Superstar-Paranoia

Es ist wieder soweit – Deutschland zittert und bebt, denn in Kürze wird es endlich wissen: Wer ist sein neuer Superstar. Wieder einmal kürt die Mutter aller Castingshows Deutschlands Schwiegersohn (vielleicht auch mal Schwiegertochter) Nummer eins und während ein Teil der Bevölkerung bereits nervös an den Nägeln kaut und schon mal das schnelle Drücken der Lieblingsnummer übt, fragt sich ein anderer (vielleicht sogar größerer), was der Terz denn nur soll… und guckt unter Umständen trotzdem.

Dieter Bohlen fing es an, andere folgten. Seit der Erstausstrahlung von „Deutschland sucht den Superstar“ durchziehen Castingshows das deutsche Fernsehen wie eine Infektionskrankheit. Das Schema bewährt sich: Ein (zum Teil erst durch die Sendung) bekanntes Gesicht nutzt das Format zur Selbstinszenierung und, wie es oftmals scheint, zum Aggressionsabbau – er lästert, schimpft und poltert wie  eine russische Ballettmeisterin mit Hämoriden. An seiner Seite ein weibliches Starlet für den sanften Ausgleich und ein (B-)Promi, der als Fachmann für Musik ausgegeben wird und sich mit dem Kopf der Jury entweder glorreich fetzt oder ihm dafür dezent anhaltend Zucker in den Arsch bläst. „Superstar-Paranoia“ weiterlesen

Russlands Mr Darcy?

Eine Filmperle aus dem letzten Jahrtausend: Eugen Onegin ist ein Müßiggänger aus St Petersburg. Ausgestattet mit genug Geldmitteln, einiger kritischer Beobachtungsgabe und Talent  für bösartige Karikaturen seiner Zeitgenossen befindet er sich im Zustand abgeklärter Langeweile.

Als sein Onkel stirbt, reist er auf dessen Gut, freundet sich mit dem jungen Poeten Lenskij an und begegnet Tatjana, mit deren Schwester Lenskij verlobt ist. Angetan von Onegins scharfem unerbittlich ehrlichem Geist und seinen modernen Vorstellungen verliebt sich die belesene junge Frau in ihn, doch er weist sie stolz ab. Nachdem es zwischen ihm und Lenskij zum tödlichen Duell kommt, verlieren er und Tatjana sich aus den Augen. Als Onegin schließlich, sechs Jahre später, wieder nach St Petersburg kommt, ist sie inzwischen verheiratet. „Russlands Mr Darcy?“ weiterlesen

Eine Anleitung zum Überleben

Ein sehr langes Semester ist vorüber und mit drei, zum Glück gut verlaufenen, Aufführungen, findet auch die Arbeit an meinem ersten  eigenen Theaterprojekt ein Ende. Auf dem Weg zurück bleiben: Eine kilometerlange Telefonliste, ein paar wunderbare neue Feindschaften und mindestens drei Nervenzusammenbrüche.

Dabei hat die Zusammenarbeit mit meinen Darstellern und Helfern eigentlich wunderbar funktioniert, niemand kam zu Schaden und alles war eins a pünktlich bereit. Wie dieses Paradoxon zustande kommt? Die Antwort ist ebenso schlicht wie aussagekräftig (wenigstens für alle, die sich schon einmal an einem Theaterprojekt an der Uni Bayreuth versucht haben): THEATERRAUM! „Eine Anleitung zum Überleben“ weiterlesen

Bolly, Holly und Independent

Die Augen der Frau unter der kohleschwarzen Umrahmung glitzern dunkel, verführerisch, fast schon gefährlich. Gleich darauf lächelt ihr sinnlicher Mund verschämt und verbirgt die Leidenschaft hinter hennabemalten Händen. Jede Bewegung ist fließend und so anmutig wie ein Blatt im Wind.

Aus den Falten ihrer bunten Gewänder taucht ein nackter Fuß auf, er tippt anmutig auf den Boden und die Glöckchen an den Gelenken klingeln. Der Klang einer Sitarr zittert durch den Raum und die verschleierte Schönheit beginnt im Takt rhytmischer Trommeln ihre Hüften zu wiegen, der glühende Blick eines dunkelhaarigen Mannes hält sie fest während sie mit hoher, vibrierender Stimme zu singen beginnt. Er wird sie nicht küssen, aber sein Tanz ersetzt den besten Sex! „Bolly, Holly und Independent“ weiterlesen

Nick McDonell meets Gossip Girl

Vor gut zehn Jahren schrieb der damals 17 jährige Amerikaner Nick McDonell „Twelve“ und erzielte damit einen großen Erfolg. Indem es die New Yorker Glamour-Szene ins Blickfeld fasst, übt es gezielte Sozialkritik an dieser speziellen Gesellschaft im Besonderen und den geld- und konsumfixierten Schichten im Allgemeinen. 2010 kommt nun Jordan Melameds Adaption unter Joel Schuhmachers Regie in die Kinos und, wie um der flüchtigen  Ähnlichkeit des Stoffes zur Erfolgsserie „Gossip Girl“ Referenz zu tragen, spielt Chace Chaword die Hauptrolle. Es sollte ein vertrautes Feld sein für ihn. Oder vielleicht auch nicht? „Nick McDonell meets Gossip Girl“ weiterlesen

Goethe!

