ErscheinungsdatumPlaystation Vita
JP: 06.06.2019
Nintendo Switch
JP: 17.12.2020
WW: 04. 03. 2021
Steam
23.01.2022
PublisherWW: Playism
EntwicklerPetit Depotto
SystemPlaystation Vita
Nintendo Switch
Steam
Ludisches GenreVisual Novel mit
RPG-Elementen
Narratives GenreSci-Fi, Mystery
SpielspracheSwitch: Englisch
Steam: Englisch,
Japanisch,
Chinesisch (vereinfacht)
Längeca. 15-20 Stunden
bis zum wahren Ende

Mit dem englischsprachigen Release von Gnosia auf der Nintendo Switch Anfang März 2021 und der Anfang 2022 folgenden Steam-Portierung schaffte die hochgelobte Sci-Fi Visual Novel mit RPG-Elementen dank des Publishers Playism endlich den Sprung in den Westen. Entwickelt von dem nur vierköpfigen, japanischen Indie Studio Petit Depotto und ursprünglich 2019 exklusiv auf PS Vita in Japan veröffentlicht, adaptiert Gnosia das Gesellschaftsspiel Werwolf in einem Singleplayer-Format. 

Kann dieser außergewöhnliche Genremix funktionieren? Ich habe mir das Spiel auf der Nintendo Switch näher angesehen!

Zu Beginn des Spiels findet man sich vollkommen orientierungslos und ohne jegliche Erinnerung in einer fernen Zukunft an Bord eines Raumschiffs wieder. Schnell stellt sich heraus, dass die bis zu 15-köpfige Besatzung einer tödlichen Gefahr ausgesetzt ist: Unter die Crew haben sich die titelgebenden Gnosia geschlichen, eine mysteriöse Lebensform die jede Nacht einen der Menschen aus dem Universum auslöschen. Gnosia sehen aus und verhalten sich wie Menschen, wodurch sie nicht einfach zu erkennen sind. Um die Bedrohung ausfindig zu machen, werden, ganz in Werwolf-Tradition, Diskussionen abgehalten, in denen andere Besatzungsmitglieder verbal angegriffen oder verteidigt werden können. Ziel der menschlichen Seite ist es, alle Gnosia in den sogenannten Kälteschlaf zu versetzen, um weiter Angriffe zu verhindern. Ziel der Gnosia ist es, die Mehrheit der Menschen auszulöschen und so das Schiff an sich zu reißen.

Worte statt Waffen: So wird in Gnosia gekämpft!

 In den Diskussionen kommen die Rollenspiel-Elemente zu tragen: Statt traditionellen RPG-Werten wie “Angriff” oder “Verteidigung” besitzen alle Charaktere Statuseigenschaften wie “Charm”, “Intelligenz” und “Charisma”, die das Gewicht ihrer Argumente, ihre Überzeugungskraft, Glaubwürdigkeit und Beliebtheit bei anderen Crewmitgliedern beeinflussen. Jedes Mitglied der Crew besitzt andere Eigenschaften und Fähigkeiten, wodurch es schwierig ist, die mysteriöse Yuriko in ein schlechtes Licht zu rücken, während die energiegeladene Comet Meisterin im Enttarnen von Lügen ist, oder Raqio Feinde zwar erfolgreich aufspürt, aber gleichzeitig so unbeliebt beim Rest der Crew ist, dass der Charakter gerne fälschlicherweise als Gnosia in der Kühltruhe landet.

Intelligent, aber mit scharfer Zunge und mangelnder Freundlichkeit: Kein Wunder, dass Raqio oft früh tiefgefroren wird

 Auch die eigenen Handlungen wollen wohlbedacht sein: Zieht man durch übermäßiges Beschuldigen der Anderen oder durch auffallende Schweigsamkeit Aufmerksamkeit auf sich, ruft schnell der Kühlschrank, oder die Gnosia sind geneigter, Nachts auf einen Besuch vorbeizukommen. You gotta read the room! 

Man selbst erhält zu Beginn des Spiels 5 Statuspunkte, die man frei auf die verschiedenen Attribute verteilen kann und erhält später durch Levelaufstieg mehr Punkte, um den eigenen Avatar ganz nach Belieben zu gestalten. 

Role-Playing at it’s finest!

