Superstar-Paranoia

Es ist wieder soweit – Deutschland zittert und bebt, denn in Kürze wird es endlich wissen: Wer ist sein neuer Superstar. Wieder einmal kürt die Mutter aller Castingshows Deutschlands Schwiegersohn (vielleicht auch mal Schwiegertochter) Nummer eins und während ein Teil der Bevölkerung bereits nervös an den Nägeln kaut und schon mal das schnelle Drücken der Lieblingsnummer übt, fragt sich ein anderer (vielleicht sogar größerer), was der Terz denn nur soll… und guckt unter Umständen trotzdem.

Dieter Bohlen fing es an, andere folgten. Seit der Erstausstrahlung von „Deutschland sucht den Superstar“ durchziehen Castingshows das deutsche Fernsehen wie eine Infektionskrankheit. Das Schema bewährt sich: Ein (zum Teil erst durch die Sendung) bekanntes Gesicht nutzt das Format zur Selbstinszenierung und, wie es oftmals scheint, zum Aggressionsabbau – er lästert, schimpft und poltert wie  eine russische Ballettmeisterin mit Hämoriden. An seiner Seite ein weibliches Starlet für den sanften Ausgleich und ein (B-)Promi, der als Fachmann für Musik ausgegeben wird und sich mit dem Kopf der Jury entweder glorreich fetzt oder ihm dafür dezent anhaltend Zucker in den Arsch bläst.

Diesem Tribunal an Erfahrung und Wissen wird nun eine Reihe von Schönheiten und Talenten vorgeführt – sehr oft mit dem Präfix „Möchtegern“ versehen. Hat Deutschland dann genug über die Hansi-Hinterseer-Fans, Freaks und ähnliche peinliche Individualisten gelacht, bleibt eine Riege blasser „Ich-wär-so-gern- ein-Hund“-Chiwawas übrig, die sich alle Mühe geben in irgendeiner Form möglichst effektiv im Zuschauergedächtnis zu bleiben: Reicht das Talent nicht aus, hilft der Druck auf die Tränendrüse, ansonsten gibt es sicher noch ein bis zwei Skandälchen zu verbuchen, bzw. zu verursachen.

Die Altersgrenze sinkt mit der Tiefe des Dekoltées… ach ja, und manche können auch echt ganz gut singen. Der Zuschauer wird, wenigstens bei Bohlen, sehr demokratisch mit einbezogen und was dabei rauskommt, ist ein weiterer B-Promi  (im schlimmsten Fall auch eine ganze Band) mit der Ausstrahlung eines getragenen Turnschuhs, der eines Morgens aus dem Fenster schaut und feststellt, dass niemand mehr da ist.  Nicht eine der kleinen Pubertätsgören, die denken, ein Star fände es toll, wenn man ihm seinen Namen ins Gesicht kreischt ist, ist übrig. Und wenn er es überhaupt noch einmal schafft seinen mehr und mehr gegeelten Kopf über dem Toilettenrand der Versenkung zu erheben, dann wahrscheinlich nur, um mit anderen abgetackelten Exstars bei „Die 10“ über andere abgetackelte Exstars zu lästern… ein trauriges Schicksal

Das Irrwitzigste daran ist wohl, dass die Kandidaten selbst sich dieser Zukunft nur zu bewusst sind. Warum wohl sonst tauchen immer wieder zwischen den restlichen Klatschspalten Klagen zum Teil noch aktiver Teilnehmer auf, wie böse sie doch behandelt würden – vom Sender, der Jury, den Mitkandidaten, alle schlimm. Schlimm genug um deshalb aufzuhörn? Nö. Warum auch. Man schüttelt, ein bisschen empört, ein bisschen selbstgerecht, den Kopf.

Preisfrage: Wenn das alles so stimmt und die Meinung der Mehrheit deutscher Fernsehzuschauer trifft – warum nochmal schauen wir uns das trotzdem jeden Samstag an?

Dass es nicht um die Stars geht, beweist allein schon der Umstand, dass nach der Kürung von Deutschlands neuem Nationalhelden kein Sumpfhuhn mehr Interesse zeigt. Dieses Argument fällt also auf ganzer Linie durch, was aber nicht so schlimm ist, schließlich finden sich eine ganze Reihe anderer Begründungen und manche klingen sogar ziemlich fancy.

Die Frage, warum der Mensch schlechtes Fernsehen mag, beschäftigt Medienwissenschaftler eingehend und mehr oder weniger überzeugend konnten sich verschiedene Erklärungsmodelle herausarbeiten lassen. Da gäbe es zunächst den ziemlich offensichtlichen Faktor der Schadenfreude: Da machen sich ein paar Kids zum Affen und heraus kommt eigentlich nix. Aus „ihr seid ja so doof“ erwächst beinahe automatisch „ich bin ja so schlau“ und wer kann schon von sich behaupten, dass er diesen Selbstbewusstseinsputsch nicht ab und zu mal gut gebrauchen kann. Wir fühlen uns also wohl in unserer Haut und in unserem sicheren Umfeld, je demütigender und peinlicher das Gezeigte ist, desto besser. Vielleicht haben wir auch Mitleid und empfinden gerechten Zorn gegen das infernalische Trio Heidi, Detlef und Dieter (kurz „evil HDD“),  aber auch das Gefühl, sich moralisch über die Praktiken der Castingshows zu erheben dürfte ein aureichend starker Schultertätschler sein um doch ab und zu mal reinzuschaun wenn D! „PamPamPam!“ ruft.

