
Die Schlussworte sind gesagt, es wird dunkel, und wir beginnen zum letzten Mal zu applaudieren. In diesem Artikel stelle ich drei Inszenierungen vor, die meiner Meinung nach in diesem Jahr besonders viel Applaus verdient haben. Diese waren im Deutschen Schauspielhaus Hamburg, dem Staatstheater Hannover und dem Schlosstheater Celle zu sehen. Auch wenn dieser Artikel in einem bayerischen Blog erscheint: Die Reise lohnt sich, und alle drei Inszenierungen sind auch in 2026 noch in den Theatern zu sehen.
Platz 3: Prima Facie im Schlosstheater Celle
Wenn mich jemand fragt, was die prägendste oder schockierendste Aufführung war, die ich in diesem Jahr gesehen habe, dann würde ich mit Prima Facie von dem Schlosstheater Celle antworten. Die Romanvorlage von Suzie Miller wurde 2024 von Ruth Langenberg inszeniert. Mit einer unglaublichen Wucht und starken Argumenten behandelt es ein Thema, was für alle relevant ist, jedoch so gut wie nie in der Gesellschaft diskutiert wird: Die Ungerechtigkeiten des juristischen Systems gegenüber den Opfern sexueller Gewalt.
Die hoch angesehene Strafverteidigerin Tessa Ensler ist der Meinung, dass das Gesetz alle Menschen schützt. Sie ist exzellent in ihrem Beruf und verteidigt auch mutmaßliche Sexualstrafträter*innen. Dabei empfindet sie keinerlei Schuldgefühle, da sie im Gericht ja bloß Unstimmigkeiten bei den Opfern entdeckt und zur Sprache bringt. Selbstbewusst steht sie hinter dem juristischen System. Dann wird sie eines Abends selbst Opfer sexueller Gewalt. Sie beschließt, in den Zeugenstand zu gehen, und erlebt die Gerichtsprozesse von der anderen Seite. Dort merkt sie, dass Kreuzverhöre nicht so eindeutig sind, wie sie immer dachte. Als Opfer lernt sie, dass die Situation des Übergriffes nicht chronologisch und perfekt erinnerbar ist, und verstrickt sich selbst in Unstimmigkeiten. Die einst hoch angesehene Strafverteidigerin Tessa Ensler merkt: Das Gesetz und das juristische System schützt eben nicht alle Menschen.
Die Aufführung findet im Malersaal, eine kleine Studiobühne im Erdgeschoss des Schlosses, statt. Mit rund 40 Plätzen ist es ein intimer, naher Ort, an dem alle direkt am Geschehen sind. Dies schafft eine ganz besondere Atmosphäre für das vulnerable Thema.
Die Schauspielerin Pia Noll ist wie immer grandios: Sie verkörpert die fast schon arrogante Figur anfangs so gut, dass man sie nur hassen kann. Als sie selbst jedoch zum Opfer wird, ändert sich durch ihr Spiel auch schlagartig die ganze Atmosphäre im Raum. Es ist still. Bedrückend. Schwer. Gekonnt führt sie auch Jura-Nichtkenner*innen in die Welt der juristischen Verfahren ein. Als ihre Figur merkt, dass sie solche Übergriffssituationen nicht immer chronologisch und fehlerfrei rekapitulieren kann, legt sich eine fast schon ängstliche, hilflose Stimmung über das ganze Publikum. Das erste Rascheln von Taschentuchpackungen ist zu hören. Dann nimmt sie all ihre Kraft zusammen und hält mitten im eigenen Prozess eine Rede über die Ungerechtigkeiten, die im juristischen System stecken und erst durch die Opferperspektive nachvollzogen werden können. Dieser Monolog wird so kraftvoll gespielt, dass am Ende das ganze Publikum wie abgesprochen direkt zu den Standing Ovations übergeht. Man hat das Gefühl, dass der Applaus nicht nur einem guten Theaterabend gilt, sondern dem Anerkennen der Ungerechtigkeiten, einem Wunsch nach Veränderung, etwas ganz Großem.
