Les Misérables

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Ich wurde einmal gefragt, wie ich denn reagieren würde, wenn plötzlich vor mir jemand aus heiterem Himmel zu singen anfangen würde? … Musicals bewegen sich auf einem schmalen Grat. Die einen lieben sie, so wie ich, und gehen in der Illusion auf, für andere sind sie zu speziell. Da man sich im Theater vielleicht besser darauf einlassen kann, sind Filmmusicals noch einmal ein umstritteneres Genre. Es ist schwer das richtige Maß zwischen Authentizität und Pathos sowohl im Gesang als auch in der Inszenierung zu treffen. Und ich muss sagen, Tom Hooper (Elisabeth I, Kings Speech) hat es mit Les Misérables meiner Meinung nach bestens gemeistert.

Bevor ich ins Kino ging hatte ich ein wenig Angst. Les Misérables, ein Musical mit vielen Figuren und der ein oder anderen Massenszene, noch dazu in der realistischen Welt angelegt – wie kann man das nur ansprechend umsetzen? Ich stellte mich schon darauf ein, freudig trällernde Revoluzzer zu sehen, die im tänzelnden Gleichschritt mit abschließender Pirouette gegen die Staatsgewalt rebellieren. Da hätte ich gleich Tom Hooper vertrauen sollen, denn dem war Gott sei Dank gar nicht so.

Anstatt gruppendynamischen Tanzchoreografien standen großartige emotionale Einzel-Performances brillanter Schauspieler, eine ergreifende figurenfokussierte Kamera und authentischer Gesang im Mittelpunkt.

Ich muss gestehen, dass ich es im Set-Up des Filmes doch etwas schwer hatte, mich einzufinden. Die Szenenübergänge im Prolog und darüber hinaus waren etwas holprig, vielleicht lag es aber auch an der ungewohnten Gesangslastigkeit des Filmes, da auch Dialoge überwiegend gesungen wurden. Erst ab der Kampfszene von Javert und Valjean im Krankenhaus hat der Film für mich seine ganze Dynamik entfaltet und ich spürte förmlich, wie man endgültig in den Film hineingezogen wurde.

Dies war vor allem den wundervollen Schauspielern zuzuschreiben. Anne Hathaways Oscar ist schon allein nur durch ihre Performance von „I Dreamed A Dream“ vollkommen gerechtfertigt und generell überzeugte sie in ihren geschätzte 20 Minuten dauernden Auftritt nachhaltig. Jetzt im Nachhinein finde ich es auch schade, dass Hugh Jackman seinen Oscar nicht bekommen hat, er liefert den ganzen Film hinweg eine wunderbar intensive Performance ab. Mittlerweile bin ich zu einem großen Russell Crowe – Fan geworden. Er ist ein Schauspieler, der mich immer wieder überrascht. Der Mann kann einfach alles spielen: Vom König der Diebe über den verbissenen Commander bis hin zum schizophrenen Genie… und jetzt kann der Mann tatsächlich auch noch singen! Seine Leistung trifft jedoch auf gespaltene Meinungen. Vielleicht steht er technisch den anderen etwas nach, aber ich persönlich mag das Timbre seiner Stimme sehr gerne und sein „Stars“ ergreift vollkommen.

Valle-Zitat:
Russell Crowe fällt so sanft in seine Rolle, wie mongolisches Fleisch unter dem Sattel weich geritten wird.

Nicht zuletzt ist auch Eddie Redmayne zu loben, der allerspätestens mit „Empty Chairs At Empty Tables“ den ganzen Kinosaal im Griff hatte. Helena Bonham Carter kann mit ihrer speziellen Art überhaupt nicht enttäuschen, auch wenn ihr Gesang in Sweeney Todd mir besser gefallen hat.

Ein großes Plus für den Film ist es, dass er den Gesang im Vordergrund stellt. Bei der Gesangsdichte von gefühlten 90% natürlich unvermeidlich, aber ich meine damit, dass ich es schön finde, dass die Musikbegleitung auch Begleitung bleibt. Sie ist zwar beim genauen Hinhören sehr intensiv und emotional, bleibt aber in meinen Ohren stets unterstreichend im Hintergrund, nimmt zu, wenn die Stimme auch zu nimmt, nimmt ab, wenn die Stimme leiser wird – ein sehr ausgewogenes Verhältnis. Nur bei den absoluten Powersongs wie „One Day More“ oder „Do You Hear The People Sing“ kommt die Musik stärker hervor, was aber vollkommen gerechtfertigt ist. Auch finde ich gelungen, dass der Gesang auf das Bild eingeht. Je nachdem welche Figur von der Kamera gerade eingefangen wird, ist deren Gesang ist minimal lauter zu hören, als der, der anderen. Dies liegt daran, dass sämtliche Vocals am Set aufgenommen wurden. Es wirkt, als würde man direkt neben den Figuren stehen und dabei sein. Das öffnet eine authentische Perspektive, die man im Theater nicht erhält.