Eine etwas kompliziertere Theorie von Knut Hickethier besagt, dass die Bezeichnung Trash nicht halb so abwertend gemeint ist, wie sie klingt, sondern eher so im Sinne von Fast Food: Schnell konsumiert, nur in rauen Mengen schädlich, irgendwie nicht sehr wertvoll aber irgendwie trotzdem lecker.

Castingshows, Dokusoaps und das für mich genremäßig nicht eindeutig definierbare Junglecamp als Hamburger zwischendurch, wenn man grad mal einfach keinen Bock auf Filetspitzen mit Balsamico-Gemüsefond-Reduktion hat, zu betrachten, finde ich persönlich recht befriedigend, aber nicht unbedingt ausreichend. Ich denke im speziellen Fall Castingshow spielt noch etwas hinein. Der Gedanke „vom Tellerwäscher zum Millionär“ wird ja eigentlich eher den Amerikanern untergeschoben und dennoch glaube ich, dass die Idee, mit etwas Talent, Fleiß und nicht zuletzt Glück, an Ruhm und Ehre (und nicht zuletzt Geld) zu kommen, wohl den meisten Menschen behagen müsste … naja, einem Zenmönch vielleicht nicht, aber schließlich können wir nicht alle durch Meditation zur Erleuchtung finden und selbst wenn wir es täten, wer sagt mir denn, dass die Erleuchtung, einmal erreicht, mir nicht den Mittelfinger zeigt und sagt: Du Depp, wenn du mehr gesungen hättest und weniger meditiert, dann müsstest du jetzt nicht so unbedarft nach dem Sinn des Lebens fragen.

Scherz bei Seite: Was in einer Castingshow effektiv zelebriert wird, ist doch das mehrwöchige Streben nach den Sternen, von dem jeder mal, und sei es nur fünf Minuten zwischen Ende der Grundschule und Ende der Pupertät, geträumt hat. Bedauerlicherweise fehlt es aber den meisten Menschen an erforderlichen Dingen um diese Reise anzutreten, nämlich wortwörtlich an der Fähigket den Allerwertesten hochzukriegen. Ist ja faktisch auch nicht mehr nötig, wenn der Hauch des Besonderen, die Magie des rasanten und scheinbar spielenden Aufstiegs, bequem von der Couch aus miterlebbar ist. Kein Abquälen beim Tanz- Gesangs- oder Schauspiellehrer, um einmal zu fühlen, was ein Stern auf seiner Reise über den Nachthimmel erlebt, das übernehmen jetzt die anderen und man selbst muss sich nur an ihre Stelle versetzen.

Deutschland sucht den Superstar hat sich damit also, wenn auch sonst als ziemlich gar nichts, immerhin als eines erwiesen: Als nützliches Gadget zum Ausleben unerfüllbarer Träume, ganz ohne sich in Gefahr zu begeben – nichtmal eine Grippe droht, denn man muss ja die Wohnung nicht verlassen. Ein bisschen weniger boshaft ausgedrückt: Durch eine Castingshow gelingt es vielleicht ein bisschen zu träumen, was ja per se erst mal eine sehr unschuldige Sache ist. Es hat ein bisschen was von Wii-Sport… eigentlich spielt man nicht wirklich Fußball, aber für ein paar Sekunden fühlt es sich so an und sei es nur, weil man selbst es war, der die entscheidende Bewegung am Controler gemacht hat, die das entscheidende Tor verantwortet hat.

Noch geiler muss es natürlich sein, sich selbst als Herr eines realen Schicksals zu fühlen: Durch einen Anruf kommt der Sängerknabe weiter oder fällt in den Matsch. Dass dann ab und zu ein echtes Talent durchfällt macht die Sache unberechenbar und das Machtgefühl noch etwas prickelnder. Vielleicht. Vielleicht finden auch einfach nur viele es ziemlich gut, dass ihnen was vorgesungen wird… früher gab’s zu dem Zweck MTV, aber das ist ja inzwischen eher zur Dauerwerbesendung für Klingeltöne mutiert.  Wenn man sucht, kann man also viele schöne Gründe finden „Deutschland sucht den Superstar“ zu schauen und sicher sind alle irgendwie zutreffend. Ob sie auch gut sind, steht auf einem anderen Blatt.

Für alle die es sich antun wollen – vielleicht aus urtiefen voyeuristischen – gut getarnt hinter dem Vorschub „Es ist für mein medienwissenschaftliches Studium – Gründen: am 7. Mai ist das große Finale! Idealerweise battelt sich hier auch noch ein DSDS-Pärchen, das sich auf der Maledivensendung kennen und lieben gelernt hat. Das verspricht Quoten.

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