Mommy – Mein Film des Jahrzehnts

Das Jahr neigt sich dem Ende zu und die alljährlichen Top Listen lassen bestimmt nicht mehr lange auf sich warten. Hier die Top 10 Filme des Jahres, da die besten verpassten Geheimtipps und natürlich warum die Filme XY und Z noch einmal eine zweite Chance verdient haben. Da wir uns in der Silvesternacht zudem noch von den 2010er Jahren verabschieden, werden wir diese Listen bestimmt auch noch in der Dekaden Variante erhalten. Die vergangenen Zehn Jahre hatten dabei wie jedes andere Jahrzehnt ihre ganz eigenen Entwicklungen mit Höhen und Tiefen. Superheldenfilme regierten das Box Office wie kein anderes Genre, Star Wars kehrte zurück, Harry Potter fand seinen Abschluss, es ging erneut nach Mittelerde, 20th Century Fox wird aufgekauft und und und.

Doch die Analysen, die Recaps, die Superlativen und aufgestellten Rekorde sollen hier nicht Thema sein. Hier soll das vergangen Film-Jahrzehnt, etwas kleiner, etwas persönlicher zu Ende gehen. Mit der Frage: Wenn du aus dem vergangenen Jahrzehnt nur einen (!) einzigen (!!) Film empfehlen könntest, welcher wäre es? 

Ich dachte, dass mir meine Wahl ziemlich leicht fallen würde, malte mir in meinem Kopf schon mögliche Formulierungen für Arrival, Scott Pilgrim oder La La Land aus. Alles Filme, die ich definitiv zu meinen Lieblingsfilmen der letzten 10 Jahre, wenn nicht sogar allgemein zu meinen Favoriten zähle. Doch nachdem ich zur Inspiration ein paar “Dies sind die besten Filme der letzten 10 Jahre” gelesen hatte fiel mir auf, dass ich einen Film darauf schmerzlich vermisste: Mommy von Xavier Dolan.

Mommy wurde mir vor knapp zwei Jahren von meinem werten Mitbewohner aufgezwungen. Ich schreibe aufgezwungen, weil Mommy auf dem Papier zielsicher Punkte abhakt, die mein Interesse gegen Null sinken lassen:

Ein Sozialdrama, welches sich um eine Mutter und ihren an ADHS leidenden, aggressiven, Sohn dreht, welche sich dann mit der Nachbarin anfreunden. Gähn.

Da das Ganze im Osten Kanadas stattfindet muss zudem entweder mit deutscher Synchro oder im französischen O-Ton mit Untertiteln geschaut werden. Und wie jeder ernsthafte Filmfan schließlich weiß sind Synchronisationen ein Unding und achja Untertitel lesen… anstrengend. Apropos anstrengend: Zu sehen gibt es Mommy nicht im prachtvollen 16:9 sondern im 1:1 Format mit fetten schwarzen Balken am linken und rechten Bildrand. Alles in Allem eine Mischung, bei der ich damals gern dankend abgelehnt hätte; nein passt schon, haben wir vielleicht noch etwas Horror-Action-Sci-Fi-mäßiges da?

Doch dann war der Film fertig. Und ich auch. Denn das zunächst vielleicht sperrige wirkende Werk von Regisseur Xavier Dolan entwickelt innerhalb seiner gut Zwei Stunden langen Laufzeit eine unfassbare Sogwirkung. Das liegt unter anderem daran, dass alles in Mommy wie aus einem Guss wirkt: Kamera, Musik, Darsteller, Story und Plot gehen hier eine Symbiose ein, die nur in der vorhandenen Form überhaupt Sinn ergibt. Der enge 1:1 Look geht Hand in Hand mit den stimmungsvollen, warmen Bildern und schafft eine ungewohnte, fast schon Intime Nähe zu den Charakteren. Diese wiederum sind eigen, störrisch, laut verletzend und verletzlich, was diese Nähe mal unangenehm, mal versöhnlich macht. Mommy wird dabei im Laufe seiner Handlung zum emotionalen Auf und Ab; steigert sich wie seine Hauptfigur Steve in Emotionen hinein nur um dann wieder zur ernüchternden Realität zurückzukehren.

Und an Emotionen wird im Laufe der Handlung nicht gespart; wenn der 15-jährige Steve und seine Mutter Diane sich streiten, dann fliegen die Fetzen, wenn sie sich vertragen, dann möchte man sie am liebsten in den Arm nehmen. Dolan zeichnet hier das Bild zweier vom Leben enttäuschter Menschen, die nicht mit- und auch nicht ohne einander können. Sie musste durch die Schwangerschaft ihre Träume und eigenes Leben aufgeben, er hingegen gleicht einem menschlichen Pulverfass, schwankt permanent zwischen Liebe und (Jäh-)Zorn. Diese Konstellation sorgt permanent für Reibung. Es wird Laut, durch die nahe, persönliche Kamera sogar unangenehm. Gerade durch diese schafft es Mommy aber das Auf und Ab der beiden, sowohl im Leben als auch in ihrer Beziehung zueinander in intensive, aber nie verkünstelte Bilder zu packen.

Untermalt wird das Ganze dann mit einem Soundtrack, der aus bekannten Tracks aus Pop und Klassik besteht, welche Mal als der Teil der Handlung auftreten, mal Szenen kraftvoll begleiten. Mommy gelingt dabei das Kunststück sogar ausgelutschten, in der Popkultur verspotteten, Liedern wieder emotionale Kraft und Tragweite zu verleihen. In anderen Film hätte dieser Soundtrack vielleicht kitschig gewirkt, hier fügt er sich wie ein Puzzleteil ins große Ganze ein, dass ohne diesen nicht existieren würde. Mommy ist damit mehr als die Summe seiner Teile wie man so schön sagt. Nur das die Teile für sich schon verdammt gut sind.

Denn Mommy schafft es zugleich schön, künstlerisch, authentisch und ehrlich zu sein. Er erreicht dabei zwar nie die bedrückend authentische Intensität wie sie thematische ähnliche Filme auffahren (etwa der deutsche Film Systemsprenger), ist aber durch seine Kamera, Musik und Charaktere, einfach eine Erfahrung.

Ich habe hier eher über Emotionen als über die Handlung geschrieben. Diese zu beschreiben ist zwar möglich, jedoch nicht notwendig. Denn der Film funktioniert vorrangig über die Gefühle seiner Charaktere und resultierend daraus, die der Zuschauenden. Für manchen mag er vielleicht genau deswegen nicht funktionieren und stellenweise zu dick aufgetragen sein. Für Menschen, die keine emotionalen Eisklötze sind, wird er jedoch zur audio-visuellen-emotionalen Erfahrung.

Und genau so etwas, solche Erfahrungen, darf es in den nächsten 10 Jahren gern mehr im Kino geben.