Ach herrje, ein deutscher Film über den deutschen Dichterfürsten. Dieser Satz lag sicher nicht wenigen auf der Zunge, als sie die Reklame für Goethe! erstmals bemerkten. Schon zu oft wurde ein derartiger Stoff bearbeitet, nur zu oft war das Ergebnis abgehoben und unzulänglich. Doch was sich hier unter der Regie Phillip Stölzls entwickelt, ist alles andere als verstaubt, mehr noch: Es scheint endgültig mit dem Stigmata zu brechen deutsche Filme könnten nur blass und leer sein. Selbst wenn Ähnlichkeiten zu bemerken sind, Goethe! ist keine lahme Kopie einer Hollywoodproduktion.

Er erzählt die Geschichte des vielleicht berühmtesten Dichters Deutschlands und versucht dabei, zum Teil recht konstruierte, Parallelen zu seinem Durchbruchswerk „Die Leiden des jungen Werther“ zu ziehen. Aus diesem Grund setzt er zu einem Zeitpunkt an, als Goethe noch nicht mehr war als ein Jurastudent, der mangels Interesse fürs Fach im Scheitern begriffen ist. „Goethe!“ weiterlesen

Mein Lieblingsbuch wird verfilmt – Oh shit?

Buchadaptionen haben zur Zeit Hochkonjunktur: Ken Follet oder Iny Lorentz,  „Effie Briest“ oder „Der Seewolf“, sie alle finden ihren Platz in Kino und Fernsehen. Dabei  halten längst nicht alle Werke, was ihr Titel beziehungsweise ihre Vorlage verspricht. Oder mit anderen Worten:  Ich habe mich im Grunde gefreut, als ich hörte, dass einer meiner Lieblingsromane, „Twelve“, verfilmt wird – seit ich die Besetzung und die Vorschau kenne, habe ich ein wenig Angst. „Mein Lieblingsbuch wird verfilmt – Oh shit?“ weiterlesen

The road – eine gelungene Gratwanderung

Eine postapokalyptische Mär, ein komplexes Erzählwerk, schreibt die Kinozeitschrift  „Treffpunkt Kino“, die natürlich bemüht ist ihre Filme möglichst eloquent anzubieten. Die Buchadaption „The road“ lässt sich auch mit simpleren Worten umschreiben: Packend, schmerzhaft, berührend, traurig, … und trotzdem wird daraus kein simpler Film. Im Gegenteil: was Regisseur John Hillcoat („Ghosts of the Civil Dead“, „The proposition“) hier auftischt, ist nichts für schwache Nerven. Aber der Reihe nach.

In Folge nicht näher begründeter Umweltkatastrophen ist die Welt in 10 Jahren ein verödeter, tödlicher Ort. Die Überlebenden spalten sich in zwei Gruppen: Anarchisch gestimmte Banden, die dem Hungertod durch Kanibalismus entgehen, und die, die sich vor ihnen verstecken. Selbstmord ist zur Alltäglichkeit geworden. Es gibt keine festen Standorte mehr, getrieben und ziellos irren die Menschen umher auf der Suche nach Nahrung und Benzin. Unter ihnen ein Mann und ein kleiner Junge, Vater und Sohn (Viggo Mortensen und Kodi Smit-McPhee). Nachdem seine Frau (Charlize Theron) sich umgebracht hat, ist sein kleiner Sohn das Zentrum seines Universums geworden. Ihren täglichen Kampf und sein langsames Ablösen von seiner Vergangenheit hält er in einem Tagebuch fest, ebenso wie die tiefe Liebe zu dem Sohn, dessen Überleben sein einziger Lebensinhalt ist. Dabei ist es nicht nur sein physischer Tod, den er verhindern will, sondern auch das Absterben seiner Menschlichkeit. Jeder Tag ist eine Gratwanderung zwischen Verhungern und Gefressenwerden, wobei die liebevolle Beziehung zwischen Vater und Sohn Momente erschafft, die in eine andere Welt zu gehören scheinen. „The road – eine gelungene Gratwanderung“ weiterlesen

Das “Roman und Polanski”-Dilemma

Juli 2010. Ein Mann wird aus dem Hausarrest entlassen, in dem er sich seit zwei Jahren befand. Sein Verbrechen: Er hat eine 13-Jährige vergewaltigt und sich der Haft in den USA entzogen. Bis 2008. Danach wurde er von den Schweizer Behörden unter Hausarrest gestellt. Bis 2010 wurde dann überlegt, ob sie ihn an das Land, das seit 33 Jahren beharrlich Anklage erhebt, ausliefern sollen. Warum das lange Überlegen?

