Gründgens spricht

War Gründgens ein rücksichtsloser Karrierist, der im Nationalsozialismus seine Chance ergriff oder ein Unpolitischer, der mittels seiner Position Lücken im System suchte, um Künstlern und Verbündeten zu helfen?

Ein virtuelles Gespräch mit der Schauspiellegende Gustaf Gründgens

KW: Herr Gründgens, welche Stellung hatten das Theater und die Künstler Anfang der dreißiger und welche Entwicklung konnten Sie in der Zeit des NS-Regimes beobachten?

GG: Mit dem Aufkommen des Films und des Rundfunks war die Versuchung und die Möglichkeit Geld zu verdienen für die Schauspieler noch größer geworden. Nach 1933 kam die Kunst in Deutschland zu einer noch größeren Scheinblüte, d.h. die Machthaber des Dritten Reiches wandten große Summen auf, um die Theater äußerlich zum Glänzen zu bringen. Jeder Gauleiter oder auch nun Kreisleiter machte sich mit „seinem“ Theater wichtig. Die Zahl der bestehenden Theater wurde fast verdoppelt. Die Einkünfte der Schauspiele steigerten sich laufend. Es war das Ziel fast jeden Schauspielers, sich möglichst rasch eine eigene Wohnung und ein Auto zuzulegen und den Lebensstil nachzuahmen, der ihnen von der Oberschicht vorgelebt wurde. Bei den meisten Künstlern führte diese äußere Lebensform auch zu einer ausgesprochen bourgeoisen inneren Haltung. (…) Der Zusammenbruch 1945 hat diesem Leben ein jähes Ende gesetzt. Und nun fällt es diesen seit Jahren saturierten und verbürgerlichten Schauspielern schwer sich auf ein neues Leben einzustellen.

KW: Wie politisch engagiert waren die Schauspieler in der NS-Zeit?

GG: Der deutsche Schauspieler in seiner Gesamtheit war politisch uninteressiert. Aktiv politische Schauspieler hat es immer nur wenige gegeben. Es hat vor 1933 nur wenige kommunistische Schauspieler gegeben, und es hat nach 1933 nicht viele faschistische Schauspieler gegeben. Im Vordergrund hat für den Schauspieler die Kunst gestanden, oder besser gesagt die gute Rolle, die interessante schauspielerische Aufgabe.

KW: Herr Gründgens, wie beurteilen Sie Ihre Verflechtung mit dem Nationalsozialismus?

GG: Um der Sache willen, der ich zehn Jahre diente, habe ich mehr schlucken müssen, als man wohl darf ohne Schaden an seiner Seele zu nehmen. Ich weiß, dass ich immer wieder so handeln müsste: Es ist wohl meine Natur, die immer nur das Nächstliegende ganz begreift und dafür begabt ist; und so war die Tatsache, wie sehr ich damals nötig war, überzeugender, als alle Erwägungen, wie es mir heute ergehen würde. Jetzt ist eine Leere in mir.

KW: Sie wurden 1934 zum Intendant des Staatlichen Schauspielhauses und zum Staatsschauspieler ernannt. Zunächst sah ihre Kariere jedoch nicht so vielversprechend aus. Ganz im Gegenteil. Jost und Ulbrich eröffneten Ihnen im April 1933, dass ihr Vertrag nicht bestehen bleiben könne, da sie nicht erwünscht seien.

GG: Ich war gerade von meiner Auslandsreise nach Berlin zurückgekehrt, um in einer einmaligen Faust-Aufführung mitzuwirken. Am Abend dieser Vorstellung lernte ich dann Göring kennen, der damals als preußischer Ministerpräsident auch Chef des Staatstheaters war. Göring zeigte sich von meiner Darstellung des Mephisto sehr beeindruckt und erklärte kategorisch, dass der zwischen dem Staatstheater und mir bestehende Vertrag bindende Gültigkeit sowohl für das Staatstheater als auch für mich haben müsse.

KW: Und wie kam es dann zum Intendantenwechsel? Denn sie lösten ja sogar ihre Widersacher ab.

