
Ich mag Memes. Das ist erstmal keine besondere Feststellung. Aber ich habe mich letztens gefragt, ob ich einer der Letzten bin, die Memes anschauen und auch machen. 9Gag fühlt sich irgendwie tot an. Auf Instagram und Facebook passiert jetzt anderes Zeug. Ich bin in keiner Gruppe, in der Memes verschickt werden. Ich schicke meinen Freunden meistens Textnachrichten. Ich habe mich dann gefragt, ob Memes überhaupt noch irgendwo stattfinden und wenn ja, wie. Ob Memes tot sind. Ich frage mich, ob ich das erste Mal in meinem Leben alt bin und irgendwie nostalgisch eine gute alte Zeit vermisse, in der ich bis morgens um 3 unter der Bettdecke über Dank Memes auf Reddit gekichert habe.
In der frühen Meme-Kultur waren Memes vor allem Bilder mit Text. Der Text verweist meist auf etwas außerhalb des Bildes: auf eine Situation, ein Gefühl, ein Ereignis oder einen kulturellen Zusammenhang, den man wiedererkennt – oder eben nicht. Memes greifen solche Situationen auf, überzeichnen sie, machen sie lächerlich oder formulieren Kritik durch Witz und Übertreibung. Dabei leben sie von Vereinfachung. Für eine ausführliche Diskussion ist in einem Bild mit ein paar Worten kaum Platz; ein Meme verdichtet seinen Gedanken eher zu einer einzigen, pointierten Aussage. Memes sind One-Punch Maschinen und das gefällt mir. Gleichzeitig ist ein Meme selten ein abgeschlossenes Werk. Wiederholung, Aneignung, Remix und Zitat gehören zu seiner Funktionsweise: Ein Bild, ein Satz, ein Gesicht, ein Filmschnipsel oder ein Ton wird aufgegriffen, verändert und in einen neuen Zusammenhang gesetzt. Die Zeitschrift für Medienwissenschaft, Ausgabe 33, beschreibt Internet-Memes entsprechend als Formen, die auf bereits vorhandenem Material sowie auf Praktiken des Kopierens, Zitierens und Weiterverarbeitens beruhen. Was ein Meme ausmacht, ist deshalb weniger ein bestimmtes Format als das, was mit ihm gemacht wird: Zirkulation, Weitergabe und Remix. Es wird weitergegeben, umgedeutet und neu gemacht – und verändert sich dabei mit jeder Wiederholung: “Vor allem aber verspricht der hybride Status von Memes – zwischen Kommunikationsform, Kunst und Popkultur, Do-it-yourself-Ermächtigung und Plattform-Kapitalismus, globaler Zirkulation und Community-Orientierung, Humor und Politik -, Aufschluss zu geben über die spezifischen Formen und Verflechtungen, die medienbasiertes Aneignen in digitalen Räumen generell kennzeichnet.”1
Ein Meme zu machen bedeutet also, sich in eine Zirkulation von Bildern – oder anderen Medien – einzuschreiben. Es bedeutet, sich etwas anzueignen. Denn Memes gehören irgendwie niemandem und gleichzeitig allen: “Vielmehr zeigt sich in diesem Fall besonders drastisch, welche unkontrollierbaren Verstrickungen sich aus der Tatsache ergeben, dass Memes ohne Aneignungen nicht zu haben sind – und sich genau deshalb als in fortwährend weiterwuchernde Netze von Verweisungen und Konnotationen eingebunden erweisen, die weder Meme-Produzierende noch -Rezipierende vollständig überschauen oder einhegen können.”2
Memes sind also ohne Aneignung nicht zu haben. Und genau das macht sie wahrscheinlich so komplex. Daraus ergeben sich einige weitere Fragen: Wem gehört ein Meme? Wie lassen sich Memes einordnen? Und wie schreibt man überhaupt über sie? Brigitte Weingart, Florian Schlittgen und Elena Meilicke schreiben: “Man hat es in Meme-Kulturen also mit Aneignungsprozessen zu tun, deren de- und rekontextualisierende semantische, ästhetische und politische Effekte so vielfältig sind, dass sie nicht pauschal beurteilt werden können.”3
Memes sind also weit mehr als nur lustige Bilder im Internet. Sie transportieren Bedeutungen, verweisen auf andere Kontexte und können Aussagen treffen, die weit über den ursprünglichen Witz hinausgehen. Gerade deshalb ist auch die Frage, wem ein Meme gehört, kaum eindeutig zu beantworten.
