Neues Maß an Exzentrik: „Drones“ by Muse

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„Our hopes and expectations
Black holes and revelations“

&

„They will not control us“

…das sind Verse der Lieder, die mich zu Muse brachten und mich seitdem festhalten. So fest, dass meine Mitfahrer von der selbsterstellten Greatest Hits-CD in meinem Auto wohl ein Lied singen, oder zumindest mitsingen können. Zu dem Zeitpunkt, als ich die drei Briten für mich entdeckte, waren Muse schon dabei, den Rock-Olymp zu erklimmen. Zu ihrer wachsenden Bekanntheit trugen nicht zuletzt ihre Songs für – es soll an dieser Stelle nicht verschwiegen werden – die Twilight-Filme bei. Mit Starlight, Knight of Cydonia und und und gelingt ihnen ein Hit nach dem anderen. Mittlerweile füllen sie die größten Stadien der Welt, headlinen jedes bedeutendere Festival in Europa und lassen sogar die größten Worldleader nach ihrer Pfeife tanzen. Best Live Band ist ein Titel, der zum Prädikat, gar zur Garantie wird. Beste Band der Welt ein Titel, der sie zwar unsterblich macht, aber sicher noch nicht zufrieden stellt.

Nach sechs sehr unterschiedlichen Alben, angefangen beim Erstlingswerk Showbiz (1999), gefolgt von Origin of Symmetry (2001), Absolution (2003), Black Holes and Revelation (2006), The Resistance (2009) und The 2nd Law (2012), durften Fans nun das siebte Studioalbum erwarten. Drones wurde von der Band groß angekündigt als das beste Album, das sie je gemacht haben. Doch Drones ist noch viel mehr: Das Album soll nach den zwei viel kritisierten, wenn auch sehr erfolgreichen letzten Alben (für The Resistance gab es immerhin einen Grammy) mit Hits wie Uprising, Madness und Survival (offizieller Olympia-Song 2012) eine Rückbesinnung zu den Wurzeln der Band werden, eine Rückbesinnung zum Rock:

Our intention was to go back to how we made music in the early stages of our career when we were more like a standard three-piece rock band with guitar, bass and drums.
– Matthew Bellamy
Quelle: Rollingstone.com

Bei vielen Fans hatte sich durch diese Ankündigung wohl die fatale Annahme eingeschlichen, dass man das gute alte Muse aus Absolution-Zeiten oder gar ein zweites Showbiz bekommt. Doch Muse wäre wohl nicht Muse, wenn Drones nicht dennoch mit viel Epik, neuen Vocal-Herausforderungen und einer Prise mehr Exzentrik als alles Vorausgegangene aufwarten würde.

Muse ist: Chris Wolstenholme (Bass), Matthew Bellamy (Vocals, Gitarre, Piano) & Dominic Howard (Drums)     (c) Warner Music

Ein Konzeptalbum par excellence

Drones wurde im Gegensatz zu seinen Vorgängern The Resistance und The 2nd Law nicht mit Streich- und Blechbläserorchester, Chor, epischem Piano, elektronischer Effekt-Trickkiste und viel Pathos aufgenommen. Es wurde sich zurückbesinnt auf Gitarrenriffs, viel, viel Disstortion und mitreißende Basslines (und vielleicht ein wenig Pathos). Ein Back-to-the-roots, das sich die Kritiken ihrer ältesten Fans zu Herzen nehmen sollte. Trotzdem haben sich Muse entschieden, wie schon bei den beiden vorangegangenen Alben, wieder ein Konzeptalbum zu machen.

Und zwar ein Konzept, das es in sich hat: In Drones beleuchtet und besingt die Band die antimenschlichen Aspekte von ferngesteuerter Kriegsführung.

