© Murnau Stiftung

Nosferatu.

Tönt dieses Wort dich nicht an wie der mitternächtliche Ruf eines Totenvogels. Hüte dich es zu sagen, sonst verblassen die Bilder des Lebens zu Schatten, spukhafte Träume steigen aus deinem Herzen und nähren sich von deinem Blut.

Booooom. Was ein Intro. Mit der Einblendung dieses Textes eröffnet der deutsche Regisseur Friedrich Wilhelm Murnau seinen 1922 erschienenen Film Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens, der als einer der einflussreichsten Filme der deutschen und internationalen Filmgeschichte gilt, das Horrorgenre maßgeblich prägte und als Standardwerk des deutschen expressionistischen Kinos gehandelt wird. Der Film erzählt die Geschichte des blutsaugenden Grafen Orlok, der erst einen jungen Mann, der ihm eine Immobilie verkaufen will, dann eine Schiffscrew, und schließlich eine ganze Stadt terrorisiert. Falls euch diese Handlung nun erstaunlich bekannt vorkommt, ist dieser Umstand keinesfalls dem Zufall geschuldet. Nosferatu war eine seinerzeit unautorisierte Adaption von Bram Stokers Roman Dracula, die ihren Plagiatscharakter hinter den abgeänderten Namen der Hauptfiguren und der Umsiedlung der Handlungsstätte an die deutsche Ostseeküste kaum verbergen kann. Eine Besonderheit des Films, die ihn unter anderen Vertretern des deutschen Expressionismus herausstechen lässt, ist die Verwendung von Außenaufnahmen und realen Schauplätzen. Neben für das Weimarer Kino üblichen Studioaufnahmen zeigt Nosferatu auch Wismar, Lübeck, Sylt und die Karpaten als Schauplätze. Besonders einer dieser Drehorte ist heute für seinen Auftritt in Murnaus Film bekannt: Die Ostseehafenstadt Wismar, im Film Wisborg genannt, ist mit einigen Einstellungen und Szenen in Nosferatu vertreten.

Als großer Verehrer von Murnaus Film vernahm auch ich eines Tages den eingangs erwähnten Ruf des Totenvogels und nahm mit meinem Freund Lorenz (ja, der heißt wirklich so) 10 Stunden Fahrt in diversen Regionalzügen der Bundesrepublik auf mich, um der Stadt und ihren Filmlocations einen gebührenden Besuch abzustatten. Hierbei sei vorerst gesagt: Wismar ist auch ganz unabhängig von Nosferatu als Reiseziel zu empfehlen. Die historische Altstadt ist wunderschön, der alte Hafen und die kleinen Gassen sind ebenfalls sehr sehenswert. Nun aber zurück zu meiner Pilgerfahrt. Erster Halt auf meiner Nosferatour war der Wismarer Marktplatz, der in einer Totalen als Opening Shot des Films gezeigt wird. An den meisten Drehorten finden sich in Wismar in den Boden eingelassene Tafeln, die darauf hinweisen, dass man sich gerade auf filmhistorisch geheiligtem Boden bewegt. Die Stadt Wismar hat den Grafen Orlok ohnehin zu etwas ähnlichem wie ihrem Stadtpatron ausgerufen: Man kann in Wismar eine Nosferatour getaufte Mischung aus Theateraufführung und Stadtführung mit 4 Meter hohen Puppen sowie ein in einer Kirche aufgeführtes Theaterstück zur Nosferatu-Thematik besuchen (letztere hätten mir sicher einen Sarg aus der Requisitenabteilung ausleihen können, um meine Rekonstruktion der Filmszenen auf ein neues Level der Authentizität zu heben). Das filmhistorische Erbe der Stadt lebt also – und das begrüße ich. Dennoch blieb ich weiter bei meiner ganz eigenen Mission. Als nächstes stand das Wassertor an, ein historischer Torturm in der Nähe des Hafens. Hier entstand eine besonders ikonische Aufnahme, in der der Graf nach seiner Ankunft im Hafen mit einem Sarg unterm Arm durch das Tor die Stadt betritt. Der nächste Drehort jedoch sollte für einen sehr besonderen Moment sorgen.

