Der Anime – anders, verurteilt und missverstanden

Eigentlich bin ich ja nicht derjenige, der sich darüber echauffiert, wenn die Meinung meines Gesprächspartners in Sachen Filmen oder anderen Medien nicht mit meiner übereinstimmt. Aber dieses Thema beschäftigt mich schon relativ lange, deshalb will ich da mal ein paar Worte zu Papier bringen. Jedenfalls kam in der Redaktion kürzlich eine Diskussion über Animes auf. Hierbei fielen auch Kommentare à la „Ich schaue keine Animes“ oder „Animes find‘ ich seltsam“. Das nehme ich mir hier zum Anlass, mich ein bisschen über solche Kommentare auszukotzen und werde versuchen, zu erklären, was mir an Animes gefällt und warum sie unglaublich gute Filme/Serien sein können. An der Stelle sei gesagt, dass ich zumeist Beispiele aus der Filmwelt bringen werde, da ich bei Anime-Serien nicht so bewandert bin. Abgesehen natürlich von den Kinder-Animes (Pokémon, Dragonball), die sowieso jeder auf RTL II gesehen hat, in einer Zeit, in der man nicht schon im Nachmittagsfernsehen mit der nationalen Verblödung konfrontiert wurde. Allerdings sind alle angesprochenen Punkte genauso auf Anime-Serien anwendbar.

Studio Ghibli – seit 1985 für viele Anime-Klassiker verantwortlich

Um ehrlich zu sein, stimmen mich solche Bemerkungen, wie die oben genannten, regelrecht traurig. Eine Sache muss ich aber vorab klarstellen: Diese Traurigkeit fühle ich keineswegs, wenn jemand mit Quentin Tarantino, Breaking Bad oder The Legend of Zelda nichts anfangen kann. Ich bin schließlich nicht der Geschmacksimperialist dieses Blogs, und Geschmäcker sind bekanntlich verschieden. Nein, mir tun Leute mit dieser Einstellung gegenüber Animes wirklich leid. Sie tun mir leid, weil ihnen grandiose Spielfilme entgehen, die emotionale, kreative, und auch philosophisch angehauchte Geschichten erzählen können. Ob einem die Filme gefallen, darüber kann man sich natürlich streiten. Das Problem, das ich nur habe, ist, dass die Gründe, warum manchen Menschen Animes nicht gefallen, oft nicht nachvollziehbar und unhaltbar sind. Eben so, dass man sofort merkt, dass der Gegenüber in seinem Leben vielleicht vier Ausschnitte von zwei Animes gesehen hat, die irgendwann mal im Fernsehen liefen.

Ich habe ja schon ein Problem mit der Bemerkung „Ich schaue keine Animes“, weil ich mich dann frage, ob man dann auch sagen kann, dass man keine gewöhnlichen Zeichentrickfilme mag. Oder grundsätzlich keine Actionfilme. Die Aussage kommt mir schlichtweg zu pauschalisierend vor, so als würde man gleich das komplette Genre verurteilen. Wobei Anime ja nicht einmal ein Genre ist, sondern nur eine Art, Filme zu kreieren, die dann in einem gewissen Genre liegen. Jedoch ist es am schlimmsten, wenn man dann mal nach der Begründung fragt, warum der Gegenüber keine Animes schaut. Zumeist kommt dann eine Antwort wie „Mir gefällt der Zeichenstil nicht, der sieht irgendwie komisch aus“. Zugegeben, manchmal sind die Augen von Anime-Figuren ziemlich groß und auch manche Verhaltensweisen der Figuren (z.B. das klassische „Nasenbluten“, wenn ein Charakter in eine peinliche Situation mit dem anderen Geschlecht kommt, oder der riesige Kopf, wenn ein Charakter wütend ist) sind oft extrem übertrieben dargestellt.

Nausicaä fliegt durch das Tal der Winde

Aber ich sehe darin keinen Grund, gleich alle Animes zu verdammen. Zumal das in ernsteren Animes sowieso nicht oft vorkommt. Außerdem sollte sich die betreffende Person dann doch mal einen Anime vom sogenannten „japanischen Walt Disney“ Hayao Miyazaki, der für fast alle Animes von Studio Ghibli verantwortlich ist, zu Gemüte führen. Hierbei ist es auch egal, welcher, ich würde aber seinen ersten aus eigener Hand empfehlen namens Nausicaä aus dem Tal der Winde (gesprochen: Nausica-a) von 1984. Was einem hier sofort ins Auge springen dürfte, ist die Wald- und Wiesenlandschaft. Diese hat Miyazaki, wie übrigens jeden seiner Filme, mit einer Genauigkeit und Liebe zum Detail gezeichnet, von der selbst die modernen Disney-Filme (Merke: Ich rede hier von Zeichentrick, nicht von 3D-Animationsfilmen) nur träumen können. Wer dann noch nicht überzeugt ist, wird aber spätestens bei Das wandelnde Schloss seine Erleuchtung finden. Übrigens lässt Hayao Miyazaki in seinen Animes nie mehr als 10% computergenerierte Grafiken zu, man kann sich also ziemlich sicher sein, dass hier kaum getrickst wird.

