Ein weiteres Jahr ist vorbei! 

2025 war ein Jahr voller Erlebnisse, verpassten Vorlesungen, heißen Kaffeebechern, schönen Abenden in WGs sowie ein Jahr mit absolut tollen und schlechten Büchern. Damit ihr im neuen Jahr keine Zeit mit irgendwelchen schlechten Büchern verbringen müsst, stelle ich in diesem Artikel wieder fünf exzellente Bücher aus dem Jahr vor. (Der erste Teil mit Buchempfehlungen von Januar bis Juni ist ebenfalls auf der Dispositiv-Website zu sehen!)

Wildhonig- Jodi Picoult und Jennifer Finney Boylan

Gut, bei einer Person namens Maya kommt es wenig überraschend, dass ich einen Roman empfehle, in dem es unter anderem um Bienen geht. Der Roman hat darüber hinaus aber auch Spannung, Familiengeheimnisse, Gerichtsverhandlungen und verschiedene Facetten von Liebe zu bieten.

Die Mutter Olivia flieht vor ihrem gewalttätigen Ehemann mit ihrem Sohn Asher zurück in ihr Heimatdorf. Dort verliebt sich der mittlerweile junge Erwachsene Asher in seine Mitschülerin Lily. Sie werden ein Paar und alles scheint gut zu laufen, bis er eines Abends behauptet, Lily tot aufgefunden zu haben. Die Polizei verdächtigt Asher des Mordes, und er kommt direkt in Untersuchungshaft. Während des Romans lernt man die Vorgeschichte zwischen Asher und Lily sowie der Mutter und Ashers Vater kennen. Parallel dazu läuft die Gerichtsverhandlung und wir erfahren ein wichtiges Geheimnis über Lily. 

Besonders auffällig ist die Liebe zum Detail in diesem Roman. Diese findet sich sowohl in den Abschnitten zu den Bienen als auch in den zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen Asher, seiner Mutter und seiner Freundin wieder. Die Liebe wird gleichzeitig auf eine extrem zarte und extrem brutale Weise beschrieben. 

Ebenfalls positiv überrascht war ich von der Unvorhersehbarkeit des Romans: Bis kurz vor Ende ist man sich nicht sicher, ob Asher nun tatsächlich der Täter ist. Alles scheint möglich, und es wird klar, dass es definitiv kein perfektes Happy End geben muss. Kurz gesagt: Dieser Familienroman war spannender als alle Krimis und Thriller, die ich dieses Jahr gelesen habe. Auch das gesellschaftliche Thema, was später angesprochen wird (ich möchte nicht spoilern, da es für mich tatsächlich eine überraschende Wendung war), ist ein wichtiges Thema, über das häufiger in Romanen geschrieben werden sollte. Doch trotz des düsteren Hintergrundes ist der Roman mit so viel Zärtlichkeit und Respekt geschrieben worden, dass er auf jeden Fall in meinen Top 10 aus 2025 gelandet ist und ich ihn in den nächsten Jahren bestimmt nochmal lesen werde. 

Babel, or the Necessity of Violence: An Arcane History of the Oxford Translators’ Revolution – R.F. Kuang

Dieser Roman hat mich so fasziniert und auch nach dem Lesen noch so lange beschäftigt, dass ich darüber eine ganze Hausarbeit geschrieben habe. Das könnte ich jetzt genau so stehen lassen und darauf hoffen, dass ihr mir einfach vertraut und das Buch lest.

Bitte macht es. 

Für alle, die noch nicht überzeugt sind, gibt es jetzt trotzdem (oder genau deswegen) noch die Zusammenfassung und meine Argumente, warum es in meinen Empfehlungen ist. 

Babel ist ein historischer Fantasyroman, der Themen wie den Kolonialismus und den Imperialismus in den 1830er Jahren thematisiert. In einer alternativen Fantasywelt des British Empire dienen Silberbarren als Medium dazu, mithilfe von unübersetzbaren Worten eine Bedeutung in der Differenz zwischen zwei Sprachen zu generieren. Diese Differenz zwischen den Wörtern auf dem Silberbarren erzeugt Magie. Das British Empire nutzt dieses Silber, um sich selbst zu stärken, andere Länder auszubeuten und einen Krieg gegen China zu planen. Die Hauptfigur ist der Student Robin. Als Kind wurde er aus China nach Großbritannien geholt, um in Oxford diese Silberbarren herzustellen. In seinem Jahrgang sind außer ihm noch der indische Ramy, die haitische Victoire und die einzig weiße Person Letty. Nachdem sie herausfinden, welche Ungerechtigkeiten sie mit ihrer Arbeit akzeptieren und weiter aufrechterhalten, stellt sich die Frage, wie eine kleine Gruppe aus Minderheiten eine Revolution gegen das gesamte British Empire starten kann und welche Mittel nötig sind, um große Mächte zu schwächen. 

