Mockingjay Teil 1 – Ein Spielball der Filmindustrie

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Was bisher geschah

Jannik Zwei erfolgreiche Kinofilme haben uns bisher in die dystopische Welt von Panem entführt, in der das wohlhabende Capitol zwölf namenlose Außendistrikte unterdrückt hält und deren unglückliche Einwohner  dazu zwingt, an den Hungerspielen, modernen Gladiatorenkämpfen, teilzunehmen. Der Grund: Man will ihnen alle Hoffnung nehmen und sie mit Angst gefügig machen. Die zugrundeliegende Romantrilogie Die Tribute von Panem entsprang der Feder von Suzanne Collins. Ihr dritter Roman Flammender Zorn wird nun in zwei Filmen erzählt – der erste ist seit dem 20.11. in den deutschen Kinos, der zweite soll am 20.11.2015 erscheinen. Ob es sich für euch lohnt? Wir, das gefürchtete Kritikerduo Ursula und Jannik, haben uns Die Tribute von Panem – Mockingjay Teil 1 bereits angetan und sagen euch, was ihr zu erwarten habt.

Brutalität vs. Kinotauglichkeit

Ursula Welche Unterschiede zur Buchvorlage und den Vorgängern erwarten uns im neuen Film, wenn wir daran denken, dass es zum Ende von Teil 2 sehr nach einem Krieg aussah? Präsident Snow (mit der deutschen Synchron-Stimme von Benjamin Blümchen u.a.) hatte Katniss gewarnt, sich nicht weiter gegen das Capitol zu stellen, jedoch – wenn auch unabsichtlich – hatte sie in Catching Fire genau das Gegenteil getan. Also noch mehr Blut? Noch mehr unschuldige Kinder, die sterben müssen? Hierbei sei gesagt: Schon in Hunger Games und Catching Fire wirkten bestimmte Szenen im Vergleich zum Buch sehr abgeschwächt, um noch durch die FSK 12 zu passen. Catos Tod im ersten Teil dauerte nicht eine ganze Nacht, sondern gefühlte 3 Sekunden und auch Gayles Auspeitschung in Catching Fire hatte nichts von der Brutalität, die das Buch fordert:

„Er kniet bewusstlos am Boden  […] was einmal sein Rücken war, ist ein rohes blutiges Stück Fleisch.“
– Suzanne Collins, Catching Fire

Im Film wirkt diese Szene wie eine schlechte Schmierenkomödie. Die 30-40 Hiebe, die Gayle im Buch bekommen hat, bevor Katniss sich dazwischen wirft, werden zu maximal 5 und die anschließende Heilungsprozedur wirkt ziemlich übertrieben.

Ein ähnliches Ungleichgewicht in der Darstellung von Gewalt finden wir in The Mockingjay Teil 1 (Achtung Spoiler): Beispielsweise als Katniss die Überreste von Distrikt 12 besucht und sie ihn als Massengrab all jener Menschen vorfindet, die den Brandbomben des Capitols zum Opfer gefallen sind. Im Buch wird beschrieben, dass die Kadaver der Toten sich noch im Verwesungsstadium befinden, Ungeziefer-übersäht sind und bestialisch stinken… im Film sieht man lediglich von Aschestaub bedeckte Gerippe.

Kleine Sünden bestraft der Spannungsbogen sofort

Die Vorgängerfilme machten sich einen Namen, indem sie bis auf kleine Punkte, die komplette Handlung des Buchs übernahmen. In Teil 3.1 wurde nun erstmals von diesem Muster abgewichen.  Es kommen Szenen und Figuren hinzu, die im Buch nicht, oder zumindest nicht so präsent auftauchen und den Film in keinster Weise bereichern (vielleicht abgesehen von Effie Trinket, wenn man sie mag). Ich beziehe mich dabei etwa auf Katniss‘ 2. Besuch in Distrikt 12, der einen seltsamen Durchhänger in der Grundenergie des Plots erzeugt.

katzeUnd warum zum Geier brauchen wir diesen Kater? Katniss bringt Butterblume ihrer Schwester Prim aus Distrikt 12 mit, der irgendwie sehr an Krummbein aus Harry Potter erinnert. Sie stopft ihn in ihre Jagdtasche, aus der infolge dessen immer wieder dumpfe Maunzer dringen, die in dem düsteren trostlosen Setting von verlorener Heimat und wachsender Bedrohung eine wirklich unsensible Komik erzeugen. Aber es geht noch weiter: Eine der beiden Bedingungen, die Katniss Präsidentin Coin stellt, um den Spotttölpel für die Rebellen zu spielen, ist, dass ihre Schwester den dummen Kater behalten darf! Die viel handlungsentscheidendere Forderung, dass Katniss Präsident Snow töten möchte, wenn die Rebellion erfolgreich verläuft, wurde gestrichten. Was. Soll. Das?

