das zukünftige Leben, was er seinen Kindern irgendwann mal bieten möchte: Er kämpft sich jetzt auf der Tour ab und stellt sich dessen Schwierigkeiten, damit seine Kinder später einmal ein gutes Leben haben werden: “So they can watch me go to work, fall asleep on the couch, they’ll say, „I wanna be you, but I don’t wanna be that“”. 

“All them horses” bezieht sich wahrscheinlich auf eine Hochwasserkatastrophe, die sich in seiner Heimat ereignet hat, und die Schuldgefühle, die er hat, weil er währenddessen in Flugzeugen sitzt und sich bezahlen lässt. Trotzdem fühlt er sich oft einsam und denkt viel an die Stadt zurück. 

Der letzte Song “Dan” beschreibt die Freundschaft zwischen ihm und seinem langjährigen Freund Dan. Nach allem, was in seinem Leben passiert ist und nach allen Schwierigkeiten, die er in dem Album beschrieben hat, verbringt er immer noch Zeit mit seinem guten Freund Dan. Er beschreibt gemeinsame Erlebnisse in der Vergangenheit, und dass Dan immer wieder seine Einsamkeit verschwinden lässt. So endet das gesamte Album mit einem eher positiven Song: “Before the moment tries to disappear, don’t the sky look pretty up here?”

Insgesamt ist es ein tiefgründiges und emotionales Album, in dem man einen Einblick in verschiedene Perspektiven auf Noahs Leben nach dem Durchbruch bekommt. Klangtechnisch ähnelt es sich meiner Meinung nach sehr dem vorherigen Album “Stick Season”, wird aber in manchen Songs durch schöne Atmo-Sounds ergänzt. Besonders bemerkenswert finde ich die Tatsache, dass er sich in den Songs auch häufig Fehler eingesteht und nicht immer nur aus seiner Perspektive, sondern beispielsweise auch aus der seiner Mutter oder einem Geschwisterkind singt. Man merkt, dass er seinem poetischen Erzählstil und seiner folk-artigen Musik treu geblieben ist. Ich persönlich finde das Album wunderschön, und hoffe, dass es in den nächsten Wochen auch die verdiente Aufmerksamkeit bekommt. Denn für mich löst es definitiv ein ganz bestimmtes Gefühl aus: “The feeling of being alive for the first time in a long time”.