Wenn ich meine Top 10 Serien aller Zeiten nennen müsste, dann würde Sex and the City (kurz SATC) zweifelsohne in dieser Liste vorkommen. Sogar auf Platz eins, um genau zu sein. Obwohl ich nicht genau sagen kann, warum die Serie einen festen Platz in meinem Herzen eingenommen hat. Fest steht, dass sie gemütliche Abende mit scheinbar leichter Unterhaltung füllen kann. Die vier Protagonistinnen führen ein fulminantes Leben im glamourösen Manhattan. Carrie ist trendbewusst auf der Suche nach der großen Liebe, nachdem sie diese bereits früh für Manolo Blahnik Schuhe entdeckt hat. Charlotte, eine adrette Dame aus gutem Hause, strebt nach einem traditionellen Rollenbild, nämlich Ehemann und Kinder. Bis diese am Horizont erscheinen, arbeitet sie als Galeristin. Miranda ist eine ehrgeizige Anwältin, die weniger auf Trends und mehr auf Karriere setzt. Und dann gibt es Samantha. Als self-made woman führt sie ihre eigene PR-Firma. Ihre zahlreichen Affären und ihre in vollen Zügen ausgelebte Sexualität stellen einen großen Teil ihrer Figur dar.  

Wie oft ich schon SATC gebingt habe, kann ich schon gar nicht mehr sagen. Letztes Semester schloss ich im Rahmen eines Seminars Bekanntschaft mit Judith Butler. Natürlich nur mit ihren Texten, die es wirklich in sich haben. Zum ersten Mal setzte ich mich mit Konzepten auseinander, die zwar Teil unseres Lebens sind, aber scheinbar so banal, dass sie unsichtbar bleiben. Dazu gehören zum Beispiel die heterosexuelle Matrix und die Geschlechtsidentität. Keine Panik, ich werde nachher genauer darauf eingehen. Nachdem ich diese Konzepte verstanden habe, war ich neugierig. Ich habe SATC nochmal gebingt. Und siehe da, auf einmal sah ich die Serie mit neuen Augen. 

Nun, ich habe euch versprochen, dass ich diese ominösen Begriffe von Judith Butler aufdecke, vor allem für diejenigen unter euch, die sich noch nie mit ihren Werken befasst haben. Beide Ideen, sowohl die heterosexuelle Matrix als auch die Geschlechtsidentität, sind nicht greifbar, durchziehen jedoch unsere Gesellschaft. Unsichtbar für uns, aber stets Einfluss nehmend. Aber nun zurück zu der heterosexuellen Matrix. Butler versteht darunter ein gesellschaftliches System, in dem drei Vorstellungen herrschen. Erstens kommen in diesem System nur zwei Geschlechter in Frage. Ihr habt es wahrscheinlich schon geahnt: Diese sind Mann und Frau. Zweitens müssen diese zwei Personen dann jeweils entweder männlich oder weiblich sein. Und sich auch genauso zeigen. Bi- oder Transgender Personen zum Beispiel müssen also schön draußen bleiben. Dritte Eigenschaft dieser Matrix ist, dass das Männchen und Weibchen sich gegenseitig begehren. Das bedeutet, Eskapaden zwischen zwei gleichgeschlechtliche Personen werden nicht gern gesehen. Diese Matrix durchzieht nun unsere Gesellschaft, als Mindset ist sie allgegenwärtig. So auch in der Popkultur, in unserem Fall SATC. Weiter geht es mit der Geschlechtsidentität. Wie der Name bereits verrät, hängt diese Identität eng mit dem eigenen Geschlecht zusammen. Wenn die Geschlechtsidentität mit dem biologischen Geschlecht zusammenfällt, dann bleibt diese Identität unauffällig. Niemand macht sich Gedanken über eine Frau, die sich ihrem Geschlecht entsprechend weiblich kleidet. Aber was ist mit Personen, die wir nicht eindeutig als männlich oder weiblich einordnen können? Wir zerbrechen uns den Kopf in dem Versuch, sie einzuordnen. Bei solchen Personen fällt uns die Geschlechtsidentität sofort auf, denn sie passt nicht in unser vorherrschendes Raster. So ist die Menschheit: sie denkt in binären Oppositionen. 

Natürlich hätte ich Sex and the City nicht als Testobjekt gewählt, wenn es nicht von tradierten Vorstellungen aka Matrix und Geschlechtsidentitäten wimmeln würde. Den Anfang macht meine Lieblings-Protagonistin, Carrie Bradshaw. Carrie streitet die Existenz von bisexueller Orientierung ab, nachdem sie einen jungen Mann gedatet hat, der sich nicht auf ein Geschlecht festlegen möchte. 

Für eine Sex-Kolumnistin ist diese Idee erstaunlich. Für mich liefert Carries altmodische Vorstellung einen indirekten Beweis für die Matrix, die in der Gesellschaft Heterosexualität als die Norm durchsetzen will. Diese Szene in der Serie stellt kein Stolperstein dar, wo man innehält und darüber nachdenkt. Die Reaktion Carries erfährt keine Kritik, sondern Zustimmung unter den Frauen. In einer anderen Szene greift Samantha eine Trans-Sexarbeiterin an. Für eine sexuell befreite Frau wirft diese Handlung Fragen auf. Von Samantha hätte meiner Ansicht nach mehr Akzeptanz und Verständnis für marginalisierte Frauengruppen kommen sollen. 