Im späteren Verlauf kommen weitere Rollen hinzu, wie beispielsweise Ingenieure, die in der Nacht ein Crewmitglied auf seine/ihre (Nicht-)Menschlichkeit überprüfen können und Ärzte, die Auskunft darüber geben können, ob die Figur, der letzt Nacht in Kältschlaf versetzt wurde, wirklich Feind war. Gnosia können allerdings lügen und diese Rollen fälschlicherweise für sich beanspruchen, wodurch man gut darauf achten muss, wer was über wen behauptet. Späterer Verlauf? Richtig gehört! Denn als Spieler*in ist man in einer Art Zeitschleife gefangen, mit Ende jedes Durchgangs, genannt Loop, beginnt auch sofort ein neuer in der sich die Rollen der Crewmitglieder, aber auch die eigene, ändern. Wenn auch die Charaktere immer dieselben sind, wer Freund und wer Feind ist, ändert sich ständig. Und damit natürlich auch, auf welcher Seite man selbst steht: Befindet man in einem Loop auf der Seite der Menschen, kann es sein, dass man im nächsten schon als Gnosia versucht, diese auszulöschen.

Um in der Story voranzuschreiten und die Geheimnisse rund um die Gnosia, die Zeitschleife, das Schiff, die restliche Crew und auch sich selbst aufzudecken, ist es nötig, verschiedene Charaktere in verschiedenen Rollen zu erleben, mit ihnen zusammenzuarbeiten und ihnen dabei näherzukommen. Auch die Niederlage der eigenen Seite in einem Loop ist kein Problem; man sammelt trotzdem wertvolle Informationen und da ein Loop maximal 15 Minuten dauert, kommt nur selten Frust oder Langeweile auf. Bei Erfüllung bestimmter Konditionen treten besondere Events auf, durch die man mehr über die Welt die die Besatzung des Schiffes erfährt. Ab einem gewissen Punkt in der Story können die Parameter jedes Loops selbst festgelegt werden und sogar gezielt nach noch ungesehenen Events gesucht werden. 

Wie darf der Loop denn heute sein? Durch das Setup lädt das Spiel auch einfach mal zu einer Runde Single-Player Werwolf zwischendurch ein

Teilweise können diese Events leider auch frustrieren: schafft man es nicht auf Anhieb, die geforderten Bedingungen, wie beispielsweise ein Crewmitglied bis zum Ende zu beschützen, zu erfüllen, kann es lange dauern bis das spezifische Ereignis wieder auftaucht. Aber durch die durchweg faszinierenden Figuren und die interessante Story voller Twists, die ebenso spannend erzählt wird, verliert das Spiel nie seinen Reiz und man ist stets motiviert, sich erneut ins verbale Gefecht zu begeben. Da Story und Charaktere der wohl zentralste Punkt eines Visual Novel Erlebnisses sind, möchte ich an der Stelle gar nicht zu viel dazu sagen außer, dass das Spiel auf wundervolle Art und Weise mit der Meta-Ebene und der eigenen Medialität als Computerspiel spielt.

Auch Teil der Crew: Die sprechende Weißwaldame Otome

Zwar verzichtet Gnosia auf eine Sprachausgabe, aber die Musik trägt die Atmosphäre des Spiels vorzüglich und der Crew wird durch einen unkonventionellen, wunderschönen Artstyle, der an mit Aquarell kolorierte Skizzen erinnert, Leben eingehaucht. Auch ziemlich cool: Man hat bei der Erstellung des eigenen Avatars die Wahl zwischen männlich, weiblich und non-binary und es gibt nicht-binäre Charaktere im Spiel!

Die ungewöhnliche Progression, die in Schleifen und doch vorwärts läuft,  die wundervollen Charaktere, das fantastische Gameplay, das mir auch nach über 150 Loops noch Spaß macht und mich trotz des bereits gesehenen Abspanns immer wieder zu dem Spiel zurückkommen lässt: Gnosia bietet ein einzigartiges, wundervolles und nahezu perfektes Spielerlebnis, das ich jedem ans Herz legen kann, der Titel wie Danganronpa und Zero Escape mag. Oder natürlich einfach gute Spiele, die ungewöhnliche Konzepte auf faszinierende Weise umsetzen. 

Ad astra per aspera!

Bildmaterial © Petit Depotto/Playism