„Ich komme aus einer Welt, die mir nicht von mir erzählt hat.“ So zitiert das SZ-Magazin Tucké Royale, eine*n der sechs Mitbegründer*innen der Initiative #actout. 185 lesbische, schwule, bisexuelle, queere, nicht-binäre und trans*-Schauspieler*innen fordern im #actout-Manifest mehr Sichtbarkeit, Anerkennung und Diversität in Film, Fernsehen und Theater. Ähnliches fordert auch die 2018 gegründete Queer Media Society: „7,4% der in Deutschland lebenden Menschen bezeichnen sich als lesbisch, schwul, bisexuell oder trans. [..] Wir fordern daher, dass 7% des turnusmäßigen Outputs aller Medien-Produktionen mit LSBTTIQ*-Inhalten und -Akteur*innen belegt werden.“ Von der Zielmarke sei man derzeit jedoch weit entfernt. Insbesondere das öffentlich-rechtliche Fernsehen hinkt zurück. Zwar gab es 1990 in der Lindenstraße den ersten Serien-Kuss zwischen zwei Männern, aber was kam danach? Wo stehen ARD, ZDF und die Dritten Programme heute? Was lief in der Vergangenheit schief? – Eine kritische Bestandsaufnahme.

Schwule Storys und der Bayerische Rundfunk

1973 sendet die ARD erstmals den Rosa-von-Praunheim-Film Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt. Es ist der erste Spielfilm, der im bundesweiten Fernsehen gleichgeschlechtliche Liebe thematisiert. Schon 1971 diskutierten die Programmchefs die Premiere des Films, entschieden sich aber für eine begrenzte Ausstrahlung im Nachtprogramm des WDR. Und selbst die bundesweite Ausstrahlung 1973 war eingeschränkt. Der Bayerische Rundfunk klinkte sich aus und zeigte stattdessen einen finnischen Spielfilm. Auch 1977 verzichtet der BR unter dem damaligen Intendanten Reinhold Vöth (1972-1990 Intendant des BR, 1958-1972 Landtagsabgeordneter der CSU) auf die Ausstrahlung von Wolfgang Petersens Die Konsequenz. Der Film erzählt von der Beziehung eines erwachsenen Schauspielers zu einem 16-jährigen Jungen. 

Szene aus Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er lebt
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Angesichts dieser Historie ist es wenig überraschend, dass der Bayerische Rundfunk 1990 auch Folge 244 der Lindenstraße einen Sendeplatz verweigerte. Die Folge zeigt den ersten gleichgeschlechtlichen Kuss der deutschen Seriengeschichte. Damals ein Meilenstein und ein Skandal zugleich. Die Schauspieler Georg Uecker und Martin Armknecht, die die schwulen Charaktere in der Vorabendserie verkörperten, bekamen Morddrohungen und wurden über mehrere Monaten hinweg unter Personenschutz gestellt. Der Bayerische Rundfunk argumentierte aufgrund „moralischer Bedenken“ gegen die Ausstrahlung. 

Vorabendserien als Vorreiter

Im Jahr 2021 scheint die Repräsentation von LGBTQIA+ Charakteren im deutschen Fernsehen, anders als noch vor dreißig Jahren, Normalität zu sein. Die Vorabendserien Gute Zeiten Schlechte Zeiten, Unter Uns (beide RTL), Lindenstraße und Verbotene Liebe (beide ARD) waren in den 2000ern Vorreiter für queere Sichtbarkeit im deutschen Fernsehen. Inwiefern viele dieser Serien stereotype Klischees reproduzierten oder Coming Outs in Vergangenheit und Gegenwart skandalisierten ist eine andere Frage und teilweise auch der Pionierarbeit geschuldet. Seitdem hat sich gesellschaftlich und politisch viel verändert. 2017 wurde die Ehe für Alle legalisiert und Menschen, die unter Paragraf § 175 diskriminiert wurden, entschädigt und rehabilitiert. Auch die unfreiwillige Teilnahme an Konversionstherapien wurde 2020 verboten. Durch den Bildungs- und Kulturauftrag verpflichtet sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk heute der medialen Repräsentation von Minderheiten und der Abbildung einer pluralen und diversen Gesellschaft. Deshalb stellt sich die Frage, wo genau die Programmvielfalt 2021 steht und wo und wie oft sie über „Geschichten […] des weißen heterosexuellen Mittelstandes“ hinausgeht.