GG: Auf den Proben und während der Vorstellungen ergab sich ganz von selbst, dass wir uns unterhielten und so mag es ebenso den Erzählungen von Frau Sonnemann als dem Vorschlag des Generalintendanten Tietjen zuzuschreiben sein, dass mir im Januar 1934 völlig unvorbereitet und ohne dass je vorher Göring, Tietjen oder Frau Sonnemann auch nur andeutungsweise mit mir gesprochen hatten, Göring telefonisch den Auftrag gab, die künstlerische Leitung des Theaters zu übernehmen, da die von ihm eingesetzten Männer versagt hätten. Ich lehnte dieses Angebot zunächst ab. Die darauffolgenden vierwöchentlichen Verhandlungen, die von Görings Seite immer energischer betrieben wurden und die mir immer größere Freiheiten zusicherten, haben nach schweren Überlegungen und Beratungen mit meinen näheren Kollegen und Freunden dazu geführt, dass ich diesen Posten annahm.

KW: Welchen Eindruck hinterließ die Unterredung mit dem Reichsminister Goebbels vom 09.April 1934 bei Ihnen bezüglich der Kunst? Inwiefern konnte von einer nationalistischen Kunst gesprochen werden?

GG: Ich betonte im Laufe der Unterhaltung , dass die mit dem Liberalismus unzufriedenen Künstler auf der Suche nach besseren Wegen zwangsläufig auf Sowjet-Russland stoßen mussten (ich erwähnte Brecht und den „Panzerkreuzer Potemkin“), weil hier tatsächlich neue Kunstformen geschaffen wurden, welche die Aufmerksamkeit jedes künstlerisch interessierten Menschen erregten. Eine nationalistische Kunst habe es noch nicht gegeben und gäbe es auch heute noch nicht. Ich hielt es für propagandistisch richtig, dass man so täte, als ob es sie nie gäbe, aber es sei für mich eine ungeheure Belastung feststellen zu können, dass er, innerhalb seiner vier Wände, es auch nicht glaubte.

KW: 1936 besetzten Sie die Rolle „Hamlet“ im Staatlichen Schauspielhaus. In dieser Zeit wurden Sie stark von der Presse angegriffen, explizit vom „Völkischen Beobachter“. Was war der Grund für diese Querelen?

GG: Bei den Streitigkeiten ging es weniger um meine Person als um einen Machtkampf zwischen Göring und Goebbels. Goebbels war es im Laufe der letzten Jahre gelungen, sämtliche deutsche Theater in sein Ressort zu vereinigen und Göring, der bis dahin Chef sämtlicher im Land Preußen befindlicher Theater gewesen war, wegzunehmen. Eine einzige Ausnahme bildeten die Preußischen Staatstheater, Oper und Schauspiel. Die Theater wurden inzwischen die führenden, in die sich alle Schauspieler nach Möglichkeit flüchteten, weil sie sich von mir einen gewissen Schutz vor der braunen Flut erhofften und ihn tatsächlich auch fanden. Die gegen mich inszenierten Angriffe galten gleichzeitig auch Göring.

KW: Nachdem sie erneut vom „Völkischen Beobachter“ nach einer „Hamlet“ Aufführung kritisiert wurden, reisten Sie in die Schweiz und stellten Ihren Posten zur Verfügung. Wie reagierte Göring darauf?

GG: Er bat mich, nicht ohne mich auf die Folgen für meine Familie aufmerksam zu machen,gegen die Zusicherung ehrenwörtlichen freien Geleites zu einem Gespräch noch einmal nach Berlin zu kommen – und sei es nur für 48 Stundenn. Ich leistete schließlich dieser Aufforderung, nicht zuletzt des angedeuteten Drucks auf meine Familie wegen, Folge; wieder in Berlin, ging ich sofort zu Göring. Dort wurden mir aus der gegenüberliegenden Prinz-Albrechtstraße die zwei Redakteure des V.B. vorgeführt, die sich sofort in langen Entschuldigungen ergingen und beschworen, sie hätten mich in dem fraglichen Artikel nicht gemeint. (…) Göring beschwor mich zu bleiben, ihm alle Forderungen zu sagen, die ich hätte und die zu erfüllen er bereit sei. Er würde schon ein Mittel finden zu verhindern, dass sich solche Angriffe wiederholten.

KW: Noch am selben Tag ernannte Göring Sie zum Staatsrat, was er Ihnen per Post mitteilte und zugleich im Radio verkünden ließ. Was danken Sie, wieso sind Sie vor vollendete Tatschen gestellt worden?

