Was YouTube kann – und was nicht

Y-Titty-Cover-Halt-dein-Maul

YouTube ist und bleibt ein Phänomen. Seit der Übernahme von Google im Jahr 2006 sowie der Einführung des YouTube-Partnerprogramms von 2007 – bei dem erfolgreiche YouTuber durch Klicks und Werbung Geld verdienen – ist YouTube schon lange kein schmuddeliger Hort für lustige Katzen-Videos oder Fail-Compilations mehr. YouTube ist vielmehr ein großer Sender für verschiedenste Social-Media-TV-Formate und Videoblogs. Y-Titty, der erfolgreichste deutsche YouTube-Kanal (2,8 Millionen Abonnenten), sind mittlerweile so bekannt, dass man sie mittlerweile auch kennt, wenn man kein einziges Video von ihnen gesehen hat, denn: Die 3 Jungs, bekannt geworden durch Song-Parodien und Sketche, funktionieren auch analog sehr gut. Ihre „Strick-Socken-Swagger-Tour“ war – bis auf wenige Ausnahmen – restlos ausverkauft. Mittlerweile kann man beim 1Live Schulduell Y-Titty als Musik-Act für den Pausenhof gewinnen. Als meine Stufe da noch mitmachte, waren Silbermond der Hauptpreis. Die Zeiten haben sich geändert.

YouTube hat sich geändert: Erfolgreiche YouTuber schließen sich zu Netzwerken zusammen und agieren als Team. Als erstes deutsches Multi-Channel-Network wurde im September 2011 die Firma Mediakraft Networks mit Hauptsitz in München gegründet. Mitglieder der Geschäftsführung sind unter anderem: Christoph Krachten (bekannt vom YouTube-Kanal Clixoom) sowie Philipp Laude („Phil“ von Y-Titty). Bekannte deutsche YouTube-Kanäle, die dort unter Vertrag stehen, sind unter anderem: LeFloid, Freshhaltefolie und ApeCrime. News, Comedy, Beauty & Lifestyle, Lets Play Videos. Alles findet bei der Mediakraft-Gruppe Platz. Laut Homepage sind die Vorteile für YouTuber, die mit dem Netzwerk kooperieren, unter anderem folgende:

– Du verbesserst Deine Inhalte und Deinen Kanal. 

– Du kannst bei Bedarf Zugriff auf eine Musik- und Soundbibliothek bekommen.

– Du kannst in unseren Studios unter Profi-Bedingungen produzieren.

– Du hast die Chance auf höhere Einnahmen.

Mediakraft schließt einen individuellen Vertrag mit dem YouTube-Partner und bekommt einen Teil der Werbeeinnahmen. Im Gegenzug ist man Teil des größten YouTube-Netzwerks Deutschlands, kann seinen Content hochwertiger produzieren und erreicht (durch Vernetzung mit anderen bekannten YouTube-Kanälen) garantiert mehr Klick-Zahlen. Eigentlich eine gute Sache für YouTuber sowie für deren Fans, die den professionell produzierten Content zu schätzen wissen. Doch wo liegt der Haken an der Sache? Es gibt keinen. Eigentlich. Denn: YouTube ist oberflächlich. Es kann gar nicht anders. Und darin liegt das Problem von YouTube und den bekanntesten YouTube-Kanälen. Sie orientieren sich an ihrer Zielgruppe:

