Carlos – Der Schakal: Die Performanz des (film)politischen Terrors

Die dreistündige, extra für den deutschen Markt lokalisierte Fassung von Olivier Assayas eigentlich 330minütigen Epos über den Terroristen Illich Ramirez Sánchez, Deckname Carlos, kann den Geist der Originalfassung nicht abschütteln und hinterlässt das fade Gefühl nur den Schatten eines großartigen Films gesehen zu haben. Nicht unbedingt nur wegen der Kürzungen, sondern auch vielmehr wegen der deutschen Synchronisation.

In keinem anderen europäischen Land werden Filme so sehr auf den Markt „vorbereitet“ wie in Deutschland. Dass das Synchronisieren die tatsächliche Leistung von Schauspielern und Regisseuren, die einen Großteil ihrer Arbeit wiederum in die Schauspieler stecken, einfach übermalt und man somit nur einen Bruchteil des eigentlichen Werkes sieht, darüber dürfte ja eigentlich kein Zweifel bestehen. Natürlich, wenn man mit dem Lesen von Untertiteln beschäftigt ist, dann geht dabei sicher auch einiges verloren, aber als fremdsprachiger Konsument muss man nunmal Kompromisse eingehen. Aber mal ehrlich: lieber Untertitel lesen, als in Soldat James Ryan deutschsprechenden Amerikaner dabei zuzusehen, wie sie sich von einem deutschsprechenden Kameraden das Deutsch eines Deutschen in deutsch übersetzten lassen, damit es auch der deutsche Zuschauer versteht. Atmosphäre ade. „Carlos – Der Schakal: Die Performanz des (film)politischen Terrors“ weiterlesen

KurzKritiken – The American, Shahada, Adèle

Kurze Rezensionen zu drei (mehr oder weniger) aktuellen Kinofilmen.

The American – Kartografie der Seele

Aus Klischees geboren erhebt sich der höchst unamerikanische „The American“ durch seine reduzierte Inszenierung und das zurückhaltende Spiel George Clooneys zu einem höchst ungewöhnlichen Thriller, bei dem die Spannung direkt aus dem Inneren der Figuren kommt und in den unheimlich schönen Bildern widerhallt. Anton Corbjins eigentliche Profession merkt man dem Film vor allem in den visuell überstilisierten Liebessequenzen zwischen dem Protagonisten Jack und seinem love interest, einer bildhübschen Hure, an. Der Frauenkörper wird so intensiv und versiert inszeniert, dass diese Szenen fast aus dem sonst so schnörkellosem ästhetischen Korsett auszubrechen drohen, und funktionieren am Ende doch als Teil der kartografischen Visualisierung der Emotionen. „KurzKritiken – The American, Shahada, Adèle“ weiterlesen

Mother – Enttäuschender Kino-Inzest

Joon-ho Bong jongliert in seinem neusten Film mit verschiedenen Genres und deren Konventionen, aber rekonstruiert diese auf uninspirierte und fast inzestuöse Weise ohne sie zu hinterfragen oder zu dekonstruieren. Was Potential für ein überraschendes und anspruchsvolles Kinohighlight gehabt hätte, entpuppt sich somit als enttäuschend und vorhersehbar.

Das „Neues Arena“ – Kino in München ist ein sehr unscheinbarer Ort. Das liegt hauptsächlich daran , dass er so ungeheuer klein ist. Bei geschätzten 25 Sitzplätzen ist der Vorführraum entsprechend eng und die verhältnismäßig große Leinwand frisst einen förmlich auf. Sie wirkt geradezu bedrohlich, wie ein Abgrund aus Licht, der einen jeden Moment aufsaugen könnte. Man könnte meinen, dass das einem Film wie „Mother“ entgegen kommt. Ein kleiner, kammerspielartiger Film und ein Raum, der in der Lage wäre durch seine Konzeption einen bedrückenden Grad an Unausweichlichkeit zu erzeugen. Leider scheint „Mother“ ein Film zu sein, den man mit mehr Distanz begegnen sollte. Nicht etwa, weil er sonderlich erschreckend oder unangenehm intensiv wäre, sondern eher, weil er bei unmittelbarem Erleben eben das nicht ist. „Mother – Enttäuschender Kino-Inzest“ weiterlesen

Arcade Fire – The Suburbs

Die nunmehr dritte Langspielplatte der kanadischen Arcade Fire ist von geradezu epischem Umfang und in ihrer Schwere doch gleichsam ungemein leichtfüßig und zugänglich. Sie ist ein Konzeptalbum – und ein Rückschritt.

