Koreanische Kinokultur auf der Berlinale 2019

Seit 1951 findet jedes Jahr die Berlinale statt und gilt als eines der bedeutendsten Filmfestivals der Welt. Mit der nunmehr 69. Veranstaltung hatte ich im Februar 2019 die Chance mir kommende internationale Filmerfolge, wie auch ältere Klassiker oder Restaurationen anzusehen. Da es auf der Berlinale viele Produktionen aus Ländern gibt, von denen der deutsche Kinogänger normalerweise wenig bis nichts mitbekommt, habe ich mich eher dem asiatischen Kino gewidmet. Ein Land stach für mich dabei besonders heraus und lieferte mir auch meine beiden Highlights des Festivals. Die Rede ist von Südkorea, einem Land, das mit K-Pop eigentlich von Popkultur nur so überströmt, aber in der Kinolandschaft noch nicht im Westen Fuß fassen konnte.

Der erste Film, über den ich reden möchte heißt Jagko vom Regisseur Im Kwon-taek von 1980. Wie eingangs erwähnt, gibt es auch ältere Filme auf der Berlinale zu sehen. So hatte Jagko (Alternativtitel: Pursuit of Death) z.b. hier seine internationale Erstaufführung in einer digital restaurierten Fassung.

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Jagko handelt von dem verwahrlosten, ehemaligen Polizisten namens Song, der eines Tages von einer Patrouille in ein Armenasyl zur „Rehabilitation“ gesteckt wird. Raus kommt er nur, falls ihn seine Familie abholt. Er hat jedoch keine mehr. Nun muss er sich damit abfinden in eine Art Gefängnis zu bleiben, in dem er zwar versorgt wird, aber trotzdem jeden Tag dafür arbeiten muss. Wie die anderen Insassen, arrangiert er sich langsam damit. Auf einmal hat er jedoch ein schicksalshafte Begegnung. Einer seiner Zimmerkollegen ist Jagko, der Mann, der Songs Leben ruiniert hat und den er seit mehreren Jahrzehnten verfolgt. Dieser gibt sich aber als jemand anderes aus und streitet alles ab. In Wirklichkeit hat er aber im früheren Koreakrieg auf Seiten der Kommunisten gekämpft und war ein gesuchter Verbrecher. Als Song ihn damals bei der Festnahme jedoch entwischen ließ, wurde er des Verrats beschuldigt und sein ganzes Leben samt Beruf, Familie usw. gingen den Bach runter. Seit jeher war Song auf der Suche nach seinem Feind und wollte mit erneuter Festnahme alles wieder berichtigen. Nun beginnt das wahrlich Spannende. Jagko hat schon lange eine andere Identität und lässt nicht locker an seiner Rolle, doch Song bleibt standhaft. Wem werden die anderen glauben und ist es jetzt überhaupt noch relevant, dass Jagko auf der anderen Seite gekämpft hat?

In interessanten Reihen von Rückblicken wird hier parallel zur gegenwärtigen Handlung, die Vergangenheit der beiden aufgerollt. Je nach Sichtweise erleben wir einzelne Passagen anders und es wird klar, dass dieser alte Konflikt vielleicht gar nicht mehr so wichtig ist. Song ist ein einst angesehener Mann, der die Hälfte seines Lebens damit verbrachte seiner glorreichen Jugend hinterherzujagen und Jagko ist ein Flüchtling, der seit Jahrzehnten ständig auf der Hut sein muss und sein Leben auch nicht genießen konnte. Jagko gibt somit mehr oder weniger eine Metapher an die Auswirkungen der Schrecken eines Krieges, die immer noch Aktualität finden.

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Ein wirklich sehr unterhaltsamer und auch stellenweise komödiantischer Film, der mich trotz Übermüdung und einer späten Vorstellung sofort fesselte und den ich am liebsten nochmal gesehen hätte. Wenn ihr auch Lust drauf bekommen habt, könnt ihr euch Jagko glücklicherweise komplett auf Youtube auf Koreanisch mit Untertiteln anschauen. Sonst ist er auch auf YesAsia erhältlich.

Der nächste Film spielt zwar auch in der Vergangenheit, ist jedoch erst 2018 erschienen und unterscheidet sich riesig von Jagko. Mit Beol-sae oder House of Hummingbird wird einem ein in 1994 spielender Coming of Age Film von Regisseurin Kim Bora präsentiert, der mich komplett überrascht hat.

Während ganz Südkorea die Inlands WM feiert, trauert der Norden um ihren verstorbenen Diktator. Die Achtklässlerin Eunhee hat jedoch ihre eigenen Probleme. Wie manchen vielleicht bekannt ist der schulische Druck in einigen asiatischen Ländern riesig. Anders geht es auch nicht Eunhee, ihre Eltern erwarten, dass sie eine vernünftige Frau wird und die Schule allem vorzieht. Währenddessen ist die südkoreanische Gesellschaft von Männern beherrscht und das 14-jährige Mädchen muss stets ihre Bedürfnisse hinten anstellen und wird obendrein zu Hause von ihrem Bruder, wie es ihm beliebt, geschlagen. Man begleitet das junge Mädchen somit durch viele Ereignisse. Sie erkundet ihre Sexualität, ob den ihr Freund der Richtige ist oder sie sich doch auf eine neu kennengelernte Freundin einlassen kann. Durchlebt Streitigkeiten mit ihrer besten Freundin. Findet in einer neuen Lehrerin eine wichtige Ansprechpartnerin. Oder muss ihr schwieriges Familienklima mit häuslicher Gewalt aushalten usw..

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Ein Ausschnitt eines Lebens einer jungen Koreanerin zu einer Zeit in der es viele Probleme gab. Die Gesellschaft war getrieben vom Wettrennen zum Industrieland und hat dabei das Wesentliche aus den Augen verloren. Der Einsturz der Seongsu-Brücke 1994, der auch im Film stattfindet, zeigt dies ganz offensichtlich. Durch unsauberes und zu schnelles Arbeiten kamen hierbei 32 Menschen ums Leben. Ein weiter Weckruf für Südkorea war das Sampong Gebäude. Ein Jahr später stürzte hier der Nordflügel ein und kostete über 500 Bürgern das Leben. Südkorea lebte einfach zu schnell, ungeduldig, getrieben von Erfolg, sodass die Jüngeren dafür zurückstecken mussten.

Ein vielleicht marginal wirkender Film, der aber so atmosphärisch und emotional ist, dass ich ihn mir sogar zweimal auf der Berlinale angesehen habe und bei jedem Mal, die ein oder andere Träne verdrücken musste. Zusätzlich hat er auch den internationalen Preis als bester Film der Kategorie Generation14Plus gewonnen und reiht diesen neben seinen 24 weiteren Auszeichnungen mit ein. Erhältlich ist der Film leider noch nicht, wird aber immer noch auf Filmfestivals gezeigt. Höchstens über das kostenpflichtige Festival Scope wäre er schon zu sehen. Zukünftige Aufführungen in deutschen Kinos mit breiterem Angebot sind aber vielleicht nicht ganz unwahrscheinlich.

Hoffentlich wurde eure Neugier auf mehr koreanische oder asiatische Filmkunst geweckt. Übers Internet finden sich sicher, wie auf dem Youtube Kanal Korean Classic Film des Jagko Films, weitere Chancen, um auch in Deutschland etwas mehr fremde Filmkultur erleben zu können.

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