James Mangolds Erzählung der Lebensgeschichte von Bob Dylan

(Like) A Complete Unknown heißt das neue Biopic von Regisseur James Mangold – dessen letzte Projekte sich stets auf einem schmalen Grat zwischen Hit und Miss bewegt haben. Mit Indiana Jones und das Rad des Schicksals konnten weder Fans der gleichnamigen Reihe noch Kritiker überzeugt werden. Das weltweite Einspielergebnis des Blockbuster unterschreitet die Produktionskosten und ist somit ein erhebliches Verlustgeschäft für die Entertainment-Sparte des Disney-Konzerns. Zuvor zeigte sich Mangold als Regisseur und Drehbuchautor für mehrere gefeierte Filme, unter anderem Ford v. Ferrari (Le Mans 66) (2019), Logan (2017), Knight & Day (2010) und Walk the Line (2005). Seine Vielseitigkeit und Fähigkeit, spannende Geschichten kreieren und inszenieren zu können, sollte er damit ausreichend bewiesen haben.
Diesmal allerdings scheint der US-Amerikaner alle Elemente für einen hochkarätigen Film beisammen zu haben: Dass Mangold mit musikalischen Biografien umgehen kann, hat er mit dem oscar-prämierten Walk the Line bereits unter Beweis stellen können – auch wenn die Auszeichnung 2006 nur an Hauptdarstellerin Reese Witherspoon gegangen ist. Mit Logan – The Wolverine bestätigte er seine Fähigkeit, vermeintlich auserzählten Figuren neue Tiefen und Emotionen zu verleihen. Zuletzt hat das Casting hier eine großartige Leistung abgeliefert, neben einer Hollywood-Legende und einem der popkulturellen Superstars der Gegenwart überzeugen besonders die Nebendarsteller, darunter einige bekannte Gesichter. Das schürt Hoffnung auf einen weiteren Kinohit.
Nun zur eigentlichen Handlung: Anfang der 1960er-Jahre trampt der 19-jährige Bobbie Dylan (Timothée Chalamet) nach New York, um sein Idol Woody Guthrie (Folksänger & gezeichnet von Chorea Huntington) kennenzulernen. Diesen findet er in einem Sanatorium und trifft dort zeitgleich auf Pete Seeger (Edward Norton), ebenfalls Sänger und zentrale Figur der liberal-progressiven Folk-Bewegung. Beide erkennen sofort das riesige Talent Dylans. Seeger macht ihn mit weiteren Persönlichkeiten der Szene bekannt und fortan ist sein Aufstieg zum Weltstar prädestiniert.
Die Erzählung fokussiert sich dabei ausschließlich auf die Entdeckung und Entwicklung von Bob Dylan zwischen 1961 und 1965. In dieser Zeitspanne begleitet der Film den Weg des Künstlers zum immer größer werdenden Ruhm. Trotz dieser zeitlichen Beschränkung und starken Fokussierung auf das Privatleben des chaotischen Musikers auf der einen Seite und dem Aufbau einer gesellschaftlichen Kunstfigur auf der anderen Seite, versucht der Film, die verschiedensten Themen und Nebencharaktere unterzubringen. Dadurch, und durch die permanent einseitige Abbildung von Dylans Perspektive, werden fundamentale Entwicklungsschritte, Wesensmerkmale, Liebschaften, politische Debatten und das Innenleben des späteren Superstars zum Teil nur angeschnitten. Beispielsweise wird nur beiläufig die bürgerliche Herkunft und der eigentliche Name der Musikfigur erwähnt, was fortan keine Rolle mehr spielt. Die Frauenfiguren Sylvie Russo (Elle Fanning) und Joan Baez (Monica Barbaro) dienen primär der Vermittlung der politischen und sozialen Unruhen. Die Liaisons des Künstlers begleiten nebenher seine musikalische Entwicklung und seinen kometenhaften Aufstieg, ohne wirkliche Progression des Charakters hervorzurufen.
