Interaktive Medien in der moralischen Abwärtsspirale

Die digitale Rückbildung


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Als Schöpfer von Braid, das 2008 zu Recht mehrere Preise gewonnen hat, ist Blow vor allem dafür bekannt, den jugendlichen Leichtsinn der Spielindustrie zu kritisieren. Für die einen ist er ein scharfer Kritiker und Gamedesigner, mit dem Ziel das Videospiel als künstlerisch wertvolles Medium zu etablieren, für die anderen nur ein verbitterter Narzisst, der seinem Ego einen erneuten Kick versetzen will. Denn in seinen Spielen geht es hauptsächlich um seine eigene Weltanschauung und den Sinn des Lebens.

“There are some smart people wallowing in there, but the environment discourages creativity and strength and rigor, so what you get is mostly atrophy.”

Jonathan Blow – 2012

Für mich ist J.Blow etwas von beidem. Doch in einem Punkt stimme ich ihm vollkommen zu: Das Videospiel an sich wird niemals von der Gesellschaft akzeptiert werden, solange der wirkliche Wert des Mediums durch die Profitgier von Unternehmen und die Naivität der Konsumenten überblendet wird. Der krampfhafte Versuch künstlerisch wertvolle Spiele zu produzieren, wirkt auf mich jedoch genauso unangenehm, wie das nächste Call of Beauty. Natürlich sollten Spiele vor allem eins – Spaß machen. Der Großteil der Gesellschaft nimmt das Medium allerdings noch als Kinderspielzeug wahr und nicht als Ausdrucksform, weshalb sich die Industrie auch nicht weiterentwickeln kann. Der Spaß kommt dadurch häufig zu kurz.

Dramaturgie oder Idiotie?

Nach fünf Monaten Gamedesign-Erfahrung in der free-to-play-Industrie, regelmäßiger Recherche für meine Bachelorarbeit und einem eher nüchternen Steam Wintersale, gibt es es leider keine nette Art zu sagen, was ich erst seit Kurzem empfinde: Die meisten Videospiele sind dumm und oberflächlich, zumindest auf einer narrativen Ebene. Viele haben entweder keinen oder nur einen sehr trivialen Informationsgehalt. Manche Inszenierungen sind so stumpf dargestellt, dass sich sogar die eigene Community darüber lustig machen muss und Internetmemes dazu entstanden sind.

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Nachdem ich mich intensiv mit dramaturgischen Theorien auseinandergesetzt habe, hat sich bei mir ein eher misanthropisches Weltbild entwickelt, was Videospiele betrifft. Jeder, der mich persönlich kennt, weiß, dass ich schon immer ein kritischer Nörgler war. Doch wenn man tiefer in den Entwicklungsprozess eindringt und sich über die Jahre mehr Wissen über Gamedesign aneignet, verdunkelt sich die Welt der interaktiven Medien immer mehr zu einem schwarzen Nebel der Hoffnungslosigkeit. Skyrim, die Call-of-Duty-Reihe oder Uncharted. Wenn man die narrativen Inhalte dieser Titel untersucht, wirken Filme von Michael Bay wie die Godfather-Trilogie. Die Ursachen hierfür sind verschieden, aber der Hauptgrund ist vermutlich, dass Autoren in der Industrie meist nicht wirklich wahrnehmen, dass Videospiele im Gegensatz zu Büchern und Filmen nicht passiv, sondern aktiv konsumiert werden.

Natürlich gibt es auch immer wieder Entwicklerstudios, die sich dessen bewusst sind und großartige Perlen hervorbringen, aber das wird leider immer seltener, da sich die AAA-Industrie lieber auf generische Protagonisten mit riesigen Waffen und Dreitagebart verlässt. Warum sollte man das auch ändern? Ich würde auch bei einem Erfolgsrezept bleiben, wenn man damit genügend Profit generiert. Schuld ist nicht nur die Industrie, sondern auch die Spieler, die sich allzu oft mit schlecht inszenierten Spielen zufrieden geben.

