Eine Kultur, die sich selbst in den A**** fickt

…oder warum Rammsteins Pussy-Video ehrlicher ist als Lady Gagas Telephone-Filmchen

Vor ein paar Monaten, da gab es noch so einen minimalen Skandal um das neue Rammstein-Video „Pussy“ von Regisseur Jonas Åkerlund, das fortan in einer stark geschnittenen Version schnell an Bedeutung verlor. (Für alle, die nicht regelmäßig RTL2-News schauen, hier noch mal kurz der Inhalt: Zu vergleichsweise sehr poppigen Klängen und dem Liedtext „You’ve got a pussy, I have a dick, so where’s the problem?“ führten die Bandmitglieder in bester Porno-Film-Manier den Beischlaf durch, mit Fokus auf der Penetration, also dem im Land des senkrechten Lächelns geführten „Blitzkrieg mit dem Fleischgewehr“.)

Dieser Tage nun ist ein neuneinhalb minütiger Film mit musicalartig eingeschobenen Abschnitten des Songs Telephone von Lady Gaga veröffentlicht worden. Ebenfalls unter der Regie von Jonas Åkerlund. Angesichts des betriebenen Aufwands und der erzielten Aufmerksamkeit in der Medienlandschaft das momentane Maß der Dinge…

Zum Inhalt: Unabhängig vom Songtext wird Lady Gaga verhaftet und in ein wie ein lesbischer Swingerclub aufgebautes Gefängnis gebracht, um dann von Beyonce im Pussy Wagon aus Kill Bill herausgeholt zu werden und schließlich in wohl einer Art Rachefeldzug ein komplettes (männliches) Diner zu vergiften.

Neben den in leichter Bekleidung abgehaltenen Tanzchoreographien, liegt der Akzent wiederum auf den modischen Stylinnovationen bzw. Neuschöpfungen Lady Gagas, sowie in der dominanten bis aggressiven Darstellung weiblicher(?) Sexualität, die im bereits erwähnten Mord und der vermeintlichen sexuellen Beziehung mit Beyonce kulminiert. Weiteres sich durchziehendes Motiv ist das Zitat, vor allem von Popkulturikone Tarantino.

Ist Kopieren im Sinne extremer Zitate wirklich etwas Gutes? Quentin Tarantinos Filme sind lange solcher Zitatreihen in Bild und Ton und die meisten Menschen stört das nicht. Im Gegenteil! Aber hier nun wird vor allem Tarantino kopiert/zitiert whatever, doch in einer sehr asexuellen Weise, also irgendwie verstörend, ohne inhaltliche Qualität und Rechtfertigung. Diesen Zitaten kommt zudem natürlich eine andere Rolle zu, weil sie etwas aus derselben Popkulturgeneration kopieren. Und so fühlt es sich vor allem eines an: entseelt!

Frühe Madonna-Videos kann man (zumindest aus der Retroperspektive) neben der bewussten Skandalträchtigkeit ein gewisses erotisches Bemühen nicht abstreiten. Im Gaga-Video ist das keine Erotik mehr, sondern eine sich anbiedernde Nacktheit, die einen höchstens erwarten ließe, dass der musköluse Schwarze im Video (Tyrese Gibson) besagtes (überdimensionales) Fleischgewehr rausholt und yeah baby, so geht Musik heute… Umgekehrt entspräche es allerdings wohl eher der programmatischen Ästhetik des Videos. Und schließlich wird dieser Schwarze hier mit puppenhafter Leichtigkeit vergiftet.

Überhaupt scheint sich eine neue Bedeutung der Körperlichkeit innerhalb der Populärkultur zu etablieren. Da ist Lady Gaga, die sich regelrecht verwandelt, deren ‚Mode’ zum Teil ihres Körpers wird. Die Nacktheit, die sich verselbständigt durch das Fehlen jeglicher, beispielsweise sinnlicher Mimik. Ihre Gefährtin Beyonce findet ansonsten ihre ganze visuelle Essenz in der schwungvollen Dominanz ihrer Hüfte wieder. Als Beispiel hierfür sei auf das in den Himmel gelobte Video zu Single Ladies verwiesen. Die Ganzheitlichkeit wird also aufgebrochen hin zu einer Mannigfaltigkeit der Oberflächen.

In Jonas Åkerlunds Rammstein-Video bekommt man, was einem versprochen wurde und davon vielleicht sogar mehr als einem liebt ist. Es werden die Bilder zum Klischee geliefert. In Telephone ist das, was hinter den Klischees oder der Ästhetik des Pop steckt, nicht mehr erkennbar. Die Inszenierung ist Wahrheit und Selbstzweck zugleich.

Im Vergleich zum Rammstein-Video ist Lady Gaga ebenfalls in einer Szene komplett nackt, jedoch verpixelt. Es wird sogar Bezug genommen zur zwischenzeitlichen Spekulation um ein vermeintliches männliches Geschlechtsteil bei Lady Gaga, indem die Wärterinnen festellen, dass sie eben doch keines hat. Was sollte da unten im Übrigen auch anderes sein außer Pixel?

In der Provokation in die eine und der Befriedigung in der anderen Richtung liegt wohl das gesamtinszenatorische Geschick der Figur Lady Gaga. Dieses nihilistische Spiel mit ästhetischen und gesellschaftlichen Konventionen und Maßstäben, auf das die Leute (wie auch ich) reagieren und von außen Begriffe von Diva bis Feministin einwerfen und gerade so erst richtig das Feuer der Hölle entzünden.

Aber vielleicht ist das alles auch gar nicht per se so niveaulos und künstlerisch armselig, sondern einfach eine temporäre Strömung in der Populärkultur, die aus einer Gesellschaft des Trashs heraus diese Form der Oberflächlichkeit von der Oberflächlichkeit – in deren Folge sich schließlich die Guidos oder Atzen gefunden haben, um solcher Sachen nicht traurig zu sein, sondern zu feiern – als Mode versteht. So wie Jeans erst sorgfältig gefärbt und geschneidert werden, um dann mehrfach gewaschen und geschmirgelt oder zerschnitten zu werden, damit sie zumindest für heute eine gewisse Wertigkeit erlangen.

Ring Ring