Viel Schatten, wenige Lichtblicke

Jannik Ich habe die Bücher nicht gelesen, doch glaube ich kaum, dass brutalere Szenen etwas an dieser Katastrophe von einem Film geändert hätten. Auch ohne Auspeitschung und Zerfleischung wurde mir genug Gewalt angetan. Selten bin ich so enttäuscht und übellaunig aus dem Kino gekommen – enttäuscht, weil ich die beiden ersten Filme eigentlich gerne mochte und übellaunig, weil ich auf die passablen Kritiken von Metacritic hereingefallen bin. Die Sehnsucht, endlich wieder ein filmisches Epos wie Star Wars oder Harry Potter zu erleben, steckt in vielen und treibt uns jedes Jahr erneut in die Kinos – ohne überbordende Vorfreude, aber doch mit diesem kleinen Funken Hoffnung, dass man sich endlich wieder so fühlen darf wie damals, als Harry Potter und der Stein der Weisen in der Vorweihnachtszeit in die Kinos kam, man sich mit Bertie Botts Bohnen unter dem Weihnachtsbaum vollstopfte und sich selig einer zauberhaften Franchise hingab.

Ja, mit Harry Potter verbinde ich Weihnachten. Mit Star Wars spektakuläre Legoschlachten gegen meinen Bruder. Mit Panem verbinde ich ein leichtes Gefühl von Übelkeit. Sicher, als Kind ist man begeisterungsfähiger – aber soll es das etwa schon gewesen sein? Ich dachte eigentlich, dass noch viele großartige Filmreihen über die Leinwand ziehen würden, bis ich 30 und alt bin. Wenn Mockingjay Teil 1 episch sein wollte, wirkte es wie nicht gekonnt und nicht gewollt. Der Showdown hatte immerhin einige gute Ansätze, wurde aber technisch und dramaturgisch einfach nicht sauber produziert. Zudem enttäuschte das Ende die Zuschauer so sehr, dass ein abfälliges Raunen durch den Kinosaal ging. Ein Lichtblick war der Moment, als Katniss leise ein paar Verse sang, die sich zu einem vielstimmigen Protestchor entwickelten. Ein kurzer Gänsehautmoment – Dramatik ist in Mockingjay Teil 1 leider Mangelware.

Effi und Hamitch – So viel Action gab’s noch nie

Jennifer lawrenceUrsula Das liegt sicherlich mit am Drehbuch von Danny Strong, aber auch an der Schauspielleistung der Hauptdarsteller. Jeniffer Lawrence hat in den letzten Filmen bereits viel Kritik einstecken müssen, deshalb will ich mir das Meiste sparen. Im Gegesatz zu Kristen Stewart kann sie immerhin schonmal zwei Emotionen spielen: Trauer und Hysterie. Und sie kann beides auch kombinieren zu hysterischer Trauer oder trauriger Hysterie. Die restliche Zeit des Films verbringt sie in einem Gemütszustand, den man mit „Jeniffer zero“ gut umschreiben kann (angelehnt an das Schönheitslevel, auf welches Katniss im Buch so oft gebracht werden muss: Nicht abgeranzt, aber auch nicht übertrieben schön). Meiner Meinung nach wird sie der berechnenden, besorgten und dickköpfigen Katniss aus den Büchern in keinster Weise gerecht. Noch weniger überzeugen können aber Josh Hutcherson (Peeta) und Liam Hemsworth (Gayle), die sich in ihren Rollen stellenweise an Farblosigkeit gegenseitig übertreffen. Das gleiche Mädchen zu lieben, ist einfach eine sehr ausgelutschte und undankbare Motivation für einen Schauspieler…

Wo aber die Hauptcharaktere versagen, beginnen die Sidekicks zu strahlen. Hamitch (gespielt von Woody Harrelson), der mein Liebling in den Filmen ist, spart auch dieses Mal nicht an Sarkasmus, den manche Szenen dringen notwendig haben. Und Effie Trinket (Elizabeth Banks), deren Relevanz in der Verfilmung des 3. Teils um 100% gesteigert wurde, fasziniert immer wieder mit ihrem Schwanken zwischen Ignoranz und wahrer Herzlichkeit. Auch Julianne Moore, als die überraschend warmherzige Präsidentin Coin, verleiht dem Film Leben. Doch ein Film ohne überzeugende Hauptdarsteller ist wie ein Tier ohne Kopf…

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3.1 und 3.2 – künstlerisch notwendig oder ein nerviger Trend?