Dieses Album folgt dem Weg eines Menschen, vom Verlassenwerden und dem Verlust der Hoffnung über die Indoktrinierung vom System, um ihn zu einer menschlichen Drohne zu machen, bis zur schlussendlichen Lossagung von den Unterdrückern.
– Matthew Bellamy
Quelle: Warnermusic.de

Jeder Song behandelt verschiedene Aspekte des Konzepts, wie Mathew Bellamy vorab Rolling Stone u.a. erklärte:

#1 Dead Inside
#2 [Drill Sergeant]
#3 Psycho

„This is where the story of the album begins, where the protagonist loses hope and becomes ‚Dead Inside‘, therefore vulnerable to the dark forces introduced in ‚Psycho'[…]“ – Bellamy
Quelle: YouTube

#4 Mercy

„The opening line of ‘Mercy’ – Help me I’ve fallen on the inside‘- is a reference to the protagonist knowing and recognizing that they have lost something, they have lost themselves. This is where they realize they’re being overcome by the dark forces that were introduced in ‘Psycho’.“ – Bellamy

#5 Reapers
#6 The Handler
#7 [JFK]
#8 Defector

„They’re about being overcome by these oppressive forces. Midway through ‚The Handler,‘ in the darkest places, the protagonist […] feels this desire to actually feel something. They decide, ‚I don’t want to be used by others. […] The desire to fight against the oppressors sinks in.“ – Bellamy

#9 Revolution
#10 Aftermath

„This is where the person tries to inspire others to think for themselves and think freely and independently. Then this narrative ends on ‚Aftermath‘ where the person is ready to re-engage. He recognizes the importance of human love.“ – Bellamy

#11 The Globalist
#12 Drones

„It is almost the same story with a bad ending. At the end you have the ghosts of the unknown dead that have been killed by robots that will never see justice and we’ll never see who they are, haunting us.“ – Bellamy

Hörerlebnis – Drones im Detail

Schon früh gab es für die Fans die Releases Dead Inside und Psycho, die beide bereits von den Fans viel Kritik ernteten. In Dead Inside dominieren die elektronischen Effekte, eine Mischung aus Madness und Uprising; Psycho erscheint eher oberflächlich, die Lyrics „Your ass belongs to me“ ist für Bellamys sonstige Tiefsinnigkeit einfach billig. Bei mir fiel Psycho gleich zu Beginn durch – und dennoch ist alle Kritik an dem Song hinfällig, wenn man sich das Konzept zu Gemüte führt. Psycho erzählt aus der Sicht der „dunklen Kräfte“, die den Menschen manipulieren: Die einfachen Lyrics repräsentieren nur den einseitigen, wenn auch effektiven Sprachschatz solcher manipulativen Mechanismen. Trotzdem bleibt es kein Song, mit dem ich mich anfreunden werde. Release #3 Mercy kommt schon mit den ersten Noten unverkennbar als zweites, jedoch düsteres Starlight daher und überzeugt gänzlich. Ein Repeatbutton-stapazierender Song, der Muse absolut zu Gesicht steht, auch wenn nur die dominierende Gitarre und das Distortion-Basssolo den Song davon abhalten, an der Pop-Grenze entlangzukratzen.

Eine Woche vor Release des Albums fing die Band an, in kurzen Abständen Songs zu veröffentlichen. Es kamen Reapers, The Handler und Defector. Reapers stimmte mit einem Schlag alle Kritiker wieder versöhnlich. Ein Song, der sich wegen der musikalischen Gestaltung, dem Bass-Arangement und der „Catchy-ness“ sofort neben den Absolution-Hits Time is running out, Hysteria und Stockholm Syndrome einreiht, aber mit seinen hochgesungen Refrain und seinem Tempo auch einen Hauch Supermassive Black Holes (Black Holes and Revelations) und Panic Station (The 2nd Law) in sich hat. The Handler enttäuscht ebenfalls nicht. Ein düsteres Arrangement, welches das Erstlingsalbum Showbiz wieder auferstehen lässt, begleitet von einem effektvollen tapping-Gitarrensolo. Defector ist wohl der Höhepunkt der bisher releasten Songs. Ein Song, der Einflüsse von Showbiz bis Absolution aufweist, aber auch ein Song, auf welchen Queen sicherlich neidisch wäre. Matthew Bellamy in bester Freddie Mercury-Manier wie er sie auch schon auf The Resistance in den Bohemian Rapsody-ähnelnden Hymnen-Ungetüm United States of Eurasia zum besten gab. Absolut hervorzuheben ist, wie [JFK] musikalisch in Defector überleitet und dann das orchestrale Arrangement von [JFK] nochmal im Gitarrensolo und Outro aufgegriffen wird.

