Mein Lieblingsbuch – Leo mit „Ä“ von Max Goldt

Vorwort:

Liebe Leser,

mit diesem Artikel beginnt eine kleine Serie auf dem Dispositiv. Hierbei sollen wöchentlich Lieblingswerke aus einem bestimmten Medium präsentiert werden. Da solche Lieblinge immer subjektiv sind und etwas sehr persönliches für den jeweiligen Redakteur darstellen, werden sie in den folgenden Texten auch so behandelt. Erwartet also keine vermeintlich objektiven Rezensionen. Eher will die Redaktion versuchen ihre Begeisterung für bestimmte Werke verständlich zu machen und eventuell auch im einen oder anderen zu wecken. Den Anfang machen unsere Lieblingsbücher.

Viel Vergnügen,
Philipp

Beginnen wir also mit einem…

Ä

Seit Jahren schon ereilt mich immer wieder mal ein Gedanke, mit dem ich nicht den Tag, geschweige denn die Nacht verbringen möchte. Es ist ein grässlicher, ganz und gar unkooperativer Gedanke der Kategorie: „Was wäre wenn…“ Der Gedanke lautet: Was wäre, wenn die großen Katastrophen der Menschheit nie stattgefunden hätten, wenn Seuchen, Kriege, Hungersnöte, Vertreibungen und Genozide quasi ausgefallen wären? Wenn all jene Leutchen, die ums Leben kamen, bevor sie eine Familie gründen konnten, Kinder bekommen hätten, deren Nachfahren jetzt mit Autos herumfahren, Rindfleisch begehren und Wasser verschwenden würden? Die Erde wäre wüst und grau. Müsste man sich nicht daher bei den Leutchen bedanken, statt sie pauschal zu betrauern?

Wer jetzt denkt, diese Gedankenflut entspränge den Hirnwindungen des Artikelautors, dem sei gesagt: Sie haben den Genossen maßlos überschätzt.

Sie sind der Anfang einer Kolumne, die dem Buch „Ä“ von Max Goldt entnommen ist. Der Autor hat seine schriftstellerische Karriere damit begonnen, Kolumnen im Satire-Magazin Titanic zu schreiben. Diese Kolumnen wurden in mehr und mehr Büchern veröffentlicht. Sie lesen sich wie Kurzgeschichten, deren Verfassung man sich ungefähr so vorstellen muss: Max Goldt geht durch eine Fußgängerzone/sitzt in der U-Bahn/schlendert über einen Friedhof/schaut Fernsehen/… und wird durch irgendeinen Sachverhalt inspiriert, worauf er nach Hause geht, sich ein paar Gläser Wein einschenkt, sich an seinen Schreibtisch setzt und anfängt eine Geschichte zu schreiben, die meist mit einem intelligenten, aber seltsamen Gedankengang eingeleitet wird und gemäß dem Zufallsprinzip durch Assoziationen in alle erdenklichen Richtungen weiter gesponnen werden. Deshalb haben die Geschichten eigentlich keine Handlung. Sie sind nur ein endloser Strom von Meinungen, Einstellungen und (ziemlich guten) Beobachtungen des Autors.

Die oben zitierte Erzählung zum Beispiel endet mit der Erkenntnis, dass Jugendliche einen Brabbelfreibrief haben. Wer sieht da die Verbindung? Niemand wahrscheinlich.

Das soll aber keine Negativkritik sein. Es ist eher eine Lobeshymne auf einen Autor, dessen Assoziationsketten es auf jeden Fall wert sind, veröffentlicht zu werden und dessen Kurzgeschichten erfrischend oft darauf verzichten politisch korrekt, objektiv, oder zwangsweise erkenntnisbringend  formuliert zu sein. Ganz im Sinne der popliterarischen Reformation der 1990er Jahre machen Goldts Texte die meinungsbildende, fragwürdige Sicht der Dinge zum Programm. Die Darstellung von gesellschaftlichen Verhältnissen, oder Entwicklungen birgt viel Potenzial in sich. Der Autor macht sich praktisch über alles lustig, was es auf der Welt gibt. Wenn man einige seiner Bücher gelesen hat, kann man sich fast sicher sein, in irgendeiner Kurzgeschichte auch selbst indirekt angesprochen zu werden.

Max Goldt ist eigentlich ein Archivar. Er listet seltsame Umstände auf, die ihm im Alltag begegnen, und verarbeitet sie in seinen Geschichten. Das macht er mit viel Geschick und Reflexionsvermögen, aber nie mit aufdringlichem, moralischem Ethos. Wer sich oft denkt: Irgendwie komisch, was hier so alles abläuft, der findet in Max Goldt einen tapferen Verbündeten. Aber auch abgesehen davon, ist der in den Büchern heraufbeschworene Nihilismus sehr erfrischend. Wie eine kalte Dusche im Hochsommer. Oder ein See in der Wüste.

Max Goldt: Ä. Erschienen beim Rowohlt Verlag, Hamburg 2004 als Taschenbuch. 8.90 €.

http://www.katzundgoldt.de/leseprobe_wellness_3.htm

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