Der Versuch, Sturm der Liebe als queere Repräsentation zu verkaufen

Nach 43 Jahre gab es mit Liz Ritschard 2013 die erste lesbische Tatort-Kommissarin. 2016 dann die erste schwule Sexszene der Tatort-Geschichte. Aktuell ermitteln und verlieben sich in der ARD-Krimireihe Tödliche Geheimnisse zwei lesbische Journalistinnen. Auch im Barcelona-Krimi verkörpert Clemens Schick einen bisexuellen Kommissar. Queere Personen existieren im an sich schon konservativen TV-Format des deutschen Krimi, auch wenn die ARD-Inhalte lange nicht an die geforderten 7% der QMS herankommen. 

Post-#actout verweist Das Erste hinsichtlich der aktuellen LGBTQIA+-Repräsentation auch auf eine queere Storyline in Sturm der Liebe. Die Telenovela läuft seit 15 Jahren täglich um 15.10 in der ARD. Mittlerweile gab es 17 Hauptpaare, jedes davon heterosexuell. Wenn man in jeder Staffel drei zusätzliche Liebesgeschichten in Nebensträngen hinzuzählt kommt man auf ca. 70 Paare. 2017 gab es darunter ein Schwules. 2020 deutet der Social Media Kanal der Serie ein weiteres schwules Paar an. In einem Instagram-Post stellt sich die Storyline als Aprilscherz heraus. Sich für eine schwule Storyline in 17 Jahren auf die Schulter zu klopfen und gleichzeitig gleichgeschlechtliche Liebe als Witz zu verkaufen fasst die Sichtbarkeit queerer Liebesgeschichten im Öffentlich-Rechtlichen adäquat zusammen. Auch Rosamunde Pilcher hat leider nie einen Roman über die Liebe zweier Frauen geschrieben, die von einer neoliberalen Großmutter auf einem Pferdegut in Cornwall und einem tragischen dritten Akt auf die Probe gestellt wurde. 

Konversionstherapie und Dahoam is Dahoam

In den Dritten Programmen gab es in den letzten Jahren durchaus Veränderungen. Der RBB veranstaltet seit drei Jahre eine queere Filmreihe und zeigte 2020 unter anderem Siebzehn, 120 BPM und Rafiki. Die Filmreihe ist die erste ihrer Art im deutschen Fernsehen. Bleibt die Frage, warum auch hier die Ausstrahlung ins Nachtprogramm (frühestens 23.30) verbannt wird, denn dass queere Geschichten familientauglich sind, ist nach jahrzehntelanger Zensur auch in der Münchner Senderzentrale des BR angekommen. Einen großen Schritt von 1973 in die Gegenwart macht derzeit die hauseigenen Vorabendserie Dahoam is Dahoam, die mit Sarah und Jenny ihre erste lesbische Liebesgeschichte erzählt.

Jenny und Sarah aus Dahoam is Dahoam
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Mit Laura Tahina wurde ein Teil des Paares mit einer queeren Schauspielerin besetzt und auch ein Kuss zwischen Sarah und Jenny wurde ausgestrahlt. Dennoch zeigt der Umgang der Serie mit dem lesbischen Paar, dass es im Öffentlich-Rechtlichen derzeit nicht nur an Quantität sondern auch an der Qualität queerer Repräsentation mangelt: „A Madl, des a Madl liebt, kann doch net die Leitung von der Pfarrjugend übernehmen.“, „Wennst amal wissen willst wies mit nem Moa so is.“, „Solchane kömma in Lansing scho glei ganet braucha.“ An Ideen für homophobe Beleidigungen mangelt es den Drehbuchautor*innen der eigentlich seichten Vorabendserie nicht. Der katholische Dorfpfarrer bietet Sarah, die im Laufe ihres Coming-Outs die Leitung der Pfarrjugend verliert (und zeitweise von ihrem Onkel verstoßen wird), obendrein noch die Teilnahme an einem Konversions-Seminar an. Wenn der Staat 2020 die Menschenfeindlichkeit von Konversionstherapien gesetzlich festschreibt, stellt sich die Frage, ob eine solche Storyline 2021 doch mehr schadet als sie der Sache der gesellschaftlichen Akzeptanz Gutes tut. Diskriminierende Strukturen in der Gesellschaft und der katholischen Kirche zu thematisieren ist wichtig – queere Charaktere allein durch die vielfach erfahrene Diskriminierung zu charakterisieren aber nicht zielführend. 

