Bewusst provoziert, oder kein Sinn für Handlung?

Am 5. Oktober 2011 erschien der sechste Zamonien-Roman von Walter Moers. Der als „erfolgreichster deutscher Autor des letzten Jahrzehnts“ (zeit.de, FAZ) gelobte Autor kehrt mit seinem Roman „Das Labyrinth der Träumenden Bücher“ nach Buchhaim zurück und lässt den Protagonisten Hildegunst von Mythenmetz wieder durch die Straßen der Stadt, in der sich alles, wirklich alles, um Literatur dreht, wandeln. Doch das Buch spaltet die Leserschaft. 

Spulen wir elf Jahre zurück. Walter Moers, bekannter deutscher Zeichner veröffentlicht seine ersten beiden Romane. Es folgen in den nächsten elf Jahren drei weitere und nun, im Oktober 2011 der sechste. Schon seit Monaten war der Titel und damit auch das Thema des Romans bekannt: Das Labyrinth der Träumenden Bücher. Moers „übersetzt“ einen weiteren Teil der Autobiographie (die in ihrer Gesamtheit „Reiseerinnerungen eines sentimentalen Sauriers“ heißt und in 25 Bände mehr als 10.000 Seiten umfasst) seines Alter Ego Hildegunst von Mythenmetz. Achronologisch, schließlich überspringt der „Nachfolger“ von „Die Stadt der Träumenden Bücher“ ungefähr die Hälfte des Lebens des Dichtlindwurms. Erklären wir genauer; Moers ist ein höchst öffentlichkeitsscheu. Das letzte bekannte Bild von ihm ist von 1994, auch fotolose Interviews sind höchst selten. Mit dem literarischen Kniff, des Alter Ego karikiert er seine Bemühungen aus dem Rampenlicht zu treten, indem er angibt die Bücher stammen nicht von ihm, er sei nur der Übersetzer. So hat er die Möglichkeit sein Alter Ego Hildegunst von Mythenmetz zu einer Art „Über-Dichter“ zu stilisieren, ohne den Vorwurf hören zu müssen, eingebildet zu sein.

Doch nach Erscheinen des Romans im Oktober 2011 geht ein polarisierender Schrei durch das Web 2.0. Während die Presse den Roman als populäre Belletristik, als low-brow-culture, in den Feuilletons übergeht und die herkömmlichen Internetmedien, die ihn überhaupt behandeln den Roman loben, zerfetzen die Endbenutzer (vor allem bei Amazon) den Roman. Während kein Roman Moers‘ unter vier Sternen (von fünf) Durchschnittswertung aufweist, mahnt der Laienrezensent, die Stimme des Volkes „Das Labyrinth der Träumenden Bücher“ mit zwei Sternen ab.

Versuchen wir nachzuvollziehen weshalb.

Durch die umfassende Promotion (Werbevideos, eigene Homepage, thematische Werbezeitung, Pappaufsteller, direkte Hörbuch-Umsetzung), die lange Wartezeit (vier Jahre) und die Popularität der vorhergehenden Romane, stellte sich bei der Leserschaft eine hohe Erwartungshaltung ein, die auf vielen Ebenen, aber auch schon rein inhaltlich enttäuscht wurde.

Nach vielen großen literarischen Erfolgen zieht sich der Literaturstar Hildegunst von Mythenmetz in seiner Heimat zurück und ergetzt sich nur noch an sich selbst. Erst ein Brief reißt ihn aus seinem Selbstlob und der völlereitriefenden Lethargie. Er kehrt zurück nach Buchhaim, einer Stadt Zamoniens, die den gesamten Literaturdiskurs zu beinhalten scheint (Literatur ist dort also in jeder Form anzutreffen, klassisch – von Verfassen über Verlegen, Drucken und Kaufen, sowie ausgefallen – Essen, Trinken, Architektur und vieles mehr). Dort trifft er erstmals, seit seinem Verlassen der Stadt in „Die Stadt der Träumenden Bücher“ die veränderten Umstände an, schließlich sind viele Jahre vergangen. Diese Veränderungen, die Entwicklung der einzelnen Figuren und das Trauma, dass der behäbige Dichterfürst von seinem letzten Besuch davongetragen hat sind und bleiben der Inhalt des Romans.

