Weihnachten und die Medien

„Weihnachten ist für mich erst dann Weihnachten, wenn ich „Last Christmas“ im Radio höre“, sagte vor ein paar Jahren mal eine Freundin zu mir. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich das noch gar nicht nachvollziehen, und hätte am liebsten den Sender gewechselt. Mittlerweile ist das anders. Grund? Nebensächlich. Gerade habe ich das Radio angeschaltet und lausche eher passiv dem Geblubber des Moderators, und da setzen sie plötzlich ein, die ersten Töne: zum allerersten Mal in diesem Winter schwingt die Luft durch die ach so sanfte Stimme von George Michael.

Irgendwie habe ich gerade Lust darauf. Auf den ganzen Quatsch. Plätzchen backen, Glühwein trinken, durch den verschneiten Hofgarten wandern, auch wenn’s nur auf dem Weg zur Uni ist. Meine Gedanken fliegen über verschneite Täler, George immer noch bei mir, und auf einmal unterbricht mich – bzw. George – in tiefstem bayrisch ein Kerl von der Hofpfisterei aus München und wünscht mir frohe Weihnachten. Aber ich soll doch bitte sein tolles Brot kaufen. Ne, denk ich. Ich fahr doch nicht nach München um ein überteuertes Ökobrot zu kaufen. An Weihnachten noch was gesundes essen? Ohne mich. Außerdem hat der Herr nicht mit meinem studentischen Portemonnaie gerechnet. Pst! Konsumiere…

Gleich darauf macht mich ein netter Mensch von Citroen darauf aufmerksam, dass, wenn ich mir ein Auto von ihm besorge, ich irgendwie 1000 Euro dazubekomme. Cool, denk ich. Ich kauf mir ein Auto und hab dann 1000 Euro, die ich für Geschenke ausgeben kann. Konsuhuhuuum…

Ich schnapp mir meine selbstgemachten Plätzchen und den heißen Kakao und lümmel mich auf die Couch vor dem Fernseher. Mit meinen neuen monetären Möglichkeiten muss ich doch die Initiative ergreifen! Fernbedienung geschnappt und eingeschalten. Wie? Da kommt ein Film? Sowas, wollte doch Werbung gucken. Wenn’s andersrum gewesen wäre und ich einen Film hätte schauen wollen, hätte ich wahrscheinlich erstmal eine halbe Stunde gezappt. Ich bleib trotz meiner guten Vorsätze hängen. Danny Devito in „Blendende Weihnachten“. Der ist so dick, der kleine Kerl, der hat wahrscheinlich noch nie was vom Pfister-Ökobrot gehört. Hm, muss ich ihm mal eins schicken. Zettel und Stift geschnappt und aufgeschrieben:

– 1 Pfister-Ökobrot für Danny Devito.

Ok, ich schalte weiter. Schon wieder ein Film. Gibt’s doch nicht! Ich muss doch konsumieren…

Ich sehe die letzten tränenheischenden Minuten von „Liebe auf Umwegen.“ Mann, das hat ja nicht mal was mit Weihnachten zu tun. Doof. Gleich weitergezappt.

Yes! Werbung! Was will ich haben? Grippostat C? Ne. Kann ich nicht mal verschenken. Ah! Die Playstation 3. Boah, über sie hätte ich Zugriff auf über 1000 Filme. Das ist ein Wort. Aber ich setze sie gleich zweimal auf die Liste. Einmal für meinen Bruder, und wegen der Filme auch für eine meiner Freundinnen. Da kann ich ja bei ihr mitgucken.

– 2x PS 3 für Bruder und Freundin.

Budget müsste noch reichen. Hab ja 1000 Euro, weil ich mir bald ein Auto von Citroen kaufe. Oh, da kommt der Coca-Cola-Weihnachtsmann! Wie hab ich den vermisst in den letzten Monaten seit Weihnachten. Aber da ist er wieder. Und macht sich mit seiner Flasche Cola „Freude auf“. Ich will auch.

– 1 Kasten Coca-Cola, zum Freude aufmachen, für mich.

Aber du magst doch gar kein Cola, sagt mir meine Vernunft… – Klappe da drüben. Nur die Ruhe, konsumiere einfach, der Rest ist nebensächlich.

Hermes macht ganz dreist Werbung. Macht einfach den Lieferservice vom Weihnachtsmann schlecht. Hm, vielleicht haben die irgendwo Recht. Sein Transportmittel macht nicht so einen sicheren Eindruck. Und ich will doch, dass Danny sein Brot bekommt. Will ich Rudolph und dem W-Mann nicht zumuten. Also:

– 1 Pfister-Ökobrot für Danny Devito. (Mit Hermes versenden! Weihnachtsmann könnte mit Amerikasendung überfordert sein.)

