Eine Anleitung zum Überleben

Ein sehr langes Semester ist vorüber und mit drei, zum Glück gut verlaufenen, Aufführungen, findet auch die Arbeit an meinem ersten  eigenen Theaterprojekt ein Ende. Auf dem Weg zurück bleiben: Eine kilometerlange Telefonliste, ein paar wunderbare neue Feindschaften und mindestens drei Nervenzusammenbrüche.

Dabei hat die Zusammenarbeit mit meinen Darstellern und Helfern eigentlich wunderbar funktioniert, niemand kam zu Schaden und alles war eins a pünktlich bereit. Wie dieses Paradoxon zustande kommt? Die Antwort ist ebenso schlicht wie aussagekräftig (wenigstens für alle, die sich schon einmal an einem Theaterprojekt an der Uni Bayreuth versucht haben): THEATERRAUM!

Hürde Nr 1: Die Dispo oder „Im Krieg und in der Raumvergabe ist alles erlaubt“

Um einen Platz im Theaterraum zu bekommen ist es von zwingender Nötigkeit, bereits drei Monate vor der eigentlichen Aufführung sämtliche Probentermine zu kennen (und ich meine ALLE, auch die für die Lichteinstellung, auch wenn der betreffende Fachmann Ronny Kropf aus Auslastungsgründen eigentlich höchstens eine Woche vorher zusagen kann).  Wichtig hierbei ist auch die Korrektheit der angegebenen Zeitspanne: Vier Monate vorher sind viel zu weit geplant, zwei sind hingegen viel zu kurzfristig. Das hat auch gute Gründe:  Sind nämlich all diese Termine einmal in der Dispo der Raumvergabe (eigens für Studenten, die den Theaterraum nutzen wollen, eingerichtet, von ihnen aber aktiv nicht nutzbar) eingetragen, sollte man nicht den Fehler begehen zu glauben, man stehe nun in der Dispo. Vorrang haben Abschlußprojekte, feste Gruppen, Lehrveranstaltungen und, nicht zu vergessen, solche, die „da scho imma nei durften“ und es daher nicht einsehen, sich in irgendwelche albernen Dispos einzutragen. Gegen letztgenannte ist natürlich jeder machtlos. Tja, die Raumvergabe ist ein Schlachtfeld, und Gewinner ist immer das Kampfkanickel, das sich am unbeirrbarsten festbeißt. Neben konsequentem Nerven des für die Raumvergabe verantwortlichen Dozenten, bzw. seiner bedauernswerten Hilfskraft, behält man am Besten auch die Kommilitonen im Auge, denn bei aller detailliert ausgeklügelten Planung sind Überschneidungen leider nicht zu vermeiden, und schwupps drohen sich zwei Theatergruppen mit Requisiten zu bewerfen, ein Filmteam hebt bereits drohend das Richtmikro und irgendwo dazwischen kauern verängstigt die, die eigentlich gar nichts dafür konnten, die vielleicht nur helfen wollten, die aber ohne Frage jedesmal für das Chaos verantwortlich gemacht werden.

Hürde Nr2: Der Schlüssel oder „Katha im Campus-Wunderland.“

Es ist nicht so als wäre es tatsächlich schwer, an den Schlüssel zum Theaterraum zu kommen. Oder an den zu den Gaderobenräumen. Oder zur Technik. Oder zum Licht. Oder zum Raum über dem Theaterraum, in dem die bessere Technik ist. Alles was man beachten muss ist, dass jeder dieser Schlüssel, die doch alle zu ein und demselben Raum gehören, auch jeweils in der Macht von jeweils einem anderen Würdenträger sind. Dementsprechend (warum sollte es auch anders sein) gibt es für jeden einzelnen dieser Schlüssel auch ein jeweils einzelnes und sorgsam bedachtes Prozedere, das zum Besitz des jeweiligen Schlüssels führt und das jeweils im Zusammenhang mit diversen Unterschriften, beidseitigem Telefonterror, einem genau getimten Terminplan und viel „Bitte Bitte mit Schokosoße obendrauf“ steht. Im Idealfall kennt man jemanden, der die geheimen Codes und Kniffe kennt. Luxus ist dann natürlich, wenn er dir den Schlüssel einfach gibt. Etwas weniger komfortabel: Er oder sie verrät dir das Geheimnis zur Erlangung des magischen Werkzeugs. Auch noch was wert, immerhin bekommt man wenigstens das Gefühl nicht ganz allein zu sein. Im häufigsten Fall interessiert sich allerdings kein Furz für dich und deine albernen kreativen Ambitionen, und eine Episode folgender oder ähnlicher Weise ereignet sich:

