Gebt mir Omar und ich kauf euer Remake.

Ob Karate Kid (gefühlt) 10.000, a nightmare on elmstreet oder die bald kommende millionste 3 Musketiere-Neuauflage, aus alt mach neu scheint das neue Motto der Hollywoodherrscher zu sein. Dabei stellt sich die Frage, ob neu tatsächlich immer besser ist. Vielleicht ist es an der Zeit, mal einen Blick zurückzuwerfen, um festzustellen: Genauso geil wird es nicht mehr. Vielleicht anders, aber sicher nicht besser und wahrscheinlich nicht einmal gut. Warum? Ganz einfach: Es gibt keine Omar Sharifs mehr auf dieser Welt. Zeit also mal darüber nachzudenken, was Männer wie ihn anders machte und warum kein Orlando Bloom dieser Welt das je toppen könnte. Und das sage ich, die den schönen Knaben sicher nicht von der Bettkante stoßen würde. Aber zurück zum Thema.

Als russischer Arzt und Dichter machte er Julie Christie zur Ikone. Als österreichischer Prinz brachte Catherine Deneuve sich für ihn um, und Barbara Streisand ließ sich in den 60ern sogar vor laufender Kamera von ihm vernaschen. Dabei kann die Besonderheit eines Omar Sharif sicher nicht nur an den stets tränenschimmernden, tiefen Schokoaugen fest gemacht werden (die hat Orlando Bloom auch). Dafür ist er inzwischen auch einfach zu alt und wirkt dennoch, wie seine jüngeren Filme, etwa „Monsieur Ibrahim und die Blume des Koran“, beweisen, noch immer mit der gleichen Intensität. Woran liegt’s?

Wüste. Die Sonne brennt. Der Held, Thomas Edward Lawrence, ab dato nur noch als Lawrence of Arabia bekannt, sieht sich der ungünstigsten Situation ausgesetzt: Soeben wurde sein Führer von einem Beduinen erschossen. „He is dead“, ist alles was er hervorbringt. Klar, so wird ihm von dem Mann mit dem verschleierten Gesicht rasch klar gemacht. Er hatte ja auch keinerlei Recht aus diesem Brunnen zu trinken. Während er spricht, schwingt sich der Fremde aus dem Sattel, löst den blauen Gesichtsschleier und offenbart ein braungebranntes, kantiges Gesicht, das in keinem größeren Gegensatz zu dem blonden Engländer stehen könnte. Auf den Einwand des Offiziers, auch er habe aus der Quelle getrunken, huscht ein winziges Lächeln über die Lippen des Mannes. „You’re welcome“ ist alles was er sagt, ruhig und mit der sicheren Überlegenheit eines echten Wüstenfürsten.

Es war dieser kurze Auftritt des inzwischen über 70-jährigen Ägypters, der ihm zum Weltruhm verhalf. Auch hier könnte man vielleicht eine Parallele zu Orlando Bloom ziehen, für den immerhin ein kokettes „Looking for somebody, Sir?“, als Stricher in „Oscar Wilde“ (1997) reichte, um an größere Rollen zu gelangen. Doch während „Orlis“ Aufstieg erst einen Umweg über eine Nebenrolle in Herr der Ringe nahm, in der man ihn mit blondem Haar kaum erkannte, und sich dann zunächst eher auf die Position des charmanten, aber wenig auffälligen Co-Stars neben Eric Bana, Johnny Depp und so weiter belief, landete Omar Sharif in Folge seines Miniauftritts in „Lawrence of Arabia“ gleich mal seinen größten Hit. „Doktor Schiwago“ ist sicherlich der Film, mit dem man ihn verbindet. Den russischen Arzt und Dichter nimmt man dem als Maechel (Michael) Chalhoub geborenen Ägypter fraglos ab. Ähnlich wie bei Orlando Bloom in „Kingdom of Heaven“ beläuft sich sein Spiel hauptsächlich auf den Ausdruck tiefer Melancholie in den bereits mehrfach erwähnten schönen Augen, doch stets mit der Aura des Wüstenfürsten, die bereits in den wenigen Sekunden seines ersten großen Auftritts (wenngleich es nicht sein Debüt war) wirkt.

Sein Gesicht ist kantig, sein Englisch bis heute von starkem Akzent geprägt. Wenn er lächelt, zeigt sich eine breite Zahnlücke, die Augen liegen tief in den Höhlen, was ihm heute in Kombination ein wenig das Aussehen eines greisen Irren verleiht. Zur Zeit seiner Karriere als Herzensbrecher ließ es ihn tragisch wirken: melancholisch, geheimnisvoll, exotisch.  Irgendwie sanft, irgendwie stolz. Elegant und feinsinnig. Ein Typ, auf den man stehen kann, es aber nicht muss. Geschmackssache. Omar El Sharif, wie er sich seit seinem Übertritt zum Islam 1953 nennt, fehlt wohl einfach die glatte Schönheit eines Orlando Bloom. Selbst als er noch jung war, sah er nie jung aus. Nicht auf die unberührte, kindliche Weise heutiger Stars zumindest. Womöglich hatte er auch nie Grund dazu. Ehe seine Filmkarriere startete, studierte er Physik und Mathematik, arbeitete abends im Holzhandel seines Vaters und galt gemeinhin als „feinsinniger, eleganter, junger Mann mit viel Sinn für die Kunst und Literatur des Westens“. Ein Gegensatz, der ihn sicherlich mit seiner Rolle als „Doktor Schiwago“, selbst Naturwissenschaftler und Künstler in einem, verbindet.