Müller wirbt für Schokorentiere in seinem Joghurt. Lauter traurige Rudolphs, die durch Hermes abgelöst wurden. Die armen kleinen. Ich kauf sie mal. Aus Mitleid. Weihnachten ist ja die Zeit des Mitleids. Äh, Mitgefühls, wollt ich sagen. Ich fürchte ich muss mir nochmal Milan Kunderas „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ ausleihen, er philosophiert so schön über diese beiden Begriffe. Ach, ausleihen? Wovon rede ich? Gleich mal gekauft, das Buch!

– 1x „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“, von Milan für mich. + 1x Pfister-Ökobrot (wenn wir schon dabei sind). Wo wohnt der eigentlich? Frag ich mal Hermes, die bringen sicher öfter was zu ihm. Gut machst du das mit dem Konsumieren…

Da kommt Xavier Naidoo und wünscht RTL II schöne Weihnachten. Was soll das, ich guck hier doch. Und dann kommt Mr. Bean, der ultimative Katastrophenfilm. Das schmerzt zu sehr. Ich brauch die Weihnachtswerbewolke wieder. Nur in ihrem Gewaber fühl ich mich aufgehoben. Schalte mal weiter.

Nintendo DS zeigt mir, wie ich der neue Vermeer werde. Mit dem Nintendo DS Art Academy kann ich nämlich im Null Komma Nix das Mädchen mit dem Perlenohrring malen. Meine Oma malt ganz gut, vielleicht wird sie noch besser, wenn ich ihr das schenke.

– 1x Nintendo DS Art Academy für Oma.

Der Werbefluss wird unterbrochen, „Ella – verflixt und zauberhaft“ mit Anne Hathaway. Wie dreist. Ich schalte weiter und Eva Longoria versucht mich davon zu überzeugen, dass ich mein MakeUp jetzt mit einem Teil auftragen soll, das aussieht wie eine Tapezierrolle.

– 1x Tapezier-MakeUp-Rolle für mich. + Pfister-Ökobrot für Eva. Man kann nie wissen…

Mein Rausch wird unterbrochen, diesmal von einer Scripted Reality Soap auf RTL:

„Ganz ährlisch, du hast hia gahnix zu melden! Nä? Oda?“

Was?! Ich schrecke auf, war auf dem Sofa eingeschlafen… Im TV läuft Werbung. Gerade will ich meine leere Tasse in die Küche bringen, da fällt mir ein Zettel auf dem Couchtisch auf, der da vorher noch nicht lag. Meine Schrift.

  • – 1 Pfister-Ökobrot für Danny Devito. (Mit Hermes versenden! Weihnachtsmann könnte mit Amerikasendung überfordert sein.)
  • – 2x PS 3 für Bruder und Freundin.
  • – 1 Kasten Coca-Cola, zum Freude aufmachen, für mich.
  • – 1x „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“, von Milan für mich. + 1x Pfister-Ökobrot
  • – 1x Nintendo DS Art Academy für Oma.
  • – 1x Tapezier-MakeUp-Rolle für mich. + Pfister-Ökobrot für Eva.

Konsumiere, konsumiere, ruft sie mir ganz leise zu.

Konsumiere, konsumiere – Halt den Mund du dumme Kuh!

Die mich umwabernde Werbeweihnachtswolke geht mir auf den Keks. Wenn das mit dem Abwürgen dieser so einfach wäre… . Ah, Dyson wirbt für seine beutelfreien Staubsauger. Gleich mal aufschreiben:

– 1x Dyson beutelfreier Staubsauger, für mich, und die wabernde Werbeweihnachtswolke…

Schöne Bescherung!



3 Gedanken zu “Weihnachten und die Medien

  1. Ja genau erlebt es wohl jeder zu Weihnachten, super das dein Zettel doch so kurz geblieben ist 😉 ein wenig länger und du hättest der ganzen Welt was schenken können 😀 Also schöne Weihanchten…

  2. super lustig!!! die kapitalistische instrumentalisierung gehört mittlerweile voll und ganz zum dispositiv „weihnachten“, traurig, traurig, aber wenn so genial geschrieben, einfuch nur lustig!!

  3. 🙂 sehr sehr lustig und trifft den nagel genau auf den kopf! all diese sachen denk ich mir auch immer beim fernsehen! frohe konsumreiche weihnachten!

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