The Wild Boys – Verschwommene Grenzen auf hoher See

The Wild Boys zeigt die Erlebnisse von fünf Jungen, die nach dem Mord an ihrer Deutschlehrerin von einem Captain auf eine einsame Insel gebracht werden. Auf diesem Trip soll ihnen ihr gewalttätiges Verhalten ausgetrieben werden. Wer, warum auch immer, nach dieser Prämisse einen auch nur ansatzweise konventionellen Film erwartet wird schnell eines Besseren belehrt.

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Hier ein grober Umriss der ersten Szene: 

Titlecard. Meeresrauschen. Schreie. Vermutlich ein Name. Tanguy. Im Vordergrund eine Flasche. Im Hintergrund das Meer. Ein Junge läuft in den Frame. Er trinkt aus der Flasche. Er starrt in die Kamera. Er schlägt seinen Kopf auf einen Stein. Erneut Schreie. Der Junge schmeißt eine Kiste in ein Feuer. Er sackt zusammen. Eine Explosion. Ein Feuerwerk. Stimme aus dem Off: „Kennen sie die Geschichte von Tanguy? Tanguy und den wilden Jungs?” Ein vierbeiniges Wesen mit dem Kopf eines Menschen. Der Junge stammelt etwas über einen Captain. Das Wesen stellt sich auf den Jungen. Der Junge wird durch den Sand gezogen. Seemänner entkleiden ihn. Er hat eine weibliche Brust. 

Das ist eine Nachricht, die ich verfasst habe, nachdem ich den Film das erste mal gesehen habe. Einerseits erfreut es mich natürlich, wenn mich ein Film sprachlos zurücklässt. Andererseits ist dieser Umstand nicht gerade förderlich beim Schreiben einer Review. Deshalb entschloss ich mich drei Tage später dazu, den Film erneut anzuschauen. 

Das erste, was mir während dieser zweiten Sichtung auffiel, war, dass ich wahnsinnig viele Dinge vergessen hatte. Jedoch nicht etwa, weil sie vergessenswert gewesen wären, sondern eher aufgrund der schieren Masse an unerwarteten Geschehnissen. Ereignisse haben sich scheinbar in meinem Kopf gegenseitig überschrieben, um einer vollkommenen Reizüberflutung vorzubeugen. Elina Löwensohn beschreibt diesen Umstand in ihrem Making-of À côté du volcan folgendermaßen: “Das waren kurze, flüchtige Momente, denn die Erinnerung behält hauptsächlich Gefühle.”

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Hierzu trägt auch die Ästhetik des Films einen großen Teil bei. Während sich der Großteil des Films in kontrastreichen Schwarz-Weiß-Bildern präsentiert stechen einzelne, teilweise nur einige sekundenlange, Momente durch ausdrucksstarke Farben hervor. Funkelndes Glitzern der Wellen wechselt sich mit jeder Menge Phallussymbolen ab. Mal wurden Szenen on Location gedreht, mal sind sie offensichtlicherweise in einem Studio entstanden und brechen mit allem bisher gezeigten. Gewalt jeglicher Natur wird nur indirekt und ästhetisiert gezeigt. Der Film wurde in seiner Originalfassung komplett nachsynchronisiert. Wie das Meer wechselt der Stil des Films innerhalb von wenigen Sekunden von einem ruhigen Treiben hin zu einem rasanten Wellenritt.  Eingerahmt wird das alles durch eine Vignette. 

“Vignetten-Bilder sind ornamental, demonstrieren den Status des Bildes aufs Deutlichste und sind oft als Schlüsselbilder gegen den Verlauf der Handlung gesetzt, der Zeit der Handlung enthoben.” Quelle

Vielleicht ist es gerade diese Bildhaftigkeit und die Absurdität dieser gemächlichen Wildwasserbahn, die dazu führte, dass ich mich bei meiner ersten Sichtung nur schwer auf die Handlung des Films einlassen konnte.  

Auch wenn ich nicht von mir behaupten würde jede stilistische Entscheidung nachvollziehen zu können bin ich weit davon entfernt dem Film vorzuwerfen er würde Style over Substance priorisieren. Viel mehr ist ist der Style Teil der Substanz. Denn während es innerhalb der Handlung so scheint als ob man klare Dichotomien ziehen könnte wird genau diese Annahme durch die Inszenierung subversiv untergraben. 

Um diese Behauptung zu untermauern muss ich mich nun in das Territorium der Spoiler vorwagen. Sagt nicht, ich hätte euch nicht gewarnt. Die fünf Jungs werden auf die Insel geschickt, da diese sie in Frauen verwandeln kann. Frauen, so die Logik einiger Figuren, sind von Natur aus im Gegensatz zu Männern weniger aggressiv. Somit wird das Problem mit den Jungen effektiv gelöst. Das klingt erst einmal wahnsinnig sexistisch.

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Aber was wäre, wenn ich euch sagen würde, dass jeder der fünf Jungen von einer Frau gespielt wird? Dieser inszenatorische Kniff alleine würde schon vollkommen genügen, um mit den innerhalb der Handlung präsentierten klassischen Geschlechterrollen zu brechen. Betrachter*Innen wird buchstäblich vor Augen geführt, dass Frauen dazu in der Lage sind sich “männlich” zu verhalten. Das Konglomerat an anderen ästhetischen Merkmalen unterstreicht in meinen Augen diese Ablehnung einer klaren Trennung. Es gibt keine Ruhepole, an denen man sich orientieren kann. Kein Leuchtturm weit und breit. Was ist männlich? Was ist weiblich? Die einfachen Antworten, die innerhalb der Story geäußert werden, kentern in einem Meer eines ästhetischen, scheinbar nie enden wollenden, Ergusses. 

Also… glaube ich jedenfalls. So ganz sicher bin ich mir da nach wie vor nicht. Aber genau deshalb gefällt mir der Film so gut. Er zwingt Zuschauer*Innen sich näher mit dem Gesehenen zu befassen und liefert keine einfachen Antworten. Da er schnell das Gefühl vermittelt, dass jederzeit Alles passieren könnte, erzeugt er selbst in seinen ruhigen Momenten eine Spannung, die man so nur selten fühlt. Da man dieses Gefühl wohl kaum im Mainstream findet dürft ihr diese Review gerne als Aufruf verstehen die Segel zu setzen und in den Weiten der Filmgeschichte nach alten und neuen Schätzen Ausschau zu halten. Es lohnt sich! 

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