Platz 2: Laios im Schauspielhaus Hamburg
Ja, ich weiß, ich bin spät dran: Der zweite Teil der Anthropolis-Reihe von Roland Schimmelpfennig hatte seine Premiere bereits in 2023. Leider bin ich erst dieses Jahr nach Hamburg gekommen, aber diese Inszenierung von Karin Beier ist so mächtig, dass ich sie trotzdem auch in diesem Jahr noch ausdrücklich empfehle.
In der Stadt Theben herrscht Chaos. Laios, der Sohn der Königsfamilie, wurde damals als Säugling verbannt. Das Chaos zwingt die Stadt jedoch dazu, Laios wieder zurückzuholen, um einen Herrscher über die Stadt zu haben. Gesagt, getan: Laios trifft mit seinem Liebhaber Chrysippos und einem unglücksbringenden Sphinxwesen wieder in Theben ein. Zurück in Theben lernt er Iokaste kennen. Eine Liebesbeziehung bahnt sich an. Die Seherin Pythia gibt Laios und Iokaste jedoch eine schreckliche Prophezeihung: Sollten die beiden ein Kind zeugen, wird dieses Kind den Vater töten und die eigene Mutter schwängern. Diese Prophezeihung hält Iokaste jedoch nicht auf: Sie zeugen ein Kind, Ödipus, und setzen ihn weitab von Theben in der Wildnis aus. Am Ende treffen der mittlerweile erwachsene Ödipus und Laios aufeinander.
Besonders bemerkenswert an dieser Inszenierung ist der Umgang mit den Quellen: Es wird keinen Anspruch auf die eine korrekte Version des Mythos erhoben. Stattdessen wird mittels verschiedener Versionen ergänzt und gezweifelt. Dieser spannende Umgang mit den Mythen erzeugt glücklicherweise nicht noch mehr Verwirrung, sondern mehr Verständnis. (Außerdem ist es durchaus gut zu wissen, dass Chrysippos, der Liebhaber des jungen Erwachsenen Laios, eventuell nicht 16, sondern auch 12, oder gar 8 gewesen sein könnte. War es überhaupt ein Liebhaber, oder doch eher ein Entführter?)
Das herausstechendste an der Aufführung war eindeutig die Schauspielerin Lina Beckmann. Sie setzt ihre Stimme und ihren Körper auf eine extrem gekonnte und überzeugende Art und Weise ein. Bei der Darstellung des wilden Lebens in der Natur wirkt sie schon gar nicht mehr menschlich: Sie wirkt animalisch, fast schon gruselig, weit über das Menschsein hinaus. Faszinierend ist ebenfalls, dass sie als eine einzige Person einen ganzen Chor überzeugend darstellen kann. Blitzschnell wechselt sie Stimmlagen, Eigenschaften, Körperhaltungen, Überzeugungen.
Dieser Chor wird durch übergroße Masken auf Metallstangen dargestellt. Außer ihnen sind nur ein großer weißer toter Stoffochse und weiße Steine auf der Bühne zu sehen. Es ist ein simples Bühnenbild, doch durch das starke Schauspiel ist gar nicht mehr nötig: Die erzählte Welt wird schon durch Lina Beckmann umfassend. Ergänzt wird ihr Schauspiel durch Videoprojektionen, einer Drehleier und passender Musik, die an einzelnen Stellen die Atmosphäre passend unterstützen und das alte Material in moderne Kontexte bringt.
Die Aufführung war trotz der schweren Thematik immer wieder humorvoll und ironisch. Es wird klar, dass Lina Beckmann sowohl düstere als auch komödienhafte Angelegenheiten außerordentlich gut darstellen kann. Die Witze lockerten den Abend immer wieder auf und machten den Abend zu einem vollkommenen Erlebnis.
Als es zum Applaus kam, ist das gesamte Publikum direkt zu Standing Ovations aufgestanden. Schon in den ersten Minuten wurde klar, warum diese Inszenierung, die Schauspielerin, der Autor und die Dramaturgin so viele Auszeichnungen bekommen. Es ist eine mächtige, humorvolle, düstere und wuchtige Inszenierung, die ich wirklich jeder Person empfehlen würde.
