The Best Exotic Marigold Hotel – oder: “Mit 66 Jahren fängt das Leben erst an.”

Das Knie ist morsch, die Pension mies, das Wetter in England nur noch nass und irgendwie ist die Gesamtsituation mal wieder ungut. Evelyn (Judi Dench) hat gerade ihren Mann verloren und ebenso Geldprobleme wie Douglas (Bill Nighy) und Jean (Penelope Wilton), die sich mit seiner Beamtenrente nicht das Leben erlauben können, von dem sie träumt. Der Richter Graham (Tom Wilkinson) will mit einer Lebenslüge aufräumen und ein Stück glückliche Vergangenheit wiederfinden, Muriel (Maggie Smith) will in Indien nur eine neue Hüfte, und schließlich sind da noch Norman (Ronald Pickup) und Madge (Celia Imrie), die sich in immer neue Affären stürzen und aber im Geheimen doch noch auf die große Liebe hoffen.
Was also tun? Vielleicht einen Neubeginn in Indien starten? Sieben Rentner nehmen das All-Inklusiv-Abenteuer an, mit dem ein verlockendes Prospekt des Best Exotic Marigold Hotels „die Alten und Schönen“ lockt: Super Preise, super Luxus und eine super Zukunft.

Die Lehre „Glaube nie einem Foto“ wird schon bei der Ankunft wahr: Die Truppe landet nicht in einer noblen Seniorensommerresidenz, sondern in einer schäbigen, bröckelnden Anlage, in der nichts funktioniert außer der ewig guten Laune des quirligen Hotelmanagers Sonny. Die alten Damen und Herren reagieren unterschiedlich auf den Schock: Die einen sind bald dem Zauber des chaotischen und farbenprächtigen Indiens erlegen, andere bleiben skeptisch vernörgelt und träumen sich in die gute britische Tradition vergangener Tage. Evelyn und Douglas werfen sich voller Tatendrang in die überbordende Atmosphäre der indischen Stadt, saugen all die neuen Farben, Klänge, Gerüche und Bilder in sich auf. Jean hingegen ist einfach nur genervt: das Essen zu scharf, die Kinder zu laut, das Hotel zu schmutzig. Ganz anders, mehr subtil, fällt es Muriel schwer sich anzupassen: Sie verkörpert auf sympathisch-tollpatschige Art den typisch englischen Snobismus, an der Grenze zur Feindseeligkeit gegenüber allem Fremden. Norman und Madge wiederum vertreiben sich ihre Zeit in exklusiven Clubs auf der Suche nach wohlhabenden Bekanntschaften.

Viele Charaktere voller Widersprüche, Hoffnungen und Zweifel stoßen in John Maddens Film aufeinander. Dementsprechend lose ist die Handlung strukturiert, wechselt von einer Figur zur nächsten, mäandert mal in diese, dann in jene Richtung. Obwohl einige Charakterentwicklungen vorhersehbar sind, wird der Film nie langweilig und schafft es trotz der vielen Schauspieler, keinen Charakter zu vernachlässigen.
Auch scheut sich „The Best Exotic Marigold Hotel“ nicht, ernstere Probleme zu thematisieren, die im Alter aufkommen: die Angst etwa, dass man anderen zur Last fällt oder die Befürchtung, dass es nun ohnehin zu spät für einen Neuanfang ist und nur noch bergab geht.

Wie schon bei Shakespeare in Love meint es der britische Theater- und Filmregisseur John Madden wieder etwas zu gut mit der Romantik und dem Kitsch. Die lieben Rentner sind eine Spur zu optimistisch ausgefallen – so wie wir sie im Alltag selten erleben. Andererseits passt dieser „Think positiv Spirit“ nicht schlecht in das farbenfrohe, aufregende Indien, das selbst ein stückweit zum Akteur wird.
Was zudem enttäuscht, ist das lasche Ende, das es zu gut mit den Figuren meint und zu künstlich wirkt. In recht kurzer Zeit krempeln sie ihr ganzes Leben um: Evelyn (Judi Dench), 40 Jahre lang Hausmütterchen, findet gleich einen Job und führt ein Blog-Tagebuch, was in ihrer Rolle – und vor allem in ihrem Alter – unwahrscheinlich ist und nichts zum Aufbau des Films beiträgt. Erfrischend hingegen sind die beiden jüngeren indischen Schauspieler, der Hotelmanager Sunny (Dev Patel, Slumdog Millionaire) und Sunaina (Tena Desae). Auch wenn ihre Romanze zu dem unnötigen Kitsch beiträgt und vor allem dazu dient, das indische Kastensystem lapidar abzuhandeln, bringt das Paar eine weitere Ebene in den sonst allzu einseitigen Film.
Auch werden zu viele Stereotypen bedient: Indien ist ausschließlich das in seinen schillerndsten und buntesten Farben präsentiert Land. Gezeigt wird das quirlige Treiben auf den Märkten, spielende Kinder, hin und wieder Slums und Armut. Zu kurz kommen die Versuche indische Gewohnheiten sowie kulturelle und religiöse Unterschiede zu erklären.

Damit ist „The Best Exotic Marigold Hotel“ ein leichtfüßiger, nicht besonders anspruchsvoller Unterhaltungsfilm mit der Botschaft: Für einen Neuanfang ist es nie zu spät und wer dem Alter mit Entschlusskraft und Mut begegnet, wird so etwas wie einen späten Zauber erleben.

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