Folter in Videospielen – künstlicher Tabubruch oder harte Gesellschaftskritik?

I love Waterboarding Trevor

Dass ich diesen Artikel hier schreibe, grenzt an ein Wunder. Denn seit dem 16.9. wird mein Tag nur noch von einer Sache bestimmt: GTA V!

Und das meine ich ernst. Es gibt keine andere Sache mehr in meinem Leben. Facebooknachrichten werden erst Tage später gelesen, Nachrichten und die Zeitung werden schon gar nicht verfolgt. Und in meinem YouTube-Abo-Feed stauen sich die Videos, die unbedingt angeschaut werden wollen. Doch nein! Seit Tagen gibt es für mich nichts anders als Michael, Franklin, Trevor und die schier endlosen Straßen von Los Santos und San Andreas. Und obwohl ich die kompletten letzten Tage in dieser Welt verbracht habe, habe ich noch längst nicht alles gesehen. Ach verdammt! Ich bin schätzungsweiße gerade mal am Ende des ersten Drittels! Zu umfangreich sind die Missionen, zu vielseitig die Nebenaktivitäten und zu fesselnd die Spielwelt, die zu einer einfachen Autofahrt durch das detailreiche Hinterland einlädt. Darum soll dies hier auch keine Review werden, diese wird, sowahr ich oder einer meiner Kollegen dieses massiv große Spiel bei Zeiten durch haben nächste Woche erscheinen. Nein, ich werde hier weder auf die Geschichte, noch auf die Grafik, noch auf die grundlegenden Gameplaymechaniken eingehen. Alles worüber ich reden möchte, findet ihr in genau diesem Video:

Die eben gesehenen Szenen sind der Zusammenschnitt einer der Hauptmissionen von GTA V. Wie ihr gesehen habt, foltert der Spieler in Person des Hauptcharakters Trevor hier einen offensichtlich unschuldigen Mann beinahe zu Tode. Dies geschieht im Auftrag eines Regierungsagenten, der sich daraus bestimmte Informationen erhofft, worauf jetzt hier aber nicht weiter eingegangen werden soll.

Nun ist es Fakt, dass dies nicht die erste Szene in einem Videospiel ist, in der der Spieler selbst zum Folterknecht wird. Die Call of Duty-Reihe  zum Beispiel besitzt seit dem vierten Teil in fast jedem Spiel ähnliche Szenen. Dennoch ist das hier etwas Besonderes. Denn der Spieler hat, anders als in Call of Duty keinerlei Möglichkeit diese Spielszenen zu überspringen, wenn er die Mission erfolgreich beenden möchte. Auch erhält man vorher keine Warnung, dass die nun gezeigten Szenen womöglich nicht für jedermann geeignet sind. Ist es also falsch und unmoralisch von Rockstar Games diese Szenen in ihr Unterhaltungsprodukt zu implementieren? Sollten wir alle womöglich sogar das Spiel boykottieren, um unserem Abscheu gegen solche Methoden Ausdruck zu verleihen?

Nun, das muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich für meinen Teil sage jedoch beides Mal entschlossen: NEIN! Ich würde sogar noch weiter gehen und möchte Rockstar für diese Aktion meinen Respekt aussprechen. Denn meiner Meinung nach handelt es sich hierbei um Gesellschafts- und Regierungskritik par excellence. Doch warum ist es bei GTA Gesellschaftskritik und bei Call of Duty nur menschenverachtender Dreck? Die gezeigten Szenen stellen doch ein und dasselbe dar.

Ja, das stimmt wohl. Folter ist Folter! Doch auch, wenn die Handlung an sich ähnlich sein mag, so könnte sich der Kontext nicht mehr unterscheiden. So ist die Folter in Call of Duty scheinbar immer ein unumgehbares Mittel für die größere, gute Sache. Man muss foltern um Informationen zu bekommen, die millionen Menschenleben retten werden. Und, und das ist ein besonders wichtiger Aspekt, der Gefolterte ist in Call of Duty eigentlich immer der Antagonist bzw. einer seiner Handlanger. Man tut also nur bösen Menschen Böses an. Die Folter dient hier einerseits natürlich, um die Härte der Protagonisten zu verdeutlichen, andererseits jedoch vor allem, um einen gewollten Schockmoment und Tabubruch im Spiel zu erzeugen. Denn diese Szenen gehen durch die Medien. Diese Szenen erregen Aufmerksamkeit. Und auch wenn sich die TV-Sender wohl selten positiv über so etwas äußern, so ist die Werbewirkung für das Spiel selbst durch eine solche Berichterstattung enorm.

Nun will ich nicht abschlagen, dass dieser Aspekt der negativen Presse, die sich im Endeffekt in reine Werbung für das Spiel umwandelt, auch auf GTA V zutrifft. Zweifelsohne werden Medien über diese Szene berichten und den Verkaufszahlen von GTA wird dies mit Sicherheit keinen Abschlag tun. Trotzdem steckt mehr hinter der Folterszene in GTA. Denn anders als in z.B. Call of Duty wird hier nicht ein Terrorist gefoltert, auch foltert man nicht um Informationen zu erlangen, die mögliche Menschenleben retten. Nein, man foltert einen unschuldigen Fernsehtechniker, der unglücklicherweise zur falschen Zeit am falschen Ort war und von Anfang an zu jeglicher Kooperation bereit ist. Und das Ganze geschieht auch noch auf Befehl eines egoistischen Dritten, der sich daraus nur persönliche Vorteile erhofft.