Nun ja. Der Mann heißt Roman Polanski und sollte am Tag seiner Festnahme für sein Lebenswerk geehrt werden. Ein bisschen fies diesen Moment abzupassen. Zumindest etwas unklug, da ausgesprochen öffentlich. Mit dem Protest, der folgte, hätte man rechnen müssen. Dass man es entweder nicht tat oder in Kauf nahm, zeigt, wie sicher man sich seiner Sache war. Eine Sicherheit, die, bei aller „Kulturblindheit“, ein wenig beneidenswert ist.

Es ist eine Situation, die aus meiner Sicht heraus schwer beurteilbar ist. Vergleichbar fast ein wenig mit der Obama-Nobelpreis-Geschichte: Irgendwie gerechtfertigt, irgendwie aber auch auf unbestimmte Weise falsch. Oder doch nicht? Oder doch? Immerhin, könnte man anführen, hat das Mädchen ihm öffentlich verziehen. Immerhin, könnte man argumentieren, wurde seiner Frau der schwangere Bauch aufgeschlitzt, angeblich auch noch motiviert von seinem bis dato größten Hit „Rosemary’s Baby“. Von seiner Kindheit im polnischen Ghetto, von der Mutter in Auschwitz, dem Vater im KZ und ihm selbst im permanenten Versteck fängt man am besten gar nicht erst an. Denn wenn eine schlimme Vergangenheit schlimme Taten rechtfertigen würde, dann wäre wohl ein Großteil aller Vergewaltiger und Gewaltverbrecher zu begnadigen. „Das “Roman und Polanski”-Dilemma“ weiterlesen

Gebt mir Omar und ich kauf euer Remake.

Ob Karate Kid (gefühlt) 10.000, a nightmare on elmstreet oder die bald kommende millionste 3 Musketiere-Neuauflage, aus alt mach neu scheint das neue Motto der Hollywoodherrscher zu sein. Dabei stellt sich die Frage, ob neu tatsächlich immer besser ist. Vielleicht ist es an der Zeit, mal einen Blick zurückzuwerfen, um festzustellen: Genauso geil wird es nicht mehr. Vielleicht anders, aber sicher nicht besser und wahrscheinlich nicht einmal gut. Warum? Ganz einfach: Es gibt keine Omar Sharifs mehr auf dieser Welt. Zeit also mal darüber nachzudenken, was Männer wie ihn anders machte und warum kein Orlando Bloom dieser Welt das je toppen könnte. Und das sage ich, die den schönen Knaben sicher nicht von der Bettkante stoßen würde. Aber zurück zum Thema.

Als russischer Arzt und Dichter machte er Julie Christie zur Ikone. Als österreichischer Prinz brachte Catherine Deneuve sich für ihn um, und Barbara Streisand ließ sich in den 60ern sogar vor laufender Kamera von ihm vernaschen. Dabei kann die Besonderheit eines Omar Sharif sicher nicht nur an den stets tränenschimmernden, tiefen Schokoaugen fest gemacht werden (die hat Orlando Bloom auch). Dafür ist er inzwischen auch einfach zu alt und wirkt dennoch, wie seine jüngeren Filme, etwa „Monsieur Ibrahim und die Blume des Koran“, beweisen, noch immer mit der gleichen Intensität. Woran liegt’s? „Gebt mir Omar und ich kauf euer Remake.“ weiterlesen

Die Elemente des perfekten Films – „Empire, Strikes und Back?“


Jeder Filmfan sucht sie: Die perfekte Kritik, die ihm alles verrät, was er wissen muss. Seien wir ehrlich: Es gibt sie nicht. Es gibt sie allein deshalb nicht, weil Objektivität ein Mythos ist und selbst wenn wir etwas finden, das wir für ideal halten, ist das immer noch eine Frage des persönlichen Geschmacks. Trotzdem hat es irgendwie jeder: sein Ideal. Diesem sehr nahe kommen für mich die Kritiken des Schweizer Filmrezensenten Marco Spiess, dessen Website molodezhnaja.ch eine kaum fassbare Menge an Filmkritiken enthält. Für das „Dispositiv“ gelang mir ein Interview mit ihm, das neben der Charakterisierung des Kritikers auch als Einblick in die Arbeit eines Rezensenten dient.