Nachdem ich bereits ein- oder zweimal glücklos versucht hatte, eine Probe im Theaterraum abhalten zu können (wir scheiterten jedesmal an nicht vorhandenen Unterschriften und falsch angenommenen Bürozeiten), wusste ich endlich, dass zum Erhalt des Theaterschlüssels zum einen eine Vollmacht von Herrn Ernst gehört, zum anderen, dass man mit dieser Vollmacht einen entsprechenden Raum aufsucht und sich dann den Schlüssel erbittet. Welcher Raum wird im Vorfeld nicht verraten, denn Rätselraten ist doch so schön und sonst wär’s ja einfach. In meiner grenzenlosen Naivität hielt ich es für naheliegend, das Büro von Herrn Graß aufzusuchen, steht dieser doch als Beauftragter für Raumangelegenheiten im Internet.  Ebenso naiv: Ich glaubte tatsächlich, dieses Büro in der Univerwaltung sei leicht zu finden. Tatsächlich jedoch gilt es, alle Schilder, die zum Ende des Gangs  weisen, wo sich der Raum angeblich befindet, zu ignorieren. Ein hilfreicher Informant genießt in diesen Momenten den Status einer guten Fee, und ähnlich märchenhaft klingt auch die Wegbeschreibung: Man erklimme den höchsten Punkt des gläsernen Turmes (= Zentrale Uni Verwaltung), verlasse ihn über eine von außen unsichtbare Tunnelbrücke, folge dem endlosen Flur und betrete dann den Raum des Magiers, der wohl hoffentlich die ersehnte Antwort auf die Frage nach dem Schlüssel bereit hält. Man sollte zufrieden sein mit dem, was man hat, denn er hatte zwar nicht die ersehnte, aber doch immerhin eine Antwort: „Nö.“

Um die Sache kurz zu machen: Nach einigem hin und her durfte ich lernen, dass die Schlüssel in der Zentralen Technik vergeben werden.  Diese ist immer offen von halb acht (wenn die Uni noch nicht mal auf hat) bis neun (wenn die Vorlesungen entweder schon begonnen haben oder es noch eine Stunde bis dahin ist) und dann nochmal von irgendwann bis eins. Man bekommt dort auch tatsächlich einen Schlüssel, aber nur, wenn nicht gerade vorgezogene Mittagspause oder eine Weihnachtsfeier ist. Hinweise auf Lächerlichkeiten wie die richtige Uhrzeit verdienen nicht mehr und nicht weniger als den schönen Satz: „Bech ghabt“, was oberfränkisch ist und soviel bedeutet wie „Ich bin zwar da um zu helfen, aber nicht jetzt und dir sowieso nicht“.

Wir halten an dieser Stelle fest: Die Raumvergabe vergibt keine Räume und hat keine Schlüssel, allerdings kann man dort (später, sehr viele Nervenzusammenbrüche später) seine Poster stempeln lassen. Die Schlüssel befinden sich in der Zentralen Technik und ich würde jetzt einfach mal raten, dass man sich, nach dieser Logik, mit Technikfragen vielleicht am Besten direkt an eines der Gewächshäuser der Geoökologen wendet. Eines kann ich jedenfalls prophezeien: Hält man den Schlüssel zum Theaterraum endlich in den Händen, dann versteht man ein bisschen Gollum, wenn er endlich den Ring hat und sich lieber ins Feuer stürzt, als ihn nochmal zu verlieren. Eventuell hat Tolkien auch mal Theater an der Uni Bayreuth versucht und flüchtete sich schließlich verzweifelt in die Schriftstellerei, als er feststellte, dass der ganze Stress für einen kalten Raum mit kaputter Verdunkelung war, der auch noch schief ist.

