Warum ist der Mensch?

Der Frage nach dem Menschensein geht Georg Büchner in seinem „Woyzeck“ nach. Und auch Miriam Locher stellt diese elementare Frage in den Mittelpunkt ihrer multimedialen Theaterinszenierung „Woyzeck – Entfremdet“.

Sich als Student an Klassiker wie „Woyzeck“ zu wagen mag für den einen anmaßend, für den anderen mutig sein. Immerhin setzt eine Interpretation des Stückes stets ein gewisses Verständnis voraus, das man den jungen Studenten nur selten zugestehen möchte. Um so logischer scheint es, das Stück neu zu interpretieren, was Miriam Locher tut.

Für „Woyzeck – entfremdet“ erstellt die Regisseurin eine eigene Textfassung, sodass am Ende noch 25 Minuten übrig bleiben. Neben einer erfrischend kurzen Textfassung trumpft Miriam Locher mit einem weiteren Highlight auf: sie verwendet nicht nur auf konventionelle Art und Weise Medien in ihrem Theaterstück, sie verbindet das Stück sogar im wörtlichen Sinne mit einem Computer.

Eine Tücke dieses Versuches zeigte sich bei der Aufführung am 22.07.2010 im Theatersaal der Uni Bayreuth bereits zu Beginn des Stückes: die Technik versagt. Beherzt stellt sich die Regisseurin dem Publikum, bittet es für fünf Minuten hinaus und beginnt dann erneut die Inszenierung. In diesem kritischen Moment zeigt sich die außerordentliche Professionalität des Schauspielers Antonio Lallo, der ein zweites Mal den Raum betritt und seine Rolle mit beinahe dem selben Enthusiasmus zu spielen beginnt. Und genau aus diesem Grund arbeitet die Regisseurin auch mit einem gestandenen Schauspieler: „Mir war von Anfang an klar, dass ich jemanden brauche der hundertprozentig das reproduzieren kann, was man auf der letzten Probe besprochen und geprobt hat. Jemanden, auf den ich mich verlassen kann, da es sehr viel Feingefühl braucht, die Felder bewusst zu bedienen und jemanden, der gleichzeitig seine Rolle nicht vernachlässigt. Manchmal streikt die Technik und es bleibt dir nichts anderes übrig als das Programm neu zu starten und zu hoffen, dass alles wieder geht. Da muss Vertrauen da sein und man muss ein eingespieltes Team sein. Das sind Antonio Lallo und ich durch zahlreiche gemeinsame Produktionen geworden.“

Gearbeitet hat Miriam Locher mit der Software Max/MSP/Jitter, die sich insbesondere im Live-Betrieb anbietet. Durch eine Kamera wird ein Feld, das auf dem Boden angedeutet ist, aufgenommen. Hinter jedem Feld verbergen sich unterschiedliche Audio- und Videosequenzen, die durch das Berühren des Feldes durch den Schauspieler ausgelöst werden. So umgeht Miriam Locher geschickt die Figurenkonstellation und lässt den verrückt werdenden Woyzeck mit sich in seiner Welt alleine. Lediglich Stimmen und Stimmungen umgeben ihn. Woyzeck driftet immer mehr in eine Fantasiewelt ab. Dargestellt wird diese Welt durch Videoprojektionen in Computerspielgrafik. Die Videos hat Miriam Locher in den Game-Engines „Garry’s Mod“ und „Crysis Mod“ erstellt. „Ich wollte eine bizarre Welt erschaffen, die nichts mit der Realität zu tun hat und in Woyzecks Kopf stattfindet.“, erklärt Miriam Locher ihren technischen Einsatz. Sie fragte sich: „Wie löst man das?“, und stieß dabei auf die Game-Engines. Denn: „Die Videos sind nicht illustrierend, sondern zwingen den Zuschauer nochmal genauer hinzuschauen und plätschern nicht so nebenher. Zudem wollte ich den Tambourmajor und Marie nie als reales menschliches Paar darstellen und auch ein echter Wald hätte einfach nicht reingepasst. Fliegende Ratten, rotierende Bäume, glühende Steine – all das geht mit Garry’s Mod ganz einfach.“

Überzeugt hat „Woyzeck – entfremdet“ durch das innovative Konzept und die interessante Verwebung von Theater mit Medien.

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