Serienkiller: Les Revenants

Returned

The Walking Dead en francais?

Ja, aber nur ein kleines bisschen.
Die französische TV-Serie Les Revenants (auf Deutsch verenglischt: The Returned) erzählt von einer namenlosen, abgeschiedenen Bergstadt, die plötzlich von Zombies heimgesucht wird. Allerdings nicht von der handelsüblichen Sorte Zombie mit den roten Pupillen, unzureichender Körperpflege und dem Hunger nach menschlichem Hirn. Von denen gibt es in letzter Zeit ja genug zu sehen.

Nein, die französischen Wiedergänger kommen zurück, wie sie waren – mit null Erinnerung an den eigenen Tod und null Verständnis für zwischenzeitliche Veränderungen. Nun fordern sie ihren alten Platz in der Gesellschaft zurück und treffen auf eine Ansammlung emotional zutiefst verkrusteter Menschen, die es sich in ihrer Trauer recht bequem gemacht hat. Alte Wunden reißen auf, dunkle Vergangenheiten kommen ans Licht, schmerzhafte Konflikte zwischen Altem und Neuem entstehen. Doch die vergangene Zeit lässt sich nicht wiedererwecken.

In dieser gespenstischen Erkenntnis liegt der Horror der mit bleierner Geduld erzählten Geschichte. Und man sieht: Es muss tatsächlich nicht immer amerikanisch sein. Auch im europäisch eingerichteten Wohnzimmer, bisher eher als Tatort-Setting bekannt, können schaurig großartige Szenen funktionieren. Also viel mehr ein neues Twin Peaks auf Französisch.

Alle Bilder: CANAL PLUS

Victor - Camille

Die Mystery-Serie, von Regisseur Fabrice Gobert in Anlehnung an einen gleichnamigen Kurzfilm geschrieben, wird produziert vom Canal Plus, dem französischen Pendant zu HBO. Das erkennt man nicht nur an der Ausstattung, sondern auch am großen Ensemblecast, der von französischen Kinogrößen bis zu talentierten Nachwuchsdarstellern alle vereint.

Die Serie ist auch optisch überzeugend: Die Ästhetik der Bilder ist beeindruckend. Blaugrau und düster scheint sich der schwere Dunst über der Stadt, dem großen Staudamm, dem angrenzenden Wald nie zu lichten. Auch für den Zuschauer ist so die Sicht auf die Dinge sehr eingeschränkt. Der kalte Nebel der Melancholie scheint buchstäblich gegen die Fenster zu drücken.

Ce qui s’est passé

Die erste Rückkehrerin ist die fünfzehnjährige Camille, die eigentlich vor vier Jahren bei einem Schulausflug mit dem Bus verunglückte. Eines Abends steht sie plötzlich wieder ganz selbstverständlich in der Küche und macht sich ein Sandwich. Das sorgt bei ihrer Familie, vor allem bei ihrer jetzt vier Jahre älteren Zwillingsschwester Léna, für einen heftigen Schreck und große Gefühlsverwirrung. Für Camille, anfangs völlig ahnungslos, wird es ebenfalls schwierig, denn ihre Auferstehung lässt sich nicht lange verheimlichen. Und sie bleibt auch nicht alleine.

Die Reaktionen auf die Wiedergänger reichen von unbändiger Freude über Neugier, Furcht bis hin zu aggressiver Ablehnung. Adéle trifft unvermittelt ihren ehemaligen Verlobten Simon wieder, der sich vor zehn Jahren kurz vor der gemeinsamen Hochzeit das Leben nahm. Doch mittlerweile ist sie verlobt, mit Haus und Kind. Bei der alleinstehenden Krankenschwester Julié nistet sich der mysteriöse achtjährige Victor ein, der offenbar niemanden mehr hat und auch nicht spricht. Dafür hat er eine besonders unheimliche Gabe, die vielleicht etwas über die Mission der Wiedergänger offenbaren könnte. Und natürlich kommen nicht nur die zurück, die schmerzlich vermisst werden, sondern auch die, die besser für immer unter der Erde geblieben wären.

Nur sehr langsam beginnen die Stadtbewohner eins und eins zusammenzuzählen, erste Zusammenhänge zu erkennen. Anfangs noch recht lose und individuell erzählt, verdichten sich die einzelnen Handlungsstränge dann recht schnell. Das Erscheinen der Wiedergänger ist nämlich nicht das einzige gespenstische Ereignis, von dem die kleine Gemeinde heimgesucht wird. Der Pegel des nahen Stausees sinkt auf unerklärliche Weise immer weiter, dadurch werden noch ganz andere Rätsel enthüllt.

Adéle - Julie

Spannend sind die psychologischen Aspekte der Serie. Hier hat es niemand geschafft, Trauer zu bewältigen oder mit der Vergangenheit abzuschließen. Hier werden Brautkleider aufbewahrt, die niemals getragen wurden. Es ist beklemmend, dass Camille nach vier Jahren in ein – bis auf das mit Kerzen gerahmte Bild auf der Kommode – unverändertes Kinderzimmer zurückkehren kann, ohne groß einen Unterschied zu bemerken. Mehr soll zum Inhalt nicht verraten werden. Nach den acht Episoden der ersten Staffel bleiben aber, für Stadtbewohner wie für Publikum, noch einige Fragen offen.

Pour les oreilles

Der Grusel würde niemals funktionieren ohne den passenden, atmosphärischen Soundtrack. Den liefert hier die schottische Band Mogwai (siehe auch Ausblick 2014 unter Musik). Der Name aus dem Chinesischen bedeutet passenderweise „Dunkle Seele“. 1995 gegründet, ist die Band bereits für verschiedene Filmsoundtracks verantwortlich. Ihr Stil ist ein vorwiegend instrumentaler Mix aus Rock-Elementen und Ambient, getragen, aber doch energisch. Und das ist in Les Revenants nicht nur im stimmungsvollen Intro zu hören. Hier gibt es eine kleine Kostprobe.

Serge - Toni

Finalement

Die Serie mit den menschlichen Zombies überzeugt international, sowohl Publikum als auch Kritiker. Im November 2013 erhielt sie den International Emmy als beste Drama-Serie und ist besonders in den USA hochgelobt. So sehr, dass die Amis bald ein Remake drehen werden: „They come back“.

In Deutschland ist die Serie bisher leider nur als französische DVD oder in deutscher Synchronisation auf einem kostenpflichtigen Online-Streaming-Portal zu finden. Vielleicht wird sich daran bald etwas ändern. Das Original geht in diesem Jahr weiter: Im Herbst 2014 soll in Frankreich die zweite Staffel starten.

Les Revenants, geschrieben von Fabrice Gobert;
mit Anne Cosigny, Frédéric Pierrot, Clotilde Hesme, Céline Sallette, Samir Guesmi, Grégory Gadebois, Guillaume Gouix, Pierre Perrier, Jean-Francois Sivadier, Alix Poisson, Yara Pilartz, Jenna Thiam, Swann Nambotin und Ana Girardot.
– nur zu empfehlen!

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