Die purpurnen Flüsse Staffel 1 – Ich sehe rot

Nach 14 Jahren Abwesenheit erscheint Pierre Niémans erneut auf der Mattscheibe, um außergewöhnlichen Fällen auf den Grund zu gehen. Doch leider ist Die purpurnen Flüsse eine verwirrende Serie. Nicht etwa, weil man vor lauter Illuminaten, Freimaurern und religiösen Fanatikern den Überblick über das Geschehen verliert, sondern da sie von Grund auf Probleme in Sachen Struktur und Kontinuität hat.

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Sequel oder Stand-alone?

Um zunächst den Elefanten im Raum anzusprechen: Ja, es gab vor dem Erscheinen dieser ersten Staffel bereits zwei Filme, die sich Inhaltlich ebenfalls auf Jean-Christophe Grangés Roman beziehen. Da ich weder die Filme gesehen, noch das Buch gelesen habe werde ich an dieser Stelle keine Aussage über diese treffen. Und hier beginnen die Probleme auch schon: Ich habe keine Ahnung, ob die Serie auf die vorherigen Werke bezug nimmt. Anfangs ging ich davon aus, dass den Charakteren keine große Aufmerksamkeit geschenkt wird, sodass der Eindruck entsteht, dass diese bereits etabliert wären. Außerdem werden immer wieder “alte Freunde, Bekannte und Kollegen” zu rate gebeten. Andererseits wird jedoch in späteren Folgen auf die Vergangenheit der beiden Protagonisten eingegangen. Dies lässt mich folgern, dass die Serie für sich steht.

Doch nicht nur die Serie, nein, selbst jeder einzelne Fall kann komplett für sich alleine stehen. Wie bereits erwähnt gibt sich die Serie nicht sonderlich viel Mühe dabei ihre Protagonisten auszuarbeiten. Stattdessen wirft sie uns direkt in einen Fall und lässt uns im Dunkeln darüber, wer da denn jetzt eigentlich genau ermittelt. Das ist eben ein älterer, grantiger Herr und seine kurzhaarige Assistentin. Man erfährt zwar hier und da Einzelheiten aus deren Vergangenheit, aber macht euch bitte keine Hoffnung, dass diese jemals wieder aufgegriffen werden. Nichts wird in dieser Serie jemals wieder aufgegriffen!

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Fortsetzung folgt?

Gegen Ende des ersten Falls werden unsere Helden um ein Haar Satan geopfert und in letzter Sekunde gerettet. Schnitt. Ich hatte dank dem Abspann ca. eine Minute Zeit mir vorzustellen was für einen Einfluss dieses Erlebnis auf die zukünftige Handlung haben würde. Aber was ist das? Ein neues Setting und ein neuer Fall. Das ist nicht mehr und nicht weniger als die audiovisuelle narrative Form des Coitus interruptus. Alle Nebencharaktere von denen ich dachte, dass sie eine Rolle spielen werden, tauchen nie mehr auf. Die im letzten Fall behandelte Sekte taucht nie mehr auf. Das Trauma, das die beiden Hauptcharaktere höchstwahrscheinlich erlitten haben, taucht nie mehr auf.

Doch es kommt noch schlimmer: Teilweise widersprechen sich einzelne Fälle in ihrer Charakterzeichnung. Während ein Charakter in einer Folge noch ohne mit der Wimper zu zucken durch das Behindertenheim einer inzestuösen Sekte läuft, wird diesem in der nächsten Folge schon unwohl, wenn sie nur ein Kinderheim sieht.

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Ist das überhaupt noch eine Serie?

Diese Frage stellte ich mir im Verlauf der Serie immer wieder. Wenn jeder Fall für sich steht und aus zwei Folgen a’ 45 Minuten besteht, so erreicht er die Durchschnittslänge eines Spielfilms. Könnte man also sagen, dass die Staffel effektiv aus vier Filmen besteht? Jein. Es wirkt eher so, als ob man versucht hätte, einen Spagat zwischen Film und Serie zu meistern, sich dabei aber einen Bänderriss zugezogen hätte. Am ehesten wird dies anhand der Cliffhanger ersichtlich, die sich am Ende einer jeden ersten Folge eines Falls befinden, um den Betrachter dazu zu animieren, sich doch bitte auch die nächste Folge anzusehen. Dieser besteht übrigens in jedem Fall darin, dass eine Leiche gefunden wird. Diese Art der Berechenbarkeit erzeugte meinerseits definitiv keine Spannung, sondern allerhöchstens Belustigung.

Ähnlich verhält es sich mit der ewig plakativen Musik. Vielleicht ist mir diese aber auch aufgrund des Untertitels “*spannende Musik*” besonders ins Auge gefallen. Zusätzlich ist das Bild konstant entsättigt, damit dem aufmerksamen Betrachter auch ja auffällt, wie trostlos das doch alles ist.

Neben der konstanten Struktur und den Hauptcharakteren gibt es auch zwei Thematiken, die das Konstrukt der Serie konstituieren. Einerseits ist da die Thematik der Religion, welche in jeder Folge vertreten ist, jedoch teilweise sehr stark forciert wirkt. Ob sich ein Aufstand in einer Kinderheim allen Ernstes auf die Kinderkreuzzüge beziehen würde, wage ich an dieser Stelle anzuzweifeln. Andererseits ist da noch die Thematik des Regelbruchs. Unsere Protagonisten brechen jede erdenkliche Regel und schrecken auch vor Gewalt in Befragungen nicht zurück. Dies hat nie negative Auswirkungen auf die Zukunft ihrer Karriere. In Bezug auf die vorherige Thematik lässt sich hier wohl sagen “Der Zweck heiligt die Mittel”!

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Was eine Serie meiner Meinung nach auch braucht, ist eine gewisse Form der Struktur. Diese ist hier schlicht und ergreifend nicht vorhanden. Es ist absolut egal in welcher Reihenfolge man die Fälle anschaut. Ich würde sogar noch weiter gehen und behaupten, dass die auf der Bluray vorgegebene Reihenfolge nicht sinnvoll ist. Aus mir unbegreiflichen Gründen wirft der vierte Fall Fragen auf, die in Fall drei bereits beantwortet wurden. Eine weiterer Grund den Fall nach vorne zu verschieben wäre die Tatsache, dass hier das erste Mal der Dienstgrad und die Abteilung der beiden Protagonisten genannt werden.

Fazit

Auch wenn das alles sehr negativ klang müsste ich lügen um zu behaupten, dass mir die Serie nicht auch Spaß bereitet hätte. Die Fälle bieten nämlich prinzipiell einiges an Potenzial und auch die Kameraarbeit sticht teilweise positiv hervor. Wer sich an Verfilmungen von Dan Brown Büchern erfreuen kann, sich schon immer mal wie ein Theologie-Experte fühlen wollte, oder sein Misstrauen gegenüber Religion bestärkt sehen will, der wird auch mit Die purpurnen Flüsse seinen Spaß haben, sofern er seine Ansprüche herunterschraubt. Da ich aber nicht vorhabe meine Ansprüche zu senken verlaufen die purpurnen Flüsse für mich direkt in den Abfluss des baldigen Vergessens.