Major Motoko Kusanagi aus Ghost in the Shell

Der nächste Kommentar, der mich jedes Mal traurig stimmt, ist „Ich schaue keine Animes, die sind doch Kinderkram“. Meines Erachtens ist dies einer der fünf größten Irrtümer unseres Planeten. Fragt mich aber nicht, was die anderen vier sind. Der dürfte schlichtweg darauf basieren, dass die bekanntesten Animes eben für Kinder oder die Familie sind. Mir ist klar, dass Pokémon, Digimon oder Dragonball nicht die erwachsenste Form von Unterhaltung sind, und auch Miyazakis Klassiker sind nicht ausschließlich an Erwachsene gerichtet. Stöbert man aber etwas tiefer, stößt man gleich auf weitere Animes, die wohl keiner als typische Familienfilme bezeichnen würde. Das prominenteste Beispiel dürfte hier Ghost in the Shell von Mamoru Oshii (übrigens mit der krassesten Intromusik, die ich aus einem Anime kenne) aus dem Jahre 1995 sein, welcher neben Akira sehr viel dazu beigetragen hat, dass Animes auch im Westen beliebter wurden. Ghost in the Shell handelt von Cyborgs im Jahr 2029, die aber ihre Erinnerungen durch eine Biokapsel behalten haben, ihr Körper wird dabei durch künstliche Implantate ersetzt. Die Handlung ist in diesem Artikel ja nicht so wichtig, aber es sei gesagt, dass Ghost in the Shell hochphilosophische Themen behandelt. Unter anderem die Frage, was eigentlich echtes Leben ist. Die Hauptfigur, Motoko Kusanagi, sucht nach der Antwort auf diese Frage, weil ihr zwar erklärt wurde, dass sie immer noch ein Mensch ist. Sie fühlt sich aber nicht mehr als einer, weil sie zwar noch ihre Identität besitzt, ihr Körper und ihr Gehirn aber nur noch aus künstlich erstellten Teilen bestehen. Oshii ist übrigens auch für das Drehbuch von Jin-Roh – Die Wolfsbrigade verantwortlich, welcher sich mit Terrorismus auseinandersetzt und außerdem äußerst blutig und brutal ist. Sicher nicht für Kinder.

Man findet aber auch bei Miyazaki tiefergehende Handlungen. Fast alle seine Filme befassen sich mit der Frage, ob der Mensch und die Natur ohne Probleme nebeneinander existieren können. Speziell Prinzessin Mononoke stellt meiner Meinung nach den Konflikt sehr ergreifend dar, und teilweise wusste ich gar nicht, auf welche Seite ich mich eigentlich stellen soll. An diesem Punkt sei auch noch Das Mädchen, das durch die Zeit sprang von Mamoru Hosoda (auch der Regisseur des Kinofilms zu Digimon) genannt, in dem das Schulmädchen Makoto Konno lernt, durch die Zeit zu reisen und natürlich versucht, das zu ihrem Vorteil zu nutzen. Während hier eine gute Science-Fiction-Story über Zeitreisen geschrieben wurde, erzählt der Film gleichzeitig eine sehr emotionale Liebesgeschichte, die zumindest junge Erwachsene nicht kalt lässt. So viel zum Thema „Animes sind ausschließlich für Kinder“.

Prinzessin Mononoke, die Beschützerin des Waldes, mit der Wolfsgöttin

Wo wir gerade bei den Storys von Animes sind: Bei manchen Hollywood-Filmen würde es sich lohnen, mal einen Blick auf die Zeichentrickfilme aus Japan zu werfen. Andy und Lana Wachowski, die Regisseure der Matrix-Trilo… Moment: Andy und Lana Wachowski, die Regisseure des überaus revolutionären Films Matrix von 1999 bekannten sich als große Fans von Mamoru Oshii und erklärten, dass Ghost in the Shell einen großen Einfluss auf die Produktion von Matrix hatte. Als ganz aktuelles Beispiel sollte man hier auch den Anime-Klassiker Akira erwähnen, in dem ein Mitglied einer Biker-Gang durch einen Vorfall mit Superkräften in Kontakt kommt und anschließend die Fassung verliert und Verwüstung anrichtet. Kommt einem bekannt vor? Richtig: Chronicle, der erst dieses Jahr erschienen ist, hat einen sehr ähnlichen Handlungsverlauf.

