Warum ich am Wochenende unbedingt die Böhsen Onkelz sehen will

Onkelz

Endlich.

Die Onkelz spielen wieder! Na endlich. Nach einjähriger Bühnenabstinenz kehren sie nun für vier Auftritte zum Hockenheimring zurück. Und das tolle ist: Nachdem sich die Band 2005 mit Tränen in den Augen vor ebenfalls weinendem und sich verbeugender Fan-Kulisse verabschiedet hat – welch ein epischer Moment im Leben eines jeden Hardcore-Fans wie ich es einer bin – bringen die Jungs nächstes Jahr auch noch ein neues Album raus. Toll. Sänger Kevin Russel ist drogenfrei, führerscheinlos und hat mächtig Bock. Das Programm wird „rockig“, sagt er dem RockHardMagazine, dass die Onkelz Ende Mai im Proberaum besucht hat. Das Videointerview wirkt so unglaublich natürlich, lustig und ungezwungen nett – es ist ein inneres Blumenpflücken. Da kann man als Fan ruhig schon die verstaubten „Ach sie suchen Streit“– Hoodies auspacken und zu „Auf gute Freunde..“ durch die Wohnung pogen, denn die Onkelz sind wieder da. Yipie!
Eigentlich muss ma0n sich in Deutschland ja nicht unbedingt mit der Musik einer Band befassen, um manche Bands einfach mal pauschal scheiße zu finden. Warum auch? Ich fand Good Charlotte immer grauenhaft, obwohl ich bis heute nur einen Song von ihnen kenne („The world is black“ ) und die Band nie live gesehen habe. Ich mag sie einfach nicht; genauso wenig kann ich mir momentan Ali Bumaye anhöre
n, aber wenn ich damit hausieren gehe, interessiert das niemanden. Im Fall der Onkelz ist das anders. Selbstversuch: Erkläre freitagabends in einer beliebigen deutschen Dorfdiscothek, einem Dutzend angetrunkener junger Männern, dass du die Böhsen Onkelz nicht magst. Der Abend wird nicht gut für dich ausgehen.

Die Onkelz umweht ein unantastbarer Mythos, den sie sich Jahrzehntelang selbst geschaffen haben. Aufgrund ihrer Vergangenheit wurden sie in den 90ern, als Musikfernsehen noch relevant war, von MTV und Viva boykottiert. Das Resultat: Songs wie „Keine Amnesie für MTV“ und eine große Bewunderung von Seiten der Fans. „Weil sie einfach so sind wie sie sind und ihren Weg gehen.“>

Mehr Religion als Band

Die Onkelz sind für ihre Fans nicht nur eine Gruppe aus Musikern, die Rock-Musik macht. Die Band ist eine Religion und ihre Mitglieder sind Götter. „Gehasst, Verdammt, Vergöttert…die letzten Jahre“ so auch der Titel ihres ersten Best-Of Albums. Onkelz-Fans einigt die kollektive Glorifizierung ihrer Band als auch die Ablehnung all derer, die ein Problem mit den Onkelz haben. Als ich zu Recherchezwecken in einem Onkelz-Fan-Forum nach einem Fan suchte, der mir für diesen Artikel vielleicht einige Fragen beantworten könnte, waren die ersten Fragen, die von den Nutzern kamen: „Für welchen Internetblog schreibst du?“, „Wird das ein positiver Artikel?“, „Kann ich den Artikel vorher sehen?“

Als ich mit 16 auf einem Festival mal jemanden sah, der dasselbe Die Ärzte- Tshirt wie ich anhatte, prosteten wir uns aus der Ferne mit einem Dosenbier zu, warfen uns eine beliebe Songzeile an den Kopf und versanken anschließend wieder in unserem Campingstuhl. Easy going. Bei einem Onkelz-Fan läuft das anders. Er erkennt im anderen Fan einen Verbündeten. Einen Mitstreiter im Kampf gegen all diejenigen, die die Onkelz aus beliebigen, vielleicht zur Abwechselung mal „nur“ aus musikalischen Gründen nicht mögen. Der Onkelz-Fan sieht einen zweiten Christen im mittelalterlichen Jerusalem, jemanden, der die Band genauso versteht wie er. Dieses stille Übereinkommen, dass man gemeinsam zu einer Band steht, die von dem Rest der Republik so dermaßen abgelehnt wird, stärkt den Zusammenhalt innerhalb der Fangemeinde. Parallelen sieht man bei Frei.Wild und deren Fans bezüglich den Themen „Nationalstolz“ und „Heimatliebe“, was ja in der Vergangenheit schon kontrovers diskutiert wurde. Je stärker die Kritik von außen, desto stärker die Anti-Haltung der Fans von innen. In diesem Sinne ist der Hockenheim-Ring an den nächsten beiden Wochenenden genau wie im Vorjahr der Musik-Vatikan für alle Onkelz-Jünger und die Päpste persönlich spielen eine „rockige Show“, in der vielleicht wieder ein zugekokster Ben Becker eine seltsame, verwirrte Ansage macht, bevor die lebenden Legenden ihren Thron besteigen und wahllose „Geh deinen Weg“-„finde die Wahrheit“-Kalendersprüche-Songs in die johlende, biertrinkende Masse werfen werden. Und das an insgesamt vier Tagen ! Halleluja!

Ich will da hin!

Das ist auch mit ein Grund warum ich unbedingt zum Hockenheimring will. Ich will Einigkeit und Treue. Und Schlagwörter. Ich will feiern und saufen, mich dem Rausch und der Band hingeben. Ich will das Komplettpaket. Ich will eine Religion. Ich will nachts auf einem Zeltplatz umherrennen und aus den Lautsprecheranlagen sollen entweder die Kneipenterroristen oder die Böhsen Enkelz laufen und kein beschissener Ami-Rap. Ich will wahllos fremde Menschen umarmen, mit denen ich den Onkelz-Treuenschwur singen kann, weil sie den Text kennen. Ich will Menschen, die so denken wie ich. Die Welt ist kompliziert genug, wenigstens einmal an zwei Wochenenden im Jahr will ich Einigkeit spüren.

Ach und außerdem will ich Titten. Deshalb will ich auch zum Hockenheimring. Wegen den Titten. Auch wenn die Mädels vielleicht nicht so Bock drauf haben blankzuziehen, wenn die Kamera auf ihren Ausschnitt zoomt, die Kameramänner werden schon solange drauf halten und alle werden schon solange „ausziehen“ rufen, bis sie es am Ende dann doch tun und wir Titten sehen werden.

Damit wir alle Spaß haben und gemeinsam unser Fest feiern können. Bei Bier, Bratwurst, Titten und Treue. Dieses Wochenende, am Hockenheimring.

Kommentar verfassen