Das Internet bietet eine Vielzahl an Filmkritikern und solchen, die sich dafür halten. Meist ist es schwierig einen Titel einfach zu googeln und unter zig Angeboten genau das heraus zu picken, das alle Ansprüche deckt – also was ausreichend informiert, eine ungefähre Ahnung von dem vermittelt, was der Film rüberbringen wird und sich – nebenbei – auch angenehm lesen lässt. Wer es sich einfacher machen will, kann z. B. die Website www.molodezhnaja.ch besuchen. Nach dem ABC geordnet scheint sich hier jeder Film zu finden, der je gedreht wurde. Nun ja, das ist natürlich übertrieben, aber es kommt einem so vor. Der Stil schwankt zwischen stark subjektiv und von präzisem Hintergrundwissen geprägt, so oder so ist er unterhaltsam, ob man sich von der manchmal sehr einfach dargelegten Meinung beeinflussen lässt, bleibt jedem selbst überlassen.

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The Collector vs Last House on the left – (K)eine Rezension

Ein erholsames Wochenende bei meinen Eltern versetzte mich in genau die richtige Stimmung mir gewalttätige Horrorfilme mit viel Blut an zu sehen. Ich entschied mich für zwei  Extreme, den 2009 erschienenen slasherfilm „The Collector“ und den heute kaum mehr bekannten Craven-Klassiker „The last house on the left“ aus den 70ern.  Man kann sagen, dass beide Filme bleibenden Eindruck hinterlassen haben.

Um das eine voraus zuschicken: Dies wird keine reine Rezension des neuen Horrorstreifens „The Collector. Das hat einen einfachen Grund – Ich hab den Film nicht fertig gesehen. Warum sei mal dahin gestellt…womöglich bin ich eine Pussy. Allerdings hat er mich, zumindest das wenige was ich von ihm gesehen habe, zum Nachdenken angeregt und ich würde meine Gedanken gerne artikulieren, was allerdings nicht geht ohne zumindest ansatzweise doch kurz über den Anstoß meiner Gedanken zu reden. Hier also mein , sehr kurzer, Eindruck von „The Collector“.

Mann ohne Gesicht....BUH! Das hier etwas nicht stimmt, merkt man gleich: Nicht einmal fünf Minuten werden dem Zuschauer gelassen, ehe der grausame Serienkiller sein erstes Opfer fordert.  Noch vielleicht zehn, zwanzig Minuten Verschnaufpause, die der Etablierung des Helden, ein Antiheld wie er im Buche steht, dienen und schon geht es ab wie Schmitz Katze.  Ein Haus voller tödlicher Fallen, ein unheimlicher Serienkiller, ein Held der mehr mit Glück denn mit Verstand überlebt und eine Anzahl von Opfern, die in bester Saw-Splattermanier gefoltert werden. The Collector hat eigentlich alles was sich ein Fan wünschen kann….ich bin keiner und erkenne seinen Wert dennoch an. „The Collector vs Last House on the left – (K)eine Rezension“ weiterlesen

Zoe Ferraris – Krimi in Dschidda

In nunmehr zwei Büchern schreibt die Amerikanerin Zoe Ferraris auf ungewöhnliche Weise über den Islam in Saudiarabiens konstervativstem Staat Dschidda und weckt dabei die Erkenntnis, dass wir eigentlich viel zu wenig wissen, um uns eine Meinung bilden zu können. Grund genug sich sie und ihre Art über eine völlig fremde Kultur zu sprechen einmal genauer an zu sehen.

Bücher über den Islam und die Herausforderung darin zu leben, insbesondere als Fremder, hat es gegeben und gibt es.  Oder womöglich sollte man sagen, Bücher die sich mit dem Leben in Ländern, die vom Islam geprägt sind befassen. So zeichnet Betty Mahmoody in „Nicht ohne meine Tochter“ ein äußerst krasses Bild einer Gesellschaft, in der das Wort des Mannes, selbst eines psychisch so labilen, alles und das Wort einer Frau so gut wie nichts gilt. Dass ihr Mann geistig nicht ganz zurechnungsfähig ist und deshalb handelt wie er handelt, die Frau in den Iran lockt, schlägt, einsperrt und ihr die Tochter nimmt, kann nur wenig darüber hinwegtäuschen, dass es die Gesellschaft ist, die sein Verhalten deckt und teilweise sogar unterstützt.

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