Krasser Psycho-Thriller und ein ziemlicher Mindfuck noch dazu

Ein sehr wichtiger Anime-Regisseur, der jedoch leider 2010 im Alter von 47 Jahren an Bauchspeicheldrüsenkrebs verstorben ist, ist Satoshi Kon. Auch seine Filme befassen sich mit sehr erwachsenen Themen wie dem Realitätsverlust und zeigen viele Thriller-Elemente. So beispielsweise sein erstes Werk Perfect Blue von 1997, nach dem gleichnamigen japanischen Buch, in dem eine Sängerin namens Mima Kirigoe ihre Karriere beendet und sich anschließend an der Schauspielerei versucht. Nach und nach wird ihr Leben immer durchgedrehter und der Übergang zwischen Realität und Fantasie verwischt immer wieder. Von Perfect Blue bezog der hochgelobte Hollywood-Regisseur Darren Aronofsky übrigens dreizehn Jahre später sehr viel Inspiration für seinen Film Black Swan, mit Natalie Portman in der Hauptrolle. Aronofsky kaufte sich sogar die amerikanischen Filmrechte von Perfect Blue, nur um eine Szene daraus in seinem Film Requiem For A Dream (für die, die es kennen: die Szene, in der Marion, gespielt von Jennifer Connelly, schreiend in der Badewanne sitzt) nachdrehen zu dürfen. Abgesehen von Perfect Blue ist hier auch Paprika, Kons letzte Regiearbeit (ja, so wie das Gemüse), zu nennen. Ein äußerst abgefahrener Film, in dem eine Psychotherapeutin eine Möglichkeit gefunden hat, in die Träume ihrer Patienten einzudringen, diese aufzuzeichnen und in bestimmte Richtungen zu lenken. Tja Mr. Nolan, da ist ihre Inception auf einmal nicht mehr ganz so „noch nie da gewesen“. Jedenfalls könnte demnächst noch ein letzter Film von Satoshi Kon erscheinen mit dem Titel The Dream Machine, allerdings weiß momentan keiner so genau, ob er wirklich noch produziert wird.

Paprika – nicht ganz so psycho, aber immer noch verdammt abgedreht

Liebe Anime-Nicht-Liebhaber, verurteilt das schönste japanische Exportgut nicht so schnell. Schaut euch doch erstmal ein oder zwei an, statt euch an so unwesentlichen Dingen wie den großen Augen zu stören. Der visuelle Stil kann bei Animes so extrem detailreich und erwachsen sein. Außerdem geht es in einem Film doch hauptsächlich um die Geschichte, und die kann bei Animes unglaublich interessant, einfallsreich und schön sein. Und oft auch nicht für Kinder. Vielleicht konnte ich ja den einen oder anderen überzeugen, doch mal einen düsteren Klassiker wie Akira oder Perfect Blue einzuwerfen, und wenn nicht, dann eben zumindest einen freundlichen Miyazaki. Versucht es einfach mal. Ich bin mir sicher, ihr werdet es nicht bereuen.

2 Gedanken zu “Der Anime – anders, verurteilt und missverstanden

  1. Habe von den Serien jeweils nur Ausschnitte mitbekommen, aber wenn ich von dem Gesehenen und von den dazugehörigen Mangas ausgehe, dürften sich auch „Berserk“, „Fullmetal Alchemist“ und „Death Note“ lohnen. Fullmetal Alchemist schlägt dabei, meiner Meinung nach, ziemlich gut einen Bogen zwischen ernsterer und leichterer Unterhaltung. Ach ja. Und irgendwie sagt jeder, dass Samurai Champloo ganz toll sein soll, hab ich aber bisher noch nicht gesehen. Und das war es auch schon wieder mit dem Namedropping meinerseits.

  2. Fernsehredakteur zur Stelle: „Noir“ und „Elfenlied“ wäre ein Beispiel für zwei sehr gelungene und sehr ernste, dazu noch tödlich tragische Animeserien.
    „Blade of the Immortal“ ist eine großartige Mangaserie, die aber den Sprung ins Anime nicht schafft, weil die oberaffentittengeilen Zeichnungen nicht übertragen wurden (übertragbar waren?).
    Die Liste geht bestimmt noch weiter, aber mehr kenn ich halt nicht.

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