Zunächst einmal finde ich es bemerkenswert, mit welcher Akkuratesse die historischen Ereignisse in einen fiktiven Roman eingebunden werden. Nach einem stundenlangen Durchwälzen wissenschaftlicher Literatur für die Hausarbeit kann ich euch guten Gewissens sagen, dass wenn ihr den Roman lest, vieles Wichtige über den Silberhandel zwischen Großbritannien, Indien und China wisst (und das ist spannender als man denkt, da irgendwann auch noch Opium und bereits lange bestehende Kriegsvorhaben dazukommen!).

Außerdem sind die moralischen Fragen über Revolutionen am Ende des Romans extrem spannend. Was rechtfertigt eine Revolution? Wie sollte diese aussehen? Welche Rolle darf, kann, soll, muss Gewalt in einer Revolution spielen? Müssen Leute ihr Leben opfern, damit Veränderung geschieht? Welche Mittel sind am wirksamsten? All das sind Fragen, die auch in der realen Welt diskutiert werden und deren Austausch wichtig für eine möglichst gerechte Gesellschaft ist.

Love and other Poems- Alex Dimitrov

Schon im ersten Teil meiner Buchempfehlungen im Sommer habe ich von meiner meist vergeblichen Suche nach guten Dichter*innen erzählt. Entweder ist die Poesie so komplex und verstaubt, dass sie zwei Werktage Lieferzeit in mein Gehirn braucht, oder sie ist literarisch so niveaulos, dass meine letzte WhatsApp-Nachricht mehr Potential hat als die Verse. 

Der Dichter Alex Dimitrov ist genau in der goldenen Mitte situiert. Seine Gedichte sind manchmal einfach geschrieben und manchmal mit verblüffenden Metaphern gefüllt. Er schreibt über New York, über das Leben, über die Jahreszeiten und Monate, über die Liebe, über Taxifahrten und über alles, was ihn sonst noch beschäftigt. Und mich beschäftigt alles, was er schreibt. Er beobachtet die Welt um sich herum in einer zarten und wertschätzenden Weise, und verliert trotzdem nicht den Blick für den alltäglichen, manchmal auch negativen Trott des so dahinfließenden Lebens. Alles, was er beobachtet, beobachtet er präzise und findet schlussendlich die richtige Form dafür. Falls ihr also mal wieder gute Poesie lesen wollt, ist diese Kollektion eine gute Wahl. 

Maria Stuart – Friedrich Schiller

Um das jetzt vollständig zu erklären, muss ich kurz ausholen. 

Zeitsprung zurück in die achte Klasse: Ich war dreizehn. Ich hatte also erst kurz vorher aufgehört, mit Playmobil zu spielen, und bekam plötzlich Wilhelm Tell von Friedrich Schiller vor die Nase gesetzt. Was sich das Schulsystem dabei gedacht hat, weiß ich immer noch nicht. Anstatt mit 13 Jahren also Bücher über Freundschaft, das Erwachsenwerden oder die erste Liebe zu lesen, mussten wir über einen Schweizer Nationalhelden im 14. Jahrhundert lesen, der irgendeinen herrschenden Landvogt tötet. Die vollkommen überforderte kleine Maya war verständlicherweise frustriert davon, dass sie nichts verstand, und schwor sich deshalb einen lebenslangen Hass auf diesen Friedrich Schiller. Zurück in die Gegenwart: Nun bin ich 22 und studiere Theaterwissenschaft, was leider die ein oder andere Nennung Schillers mit sich zieht. Also beschloss ich, mich meinem teenagergeprägtem Hass gegenüber Schiller zu stellen. 

