Wie ich einmal in die Rosi wollte… Alligatoah Teil II

Alligatoah

Wie ich einmal in die Rosi wollte…

… schließlich in der Oberfrankenhalle landete und dann doch enttäuscht wurde.

“Richtig schlecht, oder?“

Alligatoah hatte gerade seinen Ohrwurm „Willst du..?“ performt und war unter lautem Getose hinter dem roten Vorhang der Oberfrankenhalle verschwunden, als mich eben genannte Nachricht via WhatsApp erreichte. Ich war bis zu diesem Zeitpunkt noch zu verwirrt, um meine Gedanken in Worte und Sätze zu fassen und torkelte etwas benommen in einer Masse von 14 – 16-Jährigen Mädchen zum Ausgang.

Was war geschehen? Hier eine kurze Zusammenfassung der bisherigen Ereignisse:

  • 1. Alligatoah veröffentlicht sein drittes Album „Triebwerke“. Dieses landet prompt auf Platz 1
    der Albumcharts und erlangt vor allem durch die Single „Willst du“ einen enormen
    Bekanntheitsgrad (zurecht!)
    hh
  • 2. Alligatoah’s Tourplan sieht vor, dass er nach Bayreuth kommt. In die Rosi. Direkt neben
    meiner Wohnung. Wow. Karten holen und abfeiern!
    hh
  • 3. Ich bekomme keine Karte für das Konzert und schreibe im Dis+Positiv Blog,
    warum ich Alligatoah so unglaublich gut finde und beschwere mich (wie man das als echter
    Fan numal so tut 😉 ) über „Modefans“ (Siehe dazu: „Meine Band“ – Alligatoah)
    hh
  • 4. Über den Dis+Positiv Blog bekommen ich einen Interview-Termin mit Alligatoah kurz vor
    seinem gestrigen Konzert, welches aufgrund der Karten-Nachgfrage in die Bayreuther
    Oberfrankenhalle verschoben wurde und freue mich wie ein kleines Mädchen.
    hh
  • 5. Das Management sagt dem Dis+Positiv kurzfristig ab, der Künstler sei erkrankt und brauche
    Ruhe. Ich bin zwar etwas traurig, gehe aber trotzdem zum Konzert in die nicht
    ausverkaufte Oberfrankenhalle.

Soweit die Tatsachen. Ein geplatztes Interview ist erstmal kein Beinbruch, das ist soweit okay und Journalistenalltag. Der Künstler sei erkrankt, hieß es, und müsse sich schonen. Dass das Ganze keine Ausrede war, bestätigte Alligatoah kurz nach dem Konzert via Facebook:

Álligatoah

Aber fangen wir erstmal am Anfang an. Gut gelaunt zog ich also mit einem buntgemischten Haufen Bekannter und unbekannter Menschen in Richtung Oberfrankenhalle. Das konnte nur ein guter Abend werden! Aber Fehlanzeige. Support-Act Sadi Gent rappte ca. 30 Minuten solide einige Tracks herunter und machte Werbung für sein Album “bis dato“. Der Typ gefiel mir, seine Songs waren zwar ein wenig melancholisch, aber nicht kitschig und hatten definitv Ohrwurm-Potenzial. Klar, eine Riesenstimmung wurde damit jetzt nicht angeheizt. Aber dafür war ja Alligatoah zuständig. Und dann ging es auch schon los. Nach dem „Triebwerke“ – Intro und dem von als Butler verkleidetem BattleBoi Basti final ausgerufenem: „[…]Und dieser Mann, ist heute hier!“ lichtete sich unter mädchenhaftem Gekreische der Vorhang und Alligatoah kam – als Indiana Jones verkleidet – zum Vorschein. Verkleidungen. Das war das beherrschende Thema des Abends. Nachdem Alligatoah – supportet durch Butler-Boi Basti, besser bekannt als „der VBT Finalist, der sich als Kind verkleidet“ – mit „Wer weiss“ so richtig loslegte , passierte im Publikum stimmungsmässig erst einmal nichts.