Die Kunst mehrere Buchstaben zu repräsentieren

Einer der wenigen Lichtblicke ist die Jugend-Webserie Druck, die seit 2018 unter dem Schirm von Funk, dem jungen Medienangebot von ARD und ZDF realisiert wird. Die Serie, die komplett auf Youtube verfügbar gemacht und multimedial auch über Instagram und WhatsApp erzählt wird, ist eine der wenigen, die es derzeit schafft, von mehr als einer queeren Identität zu erzählen. Das Setting bleibt jede Staffel gleich: Die Charaktere gehen in die Oberstufe und jede Staffel folgt einer neuen Hauptfigur. Die aktuell sechste Staffel folgt Fatou, einer Schwarzen, lesbischen Teenagerin, die sich in ihre vietnamesisch-deutsche Mitschülerin Kieu My verliebt. Schon die dritte Staffel erzählte die Geschichte von Matteo und seiner Beziehung zu trans* Mitschüler David (gespielt von trans* Schauspieler Lukas von Horbatschewsky).

Druck erzählt fiktional von einer queeren, postmigrantischen deutschen Gesellschaft. Dass die Serie existiert ist ein Erfolg, auch wenn sie kein sendereigenes Original, sondern eine Adaption der norwegischen Serie Skam ist. Dennoch, zumindest in der Jugendsparte kommt das öffentlich-rechtliche Fernsehen der Erfüllung des Grundversorgungs- und Kulturauftrags nahe. Auch in Schloss Einstein gibt es seit drei Jahren, gut 20 Jahre nach der Erstausstrahlung, queere Jugendliche.

Fazit

Mit 20% LGBTQIA+-Hauptcharaktere ist Druck einen Schritt in die richtige Richtung und anders als Sturm der Liebe oder Dahoam is Dahoam ein glaubwürdiges, wenn auch seltenes Beispiel erfolgreicher LGBTQIA+-Repräsentation im Öffentlich-Rechtlichen. Zu beanstanden bleibt, dass die Serie aufgrund ihrer nicht-linearen Ausstrahlung nur einem kleinen Publikum zugänglich ist. Mit 2 Minuten und All You Need (über das Leben von vier schwulen Männern in Berlin) hat die ARD ebenfalls zwei Miniserien mit queeren Hauptcharakteren konzipiert hat, die allein in der ARD-Mediathek veröffentlicht werden. Den Programmverantwortlichen scheint hier immer noch der Mut zu fehlen für eine lineare und der breiten Masse zugängliche Ausstrahlung. Auch die oben genannten Krimi-Reihen Tödliche Geheimnisse und der Barcelona-Krimi kommen in den letzten fünf Jahren lediglich auf sieben ausgestrahlte Folgen. Queeres Herzkino bleibt nonexistent. Auch geht die zunehmende Sichtbarkeit schwuler, lesbischer und bisexueller Charaktere in den letzten Jahren nicht mit einer Zunahme der medialen Repräsentation von trans*, nonbinären oder asexuellen Menschen einher. 

Der Grundversorgungsauftrag besteht nicht allein zur Bespaßung der weißen Mittelschicht und den Rundfunkbeitrag zahlen queere Menschen nicht weniger als cis-Heteros. Queeres Leben im Öffentlich-rechtlichen Fernsehen bleibt dennoch auch 2021 eine marginalisierte Erzählform. Die von der QMS geforderte 7% Marke ist ein erreichbares, aber konservatives Ziel, wenn man bedenkt, dass das US-amerikanische Fernsehen und diverse Streaming-Plattformen mit eigenen Produktionen seit Jahren eine Quote von gut 10% erreichen. Dem angestaubten Krankenhaus-Krimi-Hetero-Kitsch-Programm der Öffentlich-Rechtlichen könnte etwas mehr Queerness nicht schaden. Mit Blick auf die eigene Zukunftsfähigkeit, aber auch damit die Tucké Royals der Zukunft ihre Welt nicht noch einmal allein erfinden müssen.