Auf dich, Alligatoah! Oder: Wie ich einmal in die Rosi wollte

alligatoah

Die Rosi. Auch Rosenau genannt. Ein Club. Jeder Bayreuther Student kennt sie. Donnerstags ist Studentenparty. „Unz Unz Unz“ und Bier. Man kann tanzen und Frauen kennenlernen, oder stehen bleiben und Gläser klauen. In beiden Fällen geht man nicht allein nach Hause.

Laut Google Maps wohne ich 400 Meter von der Rosi entfernt. Als ich noch in Bonn wohnte, habe ich mir manchmal vorgestellt, wie das wohl sein mag, mitten in der Stadt zu wohnen. Direkt in der City. Die angesagtesten Nachtschuppen und Bars direkt vor der Haustür! Y.o.l.o-Hashtags würden mein breitgrinsendes Gesicht zieren, vollkommen verstrahlt würde ich jedem Türsteher und Barkeeper tagtäglich aufgeregt die Hand schütteln und laut verkünden: „Seht mich an! Ich bin Teil dieser Stadt. Teil dieser Szene!“

Und dann bin ich nach Bayreuth gezogen. In der Rosi war ich bis heute genau zweimal. Einmal, als ich gerade umzog und als alle anderen auch da waren („Hi, ich bin Nils, studierst du jetzt auch mit mir?“) und ein zweites Mal, als ich betrunken war und dachte, wir gehen was essen. Und jetzt, jetzt will ich unbedingt in die Rosi. Unbedingt! Aber nicht irgendwann, sondern am 19.01.2014 um 20:00 Uhr Ortszeit.

„Wieso?“, fragt sich der irritierte Leser nun und rührt weiter Zucker in seinen Kamillentee, während er gespannt weiterliest. Weil Alligatoah da spielt! „Wer? Alli…Alli..gatoah?!“ Jawohl. Alligatoah. Cooler Dude! Ich erzähl kurz warum. Also Tee beiseite und weiterlesen: Lukas Strobel, aka Alligatoah, ist nicht sehr viel älter als ich (Jahrgang 1989), aber hat (leider) sehr viel mehr drauf. Angefangen mit Kurzfilmen und dem Gewinn des Hüllerjugendfilmfest-Preises (1. Platz, 750€ – immerhin) gründete der gebürtige Niedersachse im Jahr 2006 seine Band Alligatoah. Hierfür entwarf er zwei fiktive Charaktere, den Rapper Kaliba 69 und den Produzenten DJ Deagle. Nur warum?

„Ich habe diese beiden fiktiven Terroristen erfunden, weil ich nicht ganz allein sein wollte mit Texte schreiben, Beats bauen, Videos drehen, Artworks gestalten, Webseite programmieren und was noch alles dazu gehört, um sich heutzutage Musiker nennen zu dürfen“

schreibt Alligatoah auf seiner Homepage und bezeichnet sich in Interviews ganz entspannt als „Schauspielrapper“. Vollkommen unbedarft schlüpft Alligatoah in seinen Songs in verschiedene Rollen und rappt durch seine Figuren hindurch.

In „Mein Gott hat den Längsten“ verkörpert er beispielsweise erst einen Islamisten, dann einen fundamentalen Christen und erklärt mit viel Sarkasmus und Ironie, warum gerade sein Gott den längsten Penis hat. Bei „Amnesie“ betört der Protagonist seine Geliebte mit Rosen und Geschenken, damit diese vergisst, dass er ständig fremdgeht. Ein desolater Krankenhaus-Dauerbesucher erzählt uns in „Narben“, welche Berufe er schon alle ausprobiert hat und welchen Vorteil Narben haben. Alligatoahs Songs sind sehr melodisch, witzig und zum Teil – durch klare Gesangs-Passagen – echte Ohrwürmer. „Klingt schon etwas 08/15“ wird da manch einer sagen und weiter Kamillentee trinken. Blödsinn! Abgesehen davon das Alligatoah alle Beats und Videos selbst produziert, wagt er textlich als auch melodisch unglaublich weite Ausflüge, von denen die meisten 14-jährigen Cro-Konzertbesucher allerdings nichts wissen. Also Tee beiseite und weiterlesen, wenn du gerade von einem Cro-Konzert kommst.

Dass Alligatoah im Gegensatz zu anderen Sprechgesangs-Artisten genreübergreifende Tracks macht, zeigt „Es ist noch Suppe da“ vom Mixtape „Schlaftabletten Rotwein 5“. Das Ganze ist nicht vielmehr als ein apokalyptischer Schlager-Rap-Hit mit Double-time-Passagen. Wenn jemand mir einen ähnlichen Song nennen kann, soll er es in die Kommentare schreiben, oder für immer schweigen… das Ding ist meiner Meinung im deutschen Rap einzigartig und gehört vielmehr abgefeiert.