Heute ist Sharif, dessen Gesicht deutlich anzumerken ist, dass die Sanftheit von einst zur Härte vieler, nicht eben leichter Jahre geworden ist, ein einsamer Mann. Trotz einiger Kinder und Enkelkinder. Seine Ehe mit einer ägyptischen Schauspielerin ging bereits 1965 in die Brüche. Als er in „funny girl“ vor laufender Kamera ein jüdisches Mädchen (Barbara Streisand) zärtlich liebte, verbannte ihn seine Heimat in die Vergessenheit. Heute hat er bittere Ansichten über den Islam, die islamische Welt und das Verhältnis zwischen Judentum und Islam. In einem Interview, das 2006 geführt wurde, zeigt er sich als ein Mann, der klare Positionen vertritt und über fundiertes politisches Verständnis verfügt: Demokratie, so Sharif, ist nicht die Allheillösung. In einem Land, dessen Bildung nicht darauf ausgelegt ist und in einer Kultur, die sich in ihrer Zugehörigkeit zu Stämmen versteht, kann eine gewaltsame Einführung eines so fremden Konzepts eher schaden. Er warnt vor Pakistan und Islamisten und stellt klar, dass es für ihn keine Aussöhnung zwischen Palästina und Israel geben wird, nicht zu seiner Lebzeit, nicht zur Zeit seines Sohnes. Vielleicht zur Zeit seiner Enkel. Er hofft es, betont aber: Wer mit Hass aufwächst, lernt nicht plötzlich zu lieben. Auf die Frage nach seinem Glauben antwortet er, dass er gerne welchen hätte, ihn aber leider verloren hat, weil Gott für ihn Gerechtigkeit ist und er diese in der Welt einfach nicht sieht. Auf dem Sterbebett, sagt er weiter, wenn ihm nur noch Glauben Trost spenden könnte, würde er wohl nach seiner Mutter rufen.  Wahrscheinlich können nicht viele Männer eine solche Aussage treffen ohne absolut schwul zu wirken. Sharif tut es nicht, wer sich überzeugen will, möge das Interview ansehen: http://www.youtube.com/watch?v=dqr7d-OLPXI

Es ist eines der ersten Interviews, das seit einigen Jahren geführt wurde, weil es – bis 2006 Monsieur Ibrahim herauskam – wenig Stoff gab, über den man hätte reden können. Den Grund liefert Omar Sharif ohne mit der Wimper zu zucken: „Because for the last 25 years, I’ve made a lot of rubbish.“ Warum? Naja, weil er halt nun mal spielte. Aus Einsamkeit. Nie aus Leidenschaft. Leidenschaft hatte er immer nur für zwei Dinge: Pferde und seine Arbeit. Wenn man sich das Ganze noch mit rollendem „R“ und einem irgendwie französisch klingenden Akzent vorstellt, hört sich das nicht nur ehrlich, sondern auch ziemlich cool an. Man muss sich sogar fragen, wie viele der heute angesagten Stars so cool und ehrlich sein können.

„Karate Kid“, „Nightmare on Elm Street“, „Die drei Musketiere“… auch von „Doktor Schiwago“ hat es eine Neuauflage gegeben, mit Keira Knightley in der Hauptrolle. Beachtet werden diese Remakes irgendwie nie groß, man fragt sich warum. Man fragt sich, warum eigentlich Remakes? Mangelnde Fantasie? Nostalgie? Irgendwas scheint einem zu fehlen, vielleicht die guten Stories, doch das glaube ich nach Filmen wie „Herr der Ringe“ oder „Shutter Island“ eigentlich nicht. Meine Theorie: Die Gesichter sind es, die fehlen. Man will die alten Helden zurück. Dabei bleibt der Erfolg derer, die sie nachahmen wollen, meist eben deshalb aus, weil sie es nicht sind: Männer und Frauen, mit denen man etwas verbindet, die etwas darstellen, die nicht glatt und normal sind. Omar Sharif zum Beispiel. Wenn dieser Artikel also einem Zweck, neben der Portraitierung eines wirklich Großen, dienen soll, dann dieser Erkenntnis: In einem einzigen Absatz über Omar Sharif steckt mehr Inhalt, als in der ganzen verdammten Robert-Pattinson-Bio. Soviel dazu.

Kürzlich stellte jemand Kluges fest, George Clooney sei der letzte. Der letzte in einer Riege von männlichen Darstellern, die so sind wie Humphrey Bogart, wie Cary Grant. Wie Omar Sharif. Tja und solange es von denen keine Neuen gibt, und der letzte, der noch mit ihnen verglichen werden kann, ein Ex-Serienstar ist, auf dessen zwei Oscar-Nominierungen vier Schrottproduktionen kommen, werden auch ihre Filme nicht mehr wiederkehren. Dasselbe lässt sich übrigens auch von den Frauen sagen, nicht umsonst findet Liz Taylor weder eine Angelina Jolie noch eine Catherine Zeta Jones geeignet, um sie auf der Leinwand zu repräsentieren.

Deshalb an alle Freunde der gepflegten Neuauflage: Gebt mir Omar. Dann kauf ich euer Remake.

Kommentar verfassen