Denn bei Memes ist die Urheberschaft oft schwer festzumachen. Ein Meme entsteht selten aus dem Nichts, sondern durch Kopieren, Verändern und Weiterverbreiten. Genau daraus entsteht das Paradox des sogenannten Meme Stealing: Memes beruhen selbst auf Aneignung, trotzdem entstehen Ansprüche darauf, wer zuerst eine Idee hatte, wer als Urheber*in gilt und wer von der Aufmerksamkeit profitiert. Verstärkt wird das durch die Plattform- und Aufmerksamkeitsökonomie sozialer Medien. Memes erzeugen Reichweite, Interaktionen und damit wirtschaftlichen Wert für Plattformen und große Accounts, während die eigentlichen Ersteller*innen häufig kaum sichtbar werden oder nicht entlohnt werden. Meme-Kultur wirkt dadurch zugleich wie gemeinschaftliches Teilen und wie ein Raum, in dem Aufmerksamkeit sehr ungleich verteilt und verwertet wird. Kulturell verhalten sich Memes damit ein bisschen wie Gemeineigentum, ökonomisch aber ganz und gar nicht.
Man könnte also weiterfragen, ob Memes eine Art Kommunismus oder ein digitales Allmendegut sind. Darauf lässt sich nur mit einem eindeutigen Jain antworten. Einige Praktiken sprechen dafür: das freie Teilen, das Weiterverarbeiten, die kollektive Aneignung und ja, dass es irgendwie auch einfach Spaß macht. Andere – gerade die eben beschriebene Plattform- und Aufmerksamkeitsökonomie – sprechen deutlich dagegen.
Doch die Aneignung hat noch eine andere Seite. Denn wenn Memes davon leben, dass Bilder, Stimmen, Gesten oder kulturelle Codes genommen und weiterverarbeitet werden, stellt sich nicht nur die Frage, wer daraus etwas gewinnt, sondern auch, wer dabei etwas verliert. Aus Aneignung kann Enteignung werden: von Urheberschaft, Kontext, Kontrolle über das eigene Bild oder die eigene Geschichte. Besonders deutlich wird das dort, wo nicht nur ein Witz oder ein Format zirkuliert, sondern reale Menschen und ihre Körper, Gesichter oder Erfahrungen zum Material eines Memes werden. Genau an diesem Punkt kippt die Frage „Wem gehört ein Meme?“ in eine unangenehmere: „Wem gehört eigentlich das, was im Meme angeeignet wird? Und wo ist die Grenze zwischen Aneignung und Enteignung oder ist das eine auch nicht ohne das andere zu haben?“
Besonders problematisch wird memetische An-/Enteignung dort, wo nicht nur Bilder oder Witze zirkulieren, sondern reale Menschen selbst zum Material werden. Das zeigt sich schon an scheinbar harmlosen Beispielen. Ein Junge ruft in einem Bus „Ich muss raus!“ auf eine komische Art und Weise, jemand filmt den Moment, das Video wird hochgeladen und über Jahre immer wieder geteilt. Was für Millionen Menschen ein kurzer Witz ist, ist für die gefilmte Person ein Moment, über dessen Verbreitung sie keine Kontrolle hat. Deutlicher wird diese Dynamik beim Drachenlord. Rund um den YouTuber – mit bürgerlichem Namen heißt er Rainer Winkler – aus Franken entstand über Jahre eine eigene Meme-, Sprach- und Insider-Kultur, die zugleich eng mit organisierter Belästigung und strukturellem Cybermobbing verbunden war. Memes können damit Gemeinschaft herstellen – aber eben auch Gemeinschaft darüber herstellen, dass gemeinsam über jemanden gelacht wird. Rainer Winkler hat kaum noch Kontrolle darüber, wie sein Bild, seine Stimme und seine Person im Netz verwendet und gedeutet werden. Teile dieser Kultur wirken bis heute fort.4 Aneignung bedeutet dann nicht nur, dass ein Bild weiterverarbeitet wird. Einer Person kann dabei auch die Kontrolle darüber entzogen werden, wie ihr Gesicht, ihre Stimme, ihr Körper oder ihre Geschichte gelesen werden.