Bob Dylan selbst gibt keinerlei Parteilichkeit preis und strahlt während des Films ein permanentes Desinteresse in Bezug auf gesellschaftliche Streitpunkte aus (mit Ausnahme der Musik). Die Songs haben hingegen oftmals einen konkreten politischen Inhalt und Wert – weswegen sie auch so erfolgreich geworden sind. Zu keinem Zeitpunkt wird somit klar, warum Dylan so gut Schreiben kann und welche Inspirationen sein Schaffen beeinflussen. So wirkt Dylans Charakter in alldem eher distanziert, kalt, zunehmend verstrahlt und überfordert. Mit zunehmender Laufzeit fällt der Hauptcharakter mehr und mehr mit Schwafeleien und Genuschel über seine Genialität, seine innere Zerrissenheit und Bindungsängste auf. Generell empfiehlt sich bei einer Sichtung mit Originalton, auch auf eine Vorstellung mit Untertiteln zu achten.
Nichtsdestotrotz funktioniert der Film auf der Unterhaltungsebene, was ausnahmslos dem herausragenden Cast und der fantastischen Musik geschuldet ist. Timothée Chalamet spielt einen leidenschaftlichen Musikenthusiasten, der die mangelhafte Figurentiefe mit einer Art melancholischer Edginess ausgleicht und einen authentischen Eindruck über die innere Zerrissenheit aufzeigt. Die Nebencharaktere, allen voran Edward Norton und Monica Barbaro, überzeugen im Zusammenspiel mit Chalamet und ergänzen den Film um spannende Perspektiven. Zudem haben alle Darstellenden die Originallieder selbst eingesungen, wodurch sich die Songs nahtlos einfügen und das ein oder andere Cover sogar an die Originale herankommt. Die Musik wirkt zu keiner Zeit aufgezwungen, sondern fügt sich natürlich und homogen in die Geschehnisse ein, sodass Zuschauer von einem Song auf den nächsten hinfiebern. Das Genie Bob Dylans als Gitarrenspieler und Singer-Songwriter wird mit jeder musikalischen Szene offensichtlicher und einige Gänsehaut-Momente erreichen sowohl Fans des Musikers als auch Neulinge des Folkgenres. Vor allem die ersten kleineren und größeren Auftritte zeigen Wirkung und der Sound der Mundharmonika erzeugt immer wieder Emotionen. Außerdem gelingt die Abbildung der musikalischen Progression des Musikers von Folk zu Rock´n Roll, wodurch nicht nur Musikgeschichte wiedergegeben wird, sondern ebenfalls ein Wandel in der (Pop-) Kultur der amerikanischen Bevölkerung aufgezeigt wird.
Letztlich muss man sich die Frage stellen, was von einem Biopic Bob Dylans erwartet wird: In meinem Fall hatte es zuvor noch keinerlei Kontaktpunkte zur Person und Musik Bob Dylans gegeben, auch wenn einige Songs jedem/jeden bekannt sein dürften. Für mich sollte der Film demnach folgende Zwecke erfüllen: Er sollte informieren, unterhalten, gute Musik beinhalten, eine abwechslungsreiche Geschichte präsentieren, die Entwicklungsschritte der Musikgeschichte darstellen und musikalische Klassiker vermitteln.
All das gelingt (Like) A Complete Unknown und schürt Lust, tiefer in das Musikgenre und in die Hintergründe des Künstler einzutauchen. Auf der anderen Seite ist der Titel des Films wortwörtlich zu nehmen. Nach ca. 140 Minuten erscheint Bob Dylan als mysteriöse und nebulöse Figur der Musikgeschichte, die keinerlei Einblicke in das Innenleben zulässt und dementsprechend die Zuschauenden genauso wenig/viel zu Wissen scheinen, wie vor der Vorstellung. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Film besonders im Mittelteil seine Länge hat, mit fehlender Tiefe der Hauptfigur wirkt das gesamte Geschehen insgesamt zu undetailliert und ungleichmäßig auserzählt. Trotzdem überwiegt für mich eine positive Nachwirkung. Die schauspielerischen Leistungen und die ausgezeichnete Musik haben einen bleibenden Eindruck hinterlassen – ob acht Oscar-Nominierungen wirklich gerechtfertigt sind, sei dahingestellt.
(Like) A Complete Unknown ist ab 27. Februar in allen deutschen Kinos zu sehen.
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