GG: Tatsächlich war im Jahre 1936 der Titel eines Staatsrates noch bedeutungsloser als bei seiner Gründung 1933, denn damals gab es noch das Land Preußen. In der Zeit, in der ich den Titel bekam, ist diese Körperschaft nie und in keiner Weise in Erscheinung getreten. Was Göring veranlasste mir diesen Titel zuzuschanzen, war lediglich der Umstand, dass die Staatsräte insofern immun waren, als ihre Verhaftung oder Absetzung nur durch den preußischen Ministerpräsidenten  erfolgen konnten – zumindest nicht ohne sein Wissen. Das war der Grund, warum Göring zu diesem Mittel griff, das mich vor den immer schärfer werdenden Angriffen und Bedrohungen, zu denen sich im Laufe des letzten Jahres vor allem die SS und in ihr wieder Heydrich und der Kulturkreis der SS gesellten, schützen sollte. (…) Ich habe 6 Verhaftungen, 9 Monate KZ und 4 Entnazifizierungen wegen der rein formalen Belastung durch den Titel Staatsrat, mit dem sich für mich nichts verbindet.

KW: In der Gestaltung des Spielplanes setzten sie immer wieder ihre Forderung durch für das gesamtdeutsche Volk inszenieren zu wollen. Wie kann man sich das genau vorstellen?

GG: Ich will vor allen Dingen: Das Staatstheater soll und darf nicht für einen bestimmten, auserlesenen Teil unseres Volkes Theater spielen und verständlich sein – es muss sich mit der ganzen Breite seiner Talente, mit der ganzen Fülle seiner Möglichkeiten eben allen Bevölkerungsschichten verständlich machen.

KW: Warum sind Sie 1943, als Goebbels im Februar im Sport-Palast den totalen Krieg verkündete, als General-Intendant des preußischen Generaltheaters nicht zurückgetreten?

GG: Ich habe Göring zunächst einen Brief geschrieben, dass ich es nunmehr mit meinem Gewissen nicht vereinbaren könne aktiv im deutschen Theaterleben mitzuwirken. In einer dramatischen Unterredung, in der er mich zwang ein Sanatorium aufzusuchen, um erst wieder Herr meiner Nerven zu werden wie er meinte, gelang es mir, ihm die Zustimmung zu meinem Entschluss zum Militär zu gehen abzunötigen. Dieser Schritt zum Militär, mir der verhassteste und schwerste, den ich tun konnte, war der einzige Ausweg aus dem Dilemma, in dem ich mich befand. Ich musste, um die absolute Freiwilligkeit meines Handelns später belegen zu können, im Amt bleiben oder jederzeit dahin zurückkehren können. Ich konnte aber auch aus reinen Vernunftgründen nicht ganz zurücktreten; sonst hätten mich Himmler und Goebbels sofort verhaften lassen.

KW: Wie reagierten Sie auf die Schließungen der Theater 1944?

GG: Der Reichsmarschall betonte, dass die Theater keineswegs aufgelöst, nur lediglich vorübergehend geschlossen seien, und stellte alle unsere durch die Ereignisse fraglich gewordenen Hoheitsrechte wieder her. Meinen eingereichten Austritt aus der Reichskammer nahm der Reichsmarschall nicht entgegen – mit dem Bemerken, dass ich ja dann meinen Kollegen in keiner Form mehr Hilfe leisten könne. Er erteilte mir nicht die Erlaubnis sofort zur Truppe zurückzukehren, sondern befahl mir erst die Angelegenheiten des Theaters, seiner Arbeiter und Schauspieler zu regeln, dann würde er mich auf einen Batterie-Führer-Kurses schicken und mir eine Batterie in der Nähe Berlins übergeben. Meiner Bemerkung, dass ich lieber Wachtmeister bleiben würde, brachte er keine Beachtung entgegen.

Quellen:

Hg. Gründgens-Görski Peter/ Badenhausen, Rolf. (1967), Gustaf Gründgens. Hamburg: Hoffmann und Campe Verlag.

Michalzik, Peter (1999): Gustaf Gründgens. Der Schauspieler und die Macht. Lizenzausg. Berlin: Quadriga.

Wulf, Joseph (1983). Theater und Film im Dritten Reich. Frankfurt Main: Ullstein Verlag.

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