Arrival – Sprache als Schlüssel zur Zukunft?

Sprachphilosophie – Eine Disziplin, die sich mit der Beziehung zwischen Sprache und Wirklichkeit beschäftigt. Das klingt erst einmal sehr abstrakt und lebensfremd. Und doch, alle die den Film Arrival von Dennis Villeneuve gesehen haben, haben sich bewusst oder unbewusst schon einmal damit auseinandergesetzt.

Der Film, der 2016 in die Kinos kam, erzählt die Geschichte der Linguistin Louise Banks. Sie wird engagiert, um die Sprache und Schriftzeichen von auf der Erde gelandeten Außerirdischen zu entschlüsseln. Die Schriftzeichen der Außerirdischen sind kreisförmig, haben also kein Anfang und kein Ende. Im Laufe des Films wird auch klar warum: Die Außerirdischen unterscheiden in ihrer Sprache nicht zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Diese nichtlineare Zeitwahrnehmung ermöglicht es ihnen, bereits in der Gegenwart Ereignisse aus der Zukunft zu kennen. Da sich die Linguistin Banks während des Films immer weiter in die Sprache der Außerirdischen vertieft, verändert sich ihr Zeitgefühl und letztendlich kann auch sie in die Zukunft sehen. Aber wie realistisch ist dieses Phänomen?


Die Idee, dass die Sprache unsere Denkstruktur beeinflusst, basiert auf der sogenannten Sapir-Whorf-Hypothese, die 1940 vom Linguisten Benjamin Lee Whorf aufgestellt wurde. Sie beschreibt das Phänomen sprachlicher Relativität: Ein gleicher Sinneseindruck wird von unterschiedlichen Beobachtern nicht unbedingt gleich wahrgenommen. Laut Whorf liegt das an den unterschiedlichen Sprachen der Beobachter, denn was der Mensch wahrnehmen und verstehen kann, sei von seiner Muttersprache vorgegeben. Eine unterschiedliche Sprache führt also laut Whorf zu unterschiedlichem Denken und somit zu unterschiedlichen Erkenntnissen über die Welt. Auch der deutsche Sprachwissenschaftler Helmut Gipper vermutet in seinem Buch „Gibt es ein sprachliches Relativitätsprinzip?“ (1972), dass die eigene Sprache einen gewissen Rahmen vorgibt, in dem das Denken und die Verarbeitung von Informationen stattfindet.

Aber beeinflusst meine Sprache wirklich meine kognitiven Fähigkeiten wie in Arrival dargestellt? Zeitredakteurin Katharina Kramer berichtet in einem Zeitungsartikel von 2004 über einen australischen Aborigine Stamm, dessen Sprache nicht wie das Deutsche zwischen rechts und links unterscheidet. Tatsächlich gibt es in Guugu Yimithirr gar keine Wörter, die diese Ortsangaben ausdrücken. Wer Guugu Yimithirr spricht, nutzt für solche Informationen die Himmelsrichtungen. Somit steht der Baum nicht rechts neben dem Haus, sondern östlich davon. Die Sprecher von Guugu Yimithirr müssen also über einen sehr guten Orientierungssinn verfügen, ansonsten wäre so eine Form der Ortsangabe kaum möglich. Es wird vermutet, dass dieser Orientierungssinn mit dem Erlernen der Sprache von Kindesbeinen an trainiert wird. So entsteht also in gewisser Weise tatsächlich durch das Sprechen von Guugu Yimithirr eine kognitive Fähigkeit, über die ein deutscher Durchschnittsbürger eher nicht verfügt.

Auch die Farbwahrnehmung scheint von der Muttersprache beeinflusst zu sein. In seinem Buch erklärt Helmut Gipper, dass die meisten Menschen über sehr vergleichbare Fähigkeiten verfügen, wenn es um die Farbwahrnehmung geht. Die Unterteilung und Identifizierung verschiedener Farben findet laut Gipper im Gehirn statt, davor werden einfach nur Lichtimpulse an das Nervensystem weitergegeben. Der Sprachwissenschaftler Iwar Werlen berichtet in seinem Buch „Sprachliche Relativität“ (2002) von verschiedenen Tests, in denen die tatsächliche Farbwahrnehmung unterschiedlicher Menschen verglichen wurde. Die Ergebnisse zeigen, dass die von der eigenen Sprache vorgegebene Farbskala die Farbwahrnehmung beeinflusst. Unterscheidet eine Sprache beispielsweise nicht zwischen gelb und orange, fällt es in der Regel den Sprechern dieser Sprache auch schwerer zwischen diesen beiden Farben zu differenzieren.

An der These, dass Sprache die Wahrnehmung und möglicherweise auch das Denken formt, scheint also wirklich etwas dran zu sein. Natürlich ist aber Sprache nicht das einzige was die kognitiven Fähigkeiten eines Menschen beeinflusst. Bereits Goethe wusste, dass man nur sieht was man weiß. Kann ich keine japanischen Schriftzeichen lesen, sehe in einer japanischen Zeitung nur eine wilde Ansammlung von bedeutungslosen Symbolen. Besitze ich aber das notwendige Wissen, kann ich mich über aktuelle Geschehnisse informieren und das Wetter von morgen nachschlagen. Wie man die Welt wahrnimmt ist also beispielsweise auch vom eigenen Hintergrundwissen und nicht nur von der Sprache abhängig.

Die eigentliche Frage ist aber, wie realistisch die Geschehnisse in Arrival tatsächlich sind. Ist es möglich durch das Erlernen einer Sprache neue mentale Fähigkeiten zu erhalten? Das scheint trotz der teilweisen Bestätigung eines sprachlichen Relativitätsprinzips doch eher unwahrscheinlich zu sein. Zwar verfügen Sprecher der Sprache Guugu Yimithirr offensichtlich über andere kognitive Fähigkeiten als beispielsweise deutsche Muttersprachler, es wurde aber nie bestätigt, dass die Sprache solch einen fundamentalen Einfluss auf das Denkvermögen der Menschen hat wie im Film dargestellt. Es scheint sich hier eher um kleinere Unterschiede zu handeln, zum Beispiel, dass Sprache für die Wahrnehmung bestimmter Dinge sensibilisieren kann – oder eben nicht. Um aber in die Zukunft zu sehen braucht es dann wohl doch noch etwas mehr als einfach nur die richtige Sprache zu sprechen.