Jannik Harry Potter, Twilight und nun auch Die Tribute von Panem – es ist mittlerweile zur Gewohnheit geworden, das letzte Buch von Fantasy-Reihen in zwei Filmen zu behandeln. Ein unbedingt notwendiger Schritt, um das komplexe Finale gebührend zu behandeln? Seien wir mal nicht so naiv – Der Herr der Ringe hat das auch in drei (zugegeben langen) Filmen hinbekommen. Nein, das Splitting ist schlicht ein probates Mittel zur Gewinnmaximierung, denn die Cash Cow will bis zum letzten Tropfen gemolken werden. Harry Potter und die Heiligtümer des Todes – Teil 1 (wunderschöner Titel) wurde von der Fangemeinde noch mit leisem Murren als spannungsarmes Vorspiel des letzten Films angenommen, immerhin konnte man Harry und seinen Freunden ein wenig länger als erhofft beim Zaubern zusehen. Auch Breaking Dawn – Bis(s) zum Ende der Nacht – Teil 1 (noch schönerer Titel) konnte keinen nennenswerten Spannungsbogen erzeugen und wurde auf Rotten Tomatoes mit 24% abgestraft – Edward und Bella wollte einfach niemand mehr länger zusehen, egal bei was. In diese glorreiche Ahnenreihe tritt nun Die Tribute von Panem – Mockingjay Teil 1. Langatmig erzählt, langweilig, langgestreckt – nur leider sind die Reihen vor den Kinokassen genauso lang. Das ist auch der Grund, warum man auf die aus künstlerischer Sicht völlig bescheuerte Idee kommt, einer Trilogie, deren zweiter Teil eh schon ohne wirklichen Prolog und abschließendes Finale in der Mitte des Erzählbogens hängt, einen nutzlosen vierten Film unterzuschieben. Da lobe ich mir doch Der Herr der Ringe – Regisseur Peter Jackson. Der splittet seinen Hobbit nicht wie geplant in vier Teile auf. Ist eh schon Kunststück genug, drei Filme aus einem Buch zu machen.

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Ursula Sehen wir uns mal die Fakten an: Der Hobbit und die Hunger Games-Fanchise laufen zur Zeit parellel… gäbe es jetzt keinen Mockingjay 2, was sollten wir uns dann nächsten Winter im Kino anschauen? Aber wenn es um das Thema Spannungsbogen geht, sollten sich Produzenten und Drehbuchschreiber wirklich mal wieder an die alten Griechen halten! Die haben schon vor 3000 Jahren gewusst, dass ungerade Abschnitte in der Ploterzählung mehr Spannung erzeugen (3 Akte, 5 Akte etc.). Harry Potter mit seinen 7 Teilen, schließt sich diesem Prinzip an, Twilight mit 4 Teilen… als könnte Stephanie Meyer bei der Geschichtenerzählung IRGENDETWAS richtig machen! Aber Suzanne Collins, die Autorin von Panem, ist da schon ein bisschen cleverer. Sie splittet ihre Geschichte ganz à la Tolkien in 3 Teile mit einem fulminanten Ende auf. Warum es nicht dabei belassen? Ganz einfach, weil die Filmindustrie nicht clever sondern profitorientiert ist. Für die Rebellen im 3. Teil wird Katniss zum Maskotchen ihrer Bewegung, zuvor war sie eine Marionette des Regimes… und wo sie in der Erzählung nicht entkommen kann, findet ihr hin- und her-Geschubse auch in der Produktionsgeschichte kein Ende. Ein Spielball von Lionsgate, ein Spielball für Regisseur Francis Lawrence (der ironischerweise den gleichen Nachnamen wie die Hauptdarstellerin trägt…) und ein Spielball für Millionen Kinobetreiber, die sich beim wunderschönen Titel Die Tribute von Panem – the Mockingjay Teil 1 die Hände reiben.

Was kommt als Nächstes?

Ursula Wer das Buch gelesen hat, weiß, dass wir uns nun der finalen Schlacht nähern. Ich persönlich habe auf den letzten Seiten von die Tribute von Panem. Flammender Zorn geheult, weil ich es so unmenschlich fand, wie viel Suzanne Collins ihre Hauptperson leiden lässt. Kein Frodo, kein Harry hat in mir soviel Empathie erzeugt wie Katniss Everdeen, die mir eine waschechte Katharsis besorgte! Es bleibt also spannend abzuwarten, wie viel dieses Elends sich Hollywood-tauglich verfilmen lässt. (Achtung Spoiler!) Erwartungsvoll dürfen wir auch darauf sein, was mit Peeta passiert, nun da er vom Capitol eingewebt wurde und ob Josh Hutcherson seine Schauspielfähigkeiten im Bereich geisteskranke Mordwaffe noch ausbauen kann. Was hat der 2. Teil zu bieten? Nun, in jedem Fall, was Teil 1 nicht hatte: Ein Ende!

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