lefloid

„Le News“ von LeFloid ist eine auf 5 Minuten heruntergepresste, schnell geschnittene Ansammlung von RTL 2- News. Das soll an dieser Stelle kein Vorwurf sein. Es funktioniert nicht anders. Niemand schaut sich auf YouTube LeFloid, diesen sprachgewandten, netten Typen, an, der 5 Minuten lang ausschließlich über den Konflikt in der Ukraine redet und vielleicht etwas mehr auf die Materie oder Hintergründe eingeht. Aktuelles, Weltpolitisches wird zwar angesprochen, aber dann meist ironisch, sarkastisch mit großen Bildern und schnellen Schnitten auf 30 Sekunden abgetan. Anschließend kommen Trash-News über das neue Hoverboard und Aliens. Das ist es, was YouTuber nicht leisten können:  Etwas produzieren, das womöglich nicht so viele Klicks bringt. Durch die Bindung an ein Netzwerk müssen Klicks her. Und diese generiert man am besten mit reißerischen Titeln, schnellen Schnitten, kleinen Gags zwischendurch und alles beschränkt auf maximal 5 Minuten. So verkommen „YouTube-News“ zu einer großen grauen Suppe, in der man alles findet, was man dort nicht sucht: Gaming-News neben dem neuem Sarrazin-Buch und der Frage, ob Facebook unsere Beziehungen kaputt macht. Weil es das ist, was die YouTube-Zielgruppe interessiert: Eine gut gefüllte, wohlfühlende Wundertüte. Darin liegt die Problematik von YouTube sowie YouTube-Kanälen: Die Zielgruppe ist sehr jung und auf kurze, selbst wählbare Clips getrimmt. Sonst würden sie fernsehen. Doch interessant ist, was kurz und knackig ist. Jegliche Tiefe geht dabei verloren. Das alles kann aber kein Vorwurf sein, sondern ist lediglich eine Bestandsaufnahme.

YouTube kann kein Kanal für informative Nachrichten oder wirkliche Wissensinhalte sein. Der Versuch ist bei einigen YouTubern da, aber letztendlich werden doch immer kleine Gags, Trash-News, dumme Animationen oder ähnliches reingebracht, um den Zuschauer bei Laune zu halten, denn Klicks zählen. Was YouTube kann ist Comedy und (Song)-Parodien. Man denke nur an den Edeka-Song („Supergeil“), den mittlerweile jeder mindestens einmal geklickt hat. Das Konzept: Ein alter schrulliger Mann, ein trashiger, schon vorhandener Song, das ganze gemünzt auf Edeka – fertig. Kostengünstige virale Werbung mit einer unglaublichen Reichweite. Aber: YouTube fehlt die Konsistenz, die Ernsthaftigkeit.

Das mag an der Zielgruppe liegen die YouTube nutzt, woraufhin die Produzenten im Umkehrschluss ihren Content an diese anpassen, oder an der generell geringen Aufmerksamkeitsspanne von Videos im Internet. Was auch immer die Gründe sein mögen – die meisten YouTube-Kanäle sind für erwachsene User schlichtweg uninteressant, weil es meist Humor für 12-Jährige ist und die harten Schnitte sowie das Dauergrinsen vor der Kamera für sie oft einfach nur anstrengend sind. Und weil Herr Tutorial mir nicht sagen soll, wie ich meine Pickel ausdrücke. Trotz alledem: YouTube ist ein riesiger Pool für Produzenten geworden und als echter Konkurrent des Fernsehens einzuschätzen, da es vor allem junge Medienkonsumenten erreicht. Das sollte einige Sendechefs dieses Landes zum Nachdenken anregen und sie vor die Frage stellen: Wie können wir junge Internet-Kids zu uns holen? Immerhin: Die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten veröffentlichen mittlerweile verstärkt auf ihren Kanälen speziell für YouTube-Nutzer interessante Ausschnitte von Fernsehsendungen. Wie beispielsweise jüngst eine Aufzeichnung der NDR-Talkshow, in der Poetry-Slammerin Julia Engelmann über ihren großen medialen Erfolg im Netz und ihren Umgang damit spricht. Julia Engelmann’s Text, aufgezeichnet beim Poetry Slam an der Universität Bielefeld, wurde ca. 5 Millionen Mal geklickt. Julia Engelmann nun auf die Startseite des ARD-YouTube-Kanals zu platzieren kann ein erster Schritt der Sender sein, eine junge YouTube-affine Zielgruppe abzuholen.