Einen Moment, den man ohne zu Zögern als den Höhepunkt meiner Reise bezeichnen kann. Durch einen backsteinernen Torbogen unweit des Kirchenportals erreichten wir einen Innenhof, der mir sofort vertraut erschien. Obwohl er im Film nur kurz in zwei Einstellungen auftritt, zählt der Innenhof der Heiligen-Geist-Kirche zu den vermutlich markantesten Nosferatu-Drehorten der Stadt. Der Grund könnte schöner kaum sein: Der Hof ist nach 100 Jahren nahezu unverändert geblieben und sieht noch immer ziemlich genau so aus wie zu Zeiten Murnaus. Während ich mit mikroskopischer Präzision die genauen Positionen von Darstellern und Murnaus Kamera ermittelte, wurde aus dem lautlosen Nieselregen des grauen Vormittags langsam ein amtlicher Schauer. Letztlich drückte ich Lorenz meine glücklicherweise wasserdichte Analogkamera in die Hand. Ich positionierte mich an der (durch mangelnde Vermessungsinstrumente sowie unterdurchschnittliches räumliches Denkvermögen weniger) genauen Position des Hauptdarstellers Max Schreck. Eine der hierbei entstandenen Fotografien wurde auf Schwarz-Weiß-Film festgehalten, wodurch es in seiner Visualität wenigstens annähernd dem Originalfilm ähnelt, weshalb ich sie euch nicht vorenthalten will.

Neben Wismar hat vor allem eine weitere norddeutsche Stadt, die komfortablerweise nur eine Stunde Bahnfahrt entfernt liegt, einige Auftritte in Nosferatu: Unser nächstes Ziel hieß Lübeck. Auch Lübeck ist wunderschön und auch unabhängig von Nosferatu ausgesprochen sehenswert, aber überspringen wir das: Die Lübecker Salzspeicher dienen im Film (und auch in Werner Herzogs Remake von 1979) als die vom Grafen in Wisborg bezogene Wohnung. In einem ikonischen Bild des Films blickt Max Schreck als Graf Orlok aus einem Fenster des Speichers auf das Objekt seiner Begierde, die gegenüber wohnende Ellen Hutter. Leider finden sich in Lübeck (außer der zahlreichen von irgendwem angebrachten Nosferatu-Sticker) keine Hinweise auf die Drehorte, wobei es mir dennoch ein leichtes war, das genaue Fenster zu identifizieren, wie ihr auf folgendem Foto sehen könnt.

Ein weiterer Drehort in Lübeck ist der historische Aegidienkirchhof, der im Film das Wohnhaus der Hutters darstellt. Auch hier gilt wie bei fast allen Nosferatu-Drehorten in Wismar und Lübeck: Die Location ist nahezu unverändert. So gab mir auch der Aegidienkirchhof ein fast etwas unheimliches Gefühl der Nähe zu einem Film, der immerhin über 100 Jahre alt und somit vermeintlich weit von unserer heutigen Lebensrealität entfernt ist. Die Aura der Drehorte ist jedenfalls auch nach all dieser Zeit ungebrochen. Steht man also vor den Salzspeichern, im Innenhof der Heiligen-Geist-Kirche, unterm Wismarer Wassertor oder im Aegidienkirchhof, kann man die Atmosphäre des Films auf besondere Weise nachfühlen uns sieht nahezu vor sich, wie Nosferatu dem verschlafenen Ostseestädtchen ein blutiges Ende zu bereiten droht.

So ist es nun auch an der Zeit, mit diesem Reisebericht Selbiges zu tun. Nach 5 Tagen in und um Wismar endete meine Pilgerfahrt in die unheiligen Stätten des Grafen Orlok. Und was soll ich sagen? Ich kann eine solche Tour sehr empfehlen. Es macht eine Stadtreise ungemein interessanter, wenn man den Ort durch das Ablaufen bestimmter Punkte kennenlernen kann. Ich jedenfalls kann euch eine Reise zu den Drehorten eurer Lieblingsfilme nur empfehlen. Und selbstverständlich kann ich es all jenen, die Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens noch nicht gesehen haben, nur nahelegen, dies zeitnah nachzuholen. Dank seiner ikonischen Kameraarbeit, großartigen Kostüme und Sets sowie seiner packenden Handlung ist der Film nicht nur bedeutender Bestandteil der deutschen Filmgeschichte, sondern bietet auch bis heute ein spannungsgeladenes, interessantes und beeindruckendes Filmerlebnis.