Ein wunderbares Beispiel für eine Geschlechtsidentität, die mit der Matrix konform ist, liefert Charlotte York. Die Verfechterin von traditionellen Rollenbildern kündigt ihren angesehen Job, um für Ehemann Nr. 1 zuhause zu bleiben und die Dekoration der Wohnung zu übernehmen. Sie möchte zudem ihrem Ehemann, der Arzt ist, im Krankenhaus unterstützen und später die gemeinsamen Kinder großziehen. Dieses traditionelle Rollenbild der Frau, die für ihren Mann den Job an den Nagel hängt, mag uns aus heutiger Sicht lächerlich vorkommen. Doch Charlotte erinnert uns an gesellschaftliche Strukturen und Vorstellungen, die uns eine veraltete, patriarchalische Rollenverteilung aufzwingen wollen.

Geschlechtsidentität hat viele Facetten. Die Vorstellung, dass Frauen angeblich schlecht Auto fahren, ist eine davon mit sexistischem Charakter. Carrie bedient sich diesem Klischee und zeigt uns, wie eine sozial akzeptierte weibliche Geschlechtsidentität aussieht. Dass sie zudem Stammkundin bei Manolo Blahnik und Jimmy Choo ist und deswegen ihre Finanzen nicht im Griff hat, bedarf keiner weiteren Erklärung. All diese Verhaltensweisen konstituieren eine Frau, die mit Butlers Matrix konform bleibt. 

Die Begriffe Geschlechtsidentität und heterosexuelle Matrix stammen aus Butlers Werk Das Unbehagen der Geschlechter. Darin geht sie auch auf die Ausrichtung unserer Gesellschaft auf die männliche Bevölkerung ein. Dieser Androzentrismus taucht auch in SATC auf, vermutlich liegt das am ausschließlich männlichen Produktionsteam. Diese männliche Sichtweise beginnt mit der Vorstellung einer typischen Frau in New York. Carrie zum Beispiel trägt zu fast jedem Anlass schwindelerregende Absatzschuhe und ist eine wandelnde Reklame für Designer-Mode. Von Chanel bis Gucci ist alles dabei, und das von einem bescheidenen Gehalt einer Kolumnistin. All diese Tatsachen erinnern an den male gaze, die männliche Sicht auf Frauen und die Welt. 

Die Rechtsanwältin Miranda Hobbes führt als engagierte und zielstrebige Frau ein komplett autonomes Leben. Sie ist auf keinen Mann angewiesen, weder finanziell noch emotional. Was mich an ihre Figur aber stört, ist ihre Porträtierung in der Serie. Als alleinstehende „Karrierefrau“ wird sie gerne bemitleidet oder von ihrem Umfeld als anstrengend wahrgenommen. Öfters umgibt sie eine Aura des Zynismus. Dass es auch anders gehen kann, zeigt uns Kim Wexler aus der Serie Better Call Saul. Kim arbeitet sich in der HHM Kanzlei hoch und wird schnell zu einer angesehenen Anwältin. Ihre Arbeit erfährt Wertschätzung und Respekt, eine andere Behandlung im Vergleich zu männlichen Kollegen scheint nicht vorhanden zu sein. 

Die Serie mag aus den 1990er Jahre stammen und veraltete Denkmuster transportieren. Doch SATC kann auch anders. Für mich hat die Serie deswegen Kultstatus, da sie einige wunderbar feministische Momente bereithält, die nicht an Aktualität verloren haben. Es gibt kaum etwas emanzipatorisches, als wenn zwei autarke Frauen eine eigene Immobilie in Manhattan erwerben. Von ihrem eigenen Gehalt, ohne Unterstützung durch Papa oder Freund. Samantha und Miranda machen es vor. Eine weitere Bastion der weiblichen Selbstbestimmung stellt das Recht jeder Frau abzutreiben. Dies wird in der Serie auch so thematisiert, ohne Tabus oder Schuldzuweisungen. Und dann wäre das Stichwort Sexismus am Arbeitsplatz. Samantha nimmt für viele von uns eine Vorbildfunktion ein, als sie sich dagegen wehrt und den Job erhält, der ihr zusteht. Vorhin schilderte ich Charlotte als eine Verfechterin von traditionellen Rollenbildern. Doch auch sie hat ihre feministischen Momente. Als sie ihre Entscheidung verteidigt, ihren Job für ihren Mann zu kündigen, offenbart sie ihre selbstbewusste, emanzipierte Seite. 

Nun neigt sich dieser Artikel langsam dem Ende zu und ich schulde euch eine Antwort auf die Frage, warum ich Sex and the City trotz allem liebe. Die Kultserie schafft den Spagat zwischen leichter Unterhaltung und Empowerment. Obwohl sie aus den prüden Vereinigten Staaten stammt, verkörpert sie selbstbestimmte Frauen. Ob der glamouröse Lifestyle der vier Damen realitätsnah ist kann man gerne anzweifeln. Was aber feststeht, SATC liefert eine funkelnde Welt zum Eintauchen.

Quelle: Sex and the City, Regie: Michael Patrick King. USA 2016.

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