Nicht nur die Musik ist also durch ihren Fokus auf die Stimmen sehr figurenzentriert, generell baut der ganze Film auf diesem Grundsatz. Absolut zu bewundern ist, wie der Film sich Zeit für die Lieder nimmt (vor allem für die persönlichen ): Fantines „I Dreamed A Dream“, Valjeans „Who Am I“, Javerts „Stars”, Marius’ “Empty Chairs At Empty Tables” – minutenlang singen die Figuren über ihre inneren Konflikte und schaffen es, den Zuschauer völlig gefangen zu nehmen. Ein sehr emotionales Schauspiel zu dem noch die nahe Kamera kommt. Oftmals gibt es während eines Liedes nur eine Einstellung auf den Singenden. Der Film spielt generell wenig mit Totalen, also dem Set drum herum – obwohl dieses absolut opulent ist, wenn gleich es seinen Computer-Ursprung manchmal nicht ganz verbergen kann. Die Kulisse steht nicht im Mittelpunkt, sondern einzig die Figuren in ihr. So reicht es schon, wenn Marius einfach in einem verwüsteten Raum mit nur einem leerer Tisch sitzt und über den Tod seiner Freunde singt, oder Fantine vor einem dunklen Hintergrund, inklusive Close-up auf ihr geschundenes und gequältes Gesicht, von ihren Träumen singt und nicht wenige müssen nach dem Taschentuch greifen.

Stilistisch lässt der Film einen jedoch auch das ein oder andere Mal schmunzeln. Die schwer symbolischen Kamerafahrten – die alles umfassen: Von Figur weg oder darauf zu, von unten an die Figur heran oder von ihr nach oben weg – kommen manchmal etwas unverhofft und durchbrechen die nahe Kamera… aber bei einem Filmmusical muss ja auch etwas Pathos dabei sein. Auch die wenigen Wörter zwischen dem Gesang – meist Ausrufe – wirkten oft lächerlich und provozierten den ein oder anderen Lacher. Da hilft vielleicht die englische Originalversion ab, denn ein deutsches „Wir bleiben zuversichtlich!“ zwischen englischem Gesang ist schon sehr unpassend. Gut ist, dass sich der Film für die Kampfszenen genug Zeit nimmt und nicht gleich in den nächsten Song überleitet. So hatte man kurz Erholung und das Kampfgetöse steht im schönen symbolischen Kontrast zu dem Gesang.

Doch die herausragendsten Schauspieler und der innovativste Stil hilft nichts, wenn die Handlung nicht stimmt. Victor Hugo sei Dank hat Les Misérables handlungstechnisch alles, was ein gutes Drama haben muss.

Valle-Zitat:
Jeder Film, der revolutionierende Studenten mit Steinschlosspistolen auf Barrikaden hat, ist besser als ALLES… außer die Liebe eines Vaters zu seinem Sohn.

Die Handlung des Musicals wurde im Film fast 1:1 übernommen, bis auf kleine unwichtige Szenendreher. Zur Auflockerung der ernsten und ergreifenden Handlung gelten die Thénardiers, die sich als kleiner Running-Gag durchziehen und zudem an Sweeney Todd erinnern. Es ist eben gefährlich eine Helena Bonham Carter neben einen Fleischwolf zu stellen – Misses Lovett lässt grüßen. Javerts Selbstmord ist gut inszeniert und auch wunderbar umgesetzt ist der Epilog, in dem die Toten noch einmal zusammenkommen. Obwohl die Szene einiges an Kitschpotential hat, bleibt der Film professionell auf der ergreifenden Seite. Die einzige kitschige Szene ist die Liebesszene zwischen Cosette und Marius. Die ist wirklich fern jeden guten Geschmacks.

Valle-Zitat:
So etwas nach der heftigsten Vergewaltigung der Filmgeschichte… geht gar nicht!

Im Nachhinein fand ich es verblüffend, was man in 158 Minuten Film alles hineinpacken kann. Der Film kommt einen viel länger als zweieinhalb Stunden vor, wird dabei aber nie zäh oder gar langweilig. Das schöne bei Les Misérables, und der Grund warum es als Musical sehr gut funktioniert, ist, dass der Gesang für mich ein schönes symbolisches Mittel ist, um die Bedürfnisse der Revolutionäre zu der damaligen Zeit auszudrücken, denn anders wurden sie nicht erhört.

Valle-Zitat:
Marius ist, im Revoluzzermodus mit seinen Kameraden, cooler als die Typen, die Bolzen mit ihren Fingernägeln aus der Wand ziehen.

Alles in allem bin ich begeistert, wie ein Film einen so durchweg ergreifen kann. Aber das ist eben der Zauber der Musik! In diesem Sinne bleibt nur noch zu sagen:

„Do you hear the people sing?
Singing the song of angry men?
It is the music of a people
Who will not be slaves again.
When the beating of your heart
Echos the beating of the drums
There is a life about to start
When tomorrow comes.“

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