Carlos – Der Schakal: Die Performanz des (film)politischen Terrors

Die dreistündige, extra für den deutschen Markt lokalisierte Fassung von Olivier Assayas eigentlich 330minütigen Epos über den Terroristen Illich Ramirez Sánchez, Deckname Carlos, kann den Geist der Originalfassung nicht abschütteln und hinterlässt das fade Gefühl nur den Schatten eines großartigen Films gesehen zu haben. Nicht unbedingt nur wegen der Kürzungen, sondern auch vielmehr wegen der deutschen Synchronisation.

In keinem anderen europäischen Land werden Filme so sehr auf den Markt „vorbereitet“ wie in Deutschland. Dass das Synchronisieren die tatsächliche Leistung von Schauspielern und Regisseuren, die einen Großteil ihrer Arbeit wiederum in die Schauspieler stecken, einfach übermalt und man somit nur einen Bruchteil des eigentlichen Werkes sieht, darüber dürfte ja eigentlich kein Zweifel bestehen. Natürlich, wenn man mit dem Lesen von Untertiteln beschäftigt ist, dann geht dabei sicher auch einiges verloren, aber als fremdsprachiger Konsument muss man nunmal Kompromisse eingehen. Aber mal ehrlich: lieber Untertitel lesen, als in Soldat James Ryan deutschsprechenden Amerikaner dabei zuzusehen, wie sie sich von einem deutschsprechenden Kameraden das Deutsch eines Deutschen in deutsch übersetzten lassen, damit es auch der deutsche Zuschauer versteht. Atmosphäre ade.

Carlos – Der Schakal ist auch ein Opfer dieser Filmpolitik. Der Film konstruiert die Welt als Bühne, als einen internationalen Raum, bespielt alleine von Carlos, einem Reisenden im Auftrag des Terrors. Der Handlungsrahmen umspannt 20 Jahre und unzählige Orte, die mit aberwitziger Geschwindigkeit bereist werden. Zeit und Raum verschwimmen und Geschichte wird zu einem mehrdimensionalem Konstrukt, das mehr die performative Seele als die faktischen Stationen des geopolitischen Terrors zu untersuchen scheint. Und genau hier offenbart die deutsche Kinofassung ihre größte Schwäche: die gesamte Welt spricht deutsch. Natürlich inszeniert sich der Film nicht als historische Wahrhaftigkeit und seine Figuren bleiben somit Figuren, aber dennoch spielt die konstruierte Authentizität eine essentielle Rolle für die filmische Gesamtwirkung. Auch in Carlos gibt es Dolmetscher, die deutsch in deutsch übersetzten, wenn auch nicht so penetrant wie im oben genannten Beispiel. Trotzdem bedingt die – in diesem Fall fast perverse – Lokalisierung das Gefühl, dass man als Zuschauer einem Geist hinterher jagt, nur einem Bruchteil des eigentlichen Erlebnisses nachspüren zu können. Somit gebärt sich diese Ketzerei auch aus der Idealvorstellung eines Filmes, den man in seiner Urform leider nicht in Bayreuther Nähe sehen kann.

Doch selbst dieser vermeintliche Schatten kann die vielen bemerkenswerten Attribute des Films nicht überdecken: eine eindringlich konzipierte Dramaturgie, die man so in einem „geschichtsträchtigen“ Film noch nicht gesehen hat (es erinnert fast ein wenig an die Turbo-Dramaturgie eines Scott Pilgrim versus the World, auch wenn der Vergleich gar nicht zu passen scheint), die aber in der Ausführung leider etwas zerstückelt und zusammengeschustert wirkt (v.a. wegen den vielen uneleganten, und abrupten Übergänge); großartige Darsteller, allen voran Edgar Ramirez, der den kosmopolitischen Terroristen unheimlich gewaltig mimt und dessen plastischer Körper das einzig wahre Gliederungselement des Films darstellt; die herausragende Kameraarbeit, die zwischen dezent und wuchtig oszilliert; und auch der Original-Soundtrack wirkt bedacht auf die Komposition des Filmes zugeschnitten.

Die deutsche Fassung bleibt also leider hinter den Möglichkeiten zurück und schafft es nicht die herausragenden Einzelteile als großes Ganzes zusammen zu führen. Die Maßnahmen, die den Film für den deutschen Markt zugänglicher hätten machen sollen, haben ihm letztendlich nur geschadet. Schade, dass einem potentiellen Kinoereignis so der Raum genommen wird. Doch das ist ein anderes, viel größeres Problem, das nicht nur mit der deutschen Kinopolitik, sondern letztendlich auch mit unserer (sozialisierten) Mentalität als Kinogänger zu tun hat.

In nächster Nähe läuft die hier beschriebene Fassung  in Bamberg und Fürth. Die Langfassung hingegen gibt es am nähesten nur am 8. Dezember in München (Arri Kino) oder am 30. Dezember in Frankfurt (Filmforum Höchst) zu sehen. Wer sich für die Unterschiede zwischen den Versionen interessiert, der sollte den Blog Screenshot konsultieren.

Zum Schluss noch der Trailer der deutschen Version, der zugegeben etwas griffiger wirkt als der der Originalversion (paradoxerweise):