Platz 1: Das neue Leben- where do we go from here. Frei nach Dante Alighieri, Meat Loaf und Britney Spears im Schauspiel Hannover
Die wahrlich machtvollste Aufführung des Jahres war eine Geschichte von Liebe, von dem Tod, von der Hölle, von der Poesie, von dem Leben, von dem Vergessenwerden, von dem Zusammenfinden, von den Schmerzen und von Neuanfängen.
Am 18.10.2025 hatte die Inszenierung von Christopher Rüping seine Premiere in Hannover. Auch dieses Stück ist vielfach ausgezeichnet worden.
Dante, ein Dichter, verliebt sich in seiner Kindheit in die gleichaltrige Beatrice. Statt es ihr zu sagen oder mit anderen Leuten darüber zu sprechen, möchte er seine Liebe zu ihr jedoch geheim halten. Damit bleibt das Phänomen der Liebe etwas Besonderes und wird nicht zu etwas Alltäglichem. Außerdem gibt es ihm Inspirationen zum Schreiben. Das ganze Leben Dantes dreht sich nur noch um Beatrice: Er schreibt immer mehr Sonetten und denkt an nichts anderes mehr. Als Beatrice 24 Jahre alt ist, stirbt sie plötzlich. Dante dichtet gegen den Tod und geht anschließend durch die neun Kreise der Hölle (Inferno) und die neun Kreise des Läuterungsberges (Purgatorio) hinauf, um Beatrice im Paradies wiederzutreffen. Es kommt zum Aufeinandertreffen und er gesteht ihr seine Liebe. Die Begegnung läuft allerdings anders als erwartet ab.
Besonders schön an der Aufführung war der Detailreichtum: In den Klavierarrangements wird eine in Noten übersetzte Version der Buchstaben B-E-A-T-R-I-C-E genutzt und die Zahl neun ist überall zu finden: In den neun Kreisen auf dem Bühnenboden, in dem Gedichteschreiben in der neunten Stunde, in der gefundenen Liebe im 9. Lebensjahr, in dem Wiedersehen nach neun Jahren, in der Erzählzeit von neun Minuten im Inferno und neun Minuten im Purgatorio.
Die Figur Dante wird von vier Schauspielenden verkörpert. Auch die Musik scheint eine Art unterstützende Rolle für Dante zu sein. Auf der Bühne steht ein Klavier, welches von selbst die passenden Melodien spielt. Es sieht aus, als würde es von unsichtbarer Hand gespielt werden, fast wie ein Geist, der auf dem Klavierhocker sitzt. Besondere Gefühle werden in der Erzählung durch moderne Songs dargestellt: Zwischen Dantes Leben finden sich Britney Spears, Meat Loaf, Natasha Bedingfield, Whitney Houston und Danger Dan ein. Dabei werden die Lieder nicht nur stumpf gesungen, sondern es wird mit ihnen gespielt und Passagen werden bewusst eingesetzt und wunderbar inszeniert.
Das beeindruckendste an der Aufführung war definitiv die Darstellung des Inferno und Purgatorio. Erst jetzt wird der helle Theatersaal und die Bühne dunkel. Dichter Nebel zieht sich über die Bühne, und ein riesiges Pendel in der Mitte der Bühne beginnt kreisförmig zu schwingen. Gleißendes Licht erscheint in dem Pendel. Mächtige Musik dröhnt über den Nebel und das sich drehende Licht. Die vier Schauspielenden wandeln in mystischen Kostümen über die Bühne. Sie schreiten, kriechen, wehen und tanzen.
Am Schluss steht die Begegnung mit Beatrice an. Nach dem Inferno und dem Purgatorio trifft Dante im Paradies auf Beatrice, ganz in weiß gekleidet. Zum ersten Mal unterhalten sie sich und Dante gesteht ihr seine Liebe. Doch diese Begegnung läuft anders als gedacht und hält mehrere Wendungen bereit. Ganz menschlich wird zum Ende über das Leben und den Tod, die Liebe, den Schmerz und alle unerfüllten Möglichkeiten gesprochen. Das Ende bildet der Song “Eine gute Nachricht von Danger Dan” und man bleibt von Sanftheit und Kraft erfüllt zurück.

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