Nach diesem ersten Höhepunkt hat man ganz gespannt die CD ausgepackt, um sich die letzten vier Songs zu Gemüte zu führen: Ab jetzt entfaltet sich das Konzept von Drones durch pausenlose Übergänge zwischen den Liedern in voller Gänze. Defector leitet mit Atmo bestehend aus Regen und Sirenenalarm in Revolt über. Ein Song, in dem sich Muse ganz neu gibt und wie schon auf The 2nd Law in Explorers, das Anlehnung an ein Schlaflied aufweist, mit musikalischen Klischees spielt. Der Song wirkt (sicherlich beabsichtigt), als sei er einem Musical – oder gar schlimmer, einer High School Musical-Verfilmung – entsprungen, in dem der Hauptdarsteller auf der Bühne eben zur Revolution aufruft. Ich kann den trällernden Zac Efron geradezu bildlich vor mir sehen (das wäre sogar schlimmer als Twilight). Und trotz der ersten Abstoßreaktion: Beim dritten Mal erwischt man sich schon selbst den Refrain mitsingend. Ebenso wenig wie Revolt, lässt sich wohl Aftermath auf das erste Hören in das Muse-Universum einordnen. Aftermath, fängt mit einem vielversprechenden Intro und Vers an, geht dann jedoch in einen musikalisch ebenso klischeebehafteten und scheinbar schon oft gehörten Refrain über, der ebenso einem Musical entsprungen sein könnte. Im Sinne des Konzept kann man wieder wie bei Psycho sagen: Bellamy drückt mit eben diesen Klischees genau das aus, was er ausdrücken will. Und trotz der ersten musikalischen Unvereinbarkeit der beiden Songs mit dem Rest der Platte schafft er konzepttechnisch eine Runde Sache.

Kommen wir zu dem 10-minütigen Ungetüm der Platte: The Globalist wurde als zweites Citizen Erased (Origin of Symmetry) versprochen. Während gespoilerte Fans auf YouTube schon warnten, man solle nicht zu viel erwarten, enttäuscht The Globalist hinsichtlich seines Versprechens wirklich. Während Citizen Erased mit einem schrammig, quietschenden Gitarrenriff ein grandioses Headbang-Intro einleitet und der Song dann in ruhigere Töne wechselt, ist The Globalist vom Aufbau das genaue Gegenteil: Nach fast drei Minuten slowrock Western-Style Intro, beginnen die Lyrics, die ebenso slow fortfahren wie das Intro. Aber um 4:30 plötzlich… da ist es: Citizen Erased 2. Ein heavy distortion Gitarrenriff, Muse wie sie härter nie waren, ein Countdown an dessen Ende man viel erwartet, schließlich ein noch härteres Gitarrenriff, Drums setzen ein, ein geiles Gitarrensolo, dass aber irgendwo aus dem nirgendwo herkommt und ebenso plötzlich wieder verschwindet und dann… ja dann… dann haben wir Exogenesis Part 4 mit Master Bellamy am Piano – ganz à la The Resistance-Style. Das war es also, das Citizen Erased 2… Nicht ganz das, was versprochen wurde, nichtsdestotrotz wieder einmal ein pathetisches Meisterwerk, das Bellamys klassisch geprägtes musikalisches Talent aufs neue unter Beweis stellt.