Mehrere Male wird dabei der Inhalt des Vorromans durchgekaut (unter anderem in einem Puppentheater-Stück), beinahe alle in Buchhaim schon erwähnten Figuren, werden im zweiten Buch nochmals erwähnt und thematisiert (selbst posthum, oder sei es nur über nahe Verwandte), das titelgebende Labyrinth spielt nur als traumatisch-paranoides Bild des Mythenmetz eine Rolle. Nach der eigentlichen, den gesamten Roman eindrucksvoll ausgearbeiteten Exposition mit Figurenkonstellationen, Psychologisierungen, Aussparungen, schlicht allem was ein potentiell großartiges, episches Stück Literatur braucht ist der Roman zu Ende. Der „Übersetzer“ Moers bittet dies aufgrund (fiktiver?) Probleme mit dem Verlag und der (auf jeden Fall fiktiven) ausschweifenden Art des „unübersetzten Urtextes“ zu entschuldigen. Diese fiktiven Ausschweifungen übersetzt Moers in typographisch abgesetzten Notizen, die die Notizen des Mythenmetz darstellen, die sogenannten „Puppetistischen Notizen“.

Der („übersetzte“) Teil des Romans endet ironischerweise mit den im Vorroman und im Laufe dieses Buches schon konnotierten Worten „und hier fängt die Geschichte an.“ Insgesamt beenden diese Worte einen Roman, der aufgrund der gesteigerten Erwartungshaltung für viele Leser sehr enttäuschend war.

Doch betrachtet man den Roman fernab dieser Erwartungshaltung, dem Lechzen nach mehr Spannung und mehr Handlung aus dem konstruierten Promi-Leben, des Über-Dichters, dessen subjektiv verfärbte Beschreibungen uns einen gesamten Kontinent ständig neu wahrnehmen lassen, der Naturwissenschaft mit Literatur verschmelzen lässt und sich ständig neu zu erfinden meint. Fernab von all diesem Trubel schafft Moers vieles und viel Lobenswertes.

Es ist zwar auf jeden Fall schwer zu entscheiden, aber einem Walter Moers Ideenlosigkeit und literarisches Auf-der-Stelle-treten vorzuwerfen scheint nach den letzten fünf Romanen und den vorangegangen Comics weit hergeholt. Vielmehr erscheint „Das Labyrinth der Träumenden Bücher“ – blendet man eine eventuelle Ideenlosigkeit aus – als Parodie auf psychologisierende Literatur, einen überrealistischen empfindsamen Naturalismus und schlussendlich den Literaturbetrieb. Letzteren nicht nur auf Erzählebene mit dem in Buchhaim umfassend manifestierten Literaturbetrieb, sondern auch auf dem gesamten Marketing beruhend. Der Leser erwartet von einer Fortsetzung eines spannenden Buches auch ein ähnlich spannendes Buch. Walter Moers provoziert die gezielte Enttäuschung seines Publikums und führt so den riesigen Erwartungsdruck vor Augen. Er geht sogar so weit am Ende des Buches noch darauf hinzuweisen, dass der eben gelesene Teil nur Ouvertüre war. Auf erzählerischer Ebene passiert ebendies auch dem Dichterfürst Hildegunst von Mythenmetz. Die eigentliche Trennung von Form und Inhalt wird hier einmal mehr aufgehoben.

Vor allem die Vorwürfe eines kreativen Lochs und der Ideenlosigkeit stellen sich als etwas haltlos dar. Betrachtet man den Detailreichtum, mit der Moers die um 200 Jahre gealterte Stadt Buchhaim neu beschreibt, beinahe neu erfindet und dennoch die meisten Dinge beim Alten lässt, so lässt sich höchstens der Vorwurf formulieren, dass zuviel Details und zu wenig Handlung verwendet werden. Das entschuldigt Moers selbst mit der Begründung der Einleitung.

Desweiteren benutzt Moers immer stärker Typographie als Ausdrucksmittel. Für jede verschriftlichte Stimme wird eine andere Schriftart verwendet. Paradebeispiel sind die „Lebenden Zeitungen“ (Gnome, die sich in Zeitungen hüllen, um die neuesten Nachrichten mündlich, wie schriftlich zu verbreiten). Obwohl sie lebende Kreaturen sind, sind sie doch innerhalb der Erzählebene eine Manifestation des Schriftlichen und bekommen eine andere Schriftart zugewiesen.

Aber wie Moers schon in einem Interview in „DIE ZEIT“ sagt „[d]ie Kritiker haben einfach ihre Kenntnisse in den Blaubär rein- beziehungsweise aus ihm herausgelesen.“ Das gilt für seinen damals einzigen und ersten Zamonien-Roman, wie für den aktuellen wohl auch. Und vielleicht ist auch eben das die Stärke des Romans; er ist anders als erwartet und bedarf so einer näheren Auseinandersetzung. Wer diese nähere Auseinandersetzung nicht mitmachen mag, schreibt den Roman schon vorher ab. Bleibt abzuwarten, wie Walter Moers mit der enttäuschten und gleichzeitig wieder erhöhten Erwartungshaltung verfährt.

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