Arcade Fire sind seit ihrem Debut Funeral eine allseits ge- und beachtete Band. Ihren orchestralen Indiepop, der zwischen pompöser Theatralik und zurückhaltenden, rhythmischen Momenten pendelt(e), setzten sie auf Neon Bible in erhöhter Intensität fort, verloren dabei aber auch die Leichtigkeit, die den Vorgänger zu einem Konsens-Ausnahmewerk machte. Was bei der Rekapitulation von Aracde Fire’s Schaffen aber oft in ungerechtfertigte Vergessenheit gerät, ist ihre erste, selbstbetitelte EP. Vor allem angesichts von The Suburbs ist dieses Kleinod von nicht zu unterschätzender Bedeutung, da das neuste Werk auf das erste verweist und gleichzeitig diese rückblickende Perspektive zum Thema macht.

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Fundstück: 35 Filme in 2 Minuten – Könnt ihr alle erraten?

Ein animierter Kurzfilm, der es (angeblich) schafft, 35 Filme in zwei Minuten durch simple Formen und deren Transformationen darzustellen. Felix Meyer und Pascal Monaco haben dafür Filme ausgewählt, die durch ikonische Figuren oder Momente in die Filmgeschichte eingegangen sind. Beginnen wir doch ein kleines Rätselspiel und versuchen alle Zitate zu erraten (am besten ohne woanders zu spicken). 35mm from Pascal Monaco on Vimeo. Ich beginne mal (in chronologischer Reihenfolge): 1.Singing in the rain 2.Titanic 3.Der weiße Hai Fundstück: 35 Filme in 2 Minuten – Könnt ihr alle erraten? weiterlesen

Die Kunst des Kommerzes – Die Kurzfilmperlen I’M HERE und THE GIFT übersteigen ihre kommerzielle Herkunft

Es besteht eine nicht zu leugnende Interdependanz zwischen Kunst und Kommerz. Kunst kostet für Konsument und Produzent gleichermaßen. Dalí hat sich und seine Werke profitorientiert vermarktet, Warhol die Kunst als Ware inszeniert. Doch diese Prinzipien lassen sich natürlich nicht nur in der Bildenden Kunst finden. James Cameron hat mit AVATAR erst kürzlich in einem bisher unbekannten Ausmaß demonstriert, wie sehr auch der Film Ware sein kann. Nicht dass das notwendig gewesen wäre. Immerhin hat das Kino v. a. durch Hollywoods Blockbuster schon immer latent das Image des geldgesteuerten Massenmediums inne. Da möchte man den Film gleich als seelenloses Monstrum denunzieren, das mit riesigen Dollarzeichen in den weit aufgerissenen Augen seine eigenen Kinder frisst. Doch dem Kommerz kann auch eine kreative Kraft innewohnen, wie die beiden Kurzfilme I’M HERE von Spike Jonze und THE GIFT von Carl Erik Rinsch eindrucksvoll beweisen. Mag nicht mehr ganz aktuell sein, was in Zeiten des hyperaktiven Internets sicherlich etwas peinlich ist, aber die Filme sind dennoch eine weitere Erwähnung wert.

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Apple ist cool – Oder die unerträgliche Hippness der Biederkeit

Ha, fast wäre ich den Medien doch tatsächlich auf den Leim gegangen. Aber es war ja irgendwie abzusehen. Da   kommt Apple mit seiner nächsten Medienrevolution und schon spuckt die Hölle ein paar Journalisten aus, die versuchen mit nahezu unhaltbaren Gerüchten den Apfel faulig zu machen. Erst neulich das lächerliche Titelbild des Spiegels: „Der iKult. Wie Apple die Welt verführt.“ Da wird Steve Jobs als herrschsüchtiger Kontrollfreak und kaltblütiger Geschäftsmann inszeniert: „Steve Jobs bestimmt nicht mehr nur was wir kaufen – er will bestimmen wie wir leben.“ Das klingt ja fast nach einer totalitären Mediendystopie.

Und der gute Steve soll wohl dann der neue Hitler oder Stalin oder Mao oder am besten gleich alle zusammen sein, oder was? Nicht mit mir. Apple ist innovativ, hipp, künstlerisch und individuell. Nichts ist weiter von den Apfel-Produkten und der dahinter stehenden Firmenphilosophie entfernt als diese ganzen Anschuldigen. Und was musste ich schon im Ferbruar auf der Zeit-Website lesen? Da werfen die Apple doch glatt Zensur vor. Als nächstes kommt noch die digitale Bücherverbrennung oder was? Was soll das? Die Leute sollten sich doch lieber bedanken, dass endlich mal jemand Verantwortung übernimmt. Was soll aus unseren Kindern, die mit dem ganzen Schmuddelkram, den sie überall im Netz um die Ohren geworfen bekommen, aufwachsen denn mal werden? Die werden ja schon als Generation-Porno betitelt. Da gehen dann auch die moralischen Maßstäbe irgendwann flöten. Gut, dass Apple da durchgreift. Keine unnötigen Pimmel mehr, keine Sperma-Wale , keine zu unrecht mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten politischen Cartoons und auch sich küssende Männer gehören zum Glück der Vergangenheit an. Wer will sowas überhaupt noch sehen.

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