Dann als letztes haben wir Drones. Und man sitzt wohl erstmal etwas unfassbar dreinschauend da, denn Bellamy singt nun a capella und vielstimmig beste anglikanische Kirchenmusik, ein Stück, das auf dem Kirchenlied Sanctus and Benedictus basiert – Nun, Drones ist absolut nicht das, was man erwartet, aber gerade in seiner Überraschung liegt das Grandiose. Nicht nur, dass Bellamy die Geschichte um Manipualtion, menschliche Dronen, Freiheitskampf, Revolution, Vernichtung und Überleben nun auf eine religiöse Ebene hebt, mit den Zeilen „Are you dead inside?“, die man deutlich aus dem Kanon heraushört, bildet er auch noch den Kreis zum Anfang des Albums. Die Geschichte beginnt von vorne.

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Muse in Rome Olympic Stadium 2013      (c) Muse, photo by: Hans Peter Van Velthoven

Am Ende bleibt…

As I look back at the last three albums, each one had progressively less and less songs that we could play live. – Matthew Bellamy
Quelle: Rollingstone.com

Dennoch kommen gerade die Hits, die Muse einer breiteren Masse zugänglich gemacht haben, von den neueren Alben. Wenn Bellamy mehr Live-Songs haben möchte, war dann die Entscheidung, Drones wieder zu einem Konzeptalbum zu machen, die richtige? Was bleibt übrig von Drones, wenn man das Konzept beiseite lässt? Was wird als fester Bestandteil der Setlist die Zeit überdauern? Diesbezüglich wird wohl gerade der Teil des Albums, der konzeptteschnisch der gelungenste ist, von Revolt bis Drones, wohl der hinfällige. Die Songs und vor allem ein The Globalist wird vielleicht auf der Drones-Tour gespielt, aber wie ein Citizen Erased eben auch wird es wohl bald nur noch selten auf Setlists zu lesen sein. Ob sich Dead Inside, The Handler oder Defector (so gut die Lieder auch sein mögen) auf Dauer durchsetzen, ist die nächste Frage. Ganz sicher dagegen: Psycho, Mercy und Reapers. Ein Drones dagegen ist doch gar unspielbar. Doch alle Hit-Spekulationen beiseite: Man kann nie wissen, was Muse für die nächste Tour planen. Auch ihre Auftritte sind kleine Konzepte an sich und sicherlich können wir von der Drones-Tour großes erwarten. Und es wäre nicht das erste Mal, dass einem dann gerade Lieder gefallen, die man vorher nicht mochte.

Fazit: Mir persönlich sagt vor allem der mittlere Teil des Albums zu, von Mercy bis Defector, dann wieder The Globalist und Drones. Letztendlich ist Muse mit Drones kein wirkliches Back-to-the-roots, à la ihr bekommt das „alte Muse“ zurück, gegangen. Das war auch nicht ihr Ziel. Ja, wir haben mehr Fokus auf Vocals, Gitarre, Bass und Drums. Als Konzeptalbum hat die Band ein wahres Meisterwerk abgeliefert. Mit dem Thema sind Muse wie immer am Nabel der Zeit. Heutzutage, wo über den Einsatz von Dronen und über Vorratsdatenspeicherung diskutiert wird, schlägt Drones ein wie ein Bild-Zeitungsartikel. Nur wesentlich glaubhafter und ästhetischer.

Muse hat sich trotz Rückbesinnung wieder einmal neu erfunden. Trotz des Verzichts auf opulente orchestrale Parts und dominierende Elektroeffekte hat die Band ein wesentlich eigenwilligeres Album abgeliefert als The Resistance und The 2nd Law zusammen. Ein neues Maß an Exzentrik, doch wesentlich versöhnlicher mit all ihren Vorwerken. In Drones haben sie all ihre Einflüsse zusammengepackt, all ihre Facetten und all ihre Platten in einem Album zusammenkommen lassen. Und auch mit diesen epischen Meisterwerk und gerade wegen dieser Exzentrik werden sie noch mehr Stadien füllen. Muse sind noch lange nicht am Ende ihres Erfolgs. Denn:

„They will not force us
They will stop degrading us
They will not control us
We will be victorious“

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Muse in Emirates Stadium, London 2013    (c) Muse

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