Mein Lieblingsbuch: Leila mit Extrem Laut und Unglaublich Nah von Jonathan Safran Foer

‚Extrem laut und unglaublich nah‘ zu beschreiben, ist ein bisschen schwer. Theoretisch könnte man sagen, es ist die Geschichte über einen Jungen, der seinen Vater am 11. September verliert und den Verlust verarbeitet, indem er eine letzte, von diesem gestellte Aufgabe löst. Aber das klingt dann alles so mittelspannend und zu gefühlsduselig, so dass keiner mehr das Buch liest, weil alle abgeschreckt sind und das wär schlecht.

Bei Foer (eh schon bekannt durch seine Knüller ‚Alles ist erleuchtet‘ und ‚Tiere essen‘) ist nämlich nicht nur die Handlung ungewöhnlich, sondern das gesamte Buch und der bemerkenswerte Schreibstil. Zwei verschiedene Handlungsstränge werden im Verlauf des Buches zusammengeführt, immer wieder illustriert von Bildern und unterstrichen durch den außerordentlichen und originellen Stil. Da ist nix mit Klischees und Foer versucht auch überhaupt nicht seine Charaktere irgendwie sentimental wirken zu lassen oder ähnliches, er erzählt einfach nur die Geschichte und das so perfekt wie überhaupt möglich.

Die beiden Handlungsstränge, die Foer miteinander verbindet, bestehen aus der Geschichte von Oskar Schell, einem 9-jährigen Erfinder, der einige Monate nach dem Tod seines Vaters einen Schlüssel in dessen Kleiderschrank findet und versucht die Verbindung zwischen Schlüssel und Vater herauszufinden. Die andere Geschichte ist über einen Mann, der aufgehört hat zu sprechen und seine Geschichte in Briefform seinem ungeborenen Kind erzählt.

Bücher aus der Sicht eines Kindes sind für Erwachsene oft mäßig interessant, weil die Kinder häufig unrealistisch erwachsen oder anstrengend-naiv kindlich beschrieben werden. Bei ‚Extrem Laut und Unglaublich Nah‘ ist das anders. Oskar, bei dem der Verdacht auf Asperger nahe liegt, unterscheidet sich in seiner Denkweise so sehr von üblichen Stereotypen, dass es gar nicht langweilig werden kann. Allein die Tatsache, dass es 162 Millionen Schlüssellöcher in New York gibt und er bereit ist, jedes, das davon auch nur annährend in Frage kommt, auszuprobieren, spricht einerseits für ein bisschen sehr viel Freizeit, aber andererseits auch für seine Hingabe und Leidenschaft.

Das ganze Buch ist so außergewöhnlich und ideenreich geschrieben, dass egal, was ich sage, es immer noch nicht genug beschreibt, was es eigentlich ist. Genauso gut könnte man auch versuchen, die Herr der Ringe-Trilogie in zwei Sätzen zusammenzufassen, das hat auch wenig Sinn. Wer was Kurzweiliges mit viel Action oder Humor sucht, kann’s natürlich vergessen, weil das hier auch gar nicht angebracht wäre, aber wenn man unabhängig von Genre oder Handlung einfach nur ein richtig, richtig gutes Buch lesen will, dann macht man hiermit schonmal nichts falsch.

Und wer immer noch weder Zeit, Lust noch Geld hat das Buch zu lesen, kann meinetwegen auch den kürzlich erschienen Film anschauen, um auf dem Pausenhof trotzdem mitreden zu können. Klar gibt’s hier ein paar Abwandlungen zum Buch und der Film ist auch tatsächlich etwas sentimentaler und kann natürlich nicht Foers Schreibstil wiedergeben. Aber Oskar ist perfekt besetzt, was ungefähr das wichtigste ist. Deshalb geht der Film schon in Ordnung (wobei ich nicht sicher bin, ob er nicht nur dann zu hundert Prozent Sinn ergibt, wenn man das Buch davor auch gelesen hat. Also wohl doch erst Lesen, dann Fernsehen).

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