Auch Ableismus spielt dabei eine Rolle. Meme-Humor entsteht nicht selten daraus, dass Körper, Stimmen oder Verhaltensweisen, die als von einer vermeintlichen Norm abweichend gelesen werden, zur Pointe gemacht werden. Gerade weil Memes so stark verdichten, können sie solche Zuschreibungen schnell reproduzieren, ohne dass noch sichtbar bleibt, auf wessen Kosten der Witz funktioniert. Und Rassismus steckt in Meme-Kulturen auf mehreren Ebenen. Zum einen können Memes rassistische (und eigentlich jedes andere -istische) Stereotype verdichten und weiterverbreiten, gerade weil sie komplexe Zusammenhänge auf wenige Bilder, Begriffe oder wiedererkennbare Codes reduzieren. Memes gehören dabei keiner bestimmten politischen oder sozialen Gruppe: Rechtsradikale Chatgruppen benutzen sie ebenso wie Boomer oder Soldat*innen in der Bundeswehr.
Zum anderen betrifft Rassismus auch die Frage, wessen kulturelle Arbeit/Aneignung angeeignet wird. Viele populäre Meme-Formate und Ausdrucksweisen sind eng mit Schwarzen Online-Communities verbunden, deren Beiträge häufig weiterverwendet werden, ohne dass Urheberschaft, Kontext oder ökonomischer Wert bei den ursprünglichen Produzent*innen bleiben. Aneignung kann hier also in ökonomische Enteignung kippen: Ein kultureller Ausdruck wird übernommen, verbreitet und monetarisiert, während seine Herkunft unsichtbar wird oder zugleich rassistische Zuschreibungen bestehen.
Zurück zur Ausgangsfrage oder meinem Gefühl, dass ich am Anfang hatte: Sind Memes tot? Wahrscheinlich nicht. Vielleicht ist eher meine Vorstellung davon veraltet, wie ein Meme auszusehen hat. Ich gehe halt immer noch auf imgflip.com und beschrifte meine Memes selbst. Memes sind aber längst nicht mehr nur Bilder mit Text, sondern Sounds, Videos, Gesten, Formulierungen, Reaktionsbilder, Remixe und Referenzen, die sich ständig verändern. Memes sind heute oft keine klassischen Bild-Text-Memes mehr, sondern zunehmend Videos, die an Vines erinnern und heute vor allem auf TikTok und Instagram entstehen und verbreitet werden. Gerade darin liegt die Stärke von Memes: Sie sind beweglich, gemeinschaftlich und offen für neue Bedeutungen.
Das macht sie allerdings nicht harmlos. Memes können rassistisch, ableistisch oder schlicht grausam sein. Sie können Menschen auf einen einzigen Moment reduzieren, kulturelle Arbeit unsichtbar machen und Aufmerksamkeit ungleich verteilen. Sie können aneignen und enteignen. Aber vielleicht muss man Memes nicht entweder feiern oder verwerfen. Man kann sie mögen und trotzdem darüber nachdenken, was man teilt, wen man zum Witz macht und sich manchmal fragen, welche Geschichte hinter einem Bild oder einer Stimme steckt.
Ich mag „klassische“ Memes jedenfalls immer noch. Vielleicht sogar mehr, seit ich sie weniger als hormonell überflutete Internet-Witze und mehr als das sehe, was sie auch sind: eine ziemlich widersprüchliche Form von Kultur. Manchmal klug, manchmal dumm, manchmal ziemlich beschissen. Aber auf jeden Fall lebendig.
- Weingart, Brigitte; Florian Schlittgen; Elena Meilicke: Aneignung Revisited: Memes. Einleitung in den Schwerpunkt, in: Zeitschrift für Medienwissenschaft, Nr. 33, 2025, 10–19, hier 15 f. ↩︎
- Ebd. 13. ↩︎
- Ebd. 13. ↩︎
- Zum Thema Drachenlord ist der Podcast cui bono? Wer hat Angst vorm Drachenlord zu empfehlen: https://open.spotify.com/episode/4vv0obC49KhQhNPmRymlHJ?si=169a6d77c72b4945 ↩︎

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