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Triggerwarnung: Dieser Text thematisiert sexuelle Gewalt.
“Alltäglicher Sexismus ist ein Massenphänomen. Derzeit erleben (nach Selbstauskunft) 44 Prozent aller Frauen in ihrem Alltag sexistische Übergriffe- 14 Prozent mehrmals im Monat.” Dies wird im Fazit einer Pilotstudie von dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend über Sexismus im Alltag festgestellt. Damit ist klar, dass Sexismus leider immer noch ein Teil unserer Gesellschaft ist. Dementsprechend werden auch heute noch Medien produziert, die den Sexismus reflektieren und feministische Kritik ausüben. Sofia Isellas Songs tun dies auf eine besonders brutale und poetische Art und Weise. Als ich ihre Lieder zum ersten Mal gehört habe, war ich sehr beeindruckt von ihren anspruchsvollen und metaphergefüllten Lyrics.
Die 2005 geborene Sängerin experimentiert gern mit Musikstilen wie Alternative, Indie, Pop und Industrial und ist meiner Meinung nach eine der spannendsten feministischen Sängerinnen.
In einem Interview beschreibt sie sich und ihre Musik folgendermaßen: ”Industrial, political, opinionated, very lyrically oriented. Sylvia Plath, Margaret Atwood, Nine Inch Nails, Saya Gray, Beck, Imogen Heap, these are the gods I pray to. And I’m a slut for words. Oh my GOD words.” Neben Feminismus singt sie auch über andere Themen, jedoch werde ich mich in diesem Artikel nur auf die feministischen Motive beziehen, da diese ein häufiges Thema in ihrer Musik sind. Dabei gehe ich bei der Untersuchung vor allem auf die Lyrics ein.
Für die Analyse der feministischen Kritik in ihren Songs nutze ich drei ihrer Songs: “The Doll People” (2024), “Dog’s Dinner” (2025) und “Unattractive” (2024).
“They are made of ass and glass”- Objektifizierung von Frauen in “The Doll People”
Wenn in diesem Song von Puppen die Rede ist, dann sind keine Spielzeuge aus dem Kinderzimmer gemeint. Die Puppen sind hier eine Metapher für Frauen (oder nichtbinäre Personen). Passive Objekte, die man kauft, besitzt, die ohne eigene Stimme sind, denen man alles antun kann, was man möchte.
Als erstes Attribut der Puppen nennt sie den “ass”, was auf die Reduzierung der Frauen auf ein Objekt der Begierde anspielt. In den nächsten Zeilen beschreibt sie außerdem, dass der Kopf der Puppen abgenommen werden kann. Dies kann als Metapher für Gewalt oder kontrollierende Machtpositionen interpretiert werden, die das Leben von Puppen oder Frauen kosten können. Sie schließt die erste Strophe mit dem Statement “We are art you can fuck” ab. Dies stellt Frauen als Kunstobjekte dar, die man kaufen und besitzen könne und ihnen antun könne, was man wolle. Sofia nutzt die provokante Wortwahl (“fuck”), um die Wucht des Objektifizierungs-Gedanken und die Gefühllosigkeit gegenüber den Frauen darzustellen.
In der zweiten Strophe geht sie auf den Aspekt ein, dass Puppen lautlos sind. Puppen, und somit in diesem Fall auch Frauen, haben keine eigene Stimme und sind damit zwangsweise den Männern unterworfen. Aber das sei ja nicht schlimm, denn “there are men with a day to save”: Männer mit Helden-Egos können stattdessen etwas sagen und “den Tag retten”, da deren Meinungen ja mehr wert seien als die der Frauen. Der Wille der Frauen sei ja sowieso egal, wie in der Zeile “A woman who doesn’t want it is much hotter than one that does” dargestellt wird. Es zähle nur der Wille der Männer- und dieser Wille könne eben auch zur Verwendung der Puppen zu sexuellen Zwecken führen.
Die immer wiederkehrende Zeile “Wife, whore, mistress, maid, mother” beschreibt, wie die Frauen nur die Rollen seien, die ihnen von der Gesellschaft vorgeschrieben werden. Es zähle der Aspekt des Dienens, statt eigener Persönlichkeit oder eigenem Willen.
Das Lied endet damit, dass die Puppen zusammen wegrennen und die Männer zurücklassen. Diese Fantasie betont, dass Frauen sich unter sich selbst freier und glücklicher fühlen. Sofia beendet den Song flüsternd, fast schon außer Puste, als sei sie erschöpft von der ganzen Objektifizierung und Gewalt. Nach dem Text ist nur noch ein leises Lachen zu hören. Dies könnte das Zurücklassen der Männer als Auslöser haben- ein Lachen der Erleichterung, der gewonnenen Freiheit. Doch selbst für dieses Lachen hat sie kaum Kraft mehr- selbst das Lachen ist stimmlos.