People think games will arrive when people start taking them seriously. No! Games aren’t taken seriously because the stuff that comes out is shit. Why would anyone care about any of this? It’s just adolescent nonsense.      –      Chris Hecker, 2012

Einfacher Zeitvertreib statt geistige Bereicherung

Videospiele waren für mich tatsächlich immer eine Flucht aus der Realität. Einfach die Beine baumeln lassen und relaxen. Heutzutage wird das allerdings immer schwieriger. Wenn ich meine Onlinefreunde frage, warum sie immer noch League of Legends spielen, obwohl sie doch keinen Spaß mehr daran haben, antworten diese oft, dass es für sie Routine oder eine schnelle Ablenkung ist. Ab und zu wage ich mich auch mal wieder in die gefährliche Multiplayer-Serengeti. Vollgestopft mit wilden Löwen, die alle ihrem eigenen Schwanz nachjagen, da alle Antilopen schon vor drei Jahren gefressen wurden.

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Nicht nur PC-Spieler sind davon betroffen, sondern auch der mobile Bereich. Spieler wischen stupide irgendwelche Bonbons hin und her, oder greifen die Dörfer anderer Spieler an. Wichtig ist hierbei nur die Selbstbestätigung. Dass der angegriffene Spieler eine Opferrolle einnimmt und man für das Pushen des eigenen Ego echtes Geld bezahlt, ist dabei irrelevant. Wie viele Menschen echtes Geld für virtuelle Inhalte ausgeben, die keinen Nutzen haben und nicht einmal ästhetisch ansprechend sind, ist erschreckend. Sogenannte Skins (welche den eigenen Spielcharakter verschönern) oder sich einen Vorteil im Spiel erkaufen, sehe ich ja noch ein, aber einen Baum für ein paar Euro ohne jeglichen Nutzen?!  Das ist für mich vollkommen unverständlich, besonders da ich jetzt damit mein Geld verdiene und das kratzt an meinem Moralbewusstsein. Vielleicht ist das auch der Grund, warum mich die Zukunft des Mediums deshalb so beschäftigt und gleichzeitig frustriert zurücklässt.

Indieapocalypse

Selbst Indie-Entwickler sind nicht mehr wirklich unabhängig, sondern haben einen Publisher, der für sie die PR und das Marketing übernimmt. Der Begriff „Independent“ wurde von der Industrie durch den Fleischwolf gedreht, sodass niemand mehr richtig weiß, was es überhaupt bedeutet. Die Anzahl an Spielen, die jedes Jahr veröffentlicht werden, hat sich seit 2012 vervierfacht und die Anzahl steigt stetig an. Steht wirklich die „Indieapocalypse“ bevor oder ist sie bereits eingetreten? Kleine Entwicklerstudios fürchten um ihre Existenz, da ihre Spiele durch Piraterie verbreitet werden. Fünf Euro für ein Spiel ist den Leuten heutzutage einfach zu viel. Die Ironie an der ganzen Sache ist, dass in der Zwischenzeit 20 Euro für ein virtuelles Sägewerk bezahlt wird. Wie soll man sich das als unabhängiger Entwickler etablieren und etwas neues und innovatives schaffen, wenn selbst die eigentlichen „Indies“ in Wirklichkeit auch schon AAA sind? Wirklich unabhängige Entwickler gibt es immer weniger…

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Ursprünglich war es mein Plan, mich nach dem Studium als Indie selbstständig zu machen. Letzten Endes habe ich mich doch dafür entschieden, erst genügend Erfahrung in der Industrie zu sammeln, um nicht auf die Nase zu fallen. Immer öfter lese ich post-mortem Artikel von kleineren Entwicklern, welche aufgrund des immer größer werdenden Konkurrenzdrucks Insolvenz anmelden mussten. Ich bin der Meinung, dass sich gute Spiele trotzdem langfristig durchsetzen werden. Die Indieapocalypse hat schon vor 10 Jahren existiert. Digitale Distributionsplattformen machen es Entwicklern viel einfacher, Produkte an den Mann zu bringen. Die Konsequenz daraus ist, dass es natürlich auch immer mehr minderwertige Produkte in die Onlineshops schaffen. Die große Anzahl dieser verfälscht die ursprüngliche Statistik und verursacht unnötige Panik. Qualität setzt sich immer noch durch, welche jedoch oft durch Selbstüberschätzung der Entwickler behindert wird.

Das Potential, das im Medium steckt, welches wir alle so zu lieben gelernt haben, schwindet dahin. Spiele wie Journey, Shadow of the Colossus oder Brothers werden immer seltener. Stattdessen sprießen free-to-play-Entwickler aus dem Boden und stören den Entwicklungsprozess der digitalen Aufklärung. Devolution statt Evolution.

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