Gemeinsam untergehen: Noch nie war es so schön wie heute.

Steig jetzt aus, bevor es zu spät ist! Facebook wartet mit den umfangreichsten Neuerungen in der Geschichte des Unternehmens auf. Damit wird es der Internetplattform gelingen, die Nutzer noch stärker an sich zu binden und die Abmeldung zu erschweren.

Nach der Entwicklerkonferenz „F8“ steht fest: Facebook will noch tiefer in das Leben seiner Nutzer einblicken. Bald ist es möglich, innerhalb seines Profils wichtige Ereignisse seines ganzen bisherigen Lebens zu speichern. Sie werden nach Wichtigkeit sortiert, Unwichtiges wird nach einem bestimmten Zeitraum ausgeblendet. So bildet die Profilseite einen detailierten Lebenslauf. In den USA werden die kostenlosen Videostreamingportale Hulu und Netflix bereits in das soziale Netzwerk eingebunden. So können Freunde automatisch sehen, welchen Film oder welche Serie man sich gerade ansieht. Sobald Facebook den Service noch umfassender gestaltet, auf andere Medien, oder Konsumformen überträgt, werden viele Konzerne noch mehr vom sozialen Netzwerk abhängig. Durch die unglaublich hohe Nutzerzahl (800 Milionen) hat Facebook einen ansehnlichen Machtstatus erreicht. Irgendwie unheimlich, oder?

Eine weitere wichtige Neuerung ist die „Timeline“, laut Spiegel eine Art „Lifestream“, eine Anwendung, die von vielen Netzexperten als Vorbote der digitalen Endzeit betrachtet wird. Ab jetzt herrscht Krieg.

Google vs. Facebook. Wer wird gewinnen? Das haben sich wohl auch die Facebookentwickler gefragt, denn mit den Neuerungen ist das Schlachtfeld um die Kunden eröffnet. Die Horrorvision der Seitenbetreiber: Geht einer, gehen alle. Dem will man vorbeugen, indem man die Nutzer noch stärker an die jeweilige Plattform bindet.

So wird eines noch deutlicher als je zuvor: Man ist der kleinste Teil des Kapitals eines global agierenden Konzerns, der hemmungslos Geld aus den Userdaten seiner treuen Kunden scheffelt. Wieso funktioniert das? Zugegeben ist es zum einen eine gut funktionierende Symbiose. Man kann Freunde kontaktieren (geht übrigens per Chatprogramm oder Email genauso gut) und mitteilen, dass man jetzt dann schlafen/zum See/einkaufen/Beachvolleyball spielen/kacken geht, oder was man denn alles gut und was schlecht findet. Das Paradoxon dabei ist, finde ich: Wirklich wichtige Dinge postet man nicht auf seiner Pinnwand, die teilt man lieber seinen Freunden in einem selbst erwähltem Kreis mit, in Facebook hat man ja keine Kontrolle darüber, wer sie erfährt. Unwichtige Dinge muss man dagegen nicht posten. Sie sind ja unwichtig, also nicht erwähnenswert. Ihr stimmt mir doch zu, oder?

Was kommt als nächstes? Emotionssensoren, die automatisch über das Smartphone abchecken, wie man sich fühlt, um es dann auf die Pinnwand zu schreiben?

Wie komisch ist es denn, wenn man auf einer Internetseite Personen „als Freund/in hinzufügen“ kann? Hat man es da mit einem Aktenordner zu tun, oder mit einem Menschen? Die geschlechtsneutrale Formulierung deutet eher auf ersteres hin. Was bedeuten diese Menschen, mit denen man auf offener Straße nie ein Wort wechseln würde eigentlich? Ist das nicht eine totale Umdeutung des Begriffs Freund/in?

Ohne es wirklich zu wollen, hat Der, dessen Name nie genannt werden darf eines entdeckt: Die sozialen Netzwerke sind die Lifestyledroge des 21. Jahrhunderts. Heroin-, Kokain- und Cannabiskonsum sind, zumindest deutschlandweit, rückläufig. Die Milleniumgeneration hat eine viel praktischere, legalere, nützlichere Droge gefunden. Suchtpotential kann man dem sozialen Netzwerk keineswegs absprechen. Beim letztjährigen International Quit Facebook Day (allein dass es sowas gibt bestätigt die These schon) waren noch Tage später Berichte von Ex-Junkies auf Blogs zu lesen, immer in der Art „Die ersten drei Tage waren die härtesten, aber mit etwas Ablenkung auf Youtube hat es schon geklappt. Jetzt fühl ich mich auch sehr erleichtert.“ Solche Berichte gab es in den Jahrzehnten davor auch, in Biografien von Rockbandmitgliedern, oder Christiane F. Virtuelle Abhängigkeit erzeugt dieses soziale Netzwerk. Und sagt später nicht ich hätte euch nicht gewarnt.

Längst spricht man auch nicht mehr von der simplen Abmeldung aus Facebook. Es ist der Ausstieg. Als wäre man ein Mafioso, dem die Familie noch Jahrzehnte später, nachdem man schon seine eigene Familie gegründet hat und ein bescheidenes Haus mit Vorgarten besitzt, heimsucht und kaltblütig niedermetzelt.

Aller Ausstieg ist schwer. Aber tut es jetzt, bevor der Zug zu viel Fahrt aufgenommen hat, und ihr nicht mehr abspringen könnt. Tut es entschlossen und gemeinsam. Bald hat euch Facebook in den Klauen. Es raubt euch das wirkliche Leben. Ihr werdet euch als Abbild eurer selbst in einer virtuellen Welt wiederfinden, eure Kindheitserinnerungen, das Abitur, der erste Sex… alles wird ausgelagert sein, auf die riesigen Festplatten im Facebookuniversum. Ihr seid nur noch eine Idee von euch selbst. Im Supermarkt werdet ihr veruchen Stroh für euer Farmvilleschaf zu kaufen. An die Rathauswand schreibt ihr in riesengroßen Lettern, so dass all eure Freunde es sehen können: Mir geht es gut. Euch gefällt das neue Kleid eurer Freundin, aber ihr findet den Knopf nicht, um es auszudrücken. Die Steven-Hawking-Sprachcomputer werden ausverkauft sein. Es wird keine Rettung mehr für euch geben.

Wir sind entschlossen und wir sind viele. Kehrt zurück zu konventionellen Kommunikationsmitteln wie Email und Telefon. Stellt eure Fotos auf irgendeine andere Plattform. Schaut euch die neuen Funktionen von Facebook an und beschließt: Ohne mich.

Weitere Infos: http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,787927,00.html

2 Gedanken zu “Gemeinsam untergehen: Noch nie war es so schön wie heute.

  1. Ich habs doch gesagt: Leo ist der perfekte Untergangs-Prophet!!!

    Coole Sache, wie der Artikel immer mehr abdriftet und sich wandelt.
    Du bringst die Sachen auf dem Punkt.

    Aber ändern wirds nix. Facebook oder google … lieber 2 Internetmächte als nur eine.

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