Dies klingt nun natürlich ungleich härter. Und das ist es auch. Aber genau aus dieser offensichtlichen Sinnlosigkeit ziehen die GTA Folterszenen ihr kritisches Potential. Es wird Folter in all seiner Härte und Sinnlosigkeit gezeigt. Sie wird in keinster Weise durch das größere Gute legitimiert. Sie ist, was sie ist. Folter! Und genau das erweckt im Spieler ein solches Unwohlsein, welches zumindest bei mir dazu geführt hat, dass ich vorerst mit dem Spielen aufhören musste. Ich musste das Gespielte zunächst verarbeiten und mir darüber Gedanken machen. Und genau in diesem Moment wird es den meisten Spielern wahrscheinlich klar werden: Sie haben gerade die ehrlichste und reinste und leider vermutlich auch häufigste Form der Folter gesehen. Hier wurde nichts heroisiert oder romantisiert. Was die Spieler hier gesehen haben, ist genau das, was vermutlich tagtäglich auf der ganzen Welt passiert. Sinnloses Foltern ohne das größere Gute. Und auch wenn GTA V diese Erkenntnis nur bei einigen wenigen der Käufer hervorrufen wird, so verdient Rockstar Games dafür trotzdem Respekt und Anerkennung.

Und natürlich hätte man den Gewaltgehalt der Szenen ankündigen und eine Möglichkeit zum Überspringen einbauen können. Doch so kann niemand die Augen davor verschließen. Und seien wir doch einmal ehrlich: Im Kino ist ein Überspringen solcher Szenen auch nicht möglich. Und hier haben wir auch schon einiges gesehen. Denken wir nur mal an Zero Dark Thirty  oder vor allem an Irreversible.

Doch die unterschiedlichen Messlatten, die an Filme und Spiele angelegt werden, sind ein anders Thema. In einer Sache hat Rockstar dann aber doch ziemlich daneben gegriffen. Denn leider gibt es im Rahmen des neuen Missionsbewertungssystems in GTA V auch Punkte für das Foltern mit allen zur Verfügung stehenden Gerätschaften. Um den „Goldstatus“ für die Mission zu erlangen, muss der Spieler also sämtliche Foltermethoden einsetzen. Dadurch macht sich das Spiel sehr angreifbar für Kritiker. Hätte man dieses Bewertungssystem in nur dieser Mission weggelassen, so wäre die erzielte Wirkung noch größer gewesen und man hätte weniger Angriffsfläche geboten.

Aber egal! Jetzt möchte ich mit den Worten schließen, die Trevor nach der Folter sagt:

Torture`s for the tortures (…) It`s useless as a means of getting information.

3 Gedanken zu “Folter in Videospielen – künstlicher Tabubruch oder harte Gesellschaftskritik?

  1. Fand die Szene nicht so schlimm wie vergleichsweise die Einführung von Trevor. Will nichts spoilern, daher nur so viel: Trevor ist für mich der schlechteste Charakter, weil er mit allem davon kommt was er macht. Michael und Franklin müssen immer mit den Konsequenzen leben, Trevor dagegen darf machen was er will. Das macht ihn für mich oft uninteressant und nach der Einführung von ihm hatte ich echt keine Lust mehr mit ihm zu spielen. Gut, evtl. ist er die Karikatur des GTA Spielers selbst, der Chaos anrichtet und damit durchkommt (in der virtuellen Welt), aber da ich das Spiel meist realistischer angehe, um auch wirklich in die Welt abzutauchen, reizt er mich nicht. Die Folterszene fand ich dagegen echt halb so wild. So einen richtigen Aufschrei hab ich jetzt auch nicht mitbekommen, wie z.B. bei den Call of Duties. Hab auch immer nur die „milderen“ Methoden benutzt in der Szene und ihn so auch nicht die Zähne ziehen müssen :D.
    (good guy Timo)

  2. Größeres Gut! „Wieviele Menschen sind nötig, damit aus Recht Unrecht wird?!“

    Juli Zehs „Der Kaktus“ weiß mehr.

  3. Toller Artikel! Ich finde deinen Gesellschaftskritik-Ansatz total richtig. Trotzdem hätte ich wahrscheinlich diese Mission nicht durchziehen können. Der Arme erinnert mich ein bisschen an Raj von Big Bang Theory…
    Habe mich bei der Szene aus Call of Duty ertappt wie ich dachte: „Ach das war doch jetzt gar nicht so schlimm…“ – Unglaublich wie schnell man bereit ist, Folter und Gewalt zu akzeptieren, wenn sie unter einem Pseudo-Deckmantel der Gerechtigkeit geschehen!

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