Sein Talent und auch gleichzeitig seine gesunde Einstellung zur Rap-Szene zeigt er in Songs wie „Die Kunst des Bitens“ sowie „Die Kunst des Bitens reloaded“ (Schlaftabletten Rotwein 2 & 3). In diesen Tracks imitiert er Rapper wie Samy Deluxe, Casper, Massiv, Haftbefehl, Automatikk, King Orgasmus etc. textlich als auch vokalisch auf gnadenlos geniale Art. Jeder Kamillentee-Leser, der wenigstens ein paar Deutschrap-Deppen kennt, muss das gehört haben. Einerseits ist es wirklich witzig, weil Alligatoah vor allem Samy Deluxe’s Kiffer-Attitüde und Kollegah’s Boss-Gequatsche großartig imitiert, allerdings zeigt es auch, wie intelligent Alligatoah der ganzen Rap-Szene gegenübersteht. Getreu dem Motto: Ihr habt euer Image und euren Stil, und ich mach mich drüber lustig.

Gekonnt remixxt er auch bekannte Popsongs und macht bessere draus. So heißt es im Lady Gaga–Remix nur noch: „Sag unseren Namen, sag unseren Namen Alligatoah! Heb deinen Arm lass einen fahren – auf dem Dancefloor“. Im Gegensatz zu anderen Rappern muss der Gitarre spielende Jungspund nicht auf ein Image zurückgreifen, das er sich aufgebaut hat, um sich als Künstler genauso zu verkaufen, wie es die Hörerschaft gewohnt ist. Darin liegt die Schwäche vieler Deutschrapper: Kollegah muss über seine Bosshaftigkeit und Kokain-Lines – die er auf halbnackten Frauenkörpern in Miami-Beachs Club zieht – rappen und Instagram-Bilder von seinem 44er Bizeps hochladen. Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn er eines Tages bei Facebook posten würde, dass er überhaupt keine Lust mehr auf Pumpen habe und jetzt lieber im Vorgarten Gemüse anbaut. McFit würde pleite gehen. Haftbefehl muss über Azzlack-Style, Nutten und Brudi-Rudi-Hafti-Saudi Arabi-money-rich-Bitch reden. Stellt euch mal einen Haftbefehl vor, der sein Album „im Licht der Morgenröte“ tauft und darin nur von Liebe, Trennung, Schmerz und Sehnsucht erzählt und im Video dazu Bratsche spielt. Passt nicht wirklich. Alligatoah muss gar nichts machen, außer Musik, und die macht er verdammt gut. Er bedient sich thematisch an allem, was die Natur hergibt und ihn beschäftigt, malt abstruse Gedankenbilder und mischt einen poppigen, frechen, ironischen Sound, der spätestens seit der Single „Willst du“ – bei der es eigentlich um Drogen geht – endgültig auf den Schulhöfen und Plattentellern dieser Republik und den Plattenspielern von schlechten Party-DJs (womit wir wieder bei der Rosi wären) angekommen ist. Sein Album „Triebwerke“ landete bereits innerhalb der ersten Woche auf Platz 1 der Album-Charts. Das Video zur Single „Willst du“ zählt 12 Millionen YouTube-Klicks und sein „Trauerfeier-Lied“ läuft nach auditiver Wahrnehmung des Autors dieses Textes (das bin ich) bei 1live 20 Stunden am Tag.

Und ich? Ich sitze zuhause. 400 Meter von der Rosi entfernt. Ich sitze da, schreibe über Alligatoah und hasse jeden, der eine Karte für sein verdammtes Konzert in der Rosi bekommen hat! IN DER ROSI! Hat dem denn keiner gesagt, dass der Laden eigentlich total ätzend ist?!

Wie dem auch sei: Es ist der 5.11.2013 11:45 Uhr. In 75 Tagen, 8 Stunden und 15 Minuten wird Alligatoah in der Rosi spielen. Ich habe keine Karte, weil die ganzen 12 Millionen „Willst du“-Internet-Kids mir sie weggenommen haben. Wenn alle laut feiern und Alligatoah ans Mikrofon tritt, werde ich alleine auf meinem Balkon sitzen und Bier trinken.

Auf dich, Alligatoah! Du hast es dir verdient.

2 Gedanken zu “Auf dich, Alligatoah! Oder: Wie ich einmal in die Rosi wollte

  1. Schöner Artikel. Wird gegen Ende immer besser.
    Aber die Kritik die du aus Alligatoahs Rap-Immitationen ableitest ist doch sehr oberflächlich. Da fehlt mir die eindeutig scharfe Analyse…

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