Verdutzt drehte ich mich um und suchte nach Gründen des fehlenden Jubelns. War irgendjemand tot umgefallen? Neben mir gingen einige Arme hoch, jemand trank eine Cola, ein kleines Mädchen rief „Basti“ und dann erkannte ich den Grund für die fehlende Stimmung. Alle waren zu beschäftigt mit Fotos und Videos machen.

DSC_0326Auf diesem Foto habe ich versucht möglichst viele Smartphones zu fotografieren. Hat nicht funktioniert.

WARUM zum Geier stellt man sich mitten in einen Konzertsaal und filmt in billiger Sound- und Videoqualität einen Künstler, dessen Musik man sich auch einfach mit den guten alten Ohren LIVE und direkt anhören kann? Warum machen das Menschen? Werden auf deutschen Schulhöfen nicht mehr Prügelvideos gedealt, sondern Alligatoah Konzert-Videos? Was soll das?! Ein paar Fotos machen ist ja cool. Aber warum bitte zücken mitten im Konzert vor mir vier Jungs wie Roboter gleichzeitig ihre Smartphones und drücken schonmal vorsichtshalber auf Aufnahme, weil sie glauben, das das Schauspiel, was gerade auf der Bühne stattfindet, das Intro zu „Willst du“ ist? Wie im Theater. So habe ich mich die meiste Zeit gefühlt. Klar, Alligatoah ist „Schauspiel-Rapper“ und schlüpft in seinen Songs in diverse Rollen. Aber muss es denn wirklich sein, dass er sich während des Konzerts ungefähr fünfmal umzieht und nach jedem, ja wirklich nach jedem (!) Song mit BattleBoi Basti in einen durch und durch choreographierten Dialog inklusive inszenierter Peitschenhiebe, fiktiver Reise nach Jerusalem-Spielen und vielen weiteren lustigen dramatischen Höhepunkten des Abends unterhält?

Und so verkommt jeder Song zu einem kleinen Theaterstück. Mit Intro, Outro und mit Überleitung zum nächsten Stück. Das ist ein oder zweimal ganz nett, aber bitte nicht 15mal. So folgt jeder Song demselben Schema. Prinzipiell ist es ja sehr unterhaltsam, wenn Künstler einfach so quatschen oder irgendeine Show abziehen. Sie müssen es eben nur können und das Publikum nicht damit nerven. Die meisten guten Bands und Künstler haben ein feinsinniges Gespür dafür, ab wann das Publikum mal wieder ein paar Songs hören möchte. Alligatoah fehlte dieses Gespür am gestrigen Abend. Gelangweilt stand ich herum und versuchte zu erraten, auf welchen Song die nächste Szene hindeuten sollte. Aha, Alligatoah schwult herum und sagt zu Butler-Boi Basti er hat was an seinem Körper machen lassen. „Wunderschöne Frau“ war also der nächste Song der folgte. Selten habe ich mich bei einem Konzert unwohler gefühlt als bei Alligatoah. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich einfach zu alt für soviel Theater geworden bin, wäre ja möglich. Bei „Es ist Suppe noch da“ hatte ich dann immerhin für drei Minuten das Gefühl, ich wäre bei einem richtigen Konzert. Für kurze Zeit bewegte sich die Menge, es wurde gehüpft und gesungen, gefeiert – die Stimmung war da und meine Laune stieg ein wenig! Und dann ist der Song aus und du bist zurück in der Realität. Irgendein kleines Mädchen steht mit seinem Smartphone in der Hand neben dir und faucht dich an, ob das denn sein muss, dass man so schubsen würde. Jo. Am bittersten im Nachhinein ist für mich die Erkenntnis, dass ich mir sicher bin, dass das Konzert in einer kleineren Location – wie in der Rosi – deutlich besser gewesen wäre. Denn, und das muss man auch sagen: Alligatoah ist ein unglaublich begabter, kreativer, sympathischer Musiker und Künstler, der seinen Erfolg sehr gut rationalisieren und damit umgehen kann, indem er es schafft, einen soliden Abstand zu sich und seiner Künstlerperson herzustellen. So folgt ein kleiner Seitenhieb auf seine ganzen „neuen“ Fans, die – wie er sagt – „ ja eh nur alle Videos für Instagram machen würden“. Das Traurige daran war die Reaktion der Fans im Publikum: Sie machten ein Video davon. Am meisten überzeugt hat mich tatsächlich der als Butler verkleidete BattleBoi Basti. Nachdem in einer Theater-Sequenz “das Licht ausgefallen war“, Alligatoah ein Medley, bestehend aus “Meine Band“ und diversen anderen Songs A-Capella spielte, rappte der aus dem VBT bekanntgewordene Rapper die Oberfrankenhalle in Grund und Boden. Es war zwar nur ein Song, aber immerhin. Die anschließende Fortsetzung des in bester Kasperle-Theater-Manie gespielten Stücks machte diese Glanzeistung jedoch zunichte:

Butler-Boi Basti: “Aber verratet Alligatoah nicht, dass ich gerappt habe“!

Auftritt Alligatoah.

Alligatoah: “Hat Butler-Boi Basti etwas für euch gerappt?“

Publikum (alle): „Neeeeiiin!“

Alligatoah: „[…]“ (Irgendwas hat er gesagt. Weiß ich nicht mehr. Aber es hat den nächsten Song irgendwie toll angeteasert.)

Ich hätte wirklich gerne einfach mal zwei oder drei Songs hintereinander gehört, sodass wirklich mal ein bisschen Stimmung auskommt. So kam ich mir wirklich vor wie im Theater. Ist ja auch ganz nett. Aber auf meiner Karte stand nunmal: „Konzert“, und das wollte ich auch haben! Ich hatte das Gefühl, als Publikum austauschbar zu sein und ein Programm geliefert zu bekommen, was einmal konzipiert wurde und jedesmal aufs Neue durchgezogen wird. Wirklich Schade. Warum müssen denn nach jedem einzelnem Song Geschichten erzählt werden? Warum muss Alligatoah denn dann auf der Bühne sterben („Trauerfeier-Lied“) nur um dann als Stimme durch den Saal zu wandern, um bei Gott um Erlaubnis zu fragen, ob er wieder zu uns kommen darf, um dann schlussendlich seinen letzten Song („Willst du..?) zu spielen? Ein wenig paralysiert stand ich gestern gegen 22:30 Uhr vor der Oberfrankenhalle und überlegte, was ich von dem Ganzen jetzt halten soll. Nach „Willst du?“ ist Alligatoah mit BattleBoi Basti sang- und klanglos von der Bühne gegangen. Und genauso fühlte sich das ganze Konzert an. Show fertig: Tschüss! Nach der Show unterhielt ich mich mit einigen Freunden, die ebenfalls beim Konzert gewesen waren. Die Grundstimmung war bei allen die gleiche: “Joar. War okay. Geht noch was?“ Nicht die typischen Gedankengänge, die man nach einem Konzertbesuch hat. Das Konzert wirkte aufgesetzt, inszeniert, durchgetaktet. Komplett choreographiert. Gag reiht sich an Gag, Ansage an Ansage.

„Ach, passt schon.“ würde ich sagen, wäre ich beim Konzert von irgendeiner Hardcore-Punk-Band in der Kölner Essigfabrik gewesen, die mir ständig zugerufen hätte, ich solle mich gefälligst für Sea Shepherd engangieren oder nach Hause gehen.

„Naja so sind sie halt.“ würde ich schreiben, wenn ich mir irgendeine Viking-Metal-Band aus Norwegen angesehen hätte, die mit Eimern voller Schweineblut um sich wirft.

Aber so kann ich nur sagen: Schade Alligatoah. Wirklich Schade.