In dem Drama geht es um die gefangene schottische Königin Maria Stuart. Ihre Feindin, die englische Königin Elisabeth I. wird vor die Wahl gestellt, ob Maria am Leben bleibt oder hingerichtet werden soll. Die persönlichen und politischen Konflikte der beiden sind das Hauptthema, und dementsprechend geht es auch viel um Gerechtigkeit, Verantwortung und innere Konflikte der beiden.

Ich bin skeptisch in das Drama gestartet. Die Skepsis hielt jedoch nicht lange an, da ich mich sehr gut unterhalten gefühlt habe. Zunächst einmal gibt es (vor allem, wenn man es ohne Vorkenntnisse liest) zahlreiche Wendungen. Ich konnte nie voraussagen, was als nächstes passieren wird. Außerdem sind die Figuren sehr vielschichtig: Ich hatte das Gefühl, dass ich im Laufe des Dramas immer tiefer zu ihrem Kern vordringe. Die Figuren und Dialoge sind ebenfalls einfach stark geschrieben (zum Beispiel Mortimer und wie weit er für gewisse Angelegenheiten gehen würde. Die Diskussion zwischen ihm und Leicester war so gut ausgearbeitet!). Weiterhin war ich als Shakespeare-Fan ein großer Fan des schottischen und englischen Settings. Besonders toll fand ich auch, dass es mal nicht um Könige, sondern um Königinnen geht. Diesmal sind die Frauen dran, und diesmal sogar in einer aktiven Rolle, was ja in Klassikern generell leider eine Ausnahme ist.

(Insgesamt konnte ich meinen Hass auf Schiller dieses Jahr also überwinden!)

Von Norden rollt ein Donner – Markus Thielemann

Von Norden rollt ein Donner ist ein leiser, erschreckender, spannender Roman über die Südheide, die Wölfe und die nationalistischen Ansichten einiger Menschen. Ich konnte ihn persönlich ganz besonders schnell in mein Herz schließen, da ich selbst in einem kleinen Dorf in der Südheide aufgewachsen bin und mir viele Details dieses Romans bekannt vorkamen. 

In dem Roman geht es um Jannes, einen neunzehnjährigen Hirten, der auf dem Hof seiner Familie in der Südheide lebt. Die Wölfe kehren wieder zurück in das Land, sein Vater und sein Opa wettern gegen alle moderne Ansichten und seine demente Oma faselt immer wieder etwas von einem Paar Puschen im Altenheim. Nebenbei hat auch Jannes Angst, verrückt zu werden: Immer wieder verliert er mitten auf der Heide die Fassung über seinen Körper und es erscheint ihm eine Frau, die von etwas redet, was er nicht versteht. Er ahnt, dass es hier um etwas Größeres geht und alles auf die dunkle Vergangenheit der Heide hindeutet. Aber die deutsche Heide ist doch was schönes, oder nicht? Und die Tradition und Heimat muss doch beschützt werden, oder nicht?

Besonders bemerkenswert fand ich den Schreibstil des Romans. Markus Thielemann schreibt sehr kunstvoll und detailreich. Diesen Detailreichtum fand ich persönlich sehr schön, da diese kleinen Einzelheiten ganz viel Nostalgie in mir ausgelöst haben: NDR1 bei Oma im Radio, den leicht norddeutschen Akzent, die einzelnen Details in den Naturbeschreibungen der Heide, der kalte norddeutsche Charakter der älteren Generation und kulturelle Erwähnungen wie die CD-Kaserne in Celle waren immer wieder ein Teil der Geschichte. 

Auch die Aktualität der Themen ist sehr herausstechend. Die Diskussion um den zurückkehrenden Wolf oder die rechten Menschen der Gesellschaft sind Themen, die auch mich immer wieder beschäftigen und über die ich gerne häufiger lesen würde. Dabei punktet das Buch zwar nicht mit unzähligen Fakten oder neuen Argumenten, aber mit einer einfühlsamen Darstellung der bereits vorhandenen Meinungen und die Frustration über nationalistische Denkweisen.  Das Ende war darüber hinaus besonders außergewöhnlich. Es war brutal, ehrlich und provokant. Ich möchte nichts spoilern und sage daher nur, dass die letzte Seite für mich der Inbegriff von guter Literatur war: So provokant und kunstvoll, dass ich noch lange darüber nachdenken werde.