Größe liegt im Kleinen, Stärke im Stillen. Die Reise des Enoch – Nota Bene.

Es sind lediglich ein paar Kerzen, die den sonst dunklen Theaterraum der Universität Bayreuth mit Licht füllen. Sie stehen auf dem schwarzen Flügel direkt am Eingang. Fast unsichtbar dahinter: Die Schauspieler Lena Rhyßen, Johannes Fronius und Fabian Schmidtlein. Nota Bene, die studentische Musik- und Theaterwerkstatt zeigt Die Reise des Enoch, ein Schauspiel mit Musik nach Alfred Tennyson.

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Der Theaterraum bleibt weitestgehend im Dunkeln. Mit sparsamer Beleuchtung beginnt das Spiel. Mal chorisch, mal als einzelne Stimme sprechen die drei Schauspieler den Text der Ballade, dabei immer im Wechsel zwischen ihren Rollen und dem Erzähler. Es ist Sprechtheater im klassischsten Sinne. Das Spiel ordnet sich der Sprache unter. Wie ein Standbild wirkt dieses Stück: Kaum Bewegung der Schauspieler; häufiger ein Sprechen frontal in das Publikum, das sich halbkreisförmig um sie anordnet. Durch ihre Positionen im Raum zeigen die Schauspieler, wie ihre Figuren zueinander stehen, wer in der gemeinsamen Geschichte präsent ist, und wer droht, vergessen zu werden.

Ähnlich wie das zurückhaltende Spiel ist es mit der Sprache. Die langen Monologe werden teils sehr sparsam betont. Die Monotonie des Sprechens schleppt die Handlung vor sich her und zeigt dadurch auf eine besondere Art, wie die Figuren die Zeit wahrnehmen. Geht es doch in Die Reise des Enoch vor allem um das Warten.

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Enoch, Annie und Philipp kennen sich schon seit ihrer Kindheit. Sie treffen sich und spielen manchmal zusammen heiraten. Im Erwachsenenalter heiraten dann Enoch und Annie wirklich, Philipp, der Annie ebenfalls liebt, es ihr aber nicht zeigen kann, bleibt alleine zurück. Nach mehreren Ehejahren und der Gründung einer eigenen Familie muss Enoch seine Annie verlassen. Er ist Seemann und muss in ein weit entferntes Land reisen. Von dieser Reise soll er so schnell nicht wiederkehren. Annie wartet auf seine Rückkehr, und Philipp, der sie noch immer heimlich liebt, bringt sich ins Spiel. Wieder nach langen Jahren des Wartens akzeptiert Annie, dass ihr geliebter Enoch wohl nicht mehr wieder kommen wird, und heiratet schließlich Philipp. Doch Enoch ist nicht bei seiner langen Reise verstorben, wie anfänglich angenommen wurde. Nach Jahren kehrt er zurück und muss feststellen, dass sich durch seine lange Abwesenheit alles geändert hat.

Die Inszenierung von Nathalie Thomann zeigt das lange Warten der Figuren durch stark zurückgenommene und langgezogene Bewegungen. Wann immer sich Annie und Philipp gegenüberstehen, sich ihre Hände berühren, vergeht sehr viel Zeit. Doch diese Zeit führt nicht zu Langeweile. Man ist gebannt vom Spiel der Schauspieler. Es sind diese kleinen, sehr ruhigen Momente, die der Inszenierung ihre ganze Stärke verleihen. Lediglich Johannes Fronius, der den Enoch spielt, durchbricht die Monotonie des Sprechens und verleiht seiner Figur an einigen Stellen Pathos. Dies mag vielleicht wohl überlegt sein, wirkt aber manchmal ein wenig überflüssig. Die Kraft liegt im Kleinen: Kleine Bewegungen, kleiner Raum und kleines Sprechen. Dazu noch die empfindsame Musik der Pianistin Lovinia Schuchert, die dem ganzen Stück eine zusätzliche Note verleiht. Schuchert unterstreicht mit der Musik die Gefühle der Figuren; charakterisiert sie dadurch noch zusätzlich. Nur an der Abstimmung der Lautstärke hätte man noch arbeiten müssen. So gehen leider einige der gesprochenen Texte in der Klavierbegleitung unter.

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Die Reise des Enoch ist ein Stück, das in seiner Gesamtkomposition gut funktioniert. Eine Inszenierung, die von den anderen Stücken, die sonst im Theaterraum gezeigt werden, klar abweicht. Es wirkt klein, sehr einfach, und ist dadurch wahnsinnig stark. So wie Annie ihren Enoch nicht so schnell vergessen kann, so wird Die Reise des Enoch uns auch lange im Gedächtnis bleiben. Es muss nicht immer ein aufwendiges Stück mit allerhand Technik, komplexen Dialogen und Massenszenen sein. Dieses kleine Dreipersonenstück zeigt, was im Theater alles möglich ist und dass Minimalismus keine Schwäche sein muss.

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