“He turns dog, they all do”- vorhergesehene, unterdrückende Rollen statt ehrlicher Intimität in “Dogs Dinner”
Hier beschreibt Sofia ein Szenario beim Geschlechtsverkehr: Die Frau/Erzählerin fühlt sich passiv und nicht in der Lage, Unzufriedenheiten zu äußern, während der Mann zum metaphorischen “Hund” wird und statt tiefer Gefühle nur impulsgesteuerte, mechanische Affektionen zeigt. Das Thema dieses Liedes ist vorgetäuschte Intimität innerhalb stereotypischer Rollenbilder.
Schon die ersten beiden Zeilen “Breaking moans/ kissing clones” weisen auf ein vorgetäuschtes Vergnügen seitens der Frau hin, da sie sich und die Männer als Klone von typischen Rollenbildern beim Geschlechtsverkehr sieht. Statt Menschlichkeit ist hier nur Künstlichkeit und Wiederholbarkeit vorhanden. Der Vergleich von Männern und Hunden (“he turns dog, they all do”) weist ebenfalls auf ein automatisches, instinktgesteuertes Verhalten seitens der Männer hin. Die Rollenbilder werden deutlich im Text genannt: “I try not to say love, he tries to be last”. Die Frau will bei dieser Emotionslosigkeit nicht liebevoll sein, sehnt sich aber nach echter Emotionalität, während der Mann zeigen möchte, wie lange er durchhalten kann, bevor er zum Höhepunkt kommt.
Dabei fühlt sich die Frau in eine passive Rolle gedrängt, gezwungen, die “Alles-ist-gut-Fassade” aufrechtzuerhalten: “Only a woman has seen everything and must act like she’s seen nothing”/”It’s a dog’s dinner, but isn’t it great? Couldn’t anybody, anyone get used to the taste?”. Dabei spricht sie ein weiteres Problem an: Die Gesellschaft normalisiert unterdrückende Rollenbilder und zeigt damit, wieso Frauen sich lieber anpassen anstatt eventuelle Unzufriedenheiten auszudrücken. Dies wird durch die leise Stimme von der Sängerin unterstützt, die zum Ende fast schon flüsternd wird: Auch sie wird in die unterdrückte Rolle gedrängt. Erst mit einem aktiven Durchbrechen der passiven Rolle und dem Äußern von Unzufriedenheit kann Veränderung in der Gesellschaft geschehen.
Während des Aktes schaut die weibliche Erzählerin die Wand an. Die Wand ist hier eine Art Gegenpol zu dem Hund. Sie wird als Frau identifiziert (welches die passive, aushaltende Rolle von Frauen nochmals unterstreicht) und lacht gemeinsam mit der weiblichen Erzählerin über den Witz der Intimität, der der Erzählerin gerade widerfährt. Die Wand ist also eine Partnerin, die wegen ihrer observierenden Rolle die Lächerlichkeit von dieser Art von Intimität versteht.
Die letzte Zeile fasst die Einsamkeit dieser automatischen, emotionslosen Intimität zusammen. Dabei unterstreicht die provokante Wortwahl der Erzählerin ihren Frust: “You’ll understand dick and loneliness when you’re filled with both.”
“You make me wanna squeeze fat out of my chest until it’s flattened”- Der Male Gaze und männliche Fantasien in “Unattractive”
Der Song startet leise und es ist eine männliche Stimme zu hören, bevor die Sängerin überhaupt erst ihr erstes Wort singen kann. Dies ist ein erster Hinweis darauf, dass der Mann in diesem Lied die Kontrolle über die weibliche Erzählerin hat. Diese Erzählerin erklärt in dem Song, dass sie so extrem sexualisiert wird, dass sie lieber unattraktiv wäre. Sie beschreibt den Blick einiger Männer mit der Metapher von Krallen und fühlt sich gewissermaßen sogar gejagt: “The feeling of being a fox around a walking gun/ staring down the barrel not knowing when to run.” Ihr ist der Blick so unangenehm, dass sie sich mit aktiven Maßnahmen schützen möchte: “I grab my keys, I watch the door”. Das Lied wird lauter, und die Erzählerin beschreibt die sexuellen Vorstellungen des Mannes in seinem Kopf. Die darauf folgende Zeile “Relax, oh can’t you take a joke” ist ein gängiger Kommentar, um Taten harmloser darzustellen, sich selber aus einer Täterrolle herauszuwinden und das Opfer lächerlich dastehen zu lassen. Auch die direkte, provokative Wortwahl (“Bitch”, “Gun”, pull my face off”, etc.) weist darauf hin, wie drastisch das Thema für einige Frauen ist und hilft dabei, das Thema nicht zu verschönern, sondern genau so darzustellen, wie es ist.
Insgesamt beleuchtet Sofia Isella in ihren Songs auf schonungslose Weise die Vielfältigkeit von Sexismus- sei es durch die stummen Puppen, durch vorgetäuschte Intimität oder durch der Angst vor dem male gaze. Das ist meiner Meinung nach nicht einfach nur Musik, sondern kluge, laute und vielseitige Kritik! Hört also gerne mal rein.
1 – https://www.bmbfsfj.bund.de/bmbfsfj/service/publikationen/sexismus-im-alltag-141250

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