Hat man im Übrigen die beiden Hürden überwunden, hat man tatsächlich den Tag der Aufführung lebend erreicht, so sollte, nebenbei bemerkt, nicht vergessen werden, auch den obligatorischen Sicherheitskräften Bescheid zu sagen. Andernfalls könnte es zu ein bis zwei unangenehmen Begegnungen mit den Herren in Schwarz (nicht zu verwechseln mit den grauen Herren aus Momo) kommen, bei denen man besser glaubhaft versichern kann, dass man tatsächlich hier sein darf und kein zugedröhnter Hippie ist, der Dieter Kunzelmanns Idee der Kommune 1 zu verwirklichen gedenkt. Oder sonst was Kriminelles, Unbürokratisches.

Ehrlich: Die Typen von der Security machen wohl auch nur ihren Job und können nichts dafür, und das gilt sicher auch für den Großteil aller am Bayreuther Schlüsselchaos-Beteiligten. Sicherlich will ich hier niemanden angreifen, niemandes Arbeit in Frage stellen. Wenn ich überhaupt eine Frage stellen will dann die: Warum gibt es einen Theaterraum, wenn es schlussendlich leichter wäre, in der Mensa bei Hochbetrieb eine Vorstellung hochzuziehen, als diesen Raum für Theaterprojekte zuzz nutzen? Wenn die Universität Bayreuth so wenig Wert darauf legt, dass ihre Studenten neben dem Akademischen auch praktisch arbeiten dann sollte wenigstens nicht so getan werden, als wäre etwas anderes der Fall, bzw  sollten sie vielleicht keinen Studiengang zulassen, der sich einen solchen praktischen Anteil groß auf die Fahne schreibt. In jedem Fall wäre es, glaube ich mehr als sinnvoll endlich dafür zu sorgen, dass eine website eingerichtet wird, die einen tatsächlich informiert und zwar so schnell und gründlich, wie es dem Medium Internet angemessen ist, statt den Studenten nach stundenlanger Suche genauso schlau wie vorher stehen zu lassen.Einheitliche Öffnungszeiten, die einen nicht zwingen eine Stunde oder mehr in Bewegungslosigkeit zu verharren, weil das  dritte Büro das man aufsuchen muss erst öffnet wenn das vierte längst geschlossen hat. Diese Öffnungszeiten auch noch irgendwie mit den Vorlesungszeiten abzugleichen ist eventuell utopisch, aber ernsthaft: Um halb acht hat noch nicht mal die Bib auf und um neun sitzt man entweder noch mindestens eine Stunde in der Vorlesung oder man hat noch mindestens eine Stunde hin.

Möglicherweise ist mein Nervenkostüm auch etwas schwach, wer weiß das schon. Und vielleicht sind auch alle, die mich im Vorfeld gewarnt haben oder jetzt mit leidgeprüfter Miene nicken, doof. Ich rechne mir eigentlich auch keine tiefgreifende Änderung aus, denn de facto hat sich ja bereits einiges geändert und der Stress den ich heute habe ist nichts gegen den Stress den es schon mal gab, nämlich in Zeiten als noch nicht mal sowas wie eine „Dispo“ existierte. Wenn überhaupt, dann hoffe ich nur, dass mein Artikel anderen hilfreich sein könnte… und sei es nur, dass sie sich von vorneherein einen anderen Raum suchen.

Ein Gedanke zu “Eine Anleitung zum Überleben

  1. Ach Katha, du sprichst jedem Theaterraum-Leidgeplagtem aus der Seele. „Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit.“ – das stimmt da sicher, aber den ganzen Hickhack um den Theatrraum sollte man sich dabei lieber sparen, allen um aller Nerven Willen.

    Daher an alle, die irgendwann planen, mal den Theaterraum zu nutzen: macht euch auf eine Odyssee gefasst. Man könnte sich das ganze Theater (haha) wirklich sparen, wenn die ganze Organisation geregelter wäre. Hoffen wir, dass es in zukunft so wird.

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